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Ende
1970er Jahre zählte die Produktionsstätte
der Fiat in Turin (Mirafiori) über 100‘000
ArbeiterInnen und Angestellte. Sie war eine Bastion
der ArbeiterInnenwiderstände zwischen 1969
und 1980. In jenen Jahren war die Autoindustrie
der fortgeschrittenste Punkt der kapitalistischen
Produktion. Gleichzeitig entwickelten sich die
Fiat-ArbeiterInnen zu einem «öffentlichen
Subjekt». Ihre Kämpfe und ihre Organisationsformen
(kollektiv, nicht von den Gewerkschaften bestimmt)
warfen die Frage nach Gesellschaftsveränderung
auf. Mit der Krise des Automobils in der ersten
Hälfte der 70er Jahre kamen die ersten Entlassungen,
die vor allem die kämpferischen Kerne in
der Fabrik trafen. Ab 1978 wurde die Produktion
wieder erhöht und neue Arbeiter_ innen eingestellt.
Es war eine Generation, die sich von der vorigen
unterschied und neue Widerstandsformen in die
Fabrik brachte. 1980 kam dann die Wende. Ein 35-
Tage-Streik gegen die Ankündigung von 15'000
Entlassungen wurde zur entscheidenden Niederlage
der Arbeiter_innen.1 Heute arbeiten etwas
weniger als 5‘500 Leute in Mirafiori.
Die
Autoindustrie in der Krise
Heute
befindet sich die Automobilindustrie in einer
tiefen strukturellen Krise auf Grund der Überkapazitäten
in der Produktion. Die Weltwirtschaftskrise von
2008-2009 hat sie verschärft. Alleine in
Westeuropa brach der Verkauf von Autos zwischen
2007 und 2009 von 17,2 Mio. auf 13,5 Mio. Fahrzeuge
ein. Somit verringerte sich die Auslastung von
75-80% auf 50-60%2 der Produktionskapazität.
Grund dafür sind die progressive Sättigung
des Automobilmarktes, die Konkurrenz zwischen
grossen Automobil-Gruppen und der Rückgang
der Kaufkraft in den Ländern des Zentrums
durch die Angriffe auf die Lohnbedingungen der
Arbeiter_innen.3 In diesem globalen Kontext
hat Sergio Marchionne, CEO von Fiat, einen neuen
Plan lanciert mit dem Ziel, die Produktion in
Italien und die Profitabilität des Unternehmens
wieder anzukurbeln.4 Dieser unter dem
Namen Fabbrica Italia (Unternehmen Italien) bekannt
gewordene Plan soll laut dem CEO «das Volumen
erhöhen und die Kosten senken. Es gibt nichts
anderes und es ist nicht kompliziert».5
Fabbrica Italia basiert auf vier wesentliche Strategien6:
Erstens sollen neue Absatzmärkte im Ausland
erschlossen werden. Der Anteil der exportierten
Fahrzeuge soll bis zum Jahre 2014 von 40 auf 65%
steigen; zweitens sollen die Arbeitskosten über
die «rationalisierte» Produktionsorganisation
gesenkt werden; drittens sollen Investitionen
(30 Milliarden Euro) eine Flexibilisierung der
Produktion garantieren und somit die Schwankung
der Nachfrage nach Fahrzeugen (sowohl quantitativ
wie auch qualitativ) besser auffangen; schliesslich
zielt das Abkommen auf die Herstellung neuer Arbeitsbeziehungen,
in denen unternehmerfreundliche Gewerkschaften
(sidacati collaborazionisti) über paritätische
Institutionen integriert und kämpferische
Gewerkschaften ausgeschlossen werden.
Intensivierung
der Arbeit
Das
neue Abkommen, das die Leitung von Fiat den Arbeiter_innen
und Angestellten von Mirafiori zur Abstimmung
unterbreitet hat, sieht wesentliche Veränderungen
der Arbeitsorganisation vor, die unter dem Leitmotiv
«Intensivierung der Arbeit» subsumiert
werden können. Die folgende Tabelle stellt
die wichtigsten Veränderungen dar. Mit diesem
Abkommen hat die Fiat die Arbeiter_ innen vor
eine nicht existierende freie Wahl gestellt: Entweder
sie akzeptieren das neue Abkommen oder die Produktion
wird ins Ausland verlegt. Unter solchen Bedingungen
ist es schwierig, der Intensivierung der Arbeit
nicht zuzustimmen, vor allem in einem sozioökonomischen
Krisenkontext, wie ihn Italien erlebt.8
Nebst
der antigewerkschaftlichen Politik der Fiat wird
das neue Abkommen auch eine wesentliche Verschlechterung
der Gesundheitsbedingungen herbeiführen.
