| Protest
und Widerstand muss und wird die Antwort der Lohnabhängigen
auf die heutige Krise des Kapitalismus sein. Schon
sind wir mitten im Problem: Wie soll ein solcher
Protest aussehen? Die Palette linker Widerstandsformen
ist mannigfaltig. Streiks, bewilligte und unbewilligte
Demonstrationen, Platzkundgebungen, Farbanschläge,
Blockaden, Besetzungen, Flyern, Info-Veranstaltungen,
Diskussionen, Wandzeitungen und noch vieles mehr
stehen uns als Möglichkeiten zur Verfügung.
Eines ist all diesen Aktionsformen gemein und
wird von allen Linken als Grundlage jeglichen
Widerstandes angesehen: Solidarität. Ohne
solidarisches und kollektives Handeln werden die
Lohnabhängigen in dieser Krise aufgerieben.
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| Ein
Besucher der Anti-WEF Demonstration 2009 in
Genf wird von der Polizei angegriffen. |
Solidarität
bedeutet Diskurs mit Menschen und Gruppen, die
nicht dieselben Ansichten teilen. Es bedeutet
zu diskutieren, um eine gemeinsame Grundlage der
Solidarität zu finden. Wo diese Grundlage
liegt, hängt von den am kollektiven Widerstand
Beteiligten ab.
Die
Demonstration in Genf
Hier
soll in keiner Weise eine Kritik an der Anti-WEF-Demonstration
vom 31. Januar in Genf geübt werden. Ich
bin selbst mitschuldig, dass wir in Anbetracht
der staatlichen Repression nicht fähig waren,
einen kollektiven Widerstand zu organisieren.
Ein solches Verhalten unsererseits ist bereits
so üblich geworden, dass wir anscheinend
aufgehört haben, es überhaupt noch zur
Diskussion zu stellen. Was ist geschehen? Die
Demonstrationsbewilligung wurde von den Behörden
kurz vor der Demonstration zurückgezogen.
Auf äusseren Druck hin bewilligte die Genfer
Regierung eine Platzkundgebung bei der Hauptpost
Rue de Montblanc. Während dieser Kundgebung
wurde den DemonstrantInnen mitgeteilt, dass die
Demoleitung in Verhandlung mit der Polizei über
einen Demonstrationszug sei. Nach längerem
Warten versuchten dann die radikaleren Teile eine
Demonstration zu erzwingen, die Polizei antwortete
mit einem massiven Tränengas- und Schlagstockeinsatz.
Die Menschen, die auf den Platz vor der Hauptpost
zurück geflüchtet waren, wurden von
der Polizei eingekesselt und über Stunden
festgehalten. In der Stadt kam es zu zahlreichen
Wasserwerfer- und Tränengaseinsätzen.
Ein detaillierter Bericht findet sich auf der
Homepage der BFS Basel.
Das
Einsatzziel der Polizei, die Anti-WEFBewegung
zu zerstören, soll hier nicht diskutiert
werden. Wie aber haben wir unsere kollektive Solidarität,
unsere einzige Waffe gegen Repression, zum Ausdruck
gebracht? Konnten wir zeigen, dass wir eine Demo
sind und uns nicht spalten lassen? Waren alle
DemonstrantInnen über das Vorgehen und dessen
Zweck informiert? Gab es überhaupt eine Mehrheit
für dieses Vorgehen? Organisierten sich im
anschliessenden Kessel die AktivistInnen, um kollektiv
und solidarisch vorgehen zu können?
Leider
ist das Urteil vernichtend: Heute kann niemand
sagen, ob die Mehrheit der Anwesenden den Versuch
zu demonstrieren wagen wollte oder nicht. Im Kessel
wurde nicht einmal eine Zählung durchgeführt,
um festzustellen, wie viele Menschen während
Stunden ihrer Bewegungsfreiheit beraubt wurden.
Nochmals, es geht hier nicht um Genf im Besonderen,
sondern
allgemein um ein Verhalten an linken Demonstrationen,
welches immer wieder auftaucht, wenn wir der Repression
ausgesetzt sind.
Unser Anspruch ist es, eine solidarische, demokratische
und kollektive Bewegung zu sein. Aber genau an
den Orten, an denen wir über unseren bescheidenen
Kreis heraus wachsen, organisieren wir uns undemokratisch
und zeigen keinerlei Ansätze von Kollektivität.
Das
ist ein hartes Urteil, möglicherweise ein
zu hartes. Aber ich bin der Ansicht, dass nur
ungeschminkte Selbstkritik zu einem Umdenken führt.
Im Anschluss an Repression ist Solidarität,
beispielsweise mit Spendenaufrufen, vorhanden.
