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Am 4. April 2009 demonstrierten rund 30‘000
Menschen gegen das Nato- Gipfeltreffen in Strasbourg.
Die Grossdemonstration gegen das Militärbündnis
und seine Politik wurde medial weitgehend totgeschwiegen;
einzig über die „Ausschreitungen“
wurde – in gewohnt verlogener und verfälschter
Manier – berichtet. Das aggressive Vorgehen
der französischen und deutschen Polizei,
der massive Einsatz von Schockgranaten und Tränengas,
der zu zahlreichen Verletzten unter den Demonstranten
führte, wurde nicht kritisiert. Also nicht
Neues. Warum aber sind die Nato und die herrschenden
politischen Kräfte so darum bemüht,
jeglichen Protest gegen sie schon im Keim zu ersticken?
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Obwohl
zahlreiche Nato-Mitgliedsländer den Angriffskrieg
gegen den Irak 2003
nicht unterstützten, ist die Nato auch
im Irak im Einsatz. |
Die
Nato, die selbsternannte „Allianz für
den Frieden“, lässt in Sachen edler
Absichtserklärungen keine Wünsche offen.
Der „Solidarität, Freiheit und Sicherheit“
verpflichtet, möchte die Nato derzeit in
Afghanistan, im Kosovo, im Irak und im Sudan für
Stabilität und Frieden sorgen.1
Der ehemalige dänische Premierminister und
künftige Nato-Generalsekretär Anders
Rasmussen bezeichnete die Nato gar als die „erfolgreichste
Friedensbewegung, die die Welt je gesehen hat“.
Wer sich ab und an mit der Situation der Menschen
in den benannten Gebieten befasst, wird die selbstgerechte
Augenwischerei der Nato und ihrer medialen und
politischen Handlanger schnell durchschauen.
Seit
ihrer Gründung ist die Nato ein wesentlicher
Bestandteil des politischen, ökonomischen
und militärischen Machtkomplexes und der
Hegemonie der westlichen Länder. Auch wenn
das aggressive militärische Vorgehen der
Nato- Streitkräfte – derzeit etwa in
Afghanistan und Pakistan – bezüglich
dieser Feststellung keine wirklich neuen Erkenntnisse
liefert, so finden doch seit Ende des Kalten Krieges
diverse Veränderungen und Restrukturierungen
innerhalb der Nato und ihrer Mitgliedsländer
statt, die eine genauere Betrachtung verdienen.2
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Artikel
5
Das vertragliche Herzstück der Nato
ist der sogenannte Artikel 5, worin festgehalten
ist, dass ein Angriff auf ein Mitglied des
Bündnisses als Angriff auf alle Länder
angesehen wird. Die Art und Weise, wie die
Mitgliedsländer im Falle des Inkrafttretens
von Artikel 5 das Bündnis unterstützen,
ist bisher den Mitgliedsstaaten überlassen.
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Vom
Verteidigungsbündnis zur Interventionsstreitkraft
Mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Zusammenbruch
der Sowjetunion löste sich die bis anhin
grösste angebliche Bedrohung des Westens
und damit der wichtigste Legitimierungsfaktor
der Nato auf. Doch anstatt die Nato deswegen ebenfalls
aufzulösen, wurde sie nach und nach auf die
neuen Bedürfnisse der westlichen Länder
ausgerichtet. Dies geschah (und geschieht noch)
in mehreren Schritten.
Strategische
Erweiterung
Schon
einen Monat nach dem Zerfall der Sowjetunion verabschiedete
die Nato im Rahmen eines Gipfeltreffens in Rom
ein neues strategisches Konzept, mit dem der Katalog
potentieller Bedrohungen massiv erweitet wurde:
Während die Gefahr des Ostblockes nun gebannt
sei, müsse sich die Nato auf die multidirektionalen,
weltweiten Bedrohungen einstellen; namentlich
auf die mögliche Verbreitung von Massenvernichtungswaffen,
den internationalen Terrorismus und die Unterbrechung
wichtiger Rohstoffströme für den Westen.3
Damit einhergehend wurde auch die Einführung
einer neuen Gattung von Streitkräften beschlossen:
Die sogenannten Krisenreaktionskräfte (Rapid
Reaction Forces) wurden explizit für Einsätze
ausserhalb des Nato-Vertragsgebiets konzipiert
und sollen vor allem im Falle der Gefährdung
von Rohstofflieferungen an den Westen Anwendung
finden.
Im
Juni 1992 beschloss die Nato zudem, dass künftig
nicht mehr „nur“ im Falle einer Gefährdung
eines Mitgliedslandes interveniert wird, sondern
auch auf Gesuch der OSZE (Organisation für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) oder
der UNO. Mit diesen mehr oder weniger heimlich
vollzogenen Abänderungen wurde der ursprüngliche
(zumindest offizielle) Hauptzweck der Nato, nämlich
die Verteidigung ihrer Mitglieder im Falle eines
Angriffes (siehe Kasten Artikel 5), völlig
ad absurdum geführt.
