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In nur einem Jahr ist die Schweiz vom 40. Rang
auf den 14. Rang betreffend Gleichstellung zwischen
Frauen und Männern aufgestiegen. Dieser Quantensprung
um ganze 26 Ränge wird der Schweiz durch
das Gleichstellungsranking des Weltwirtschaftsforums
WEF bescheinigt. Aber haben das die Frauen, von
denen die Statistik handelt, überhaupt bemerkt?
Wenn nicht, liegt es vielleicht daran, dass sie
allzu sehr durch Arbeit, Kinder und Haushalt absorbiert
sind? Lesen sie womöglich eher Kochrezepte
als die Wirtschafts-presse?
Wie
es tatsächlich um die Gleichstellung steht,
sehen den Frauen monatlich an ihrem Lohnzettel,
wöchentlich an ihrem Wäschekorb und
täglich an ihrer Gehetztheit, um die Krippenabholzeiten
einzuhalten. Die Wahl einer dritten Frau in den
Bundesrat – denn hier liegt die Ursache
des phänomenalen Aufstiegs der Schweiz im
Gleichstellungstest – hat das alltägliche
Leben der Frauen nicht verändert.
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| „Es
bleibt noch viel zu tun“ (Michela Bovolenta,
Feministin und vpod-Frauensekretärin) |
Nach
so vielen Kämpfen um politische Rechte soll
hier nicht geleugnet werden, dass eine solche
Wahl Bedeutung hat. Dennoch erstaunt, dass damit
ein derartiger Sprung nach vorne in Sachen Gleichstellung
passiert sein soll. Es stellen sich Fragen zur
Qualität von Studien, die solches aussagen,
und auch zur Methode, um Fortschritte im Sinne
der Gleichberechtigung zu messen. Dass das WEF
der Beteiligung von Frauen an der politischen
Macht eine derart überragende Rolle zumisst,
ist Ausdruck einer allgemeinen Tendenz. Um eine
verbesserte Gleichstellung zu demonstrieren, werden
die wenigen Frauen, die an die Spitze rücken,
in den Vordergrund gestellt – während
die alltägliche Ungleichheit, die das Leben
der ganz normalen Frauen nach wie vor prägt,
unter den Tisch fällt.
Frauen
in Führungsposition sind selten, werden aber
breit gefeiert. Die Zeitschrift Schweizer Arbeitgeber
hat das Thema aufgegriffen und sieht in Frauen
den Schlüssel für die wirtschaftliche
Zukunft.1 Und nach einer von einer Sonntagszeitung
veröffentlichten Umfrage ist der Kurs jener
Unternehmen, die Frauen in den Führungsetagen
aufweisen, in der ersten Jahreshälfte 2008
weniger gesunken.2 Daraus wird dann gefolgert,
dass Frauen womöglich die aktuelle Krise
hätten verhindern können... Natürlich
ist das nicht ganz falsch, denn wenn die „Hausfrau“
ihr Haushaltsgeld so ausgeben würde, wie
der vorsichtigste unter den Wall-Street- Händlern
sein Portfolio verwaltet, würde die Familie
schon lange mittellos auf der Strasse stehen!
Diese
Lobesreden auf die Frauen sollten uns aber misstrauisch
machen. Denn die Zahlen sprechen eine andere Sprache:
Nur 2% der Verwaltungsratsmitglieder von Schweizer
Firmen sind Frauen. Frauen sind also beliebt,
aber bitte in homöopathischer Dosis. Hinzu
kommt, dass der Erfolg von Frauen mit den altbekannten
Vorurteilen und Klischees begründet wird:
Vorsicht, Zuhören, Organisationstalent, Harmonie
und langfristiges Denken prägen angeblich
den Führungsstil von Frauen... Genauso wurde
früher die Geschicklichkeit, Genauigkeit,
Verlässlichkeit und Unterwürfigkeit
von Arbeiterinnen gelobt. Auf den Lohn hatten
all diese geschätzten Eigenschaften natürlich
keine positiven Auswirkungen, im Gegenteil.
Zudem
darf nicht vergessen werden, dass neben den wenigen
Frauen in Führungspositionen die grosse Mehrheit
immer noch Arbeitstellen mit geringer Entlöhnung
und Anerkennung innehat. So ist die Mehrheit der
Arbeitnehmenden ohne Führungsfunktion weiblich...
Fast 60% der Frauen sind in dieser Situation,
das sind 1,1 Million, während diese Lage
nur auf 890‘000 Männer zutrifft.3
Und: Selbst wenn Frauen noch so sehr von Wirtschaftskreisen
hofiert werden, sind sie dennoch dreimal häufiger
als Männer von Unterbeschäftigung betroffen.
Im Herbst 2008, betrug die Arbeitslosigkeit für
Frauen 4% und die Unterbeschäftigung 11%,
während bei den Männern die entsprechenden
Werte bei 2,8% und 2,3% lagen.
Um
bei der Gleichstellung wirklich vorwärts
zu machen, und nicht nur bei einem Ranking auf
Hochglanzpapier, muss nicht nur die Zahl der Topmanagerinnen
oder Politikerinnen steigen. Auch und vor allem
gilt es, die Lebensbedingungen der grossen Mehrheit
der Frauen zu verändern. Und hier bleibt
noch viel zu tun.
1 Schweizer
Arbeitgeber, „Kompetente Frauen –
ein Schlüssel für die wirtschaftliche
Zukunft“, 28. August 2008.
2
Le Matin Dimanche, „Crise: et si les femmes
auraient pu l'éviter...“, 9.11.2008
3
BFS, Schweizerische Arbeitskräfteerhebung
SAKE, euenburg 2008. |