|
2008
war es 50 Jahre her seit der Publikation von Iris
von Rotens Buch «Frauen im Laufgitter –
Offene Worte zur Stellung der Frau«.1
Eine Wanderausstellung,2 eine Tagung
und eine Nummer der feministischen Zeitschrift
Olympe3 würdigten das 50-jährige
Jubiläum dieser Bucherscheinung. In diversen
Medienberichten wurde der Meilenstein der feministischen
Diskussion in der Schweiz besprochen, oft unter
dem Zeichen einer Feministin, die ihrer Zeit voraus
sei und vieles vorweggenommen habe, was die Frauenbewegung
ab den 1970er Jahren später wieder entdeckte.
In
manchen Beiträgen drückt sich jedoch
auch eine etwas verlegene Ehrerbietung aus. Kritische
Nebenbemerkungen finden sich zu einzelnen Aspekten
oder auch zur sprachlichen Form des Buches. Was
oft fehlt, ist eine klare politische Einordnung,
der es deswegen nicht unbedingt an der notwendigen
Differenziertheit fehlen muss. Was lässt
sich aus linker feministischer Sicht zu Iris von
Roten sagen? Ist ihr Buch noch interessant für
heutige Leserinnen?
Das
Werk erschien während der zweiten Schweizerischen
Ausstellung für Frauenarbeit SAFFA (1958),
einige Monate vor der Volksabstimmung von 1959
über die Einführung des Frauenstimmrechts.
4 Dass dieses verworfen wurde, kreideten
viele der polemisierenden Intervention von Iris
von Roten an: Ihre Haltungen und Positionen waren
für die breite Öffentlichkeit und auch
die traditionellen Frauenverbände viel zu
radikal.
Iris
von Roten hat einen faszinierenden Text geschaffen,
der viele wichtige Türen aufstösst.
Dies sollte aber heutige Leserinnen nicht davon
abhalten festzustellen, dass sie sich klar im
liberalen Denken verortet. Sie fordert die Gleichberechtigung
der Frauen im Rahmen der kapitalistischen Leistungsgesellschaft.
Damit die «Auslese der Besten», wie
sie immer wieder schreibt, nicht länger die
Frauen ausschliesst. Das heisst auch, dass bei
ihr keine Überlegungen zur Klassenstellung
von Frauen zu finden sind, wenngleich natürlich
Themen wie Verhütung eigentlich alle Frauen
betreffen. Um Elitedenken und wirtschaftliberale
Grundeinstellung zu belegen, ist es nicht nötig,
auf Iris von Rotens bürgerliche Herkunft
oder auf ihren aufwändigen Kleidungsstil
zu verweisen, wie es manche Kommentare andeuten.
«Frauen im Laufgitter » gibt genügend
Belege dafür her, die es auch erlauben, die
Rezeption dieses Werks zu verstehen, das auch
in der Linken nicht auf Gegenliebe stiess. Daher
greifen Hinweise auf Iris von Rotens «Dogmatismus»
oder auf ihr undiplomatisches Auftreten5
zu kurz, um die oft ablehnende Rezeption ihres
Werks zu erklären.
Berechtigte
Kritik an den Gewerkschaften...
Zunächst
einmal ist festzuhalten, dass es für Iris
von Roten neben der bürgerlichen Frauenbewegung,
die sich auf den Kampf für das Stimmund Wahlrecht
für Frauen konzentriert und deren Beschränktheit
sie kritisiert, nichts gibt. Eine Arbeiterinnenbewegung
nimmt sie nicht zur Kenntnis, weder in deren praktischen
Kämpfen noch in deren theoretischen Beiträgen.
Die Gewerkschaften stellt sie auf eine Ebene mit
den Patrons: Durch die früheren Zünfte
hätten die Männer eine Organisationstradition,
die ihnen «schliesslich die Möglichkeit
gab, den Arbeitgebern eine gleich grosse Kraft
entgegenzustellen, wo nicht das Feld zu beherrschen
» (S. 110). Bezüglich Frauenrechte
boten die Gewerkschaften in der Tat oft genug
Hand zu diskriminierenden Regelungen (etwa in
den von ihnen ausgehandelten Gesamtarbeitsverträgen).