Aber an dem Ort, an dem wir mit neuen Menschen
in Kontakt kommen möchten, fehlt es uns an
einer kollektiven Organisationsform.
Kein
Selbstzweck
Kollektivität
und Solidarität sind nicht ohne Grund die
Hauptpfeiler linker Politik. Sie sind nicht Selbstzweck,
sondern haben Einfluss auf die AktivistInnen.
Das gesellschaftliche Sein bestimmt auch an einer
Demonstration das Bewusstsein der AktivistInnen.
Die AktivistInnen werden ein ganz anders Bewusstsein
an und nach der Demo entwickeln, wenn sie nicht
nur TeilnehmerInnen sind, sondern den Ablauf aktiv
mitbestimmen können.
Indem
wir ihnen mehr Mitbestimmung bieten als in einem
Jahr bürgerlicher Demokratie, können
wir den DemonstrantInnen eine Vorstellung davon
geben, was Demokratie eigentlich bedeutet. Die
Sicherheit, dass eine ganze Demonstration hinter
ihnen steht, kann den AktivistInnen an vorderster
Front einen Rückhalt geben, der mehr ermöglicht.
Wenn wir die Selbstorganisation der ArbeiterInnen
fordern, dann müssen wir auch Orte schaffen,
an denen man sie erfahren kann.
Die
beteiligten Organisationen können ebenfalls
nur profitieren, da sich der Kontakt zwischen
DemonstrantInnen und Organisationen erhöhen
würde. Zugleich verstärkte sich auch
der Kontakt zwischen Organisationen, die vielleicht
in ihrem normalen politischen Umfeld nicht viel
miteinander zu tun haben.
Einer der wichtigsten Punkte ist aber das Zurückschlagen
der Repression. Es ist für die Polizei schwieriger,
mit einer geschlossenen anstatt mit vielen zusammenhangslosen
Gruppen fertig zu werden. Zu guter letzt kann
also eine weitere Spaltung der Linken erschwert
werden. In der heutigen Situation, in der wieder
vermehrt mit Klassenkämpfen zu rechnen ist,
wäre es fatal, unsere Kräfte leichtfertig
spalten zu lassen.

Eine
Debatte ist nötig
Wir
müssen lernen, uns kollektiv der staatlichen
Repression entgegenzustellen. Dazu wollen wir
eine Debatte in der gesamten Linken initiieren,
die sich mit der Frage kollektiver Organisation
an Demonstrationen beschäftigt. Diese Diskussion
sollte sich mit folgenden drei Punkten befassen:
- Die
eigentliche Bestimmungsgewalt über den
Verlauf einer Demonstration liegt einzig und
allein bei den anwesen- den DemonstrantInnen.
-
Um diesem Willen Ausdruck zu verlei- hen,
haben Demonstrationsleitung und AktivistInnen
geeignete Werkzeuge zu finden, damit die DemonstrantInnen
über Situation und Vorgehen aufgeklärt
und befragt werden können.
-
Anwesende Gruppen sollen nicht gegen solche
demokratische Entscheidungen handeln, sondern
aktiv dafür sorgen, dass die Regeln bekannt
sind und angewendet werden.
Es
soll hier nicht darum gehen, in das Selbstbestimmungsrecht
einzelner Gruppen einzugreifen, sondern möglichst
dafür zu sorgen, dass Demonstrationen so
ablaufen wie es der Wille der DemonstrantInnen
ist. Natürlich steht es allen frei, eigene
Demonstrationen zu organisieren, um Aktionen durchzuführen,
für die dann eine Akzeptanz herrscht.
Diese
3 Punkte sind nur ein Vorschlag, den ich zur Diskussion
stelle. Wir hoffen auf eine anregende, lebendige
und lehrreiche Diskussion über diese Punkte
sowie über geeignete Werkzeuge, diese weit
reichenden Vorschläge auch umzusetzen. Auch
rechtliche Fragestellungen müssen aufgeworfen
werden, damit wir eine Demoleitung nicht ans Messer
der Justiz liefern.
Eine
Debatte kann ein erster Schritt sein, denn eine
Entwicklung hin zu kollektiven Demonstrationen
ist ein permanenter Prozess, bestehend aus Diskussionen,
praktischen Übungen, Anwendung und kritischer
Reflexion.
Wenn
wir so in Zukunft verhindern könnten, dass
sich linke Kräfte über Fragen des Demoverhaltens
zerwerfen, dann ist ein wichtiger Schritt getan.
Es wird ein essentieller Punkt einer neuen Linken
sein, sich mit dieser Frage unvoreingenommen zu
beschäftigen.
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