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Wie die Geschichte der letzten 200 Jahre zeigt,
sind Gewerkschaften die elementare Antwort, die
Lohnabhängige gefunden haben um zu verhindern,
dass sie auf dem kapitalistischen Arbeitsmarkt
den Unternehmern ihre Arbeitskraft individuell
unter äusserst ungünstigen Bedingungen
anbieten müssen. Wenn es gelingt, sich kollektiv
zu organisieren, können sie Widerstand leisten
und bessere Arbeitsbedingungen erkämpfen.
Gewerkschaften sind zudem nötig, um zu vermeiden,
dass einmal erkämpfte Verbesserungen mit
der Zeit wieder in Frage gestellt werden. Die
Erfahrung zeigt aber auch, dass Unternehmer mit
Gewerkschaften auskommen können, ja sogar,
dass ihr Bestehen für sie unter bestimmten
Umständen Vorteile haben kann. Sie zeigt
auch, dass Gewerkschaftsapparate sich sehr rasch
in Vermittler und Verbündete der Unternehmerinteressen
verwandeln, wenn der Forderungsdruck der Lohnabhängigen
nachlässt.

In
der Schweiz, dem Paradies des Arbeitsfriedens1,
ist die Ambivalenz der Gewerkschaften besonders
offensichtlich. Es ist daher nicht erstaunlich,
dass sich die radikale Linke seit ihrem Entstehen
am Ende der 1960er Jahre mit dieser Frage auseinandergesetzt
hat. Wir von der BFS sind der Meinung, dass es
sich auch heute noch für alle, die gegen
den Kapitalismus und für eine sozialistische
Alternative kämpfen, um ein zentrales Thema
handelt.
Die
Gewerkschaftsfrage vor 30 Jahren
Drei
Elemente kennzeichneten die damalige Lage in der
Schweiz:
-
Produktion und Produktivität nahmen rasch
zu. Die Nachfrage nach Arbeitskräften war
ausser in den Randgebieten gross. Die Unternehmer
waren an der Kaufkraftsteigerung der Lohnabhängigen
interessiert.
- Die
Arbeiterbewegung war eine anerkannte Realität.
Die Gewerkschaften waren relativ gut in den
Betrieben verankert.
- Sie
genossen in den ersten Jahrzehnten nach dem
Weltkrieg weitgehend das Vertrauen der Arbeiter.
Sie wurden von diesen als Hilfsmittel betrachtet,
um wenigstens einen Teil des zunehmenden Reichtums
für sich beanspruchen zu können.
Die
zunehmende Anzahl ausländischer Lohnabhängiger
hat diese Verhältnisse tief greifend verändert.
Die Immigration kam vor allem aus Italien und
Spanien. Die meisten waren in den kommunistischen
Parteien ihrer Herkunftsländer oder in verwandten
Vereinen organisiert. Einer Gewerkschaft beizutreten
war für sie normal, die Arbeitsfriedenspolitik
der hiesigen Gewerkschaften war ihnen dagegen
fremd.
Für
viele schweizerische Lohnabhängige waren
diese ausländischen Arbeitskräfte eine
Manöveriermasse der Unternehmer. Sie unterstützten
die von der fremdenfeindlichen Rechten lancierten
Initiativen gegen die „Überfremdung“
der Schweiz. Sie konnten nicht verstehen, dass
die Gewerkschaften diese Initiativen bekämpften.
Dass sie dies gemeinsam mit den Unternehmerverbänden
taten, hat die Verwirrung natürlich noch
erhöht.
Gleichzeitig
gab es in den1970er Jahre auch in der Schweiz
recht viele Arbeiterkämpfe. Sie mussten meist
gegen den Unternehmer und gegen Manöver der
Gewerkschaftsbürokratie ausgefochten werden.
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| Generalstreik
Grenchen, 1918: Ein Bild aus vorsozialpartnerschaftlichen
Zeiten |
Die
Strategien der radikalen Linken
In
der radikalen Linken gab es eine kontroverse Diskussion
zwischen dem maoistischen Lager, das neue, dem
Arbeitsfrieden nicht unterworfene Gewerkschaftsstrukturen
aufbauen wollte, und der Revolutionär-Marxistischen
Liga (RML)2, die dies
für unmöglich ansah und eine Radikalisierung
der Politik der bestehenden Gewerkschaften herbeiführen
wollte. In den Gewerkschaften, die dafür
den notwendigen Freiraum hergaben (z.B.: VPOD,
Comedia), versuchten sie eine linke Gewerkschaftstendenz
aufzubauen. Wo dies nicht möglich war (z.B.:
SMUV und GBH3) versuchten
sie Basisgruppen aufzubauen, die ihre Tätigkeit
innerhalb und ausserhalb der Gewerkschaften entwickelten.
Diese Strategien haben widersprüchliche Spuren
hinterlassen. Die von den Maoisten ins Leben gerufenen
neuen Gewerkschaften gingen fast ausnahmslos nach
kurzer Zeit ein. Das „Manifest 77“,
eine Revolte linker Sekretäre des SMUV und
ihrer Anhänger in den Betrieben, machte sich
die Idee der Gewerkschaftstendenz zu eigen. Die
Leitung der Gewerkschaft hat sie durch Ausschlussmassnahmen
erledigt. In den anderen Gewerkschaften, in denen
linke Kräfte aktiv waren (VPOD, Comedia,
GBH), bestanden bis am Anfang der 1990er Jahre
strukturierte Netze für eine kämpferische
Gewerkschaftspolitik. Danach wurden diese Aktivist/
innen mehrheitlich Opfer ihres eigenen Erfolgs.
