| „Iss
deinen Teller aus – denk an die armen Kinder
in Afrika!“ Die Erinnerung an diesen Spruch
aus der Kindheit kommt mir auch heute manchmal
wieder, wenn ich in der Kantine mit vollem Bauch
vor einem noch immer halbvollen Teller sitze.
Als Kind fragte ich mich dann jeweils, ob und
warum die Kinder in Afrika denn mehr zu essen
haben, wenn ich meinen Teller leer esse? Ein paar
Jahre später dämmerte mir, was mit der
Aufforderung, den Teller leer zu essen, verbunden
sein musste: Sei froh, dass du nicht hungern musst
und dass es das Schicksal mit dir besser meint
als mit den Kindern in Afrika. Aber warum meint
es das Schicksal oder der liebe Gott (an dessen
Existenz ich inzwischen sowieso langsam zu zweifeln
begann...) denn immer so schlecht mit den Menschen
in Afrika? Vielleicht hat es mit dem Wetter zu
tun. In Afrika ist es sehr heiss und es hat wohl
lange nicht mehr geregnet.
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| Tamil
Nadu, Indien: Reis ist in vielen Ländern
Asiens das wichtigste Grundnahrungsmittel.
Auf den Philippinen und in Indonesien kam
es zu Aufständen, nachdem sich der Weltmarktpreis
in kürzester Frist vervierfacht hatte. |
Schicksal
ist Schicksal?
Das
Klima ist ein gängiges Erklärungsmuster
für den Hunger in den Ländern des Südens.
Für die verheerenden Hungersnöte, die
im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts in Brasilien,
Indien, China und in einem grossen Teil Afrikas
ausbrachen und insgesamt schätzungsweise
um die 50 Millionen Menschen das Leben kosteten,
machen Wirtschaftshistoriker in erster Linie Dürren
und die damit verbundenen Ernteausfälle verantwortlich.
Und fügen dann noch hinzu, dass die beginnende
Industrialisierung sicher mehr Menschenleben hätte
retten können, wenn sie zum damaligen Zeitpunkt
schon weiter fortgeschritten gewesen wäre.
Dieser Einschätzung stellt sich Mike Davis
in seinem 2004 in deutscher Sprache erschienenem
Buch „Die Geburt der Dritten Welt“1
diametral entgegen: Die Hungersnöte waren
nicht einfach Folge extremen Wetters. Davis kann
auf über 400 Seiten überzeugend nachweisen,
dass es das Zusammenspiel von extremen weltweiten
Veränderungen des Klimas (El-Niño
Southern Oscillation), einer zunehmend integrierten
Weltwirtschaft, der zugehörigen Freihandels-ideologie
und dem Imperialismus war, das zu dieser Katastrophe
führte: „Millionen starben nicht ausserhalb
des 'modernen Weltsystems’, sondern im Zuge
des Prozesses, der sie zwang, sich den ökonomischen
und politischen Strukturen anzupassen. Sie starben
im goldenen Zeitalter des liberalen Kapitalismus;
viele wurden durch die dogmatische Anwendung der
heiligen Prinzipien von Smith, Bentham und Mill
regelrecht ermordet“ (Davis 2004, S.
18). So hat beispielsweise der im 19. Jahrhundert
erfolgte Anschluss Indiens an den freien Markt
und die Erschliessung des Landes mittels der Eisenbahn
nicht zu der segenreichen
„Modernisierung“ geführt, von
der die liberalen Ökonomen in ihren Theorien
fabulieren. Während durch manche Regionen
Indiens Züge voller Weizen rollten, die für
den Export nach Europa bestimmt waren, hungerten
Tausende entlang der Schienenwege. Die Spekulation
mit Getreide und die explosionsartig steigenden
Preise machten den Armen den Erwerb durchaus vorhandener
Nahrungsmittel unmöglich. Die Exportwirtschaft
wurde durch Monokulturen gefördert („cash
crops“), während für die Versorgung
der Bevölkerung nur noch die weniger ergiebigen
Felder zur Verfügung standen. Das über
Jahrhunderte entstandene System der gegenseitigen
Hilfe und der Umverteilung und die traditionell
praktizierten Abwehrmechanismen
(Vorratsspeicherung, Bewässerungssysteme,
Hochwasserkontrolle, Erosions-schutz), die bisher
in Zeiten extremer klimatischer Bedingungen die
Nahrungssicherheit stützten, wurden durch
die Kolonialmacht radikal geschwächt.2
Hungerkrise
als Symptom eines
globalisierten Kapitalismus
Mike Davis Untersuchung zeigt auf, dass ein ganzes
Bündel von sich wechselseitig beeinflussenden
klimatischen, ökonomischen, historischen
und politischen Faktoren dazu beitrug, dass es
in verschiedenen Ländern im auslaufenden
19. Jahrhundert zu einem massenhaften Sterben
kam. Allerdings konnten diese Faktoren oft erst
durch die imperialistische Politik ihre fatalen
Wirkungen entfalten – was von den Verantwortlichen
als “Kollateralschaden“ in Kauf genommen
wurde.
