| Kürzlich
stellte mir ein kanadischer Radiosender die Frage,
welche Veränderungen ich von der Präsi-dentschaft
Obamas erwarte. Nun, die Änderungen, die
mich interessieren, werden weder von Obama noch
sonst einer Präsidentschaft kommen. Mein
Buch Barack Obama and the Future of American
Politics zeigt auf, dass Obama eng mit den
Führungszentren der Finanzwelt verbunden
ist und Verbindungen zu höchsten politischen
Ämtern, Konzernen, der Wallstreet, dem Pentagon
und aussenpolitischen Institutionen hat. Er wäre
niemals so weit gekommen, wenn er an diesen dominierenden
institutionellen Zusammenhängen gerüttelt
hätte.
Nicht
umsonst hat Obama 33 Millionen Dollars von der
Finanzwelt (u.a. vom Immobiliengeschäft und
von den Versicherungsgesellschaften) und eine
bemerkens-werte Bevorzugung durch die monopolistischen
Medien erhalten.
Er
hat wiederholt die absurde Behauptung gemacht,
dass „wir“ den Irak in bester Absicht
überfallen hätten (Förderung der
Demokratie usw.), – überfallen, um
zu helfen. Die Wahrscheinlichkeit, dass solch
ein Präsident frei vom Druck der Massen,
dem Druck einer mobilisierten und wütenden
Bevölkerung eine fortschrittliche Politik
betreiben wird, ist sehr gering. Anfang des Jahres
schrieb Howard Zinn1,
dass die demokratische Partei immer nur dann mit
ihrem historischen Konservatismus, der Begünstigung
der Reichen und ihrer Vorliebe für Krieg
gebrochen habe, wenn sie – wie in den 30er
oder 60er Jahren des 20. Jahrhunderts –
durch eine Rebellion von unten herausgefordert
worden ist. Die Obama-Administration wird keine
magische Ausnahme dieser historischen Realität
sein.
„Die
Mächtigen“, bemerkte Frederick Douglass2
einmal, „werden niemals kampflos zu Zugeständnissen
bereit sein.“
Ein
Kandidat der Führungsschicht
Obama
ist ein Kandidat der Führungsschicht, der
den Auftrag hat, demokratische Legitimität
in einem brüchigen, autoritären, kapitalistischen
Staat wiederherzustellen.
Die
erste Rede unseres angeblich „linken“
Präsidenten war nicht ein Ruf nach Frieden,
Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. Es war eine
Erklärung, die die widersinnige Behauptung
der amerikanischen Plutokratie stützen sollte,
dass die USA – ein Land mit höchst
ungleichen Besitzverhältnissen – die
Heimat einer grossartigen Demokratie sei und unendliche
Möglichkeiten für alle biete.
In
diesem Jahrhundert sind wir Zeugen eines monumentalen,
kriminellen petroimperialistischen Überfalls
auf den Irak geworden. Dieser Krieg wurde der
amerikanischen Bevölkerung durch eine spektakuläre
Medienpropaganda nahe gebracht (inklusive der
absurden Äusserung zu den „demokratischen“
Absichten, die Obama proklamiert hat).
Howard
Zinn schrieb im vergangenen Frühling: „Lasst
uns vor Augen halten, dass – auch wenn es
im Weissen Haus einen “besseren” Kandidaten
gibt (ja, besser Roosevelt als Hoover, besser
irgend jemand als Georg Bush) – dieser Unterschied
nichts bedeuten wird, solange sich die Macht der
Bevölkerung nicht durchsetzen kann. Ohne
einen Aufstand der Bevölkerung wird sich
die demokratische Partei heute nicht vom Zentrum
wegbewegen. Die zwei führenden demokratischen
Präsidentschaftskandidaten hatten klargemacht,
dass sie die aktuelle Politik, falls gewählt,
nicht gross verändern werden. Sie würden
beispielsweise den Irakkrieg nicht sofort beenden,
auch kein System aufbauen, das eine kostenlose
medizinische Versorgung gewährleisten würde.
Fast alles bliebe beim Alten. Sie schlagen nicht
etwa die Massnahmen vor, nach denen sich die Bevölkerung
verzweifelt sehnt,
beispielsweise: Arbeitsplatzgarantie, Mindestlohn,
Schutz vor Zwangsräumungen oder vor dem Verfall
des Grundstücks an den Gläubiger. Sie
schlagen ebenso wenig radikale Kürzungen
des Militärbudgets wie radikale Änderungen
des Steuersystems vor, was durch einfache Optimierungen
Milliarden oder sogar Billionen abwerfen würde,
die man wiederum für soziale Zwecke verwenden
könnte.“
Die Marke Obama
„Unser
Wahlkampf“, sagte Obama kurz nach seiner
Wahl, „wurde nicht in den Vorzimmern von
Washington ausgeheckt.“
Doch,
das wurde er. „An einem Abend im Februar
2005“, berichtete die Chicago Tribune letztes
Jahr, „haben Barack Obama und seine Berater
an einem vierstündigen Treffen, versorgt
mit Pepperoni-Pizza und grossem Ehrgeiz, eine
Strategie zur Einführung der Marke Obama
ausgearbeitet.“ Die Story der Chicago Tribune
weist auf einen Grad an Zynismus, Manipulation
und Ehrgeiz hin, der nicht so gut in das fortschrittliche,
hoffnungsvolle Bild des Obama-Wahlkampfes passt.