Die Bürokratie gab vielen Vorstössen
der Linken nach. Kämpferische Mitglieder
wurden in die Apparate integriert. Viele haben
sich dem Mainstream der Gewerkschaftspolitik angepasst.
Mehrere wurden zu Leitungsfiguren dieser Politik.
Die
heutige Lage
Seit
den 1990er Jahre ist die wirtschaftliche und gesellschaftliche
Realität international und in der Schweiz
durch den Siegeszug und die Vertiefung der neoliberalen
Gegenreformen gekennzeichnet.
Die
kapitalistische Produktion wird heute im Weltmassstab
organisiert. Der Arbeitsmarkt ist globalisiert.
Die Kaufkraft der Lohnabhängigen in der Schweiz
ist für die Kapitalinhaber kein Anliegen
mehr. Die Arbeitsverhältnisse werden prekär.
Soziale Errungenschaften der Vergangenheit werden
systematisch abgebaut. Die Kluft zwischen einer
Mehrheit von Verlierern und einer Minderheit von
Gewinnern vertieft sich. Die Flugblätter,
die wir von der BFS immer noch vor gewissen Betrieben
verteilen, werden anders aufgenommen als vor einigen
Jahren. Viel mehr Lohnabhängige sind sich
de facto bewusst, in einer Klassengesellschaft
zu leben. Doch sie sehen keinen Weg aus der Machtlosigkeit.
Die
bestehenden Gewerkschaften sind überfordert.
Sie sind unfähig, den Kampf auf internationaler
Ebene voranzutreiben. Sie sind in den Betrieben
kaum noch präsent. Die Gesamtarbeitsverträge
und arbeitsrechtlichen Bestimmungen, auf die sie
sich bei der Verteidigung von Lohnabhängigen
berufen, werden immer inkonsistenter. Dennoch
schwört die Gewerkschaftsbürokratie
weiterhin auf die Sozialpartnerschaft. Gegen den
Verlust ihrer Glaubwürdigkeit reagiert sie
auf zwei Weisen. Es werden Fusionen durchgeführt,
die ihrem Selbsterhalt dienen und mit krassen
Einschränkungen der Mitgliederrechte einhergehen.
Und für die Mitgliederwerbung werden die
Marketingmethoden der Privatwirtschaft übernommen
. Von einer „Arbeiterbewegung“ im
Sinne der Nachkriegszeit kann nicht mehr die Rede
mehr sein.
Parallel
dazu brechen Arbeiterkämpfe und Streiks aus.
Manchmal, wie im Fall der Boillat in Reconvilier
oder der Officine in Bellinzona, entwickeln die
kämpfenden Belegschaften grossartige Fähigkeiten
der Selbstorganisation. Die Rolle der Gewerkschaften
ist von Fall zu Fall anders. In Reconvilier war
sie negativ, in Bellinzona positiv.
Neuorientierung
Heute
hat es keinen Sinn mehr, die Gewerkschaftsarbeit
auf das Ziel eines Linksrutsches der Gewerkschaftspolitik
auszurichten. Weit wichtiger ist es, laufende
Arbeitskämpfe zu unterstützen, von den
Aktionsformen der kämpfenden Lohnabhängigen
zu lernen und ein Netz von lohnabhängigen
Aktivist/innen aufzubauen, die über Kampferfahrung
verfügen und sich für eine Gewerkschaftstätigkeit
einsetzen, die auf Kampf ausgerichtet ist und
von den Lohnabhängigen getragen wird. Die
Erfahrung zeigt, dass es für den Erfolg von
Arbeitskämpfen nützlich sein kann, wenn
ein solches Netz durch Verbündete in den
Gewerkschaftsapparaten unterstützt wird,
die über reale Spielräume verfügen.
In anderen Fällen müssen Wege gefunden
werden um zu verhindern, dass die Gewerkschaften
mit den Unternehmern Kompromisse aushandeln, die
den Arbeitskämpfen das Genick brechen.
1
Der Arbeitsfrieden wurde 1937 in der Maschinenindustrie
nach einem verhinderten Streik bei Sulzer mit
dem so
genannten „Friedensabkommen“ besiegelt.
Dieses Ereignis ist in der offiziellen Geschichtsschreibung
der Schweiz zu einem Mythos geworden, beinahe
wie
der Rütlischwur.
Vgl. Bernard Degen : Der Arbeitsfrieden zwischen
Mythos
und Realität. Widerspruch Sonderband, 1987,
S. 11-30
2 Die RML nannte sich später Sozialistische
Arbeiterpartei (SAP). Ein Teil der früheren
RML/SAP-Mitglieder beteiligt sich heute an der
BFS.
3 Der Schweizerische Metall- und Uhrenarbeiterverband
(SMUV) und die Gewerkschaft Bau und Holz (GBH)
wurden durch Gewerkschaftsfusionen in die heutige
Unia integriert. |