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Lange
Zeit unterhielten die meisten Linken ein eigenartiges
Verhältnis zum Proletariat: Es war für
sie eine Black Box, über deren tatsächlichen
Inhalt nicht viel bekannt war, und ein Fetisch,
ein Ding mit übersinnlichen Fähigkeiten.
Sie 'glaubten’ einfach an die revolutionären
Fähigkeiten dieser Klasse. Es erschien nicht
notwendig oder war für diesen Glauben gefährlich,
das real existierende Proletariat zu untersuchen.
Wo
ist das Proletariat?
Heute
breitet sich in den kapitalistischen Metropolen
das Bild von einem Kapitalismus ohne Proletariat
aus: überall Unternehmen, Märkte und
Börsen; scheinbar keine ProletarierInnen,
höchstens Angestellte, Knowledge Workers,
KonsumentInnen oder Ich-AG’s. Dieses Bild
ist absurd, aber es erscheint vielen Menschen
plausibel - insbesondere JournalistInnen und SozialwissenschaftlerInnen,
deren Arbeit daraus besteht, solche Weltbilder
herzustellen und zu verbreiten. Noch nie haben
in den führenden kapitalistischen Ländern
so viele Menschen vom Verkauf ihres Arbeitsvermögens
gelebt (80 bis 90% der Bevölkerung), und
doch ist das Proletariat in der Gesellschaft wieder
so ‚unsichtbar’ wie vor der 'Industriellen
Revolution’ und den Debatten über den
'Pauperismus’ im 19. Jahrhundert.
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| Die
Börsen nehmen das Proletariat vor allem
dann war, wenn es in Massen entlassen wird.
Dann steigen die Kurse. Im Bild die Hongkonger
Börse. |
Das
Bild des Industriearbeiters
Der
Verlust dieser gesellschaftlichen Sichtbarkeit
des Proletariats ist das Ergebnis einer Verschiebung
der Kräfteverhältnisse zu Gunsten des
Kapitals. Wir müssen allerdings auch das
frühere Bild der 'Arbeiterklasse’ kritisieren
und verstehen, warum es so einfach verschwinden
konnte. Die Organisationen der 'Arbeiterbewegung’
haben Jahrzehnte lang ein einseitiges Idealbild
des Proletariats gezeichnet, das sich an der Figur
des 'Industriearbeiters’ festmachen lässt:
männlich (technisch interessiert und ohne
Angst), Praxis orientiert (der Theorie abgeneigt)
und kämpferisch (gewerkschaftlich organisiert
und mit politischem Bewusstsein ausgestattet)
schien der richtige Proletarier sein. Er produzierte
den Reichtum der Gesellschaft mit starken Armen
und Händen. Zumindest implizit transportierte
dieses Bild eine Verachtung gegenüber Gruppen,
die nicht wirklich zum Proletariat gerechnet wurden:
Frauen, Erwerbslose, Beamte oder Intellektuelle.
Sie wurden für den Klassenkampf als irrelevant,
wenn nicht als hinderlich betrachtet. Die politischen
Kulturen der 'Arbeiterbewegung’ haben nicht
selten Vorurteile und Abwertungsverfahren aus
der bürgerlichen Kultur entlehnt und weiter
gefestigt (Sexismus, Antiintellektualismus, Sozialrassismus,
Ausländerfeindlichkeit, u.a.). Solche 'Industriearbeiter’
waren stets nur eine Minderheit der Lohnabhängigen.
Heute
gibt es sehr viel informelles (ohne formalisiertes,
dauerhaftes und gesichertes Arbeitsverhältnis),
'weibliches’ und 'gebildetes’ Proletariat.
Für zukünftige Phasen des Klassenkampfs
wird es entscheidend sein, die tatsächliche
Vielfalt des Proletariats in einen kreativen Reichtum
von Ideen und Aktionsformen umzuwandeln, ohne
den gemeinsamen Nenner der Klassenlage und der
Klassenperspektive aus dem Blick zu verlieren.
Doppelte
Freiheit und Ketten
Marx
hatte in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Proletariat
vor Augen, das den Stempel der doppelten 'Befreiung’
von den Zwängen der Feudalgesellschaft und
von der Kontrolle über die Lebens- und Arbeitsmittel
unmittelbar auf sich trug. Die Lebensbedingungen
dieser Menschen waren durch Schutzlosigkeit und
permanente Ungewissheit geprägt. Sie waren
zur entscheidenden Kraft der kapitalistischen
Produktion geworden, standen aber ausserhalb der
bürgerlichen Gesellschaft, die sie nicht
als BürgerInnen betrachtete. Es handelte
sich um Menschen, die in eine neue Welt geschleudert
worden waren, die für sie nichts Natürliches
hatte, sondern instabil, künstlich und unmenschlich
wirkte. Sie erinnerten sich noch an die alte Bauern-
und Handwerkerwelt und konnten sich in ihren Kämpfen
daran orientieren. Bürgerliche Werte und
Orientierungen waren ihnen fremd.