Diese haben sich schon mit der Einführung
neuer Methoden der Arbeitsorganisation an den
Fliessbändern im Jahre 2006 verschlechtert.
Die unter dem World Class Manufacturing fallenden
Methoden haben zum Ziel, die Arbeiter_ innen mehr
arbeiten zu lassen, indem die «tote Zeit»
und die Ausführung von Arbeitsschritten,
die keinen Mehrwert produzieren, reduziert werden.
Dadurch erhöhen sich jedoch die Erkrankungen
an Muskeln und Gelenken, wie unterschiedliche
Studien belegen. 9
Die
Leitung der Fiat hat ein Referendum innerhalb
des Betriebes organisiert, um dem neuen Abkommen
eine «demokratische Legitimität »
zu verschaffen. Die Abstimmung vom 14. Januar
2011 fiel jedoch wider Erwartungen äusserst
knapp aus (siehe Tabelle unten rechts). Vor allem
diejenigen Personen, die an den Fliessbändern
tätig sind, haben dem neuen Abkommen nicht
zugestimmt. Hingegen äusserten sich die Angestellten
praktisch geschlossen positiv zum neuen Vertrag.
Der Ausgang dieser Wahl wirft Fragen zur Klassenzusammensetzung
und zur gemeinsamen bzw. unterschiedlichen Interessenlage
von Arbeiter_innen und Angestellten auf –
wesentliche Fragen für die gewerkschaftspolitische
Praxis.
Eine
neue Art von Arbeitsbeziehungen
Die
Neuheit dieses Abkommens liegt in erster Linie
im System der Vertretungen von Arbeiter_innen
und Unternehmen. Marchionne hat für die Investitionen
bei Fiat die newco gegründet, die nicht Mitglied
der Confindustria10 wird. Die newco ist
ein durch Fiat ad hoc gegründetes Unternehmen
mit dem Ziel, die Arbeiter_innen eines Betriebes
zu entlassen und sie anschliessend wieder einzustellen,
ohne den Gesamtarbeitsvertrag des Sektors zu respektieren.
Das Unternehmen entzieht sich den bis dahin national
gültigen Regeln bezüglich Arbeitsbedingungen
und gewerkschaftlicher Vertretung in der Industrie.
Dahinter steht die Logik eines puren, transnationalen
Kapitalismus, der keine nationale Vertretung akzeptiert.
Damit ergibt sich eine neue Art von Korporatismus,
der einerseits die Gewerkschaften stark in die
unternehmerische Logik miteinbezieht (amerikanisches
Modell), andererseits Unternehmen erlaubt, aus
den unternehmerischen Dachverbänden und somit
aus dem Geltungsbereich von Gesamtarbeitsverträgen
auszutreten (deutsches Modell).11 Somit
wird die Dezentralisierung der Vertragsverhandlungen
gefördert.12 Die Rede ist von einer
«Rückkehr in die 50er Jahre»13
und einer «modernen Sklaverei».14
Im
Unterschied zu den «gelben» Gewerkschaften,
die sich mit dem neuen Abkommen v.a. einen mittelfristigen
Standorterhalt erhoffen,15 haben die
zwei kämpferischen Gewerkschaften Fiom und
Cobas das Abkommen nicht unterzeichnet und verlieren
somit ihre Vertretung innerhalb der Betriebe.
Die neuen Arbeitsbeziehungen in der Fiat werden
in Zukunft als Beispiel für andere Unternehmen
dienen. Daraus resultieren faktisch nur zwei Handlungsoptionen:
Entweder fügen sich die Fiom, die Cobas und
mit ihnen die kämpferischen Arbeiter_innen
diesen neuen Bedingungen oder der betriebliche
Konflikt wird durch eine breite Mobilisierung
zu einer gesellschaftlichen Angelegenheit gemacht.
Nur so können weitere sozialen Angriffe verhindert
werden. Ein Dazwischen existiert in der aktuellen
Phase des Klassenkampfes nicht.
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Nach
dem 28. Januar: Die Mobilisierung geht weiter
Nach der knappen Annahme des neuen Abkommens
für die Fiat-Produktionsstätte
in Mirafiori hat die Basisgewerkschaft Fiom
zu einem landesweiten Streiktag gegen die
Angriffe der Patrons und der italienischen
Regierung aufgerufen. Ausgehend von den
Geschehnissen rund um Mirafiori hat sich
der Protest auf die allgemeine soziale und
politische Lage des Landes ausgeweitet.
