| Kürzlich
hielt C-CURA 1
-Chef Orlando Chirino fest, dass Chávez
„die Arbeiter“ nicht als Motor des
Sozialismus ansehe, woraus sich für ihn der
kleinbürgerliche Charakter des Chavismus
ableitet. Das korreliert etwa mit der Aussage
von Wayuu - Indígenas am jüngsten
internationalen zapatistischen Treffen, die Chávez
als Traumexekutor der transnationalen Handelsinfrastruktur-Megaprojekte
im Südkontinent brandmarkten. Der Reflex
mancher Linker hier, den Bolivarismus 2
bloss als neues Verwer tungsmodell zu betrachten,
ist damit bedient.
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Massenkundgebung
zur Unterstützung des venezolanischen
Präsidenten Hugo Chàvez. |
Die
Frage der neuen Partei
Doch
die Widersprüche des Prozesses entziehen
sich einer schnellen Einordnung, insbesondere,
wenn man die Kräfteverhältnisse zugunsten
einer „grundsätzlichen“ Standortbestimmung
nicht aussen vor lässt. Nehmen wir die Debatte
um die vereinigte Linkspartei PSUV3.
Es handelt sich dabei nicht um die leninistische
Partei des Industrieproletariats, im Gegenteil,
sie richtet sich primär an die so genannten
marginalisierten Unterklassen, aber steht auch
bourgeoisen Kräften offen. Letzteres ist
in der Tat ein Problem – die „bolivarischen
Entwicklungseliten“ werden diese Chance
nutzen. Hat also Chirino recht, wenn er sagt:
„Wir Arbeiter können nur den einen
Schluss ziehen: Unser Platz ist nicht im PSUV“
(aporrea, 3.8.07), sondern in der trotzkistischen
Rumpfpartei4?
Die KP ist übrigens auch der Meinung, dass
der PSUV aufgrund ihrer Existenz eigentlich überflüssig
sei.
| «Das
soziale Subjekt in den Barrios lässt
sich unter dem Begriff der Arbeiterklasse
etwa so präzis fassen wie die Schwamendinger
Bevölkerung unter Gewerbetreibende.» |
Wer
ist das revolutionäre Subjekt?
Das
soziale Subjekt des Prozesses in den „Barrios“
lässt sich unter dem Begriff der (industriellen)
Arbeiterklasse etwa so präzis fassen wie
die Schwamendinger Bevölkerung unter Gewerbetreibende
– das stimmt für welche und für
viele nicht. C-CURA befleissigt sich einer „ouvrieristischen“
Analyse, um, gegen reaktionäre Elemente der
Arbeitspolitik der Regierung gerichtet, Chávez
faktisch als Hauptproblem und als Exponent eines
neuen Verwertungsmodells auszumachen. Chirino:
„Die Regierung verletzt heute das Recht
der Arbeiter auf einen Kollektivvertrag am stärksten“.
Und: Der PSUV „verteidigt das Privateigentum
[und die] chinesischen, indischen, russischen,
spanischen oder iranischen Multis, die unsere
Bodenschätze ausplündern und unsere
Arbeitskraft überausbeuten“. Eine Art
materialistischer Kritik an den „chavistischen
antiimperialistischen Allianzen“? Nach zahlreichen
CCURA-Statements weiss ich zwar, dass Chávez
zunehmend zum neuen Gesamtkapitalisten mutiert,
habe aber nichts zu konkreten Aspekten der Überausbeutung
in diesen Joint- Ventures erfahren, die offenbar
eine neue Schärfe darstellen.
„Ungenau“
auch das Geschichtsbild von C-CURA. Das Scheitern
des Putsches 20025
und der Unternehmersabotage etwas später
schreibt die Fraktion primär ihren vom „Volk“
und von bolivarischen Militärs „unterstützten“
Vorläuferinnen zu. Die Ölarbeiter, bei
denen C-CURA eine Basis hat, spielten tatsächlich
eine unersetzliche Rolle gegen den „Unternehmerstreik“,
genau so aber die „diffuse
Masse“ in den „Barrios“, die
zusammen mit der Regierung alternative Märkte
für Güter des täglichen Bedarfs
entwickelte, die „Mercales“, eng angebunden
an die die angelaufene Agrarreform. Das war monatelanger
Widerstand im Überlebensalltag der dadurch
organisierten „Underdogs“ –
diese Erfahrung entschwindet aus der C-CURA-Sicht.
