Formen der Prekarisierung
David S.
aus Debatte Nummer 7 - Dezember 2008
Im Rahmen des letzten nationalen BFS-Treffens vom 11. Oktober haben wir uns mit verschiedenen Formen der Prekarisierung auseinandergesetzt. Kurt Wyss, Soziologe aus Zürich, referierte zu diesem Thema. Der folgende Bericht fasst einige Punkte seines Vortrages und der Diskussion zusammen.

Sowohl der Arbeitsmarkt als auch die Sozialwerke in der Schweiz unterliegen einem ständigen Wandel. Die öffentlich geführten Debatten sowie die Berichterstattung der Massenmedien suggerieren dabei einen echten politischen Diskurs darüber, wie die Zukunft der ebengenannten Bereiche aussehen soll. Tatsächlich wird die derzeitige Politik der Prekarisierung aber von allen grossen Parteien und den Wirtschaftsverbänden der Schweiz unterstützt (hegemonialer Block). Im Rahmen dieses politischen Prozesses lassen sich drei Tendenzen oder Formen von Prekarisierung ausmachen:

Druck zum Autoritären

Die Organisation innerhalb der Unternehmen wird zunehmend autoritärer. Die flachen Hierarchien (dezentrale Unternehmensstrukturen) sorgen dabei nicht für weniger Ungleichheit oder gar mehr Demokratie, sondern ermöglichen eine direktere und umfassendere Einflussnahme der Vorgesetzten auf ihre Angestellten. Durch die Abschaffung mittlerer Hierarchiestufen (Personalchefs, mittlere Kader, Vorarbeiter usw.) wachsen die Verantwortung und der Druck auf alle Beschäftigten am Arbeitsplatz, ohne dass eine tatsächliche Mitbestimmung realisiert würde. Die weitgehende elektronische Vernetzung durch Computer, Netzwerke usw. erweist sich bei der Kontrolle der Untergebenen als nützliches Instrument.

Autoritäre Mechanismen werden auch in den Sozialwerken immer ausgeprägter. Empfänger von Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe müssen sich dem Willen der Behörden beugen, Sozialhilfe wird nicht als Menschen- oder Bürgerrecht, sondern als eine an bestimmte Bedingungen geknüpfte Leistung verstanden. Im Namen der Reintegration in den Arbeitsmarkt werden Erwerbslose dazu gezwungen, ihnen zugewiesene Arbeiten ohne echte Entlöhnung auszuführen, ansonsten drohen Kürzungen der Sozialhilfe (Workfare statt Welfare).

Druck zu mehr Ausbeutung

Diese autoritären Tendenzen haben vor allem zum Ziel, die Lohnabhängigen besser und effizienter ausbeuten zu können. Die immer grössere Menge an verlangter Arbeit in Form von Überstunden, die höhere Arbeitsintensität oder aber die Auslagerung bestimmter Arbeitstätigkeiten ins Privatleben (vor allem bei akademischen oder sozialen Berufen) kommt letztlich einer Senkung der Löhne gleich.

Die Grundlage der stärker werdenden Ausbeutung liegt in der Idee des unternehmerischen Selbst, das ständig darauf bedacht ist, seinem Unternehmen und damit angeblich auch sich selbst zu mehr Gewinn zu verhelfen. Der Zwang zu mehr Eigeninitiative, Flexibilität und Verantwortung führt zu einer immer höheren Belastung am Arbeitsplatz.

Druck zur Halbbildung

Das neokonservative Prinzip der Autorität sowie das neoliberale Prinzip des unternehmerischen Selbst setzen auch eine spezifische Form der Bildung voraus: Die Halbbildung (Adorno). Diese besteht in der Aneignung einer sogenannten instrumentellen Vernunft, die einen dazu befähigen soll, sich im vorgegebenen (kapitalistischen) Rahmen möglichst erfolgreich durchschlagen zu können. Eine objektive, nicht-instrumentelle Vernunft, die auch dazu befähigen würde, die heutige Gesellschaftsordnung grundlegend in Frage zu stellen, geht zunehmend verloren. Die Bologna-Reform ist ein Beispiel dafür.

Angriff auf die Lohnabhängigen

Die Prekarisierung des Arbeitsmarktes beschert den Unternehmen zusätzliche Profite. Gleichzeitig dient die immer restriktivere Gestaltung der Sozialwerke vor allem der Einschüchterung der Lohnabhängigen. Denn je unerträglicher das Leben der nicht Erwerbstätigen, desto mehr nehmen die noch Erwerbstätigen in Kauf, um ihren Status zu behalten. Es liegt an uns allen, mit dieser Logik zu brechen. Nur durch eine gemeinsame Mobilisierung und den aktiven Widerstand der Lohnabhängigen kann der Trend zu Autoritarismus und Sozialabbau gestoppt werden.