Für
die heute akute Hungerkrise, die in den letzten
Wochen zu Aufständen in verschiedenen Ländern
geführt hat, sind offensichtlich einige vergleichbare
Faktoren verantwortlich:
Spekulation mit dem Hunger
Die
Spekulation mit dem Hunger: Nicht ein Mangel an
Lebensmittel, sondern die explodierenden Preise
führen dazu, dass Millionen Menschen ihre
täglichen Grundbedürfnisse nicht mehr
stillen können. Es ist kein Zufall, dass
die Preisexplosion genau dann begann, als in den
USA die Häuserpreise zu fallen begannen.
Angesichts der desolaten Lage auf den internationalen
Finanzmärkten (Subprime-Krise) suchen Hedgefonds
und Pensionskassen auf dem Agrar- und Lebensmittelmarkt
fieberhaft nach neuen Anlagemöglichkeiten.
In der Rubrik „Anlagefonds“ bei den
grossen Tageszeitungen lässt sich das Gewinnpotenzial
der Rohwaren täglich mitverfolgen.
Neoliberale
Umstrukturierungen
Gestern
wie heute werden Länder gezwungen, sich den
ökonomischen und politischen Strukturen des
Imperialismus anzupassen, weil ihre Arbeitskraft
und ihre Produkte in die globale Weltwirtschaft
integriert werden. War es im 19. Jahrhundert die
imperialistische Politik der Kolonialmächte,
die für die verheerende Hungerpolitik verantwortlich
gemacht werden muss, wird die „brillante
Organisierung des Hungers“ (Bert Brecht)
heute von Institutionen wie der WTO, dem IWF und
der Weltbank orchestriert, die mit ihrer jahrzehntelangen
Liberalisierungs-, Privatisierungs- und Investitionspolitik
die systematische Vernichtung der bäuerlichen
Landwirtschaft vorantrieben.
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| Kerala,
Indien: KleinbäuerInnen haben auf dem
Weltmarkt ein schweres Los. |
Die
Philippinen – heute stark betroffen von
der Nahrungsmittelkrise – sind ein eindrückliches
Beispiel, wie ein Land durch neoliberale Restrukturierungen
innert 20 Jahren von einem landwirtschaftlich
fast selbstversorgenden Land zum weltweit grössten
Reis-Importeur3 wurde. IWF und Weltbank tragen
mit der im Anschluss an die Schuldenkrisen der
80er-Jahre initiierten Politik der Strukturanpassungen
Verantwortung für die Wirtschaftsstrukturen,
die zum heutigen Desaster führen und die
die Ernährungssouveränität des
Landes untergraben. Um die Schulden zurückzuzahlen,
wurde das Land gezwungen, die öffentlichen
Ausgaben drastisch zu kürzen und sich dem
Weltmarkt anzuschliessen, indem die Landwirtschaft
auf den Export ausrichtet wurde. Grossflächige
Monokulturen („cash crops“) verdrängten
den Anbau für den Eigenbedarf sowie für
lokale Märkte, Kleinbauern wurden von ihrem
Land vertrieben. Mit dem Eintritt in die WTO 1995
wurde die philippinische Landwirtschaft noch stärker
liberalisiert und die Importzölle für
landwirtschaftliche Produkte wurden gesenkt. Die
lokalen Bauern verloren den Konkurrenzkampf mit
den oft von Agromultis hergestellten und häufig
subventionierten Produkten
des Weltmarkts, die zu Dumpingpreisen die philippinischen
Märkte überschwemmten. Die Philippinen
wurden in der Folge vom Reis-Exporteur zum Importeur
und damit abhängig von den spekulativen Nahrungsmittelpreisen.