Die angesichts der realen Gefährlichkeit
des Putsches bemerkenswerte „Relegierung“
der progressiven Militärs erklärt sich
mit dem Bestreben, die Allianz „bolivarische
Militärs – diffuse Unterklassen“
zu negieren. Diese war aber (und ist wohl immer
noch) der eigentliche Motor des venezolanischen
Prozesses - eben nicht die klassische „Avantgarde“.
| «Der
Begriff des Sozialismus des 21. Jahrhunderts
bleibt weiterhin unbestimmt und ist damit
Ausdruck realer Prozesse. Wir sollten ihn
so stehen lassen .» |
Wer
ist der Feind?
C-CURA
vermittelt den Eindruck, die Schlacht gegen den
„traditionellen“ Feind sei siegreich
geschlagen, jetzt gehe es um die Expropriation
der Expropriateure zwecks Verhinderung eines Gegenschlages,
der zunehmend über das Regierungslager geführt
werde. Das ist gefährlich. Zum einen fehlen
auch in Venezuela, um nicht von Ecuador oder Bolivien
zu reden, manche Voraussetzungen etwa für
eine „unabhängige“ Ausbeutung
der enormen Ölvorkommen im Orinoco-Becken.
Die Multis enteignen hiesse, auf dieses Öl
zu verzichten. Das würde auch die C-CURA
bekämpfen. (Die Wiederaneignung des produktiven
Wissens erfolgt u.a. über Knowhow- Transfer
in Joint Ventures). Damit aber beginnen die realen
Probleme: Wie lässt sich das Öl ausbeuten,
ohne dies auf Kosten der ArbeiterInnen und der
Umwelt zu tun? Die chavistische Praxis liefert
dazu extrem widersprüchliche Antworten. Zum
anderen gibt es in Venezuela faktisch eine Situation
der Doppelmacht bis hin zum rechten Terror gegen
die ländliche Armutsbevölkerung, abgedeckt
von Teilen der Streitkräfte. Die bolivarischen
Länder werden energisch eingekreist, spätestens
seit der Ethanoloffensive von Bush und Lula im
letzten März6
auch durch das von Brasilien angeführte Lager,
ungeachtet aller gegenteiligen diplomatischen
Beteuerungen. Eine positive oder negative Kritik
an der bolivarischen Erfahrung, die dieses enorme
Feld von offenen Fragen ausser Acht lässt,
taugt strukturell nichts für den nächsten
Schritt.
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| Barrio
am Stadtrand von Caracas. Wie viele Menschen
in der venezolanischen Hauptstadt leben,
ist auf Grund der unkontrollierten Stadtentwicklung
nicht feststellbar. Schätzungen gehen
von 5-10 Millionen aus. |
Alter
und neuer Sozialismus
Der
Begriff des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“
weckt in Lateinamerika Hoffnungen, bleibt aber
unbestimmt und damit Ausdruck der realen Prozesse:
Befreiungstheologie, Reichtumsumverteilung, internationale
Kooperation statt Konkurrenz, afro- und indioamerikanische
Traditionen, Ansätze zu neuen Produktionsverhältnissen,
Nahrungssouveränität, Würde, realpolitische
Klassenallianzen. Die Sehnsucht nach Befreiung
in Abgrenzung zum Verwaltungsregime des „alten
Sozialismus“. Wir sollten den Begriff so
stehen lassen. Der „korrigierende“
Rekurs auf klassische „Gewissheiten“
schadet mehr als er nützt.
Grotesk
der Versuch des in Lateinamerika
bekannten Theoretikers Heinz Dieterich7,
den neuen Sozialismus wissenschaftlich zu untermauern.
Der „alte Sozialismus“ sei an der
Unmöglichkeit gescheitert, das Wertgesetz
von Ricardo und Marx mathematisch zu fassen. Dank
Fortschritten in der Kybernetik sei heute aber
der (Arbeitszeit-)Wert eines Produktes genau berechenbar
und damit die Gesellschaft planbar. Anklänge
des neuen an den alten Sozialismus: Der „objektive“,
„wissenschaftliche“ Zugriff auf die
Menschen findet in der Dieterich’schen Form
Unterstützung bei führenden Bolivaristas
wie etwa dem gerade zurückgetretenen Verteidigungsminister
Baduel. Eine brauchbare, wenn auch nicht „wissenschaftliche“
Definition von „socialismo XXI“ gab
mir eine Compañera im Gemeinschaftszentrum
eines Barrios in Caracas: „Das sind wir,
weisst du. Wenn wir hier die Dinge an die Hand
nehmen“. Unbekümmert davon, dass ihr
geliebter Präsident Chávez später
den Socialismo XXI auch damit erklärte, zu
Marxens Zeiten habe es keine Computer gegeben.