Der Politiker, der vermarktet werden sollte, musste
sicherstellen, nicht überheblich sondern
bescheiden zu wirken. Doch im besagten Bericht
waren Obama und sein Team viel mehr geradezu begierig
nach dem „hellen Licht“ und „den
Schlagzeilen“ im Sinne einer „langfristigen
Wirkung“. Sie hielten bereits Ausschau nach
der Präsidentschaft, nachdem er weniger als
ein Monat auf seinem Senatssitz sass.
Das
Bild eines Obamas als ein bescheidener und hart
arbeitender Neuling, der mit seinen Anhängern
Parteigrenzen überwindet, war Bestandteil
einer Marketingstrategie auf dem Weg zu einem
höheren, ja dem höchsten Amt. Der Ausdruck
„Marke Obama“ deutet auf die kommerzialisierte
Natur einer politischen Kultur hin, die darauf
tendiert, Wahlen auf einen Wettstreit zu reduzieren,
bei dem es sich nur um Images der Kandidaten dreht
– verpackt und verkauft von Beratern und
Public Relations-Agenten.
Auch
andere „Zentren“ von Wohlstand und
Macht haben Obama ausgebrütet: die LaSalle
Street (das Finanzdistrikt Chicagos), die Wall
Street (Goldman Sachs alleine gab Obama an die
900'000 Dollars für seine 07-08-Kampagne)
und die Zentralen der Monopolmedien.
Abkommen
mit der Machtelite
Als
erstes hat Obama den säbelrasselnden Vollstrecker
der Machtelite, Rahm Emanuel, zu seinem Stabschef
ernannt. Dies ist ein Schlag ins Gesicht aller
Linksprogressiven, die denken, der nächste
Präsident sei einer von ihnen.
Emanuel
ist ein früheres Mitglied des Democratic
Leadership Council (DLC), einer neoliberalen Vereinigung,
die von geschäftsorientierten Eliten gegründet
wurde, um die demokratische Partei von Gewerkschaften,
Umweltschützern, Schwarzen und Zivilrechtsorganisationen
fernzuhalten.
Emanuel
war unter der Clinton- Administration ein führender
Vertreter des „North American Free Trade
Agreement“, einem Freihandelsabkommen im
Dienste der konzerndominierten Globalisierung
und der Erschliessung neuer Märkte. Und er
ist ein führender Verbindungsmann zwischen
Spendenquellen von Unternehmen und der Demokratischen
Partei.
Der
Sohn eines wohlhabenden israelischen Arztes ist
ein leidenschaftlicher Verteidiger des israel
ischen Apar theid- Regimes und der illegalen Besetzung
Palästinas.
Der Rest von Obamas Kabinett wird in etwa demselben
Stil zusammengestellt sein. Bereits höre
ich Menschen nichtweisser Hautfarbe, die sich
mit der Besetzung Afghanistans und des Iraks auf
eine Art und Weise identifizieren, wie sie es
ohne Obama nie getan hätten. Dies mag das
Schlimmste am Ganzen sein.
Obama
ist nichts als ein glanzvoller Auftakt, das bestehende
System zu legitimieren – eine Meisterleistung
der herrschenden Klasse. Er ist die werbewirksame
Frischzellenkur einer nur scheinbar fortschrittlichen,
gemanagten Demokratie
*
Paul Street ist unabhängiger Politikwissenschaftler,
Journalist und Historiker. Er hat mehrere Bücher
geschrieben, darunter:
„Obama and the Future of American Politics“
(2008). Der vorliegende Text ist ein Auszug aus
seinem Artikel in Z-Mag:
www.zmag.org/znet/viewArticle/19414.
1 Howard Zinn ist U.S. Historiker und Politikwissenschaftler,
Autor von „A People's History of the United
States“, vgl. unseren
Beitrag dazu in der Debatte Nr.4.
2 Douglass ist einer der prominentesten Figuren
in der Afroamerikanischen Geschichte. 1872 wurde
Douglass als allererster Afroamerikaner zum Kandidaten
für die Vizepräsidentschaft nominiert.
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Die
Konturen von Obamas Führungsteam
In Obamas Führungsteam zeichnen sich
keine Überraschungen und wenig Wandel
ab. Im Gegenteil:
-
Der republikanische US-Verteidigungsminister
Robert Gates soll noch mindestens ein
Jahr im Amt bleiben und wenigstens vorübergehend
auch unter dem neuen Präsidenten
Obama das Pentagon leiten.
- James
Johns, Vietnam General, Ex-Oberkom-mandierender
der Nato, ein Haudegen klassischer Natur,
wird zum Sicherheitsberater.
Also
zwei alte Bush-Krieger im neuen Kabinett
– ob
dies zum baldigen Ende des Krieges im
Irak führt?
-
Die ehemalige Irakkriegsbefürworterin
Hillary Clinton wird neue Aussenministerin.
-
Timothy Geithner, Präsident der
New Yorker Fed (Federal Reserve, US-Zentralbanksystem)
und Schlüsselfigur im aktuellen
Bailing out der Grossbanken, wird neuer
Finanzminister.
-
David Axelrod, der “Obama-Macher”
und Wahlkampfleiter, wird Pressesprecher
des Weissen Hauses.
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