Vor
diesem Hintergrund beschrieb Marx das Proletariat
als soziale Klasse, deren Lebensweise als die
Negation der bürgerlichen Gesellschaft betrachtet
werden kann, und deren Angehörige nichts
zu verlieren haben als die Ketten, die sie an
den Kapitalismus binden. Im Manifest der Kommunistischen
Partei tritt dieses Proletariat zuerst als geknechtetes
Objekt auf, um sich auf wenigen Seiten in den
'Totengräber der Bourgeoisie’ zu verwandeln.
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| Die
streikenden Klinikärzte in Berlin passen
wohl weniger ins traditionelle Bild des Klassenkampfs. |
Integrationsmechanismen
Der
klassische Marxismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts
begann sich mit den Mechanismen einer gewissen
'Integration des Proletariats in die bürgerliche
Gesellschaft’ zu beschäftigen, die
ihre volle Wirkung erst nach dem Zweiten Weltkrieg
entfalteten. Diese Mechanismen wurden als Störfaktoren
oder Abweichungen betrachtet, die dem Klassenkampf
im Wege stehen (so die 'Arbeiteraristokratie’
oder die 'Bestechung durch den imperialistischen
Staat’). Heute müssen wir sie als integralen
Bestandteil der Klassenlage des Proletariats und
als Ausgangspunkt zukünftiger Kämpfe
betrachten.
Durch
'Sozialstaat’ und 'Sozialpartnerschaft’
entstand ein Geflecht von Verpflichtungen, Rechten,
Orientierungen und Werten, das an die Stelle vorkapitalistischer
Gemeinschaften tritt. Es handelt sich um eine
neue Mischung aus Individualismus und unpersönlicher
Solidarität unter Lohnabhängigen. Die
Verbreitung von 'Massenwohlstand’ und kleinem
Privateigentum (Fernseher, Auto, Eigenheim) lässt
sich als eine Entschädigung für den
Verlust der Kontrolle über die Lebens- und
Arbeitsmittel begreifen. Beide Prozesse begrenzten
die strukturelle Unsicherheit der Lebensbedingungen
und ermöglichten einem beträchtlichen
Teil der Lohnabhängigen die Teilhabe an neuen
Konsum- und Eigentumsformen. Unter besser gestellten
Lohnabhängigen ist das Gefühl verschwunden,
'unten’ in der Gesellschaft oder ausgeschlossen
zu sein. Der Sinn des Lebens besteht nicht mehr
wie von selbst aus der Alternative zwischen dem
Kampf ums nackte Überleben und dem Kampf
gegen den Kapitalismus.
Eine
neue Klassenlage
Die
gegenwärtigen Angriffe des Kapitals auf diese
'sozialen Errungenschaften’ führen
nicht zu einer Situation wie im 19. Jahrhundert
zurück, sondern bringen eine neue Konstellation
des Klassenkampfs hervor. Das Proletariat in den
kapitalistischen Metropolen hat heute in jedem
Kampf mehr zu verlieren als seine Ketten. Ein
grosser Teil der Lohnabhängigen sieht sich
nach Phasen einer gesellschaftlichen Integration
oder 'sozialem Aufstieg’ durch Prekarität
und Deklassierung bedroht. Die Bezüge auf
eine vorkapitalistische Welt sind verschwunden.
Stattdessen setzen die Kämpfe an der Verteidigung
der im Kapitalismus gewonnenen Rechte an. Wenn
Beschäftigte bei Opel oder Swissmetal streiken,
geht es auch ums Auto, ums Haus, um die Ausbildung
der Kinder. Gerade das veränderte Verhältnis
zur Bildung ist für die neue Klassenlage
charakteristisch: als bürgerliches Klassenprivileg
einst mit Verachtung versehen, später zum
Aufstiegsmittel par excellence geworden, erscheint
Bildung heute oft als Schutzschild gegen Erwerbslosigkeit
und soziale Deklassierung. Viele junge Lohnabhängige
und deren Eltern kämpfen nicht um Bildung,
weil sie Schulfreaks sind, sondern aufgrund ihres
Gespürs für die Gefahren der eigenen
Klassenlage.
Das
real existierende Proletariat hat auch in der
Zeit von Marx kaum jemals direkt für die
Überwindung des Kapitalismus gekämpft.
Heute wie damals besteht der Klassenkampf aus
vielen konkreten Kämpfen um konkrete Probleme,
deren Logik und Dynamik dennoch über die
bestehenden Verhältnisse hinausweisen können.
Der Autor hat einen längeren Diskussionsbeitrag
zu diesem Thema verfasst, den Interessierte bei
der Redaktion bestellen können.
Lesetipps zum Proletariat
Die folgenden Bücher sind auch dann
lesenswert, wenn man/frau nicht in jeder
Hinsicht mit dem Geschriebenen übereinstimmt.
Stéphane Beaud & Michel Pialoux,
Die verlorene
Zukunft der Arbeiter, 2004
Pierre Bourdieu, Das Elend der Welt. Zeugnisse
und Diagnosen alltäglichen Leidens
an der Gesellschaft, 1997
Robert Castel, Die Metamorphosen der sozialen
Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit, 2000
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