| «Der
Sozialismus des 21. Jahrhunderts, das sind
wir, wenn wir hier die Dinge an die Hand
nehmen..» |
Ausrutscher
und Widersprüche
Das
sind nicht individuelle Ausrutscher, dahinter
stehen gigantische Widersprüche. In diesem
Feld agiert der bolivarische Prozess, seine „abstrakte“
Einordnung auf die eine oder andere Seite der
Widersprüche tut ihm Gewalt an. Das gilt
erst recht für hiesige Erörterungen
über den (nicht-)sozialistischen Gehalt des
Bolivarismus, welche die erwähnte „Losgelöstheit“
noch exaltieren und etwa den Schweizer Imperialismus,
signifikant präsent in der Region, so gut
wie nicht thematisieren. Das mag identitätsstiftend
sein, sicher aber kein Kampfbeitrag. „Abstrakte“
linke Kritiken fliessen auch nicht zufällig
in rechte Denunziationen ein, wie sie auch in
progressiven Medien zu finden sind. Man trifft
sich.
1
C-CURA bedeutet „Strömung für
revolutionäre Klasseneinheit und Unabhängigkeit“.
Es handelt sich um eine Fraktion innerhalb des
Gewerkschaftsdachverbands UNT, die im Februar
2006 gebildet wurde und eine kritische Distanz
zur Politik von H. Chávez einnimmt. Die
C-CURA ist aus einer trotzkistischen Strömung
entstanden und weist unter den Beschäftigten
des staatlichen Erdölkonzerns PDVSA eine
starke Verankerung auf.
2
Der Begriff Bolivarismus oder Bolivarische Revolution
wird zur Bezeichnung eines mehr oder weniger klar
formulierten politischen Projekts unter Führung
des venezolanischen Präsidenten H. Chávez
verwendet, das auf nationale Unabhängigkeit
gegenüber dem Imperialismus, die Stärkung
der politischen Einheit Lateinamerikas und einen
neuen „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“
zielt. Die Bezeichnung bezieht sich auf Simon
Bolivar (1783-1830), den Anführer der lateinamerikanischen
Unabhängigkeitsbewegungen gegen Spanien und
Portugal im 19. Jahrhundert.
3
Die Abkürzung PSUV steht für Vereinigte
Sozialistische Partei Venezuelas. Präsident
Hugo Chávez kündigte die Gründung
einer neuen Partei in der Folge seiner Wiederwahl
im Herbst 2006 an. Der Parteigründungsprozess
ist noch nicht abgeschlossen.
4 Gemeint ist die Partei PRS (Partido Revolucion
y Socialismo), die im Jahr 2005 durch dieselbe
Strömung gegründet wurde, die auch die
Gewerkschaftsfraktion C-CURA initiierte.
5 Im April 2002 versuchten Teile der venezolanischen
Armee mit Unterstützung der USRegierung Präsident
Chávez zu stürzen, was durch eine
grosse Massenmobilisierung verhindert werden konnte.
In der Folge davon versuchten venezolanische Unternehmer
die Regierung durch einen langen Streik in die
Knie zu zwingen, doch scheiterte auch dieses Unterfangen.
6 Der US-amerikanische und der brasilianische
Präsident haben vereinbart, die Produktion
von Agroethanol stark auszubauen. Dieses Projekt,
das als neues Wundermittel gegen das Versiegen
der Erdölreserven und den Anstieg der Treibhausgasemissionen
präsentiert wird, gefährdet in verschiedenen
Regionen der Welt die Versorgung der Bevölkerung
mit Lebensmitteln ebenso wie die bestehende Landwirtschaft
und den nachhaltigen Umgang mit natürlichen
Ressourcen.
7
Heinz Dieterich (geb. 1943), ein deutscher Sozialwissenschaftler,
ist seit den 1970er Jahren in Lateinamerika (vor
allem Mexiko) beruflich und politisch tätig.
Er gilt als (informeller) Berater von H. Chávez
und hat kürzlich ein Buch über den „Sozialismus
des 21. Jahrhunderts“ veröffentlicht. |