Denn Berlusconi hatte wenige Tage vor der
Abstimmung zum neuen Abkommen während
eines Treffens mit der deutschen Kanzlerin
Angela Merkel kommentiert: «Wenn
das Nein gewinnt, ist es richtig, dass Fiat
Italien verlässt» (corriere.it,
12.1.11). Damit hat sich der italienische
Ministerpräsident einmal mehr als verlängerter
Arm der Kapitalinteressen des CEO der Fiat
Sergio Marchionne entpuppt. Am 28. Januar
liefen dann neben den Arbeiter_innen der
Metallindustrie auch die Student_innen an
den Demonstrationen mit. Gerade ihnen war
es im Dezember 2010 gelungen, breite Mobilisierungen
gegen die Sparmassnahmen im Bildungsbereich
(legge Gelmini) zu organisieren. Gleichzeitig
mobilisierten sich in mehreren Städten
Migrant_innen-Kollektive gegen die xenophobe
Politik des italienischen Innenministers
Roberto Maroni der Lega Nord. Mitte Februar
2011 waren in über 230 Ortschaften
Italiens mehrere Hundetausend Frauen auf
die Strasse gegangen, um gegen den Sexskandal
(Rubygate) von Silvio Berlusconi, das machistische
Frauenbild in Italien und Frauendiskriminierung
bei der Arbeit und in der Gesellschaft zu
protestieren. Um diesen verstreuten sozialen
Bewegungen eine konvergierende Tendenz zu
geben, wurde zu einem «Forum der Oppositionen»
(ilmegafonoquo-tidiano.it, 10.2.11) aufgerufen,
welches ausgehend von sozialen Konflikten
die Voraussetzungen für eine neue Linke
schaffen soll (sinistracritica.it, 10.2.11).
Erfolgreich kann eine solche Initiative
jedoch nur sein, wenn die Radikalisierung
der Bewegungen über weitere Mobili-sierungen
in den Fabriken, den Universitäten
und auf der Strasse weitergeht. |
1
Vgl. zur Geschichte von Fiat TheKla 15. Schichtwechsel.
Fiat und die Arbeiter(innen). Die Immigration
– der Heisse Herbst – der Waffenstillstand
– die 35 Tage.
2
Il sole 24 ore, 10.3.2009.
3
Die Ausweitung des «Leasings» muss
in diesem Zusammenhang analysiert werden: Da sich
die Lohnabhängigen immer weniger Konsumgüter
leisten können, werden neue Kaufmodelle entwickelt,
die Ratenzahlungen erlauben.
4
Fiat hat in Europa neun Produktionsstätten,
sechs davon in Italien, je eine in Polen, in der
Türkei und in Serbien. Das Projekt Fabbrica
Italia wurde zuerst in der Produktionsstätte
bei Pomigliano d'Arco (Neapel) durchgesetzt und
hätte ein Unikum bleiben sollen. Wenige Wochen
später wurde es aber auch in Mirafiori gestartet.
5
Corriere della sera, 22.4.2010.
6
Vgl. Cianferoni, Nicola. Quand la Fiat veut briser
les droits syndicaux. Januar 2011. www.aleoncontre.org.
7
Die Fiom organisiert die Arbeiter_innen der Metallindustrie
innerhalb der Cgil, der grössten «roten»
Gewerkschaft Italiens. Die Cobas sind eine Basisgewerkschaft,
die sowohl kämpferisch wie auch minoritär
ist.
8
Italien befindet sich in einer permanenten sozialen,
politischen und ökonomischen Krise. Seit
der Weltwirtschaftskrise 2007-2008 hat sich die
Situation noch einmal zugespitzt. Auf der Ebene
der Binnenproduktion und des Binnenkonsums stagniert
Italien seit Jahren. Nur der Exportsektor hat
sich in den letzten zwei Jahren wieder erholt,
was auf tiefe Lohnkosten und kapitalfreundliche
Produktionsbedingungen hinweist. Dabei sind die
Nord-Süd-Unterschiede markant. Vgl. La Repubblica,
19.2.2011, S. 28.
9
Vgl. Cannavò, Salvatore. La fatica di lavorare
alla Fiat. Januar 2011. www.ilfattoquotidiano.it
10
Die Confindustria ist der Dachverband der italienischen
Industrieunternehmen und -betriebe, der mit den
Gewerkschaften einen national gültigen Vertrag
abgeschlossen hat.
11
Die Unterscheidung zwischen deutschem und amerikanischem
Modell des Korporatismus wird in einem Artikel
in La Repubblica vom 13.12.2010 vom Professor
für politische Ökonomie an der Universität
Cattolica in Mailand Carlo Dell'Aringa gemacht.
12
Vgl. Così lo «tsunami Marchionne»
sconvolge le relazioni industriali. La Repubblica,
13.12.2010.
13
La Repubblica, 24.12.2010.
14
Operai Contro, 31.12.2010.
15
Il sole 24 Ore, 31.12.2010. |