Die
in den frühen 90er Jahren vollzogenen Veränderungen
bildeten die rechtlichen und militärlogistischen
Grundlagen für die späteren völkerrechtswidrigen
Angriffskriege gegen das ehemalige Jugoslawien.
Die
neuen „Feinde“
Am
24. April 1999, kurz nach dem Beginn der Bombardierungen
Jugoslawiens, verabschiedete die Nato ein weiteres
Strategiepapier, in welchem Angriffskriege ohne
UN-Mandat zu den offiziellen Aufgaben der Nato
erklärt wurden.
Im gleichen Atemzuge wurden auch Migrationsbewegungen
in die Bedrohungsanalyse integriert: „Sicherheitsinteressen
des Bündnisses können von anderen Risiken
umfassenderer 7atur berührt werden, einschliesslich
Akte des Terrorismus (…) und der Unterbrechung
der Zufuhr lebenswichtiger Ressourcen. Die unkontrollierte
Bewegung einer grossen Zahl von Menschen (…)
kann ebenfalls Probleme für die Sicherheit
und Stabilität des Bündnisses aufwerfen“.4
Spätestens
mit der Aufnahme der Migration als möglichen
Interventionsgrund wird deutlich, welchen Anspruch
die Nato an sich selbst stellt: Nicht nur militärische,
sondern auch ökonomische und soziale „Bedrohungen“
sollen künftig mit Waffengewalt bekämpft
werden können. Dass auch vor Krieg und Armut
flüchtende Menschen als potenzielle Bedrohung
eingestuft werden, zeugt von der skrupellosen
und rein auf ökonomische und machstrategische
Ziele ausgerichteten Politik der Nato-Mitgliedstaaten.
Sie geht Hand in Hand mit der ständigen Verschärfung
der Migrations- und Flüchtlingsbestimmung
und der schon heute in grossem Ausmasse stattfindenden
militärischen „Abwehr“ von Flüchtlingen
aus Lateinamerika (USA) und Afrika (Europa). Insofern
ist die Nato als Antwort auf die weltweit durch
den Kapitalismus verursachten (und ständig
zunehmenden) sozialen Widersprüche und Konflikte
zu verstehen.
The
West against the Rest
Noch
während der Amtszeit George W. Bushs war
die Einheit der Nato- Mitgliedsstaaten in Frage
gestellt worden. Die unilaterale Vorgehensweise
der USamerikanischen Regierung in Afghanistan
und vor allem im Irak stiess bei vielen europäischen
Regierungen auf Ablehnung. Auch wenn die Zusammenarbeit
zwischen den USA und den europäischen Ländern
wohl nie wirklich in Frage gestellt wurde, trug
der auf militärischer Überlegenheit
beruhende Machtanspruch der US-Administration
wesentlich zur Schaffung einer eigenen europäischen
Interventionsarmee (unabhängig von der Nato)
und allgemein zu einer Aufrüstungspolitik
vieler EU-Staaten bei.
Seit
dem Amtsantritt Barack Obamas jedoch zeichnet
sich allmählich eine Wiederbelebung der transatlantischen
Beziehungen ab, wofür auch die 2008 beschlossene
Reintegration der französischen Streitkräfte
in die Nato-Strukturen spricht.6
Die Gründe für diese engere Zusammenarbeit
liegen vor allem bei den ökonomischen Problemen
der USA. Angesichts des riesigen Handelsbilanzdefizits
von über 700 Milliarden jährlich und
einer Verschuldung von mittlerweile weit über
10‘000 Milliarden Dollar ist sich die US-Administration
durchaus bewusst, dass sie ihre militärische
und ökonomische Hegemonie längerfristig
nur – wenn überhaupt - aufrecht erhalten
kann, wenn sie enger mit den europäischen
Ländern zusammenarbeitet. Durch die stärkere
Einbindung Europas sollen nicht zuletzt auch die
militärischen Kosten vermehrt auf die Europäische
Union abgewälzt werden.
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| Mit
einem Grossaufgebot an Sicherheitskräften
versuchten die Behörden, den Protest
gegen den Nato-Gipfel in Strasbourg im April
dieses Jahres zu verhindern. |
Die
Anti-NATO
Auch
der immer grösser werdende geopolitische
Einfluss Chinas und Russlands macht eine engeren
Kooperation des Westens nötig. Während
China vor allem auf Grund seines rasanten Wirtschaftswachstums
ökonomisch und militärisch an Bedeutung
gewinnt, stellen Russland sowie weitere Länder
wie der Iran oder Pakistan vor allem wegen ihrer
immensen Rohstoffvorkommen und der Möglichkeit,
diese als Druckmittel gegen den Westen einzusetzen,
eine potenzielle Gefahr für den westlichen
Imperialismus dar. Der politische und militärische
Zusammenschluss dieser Länder ihrerseits
in der 2001 gegründeten „Schanghaier
Organisation für Zusammenarbeit“ deutet
auf eine erneute Blockbildung zwischen den westlichen
und den asiatischen Ländern hin. Robert Kagan,
einer der bekanntesten Neokonservativen in den
USA, bezeichnete das sich formierende asiatische
Bündnis mit Referenz auf russische Medienberichte
in einem Spiegel- Interview als „Anti-Nato“
und den „Warschauer Pakt Zwei“.7
Kein
Frieden mit der Nato
Die
strategische und territoriale Neuausrichtung bzw.