Iris von Rotens berechtigte Kritik an der frauenfeindlichen
Politik auch der Gewerkschaften (sehr treffend
formuliert auf S. 99 und 113) verleitet sie aber
dazu, das grundsätzliche Machtgefälle
zwischen Kapitaleignern und Lohnabhängigen
– bestehend sowohl aus Frauen wie aus Männern
– in einer Klassengesellschaft zu verkennen.
So kann sie auch Passagen schreiben, die von Klassendünkel
und Ignoranz gegenüber den Lebensbedingungen
der Frauen der unteren Schichten geprägt
sind: «Nicht besonders begabte [Frauen]
werfen sich gerne auf die Betätigung jener
Begabung, in der sie den anderen nicht nachstehen.
Zudem gibt es bei ihnen keine Kollision mit anderen
Begabungen. Und die Möglichkeit wirtschaftlicher
Bedrängnis durch unverhältnismässig
viel Nachwuchs ist ihnen genau so gleichgültig
wie dem eigenwilligen Maler die Unverkäuflichkeit
seiner Bilder. Und wie jener schämen sie
sich nicht, Unterstützung in dieser oder
jener Form anzunehmen, empfangen sie die Almosen
doch nicht für sich selbst, sondern für
ihr ‚Werk‘.» (S. 340).
...
aber aus einer urliberalen Perspektive
Sie kritisiert auch den Ausbau der Arbeitslosenhilfe:
Die hiesige christliche Tradition vertrete nicht
«die Ansicht, dass niemand verhungern
solle oder dann alle miteinander gleichmässig
», sondern sorge für «‚noblesse
oblige‘ [Adel verpflichtet]! Der Reiche
solle den Armen vor dem Äussersten bewahren.
Der Sozialismus, der gerade in der Schweiz den
Liberalismus unmerklich und uneingestandenermassen
zu einem grossen Teil ersetzt hat, baute im Laufe
der letzten Jahrzehnte die Leistung, zu der die
‚noblesse‘ verpflichtet, so aus, dass
aus den Bitten der Armen rechtliche Ansprüche
und aus den milden Gaben der Reichen Tribute geworden
sind. Oft ist schwer zu beurteilen, wer nun eigentlich
der Reiche und wer der Arme ist.» (S.
129) Dies publiziert Iris von Roten 1958, mitten
im Kalten Krieg, und stellt sich damit in die
Reihe der Warner, die im sozialen Fortschritt,
etwa im damaligen Ausbau der AHV, eine für
die Bourgeoisie bedrohliche Entwicklung sahen.
Daher
bleibt auch Iris von Rotens Forderung nach Verkürzung
der Erwerbsarbeitszeit seltsam abstrakt. Eine
solche Arbeitszeitverkürzung ist aus ihrer
Sicht notwendig, auch um die unbezahlte Hausarbeit
unter den Geschlechtern gerecht zu teilen. Doch
mit welchen Bündnissen kann eine solche Forderung
durchgesetzt werden? Welches waren die Kräfte,
welche die bisher erfolgten Arbeitszeitverkürzungen
durchgesetzt hatten? Um hier nicht die Gewerkschaften
oder die Arbeiter_innenbewegung insgesamt nennen
zu müssen, schweigt Iris von Roten in über
500 Seiten beharrlich hierzu.
In
einem geschichtlichen Abschnitt äussert sie
sich kritisch über den Machtverlust adliger
Frauen im Zuge der bürgerlichen Revolution:
«Es wimmelt da von Herren, an die als
Herren ihrer Enkelinnen manche weiblichen Ahnen
nicht im Traume gedacht hätten. Sind es doch
die Nachkommen ihrer leibeigenen Stallknechte.