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| Chennai,
Indien: Vor allem die städtische Bevölkerung
ist von den explodierenden Preisen der Grundnahrungsmittel
betroffen. |
Verstädterung
Die
Politik der Deregulierung der Landwirtschaft und
der sogenannten Entbäuerlichung hat die Abwanderung
von überflüssig gewordenen Arbeitskräften
des Agrarsektors in städtische Slums beschleunigt.
Seit einem Jahr leben laut UNO weltweit mehr Menschen
in den Städten als auf dem Land, 1 Milliarde
davon kämpfen in Slums und Favelas ums Überleben.4
Es ist diese städtische Bevölkerung,
die jetzt am meisten betroffen ist von den steigenden
Nahrungsmittelpreisen. Auch im Indien des 19.
Jahrhunderts waren es nicht etwa die Menschen
in den abgelegenen Regionen, die am meisten Hunger
litten, sondern jene, die durch die Eisenbahn
an den Welthandel angebunden worden waren (Davis
2004, S. 118f.).
Die
alltägliche Not geht weiter
„Der
freie Markt kollabiert“, schreibt Der
Spiegel (24.05.2008) und verschleiert, dass
Märkte immer „gemacht“ werden.
Laut der allseits verbreiteten Ideologie funktionieren
Märkte spontan - woraus folgt, dass man im
Kapitalismus niemandem die Schuld geben kann,
weil die Dinge aufgrund unbekannter Mechanismen
einfach so passieren. Auch heute ist eine Freihandelsideologie
dafür verantwortlich, dass in Ländern
gehungert wird, die eigentlich genug Nahrungsmittel
bereitstellen könnten. Aber statt daraus
Lehren zu ziehen, wurde am 19. Mai 2008 in Genf
die Doha-Handelsrunde wieder aufgenommen, um die
Liberalisierung der Agrarmärkte weiter voranzutreiben.5
Die Semantik der Hungersnot macht allzu häufig
die „normale“, tägliche Armut
unsichtbar. Eine Hungersnot ist Teil eines Kontinuums:
„Sie beginnt mit der stummen Gewalt der
Unterernährung, die ihr vorausgeht und sie
bedingt, und endet mit dem tödlichen Schatten
körperlicher Schwächung und Krankheit“
(Davis 2004, S. 31). Was heute als plötzlich
auftretende Hungersnot daherkommt, hat eine äusserst
komplizierte politische Entwicklungsgeschichte.
In der aktuellen Debatte wird die Hungerkrise
insbesondere auf den Klimawandel, Agrotreibstoffe
und veränderte Konsumgewohnheiten zurückgeführt.
Ein sofortiger Stopp der Agrosprit-Förderung
ist zweifellos eine dringende Forderung (vgl.
dazu Debatte Nr. 3). Genauso unverzichtbar ist
es jedoch, sich mit den grundlegenden Widersprüchen
des globalisierten Kapitalismus auseinanderzusetzen.
Mike Davis’ Buch über die fabrizierten
Krisen im 19. Jahrhundert ist dabei aufschlussreich
und erscheint in der globalen Enteignungsökonomie
des 21. Jahrhunderts aktueller denn je.
1 Mike Davis
(2004): Die Geburt der Dritten
Welt. Hungerkatastrophen und Massenvernichtung
im imperialistischen Zeitalter. Assoziation A.
2 Vgl. dazu
auch Rosa Luxemburg (1913),
Die Akkumulation des Kapitals, 27. Kapitel:
Der Kampf gegen die Naturalwirtschaft.
3 Vgl. dazu
Walden Bello, „How to Manufacture
a Global Food Crisis: Lessons from
the World Bank, IMF, and WTO“, in The
+ation (02.06.2008), abrufbar unter
www.focusweb.org.
4 Vgl. dazu
den U+-Habitat-Bericht 2007,
„Zur Lage der Städte der Welt 2006/2007“,
United +ations Human Settlements Programm,
www.unhabitat.org und Mike Davis’
neues Buch „Planet der Slums“ (2007,
Assoziation A).
5 Infos dazu: www.viacampesina.org und
www.tradeobservatory.org genevaupdate.
cfm, „Seven Reasons Why the Doha Round
Will Not Solve the Food Crisis“.
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