Erweiterung der letzten Jahre entlarvt den aggressiven
und gefährlichen Charakter der Nato. Der
globale ökonomische Wettkampf der Grossmächte
des 21. Jahrhunderts könnte ein verstärktes
Wettrüsten auslösen und zu einer erneuten
globalen Blockkonfrontation führen. Die Nato
als militärisches Instrument des Imperialismus
zu entlarven, zu delegitimieren und zu bekämpfen
ist bitter nötig.
1
Siehe Portrait der 7ato unter der Rubrik „What
is 7ato“ auf: www.nato.int.
2
Ein Grossteil dieses Artikels basiert auf der
von der Informationsstelle Militarisierung publizierten
Broschüre „Kein Frieden mit der 7ato“.
Auf www.imi-online.de kann sie online gelesen
und bestellt werden.
3
Strategiepapier der 7ato einsehbar unter www.nato.int/docu/basictxt/b911108b.htm.
4
Strategiepapier der 7ato einsehbar unter http://www.nato.int/docu/pr/1999/p99-
065e.htm.
5
Lühr Henken, Arbeitsgruppe Friedensforschung
an der U7I Kassel: Die USA treiben weltweite Rüstungsausgaben
in die Höhe. www.uni-kassel.de/fb5/frieden/themen/export/
us-aufruestung.html.
6 Frankreich hatte sich 1966
unter Präsident Charles de Gaulle zumindest
teilweise aus der 7ato zurückgezogen. Grund
hierfür waren Unstimmigkeiten im Zusammenhang
mit der massiven Truppenpräsenz alliierter
Streitkräfte in Europa unter Führung
der USA. Frankreich strebte eine grössere
Autonomie gegenüber den USA an.
7
Siehe Interview auf Spiegel Online:„ Russland
und China betrachten den Westen als feindlich“.
www.spiegel.de/kultur/ literatur/0,1518,druck-566165,00.html.
| Gründung,
Erweiterung und Struktur der Nato
Die Nato (Nordatlantik-Vertragsorganisation)
wurde am 4. April 1949 von 12 Staaten (Belgien,
Dänemark, Frankreich, Island, Italien,
Kanada, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen,
Portugal, die Vereinigten Staaten von Amerika
sowie England), überwiegend Siegerländer
des Zweiten Weltkrieges, gegründet.
Bis 1955 traten Griechenland, die Türkei
und schliesslich Deutschland bei, danach
blieb das Militärbündnis bis zum
Ende des Kalten Krieges – abgesehen
von Spaniens Beitritt 1982 – konstant.
Seit dem Ende des Kalten Krieges jedoch
haben der Ausbau und die Erweiterung der
Nato beängstigend zugenommen. Mit dem
im Januar 1994 gestarteten Programm „Partnerschaft
für den Frieden“ wurde eine Vorstufe
für potenzielle Nato-Mitglieder geschaffen,
in welcher die jeweiligen Länder vor
allem ihre militärischen Strukturen
Nato-tauglich machen sollen. Mit der Vorbe
re i t u ng au f die Nat o- Vollmitgliedschaft
sind in der Regel weitgehende militärische
Investitionen verbunden (Aufrüstung),
womit gewährleistet werden soll, dass
die künftigen Mitglieder auch einen
Teil der militärischen Aufwendungen
und der damit verbundenen Kosten übernehmen
können. Derzeit nehmen 23 Länder
– darunter auch die Schweiz –
an diesem Programm teil.
In drei Erweiterungsrunden 1999, 2004 und
2009 wurden insgesamt 13 überwiegend
osteuropäische Länder in das Militärbündnis
aufgenommen. Mit heute 28 Mitgliedern ist
die Nato mit Abstand das mächtigste
Militärbündnis der Welt, deren
Mitglieder sind für rund 60 Prozent
der weltweiten Rüstungsausgaben verantwortlich.5
Das oberste Organ der Nato ist der Nordatlantikrat,
dem wiederum ein Verteidigungs-Planungsausschuss
(militärpolitische Entscheidungen)
sowie die Nu kleare Planu ngsgruppe (atomstrategische
Entscheidungen) untergeordnet sind. In all
diesen Gremien gilt derzeit noch das allgemeine
Konsensprinzip, wobei hochrangige Nato-
Generäle seit einiger Zeit die Einführung
des Mehrheitsprinzips fordern.
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