» (S. 470) Sicherlich greift Iris von
Roten zu Recht die grundsätzliche Benachteiligung
der Frauen auch im Zeichen der französischen
Revolution an: Dass die Erklärung der Menschenrechte
(1789) explizit nur die Rechte der Männer
meinte. Jedoch kann eine feministische Haltung
heute ja nicht in der Verteidigung der Privilegien
der Frauen kleiner herrschender Schichten bestehen
– oder etwa doch? Der aktuelle Karriere-
und Salonfeminismus lässt grüssen...
Aus diesen und weiteren Bemerkungen lässt
sich ein konsistentes Weltbild herauslesen, das
auf Gleichberechtigung der Frauen mit den Männern
ihrer jeweiligen Klasse hinausläuft, nicht
auf eine Befreiung aller Frauen von Ausbeutung
und Unterdrückung.
|
Durchdringendes Bild der Hausarbeit
Iris von Rotens eindringliche Analyse der
vielfältigen Aspekte der unbezahlten
Hausarbeit ist ein Höhepunkt ihres
Werks. Sie macht den Alltag der damaligen
«Hausfrau», mit oder ohne Dienstpersonal,
unglaublich präsent: Man glaubt den
Dunst der geschäftigen Küchen
zu riechen, die stadtweit alle um die Mittagszeit
zu dampfen hatten, während auf der
Strasse alles stillstand. Die den Frauen
antrainierte Sparsamkeit und Manie der Verwertung
jedes Stofffetzchens wird fast bedrängend
präsent. Es ist denn auch eine grosse
Leistung des Buches, die praktische und
damit auch die gedankliche Welt, die mit
dem Familienmodell der 1950er Jahre verbunden
war, in ihrer Beengtheit fassbar zu machen.
Damit lässt sich die Prägung früherer
Frauengenerationen nachspüren und es
wird ersichtlich, welch gewaltigen Schritt
sie aus diesem vorgespurten Lebenslauf zu
tun hatten, um zu ihrem Recht auf Entfaltung
zu gelangen. |
Ist
Iris von Rotens Buch aufgrund der liberalen Haltung
und dem grundsätzlichen Einverständnis
mit einer Gesellschaft von Klassen und Ungleichheiten
wertlos? Nein, denn bürgerliche Freiheiten
und Rechte sind an sich eine Errungenschaft, hinter
die nicht mehr zurückgewichen werden sollte,
auch und vor allem nicht im Kampf für eine
klassenlose Gesellschaft mit gleichen politischen,
sozialen und wirtschaftlichen Rechten für
alle. Iris von Rotens systematische Aufarbeitungen
und die Breite ihrer Analysen – Berufstätigkeit,
Liebesleben, Mutterschaft, Hausarbeit, politische
Rechte – bleiben als Zeitzeugnis von Bedeutung.
Sind doch etliche ihrer Forderungen bis heute
nicht erfüllt. Und ihre sprachliche Kraft
zeigt sich in bestechenden Formulierungen, die
der Kritik einen einzigartigen Ausdruck verleihen.
1 Verlag Hallwag, Bern 1958, zweite Auflage 1959.
Zitate und Seitenverweise verweisen auf diese
Ausgabe.
2
Ausstellung «Leidenschaft und Widerspruch
– Iris und Peter von Roten», siehe
www.irisundpeter-vonroten.ch.
3
Olympe – Feministische Arbeitshefte zur
Politik, Nr. 28 (Februar 2009): Offene Worte:
Zur Aktualität von Iris von Rotens «Frauen
im Laufgitter», Hg. Elisabeth Joris, Patricia
Purtschert, Heidi Witzig.
4
Diese und weitere Informationen zu Kontext und
Rezeption finden sich im Nachwort von Elisabeth
Joris zur Neuausgabe von «Frauen im Laufgitter»
aus dem Jahr 1991, eFeF-Verlag: «Die Fünfzigerjahre
– Das Werk – Die Autorin». |