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Erinnern wir uns an den Überfall auf die
Gaza-Hilfsflotte in internationalen Gewässern
vom 31. Mai 2010? Neun unbewaffnete Zivilisten
wurden bei diesem Piratenakt getötet. Es
gibt keinen Zweifel, dass es sich dabei um eine
kaltblütig geplante Tötungsmission handelte,
die der weltweiten Solidaritätsbewegung mit
der drangsalierten Bevölkerung Palästinas
eine blutige Lehre sein sollte.

Erinnern
wir uns, wie die «westliche Welt»,
die Repräsentanten der USA und ausnahmslos
aller Staaten Europas den Aktivitäten der
kosovarischen Guerilla gegen die serbischen Machthaber
applaudierten und diese, ohne zu zögern,
mit Waffenlieferungen und Nato- Bomben unterstützten?
Da war keine Rede von Terrorismus, obwohl auch
diese Paramilitärs unzählige Tötungsaktionen
an Zivilisten verübten.1
Erinnern
wir uns an die Wellen der öffentlichen Empörung
und die sofortige Entsendung von Kriegsschiffen
ins «Krisengebiet», als ausgefischte
Fischer Somalias damit begannen, Schiffe der Industrieländer
auf offener See zu attackieren, um Lösegelder
zu erpressen? Vor der Küste Israels kreuzen
zwar auch die Schiffe der wichtigsten UNONationen,
doch ihre Aktivität richtet sich ausschliesslich
gegen die Verteidiger des kleinen Libanon, den
Piratenakten der israelischen Marine wurde tatenlos
zugeschaut.2
Erinnern
wir uns an die Ermordung eines palästinen-sischen
Geschäftsmannes und Hamas-Mitglieds in Dubai
durch den israelischen Geheimdienst Mossad am
19. Januar 2010, die darauffolgende kurze, diplomatische
Empörung und die Tatsache, dass bisher von
den etwa 30 involvierten Agenten gerade mal einer
kurz in Polizeigewahrsam war. Die deutsche Justiz
hat ihm nicht etwa Beihilfe zum Mord vorgeworfen,
sondern nur, dass er sich einen Deutschen Pass
erschlichen haben soll, um unter fremder Identität
am Attentat teilnehmen zu können.
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| Mitglieder
der Besatzung der «Mavi Marmara»
pflegen einen Israelischen Soldaten, der beim
Angriff auf das Schiff verletzt wurde. |
Hamas
oder Fatah?
Es
gibt keine Gründe, den von Hamas vertretenen
politischen Islamismus zu begrüssen, er wird
den Menschen in Palästina nicht die erhoffte
Selbstbestimmung bringen. Auch die korrupte Clique
um «Ministerpräsident » Abbas,
die es mehr auf die Dollarmillionen der Obama-Administration
abgesehen hat als auf die Befreiung Palästinas,
verdient keine Sympathie. Was verteidigt werden
muss, sind die international verbrieften Rechte
der palästinensischen Bevölkerung: das
Ende des Besatzungsregimes, die volle Souveränität
und Gleichberechtigung und das unabdingbare Recht
auf Rückkehr der Vertriebenen sowie die Rückgabe
ihres Besitzes. Dieser Kampf braucht unsere uneingeschränkte
Unterstützung. Dabei ist zu respektieren,
dass die Bevölkerung Palästinas, wenn
sie in ihrer Situation einmal die Wahl hat, diejenigen
wählt, die ihr am glaubwürdigsten die
Befreiung vom Joch der israelischen Besatzung
versprechen. Spricht man übrigens mit gewöhnlichen
Menschen in den besetzten Gebieten, dann sagen
sie unisono, alle wirklich glaubwürdigen
politischen Vertreter sässen in israeli-schen
Gefängnissen.
Wer
sind die Extremisten?
Ausnahmslos
alle Massenmedien der westlichen Welt (man vergleiche
einmal mit der Berichterstattung von Al Jazeera:
http:// english.aljazeera.net) werden nicht müde,
die palästinensischen Seite des Extremismus
zu beschuldigen. Kaum eine Erwähnung von
Hamas ohne den Zusatz «radikalislamisch
». Müsste man sich, im Sinne der Ausgewogenheit,
nicht auch die Frage nach dem zionistischen Extremismus
stellen? Als was müsste man denn die nationalreligiösen
Fanatiker der Siedlerbewegung bezeichnen, die
ungestraft und unter Duldung der israelischen
Armee jeden Tag palästinensische Bauern terrorisieren,
ihre Felder und Plantagen abbrennen, ihre landwirtschaftlichen
Einrichtungen zerstören?
Ein
Hoffnungsschimmer
Noch
vor 20 Jahren wäre es völlig undenkbar
gewesen, in einem westlichen Massenmedium eine
harsche Kritik an der israelischen Politik zu
finden. Die Entwicklung elektronischer Kommunikationsmittel,
welche die Verbreitung unabhängiger Informationen
inzwischen massiv erleichtert hat, verunmöglicht
heute diese Zensur, wenn auch immer noch die israelfreundliche
oder zumindest verständnisvolle Berichterstattung
dominiert.
Noch
wichtiger aber ist, dass sich in den vergangenen
Jahrzehnten eine Solidaritätsbewegung entwickelt
hat, die sich immer weniger von der allgegenwärtigen
zionistischen Propaganda beeindrucken lässt.
Gerade linke und antifaschistische Kreise, die
an der Geschichte der Verfolgung und Vernichtung
der Juden ehrlichen Anteil nehmen, sind nicht
mehr bereit, den israelischen Zionisten ungestraft
die Kolonisierung, Vertreibung und Zerstörung
einer anderen Bevölkerungsgruppe zu erlauben.
Dadurch haben sich auch zionismuskritische jüdische
Kreise ermuntern lassen, mit einer Gegenposition
zur unkritischen Unterstützung Israels durch
die dominierenden Repräsentationsorgane der
Juden in den USA und Europa an die Öffentlichkeit
zu treten.3
Zudem
haben sich innerhalb der palästinensischen
Zivilgesellschaft eine grosse Zahl von regierungs-unabhängigen
Komitees, Gewerkschaften und Genos-senschaften
gebildet, die in Erkenntnis des Scheiterns des
bewaffneten Kampfes gegen einen derart übermächtigen
Gegner und seine Verbündeten einen beeindruckenden
Kampf auf gewaltloser Ebene führen.4
Das Zusammengehen dieser Pole ermöglicht
heute eine weltweite Kampagne mit dem Namen «BDS»,
was für Boykott, Desinvestierung und Sanktionen
steht.5
Das
israelische Reut-Institut, Medienagentur und prozionistischer
Thinktank, hat bereits festgestellt, dass diese
weltweite Kampagne dem israelischen Kolonialismus
bald mehr Probleme bescheren könnte als die
waffentragenden Gruppen von Hamas und Jihad.6
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| Gaza-Freedom-March,
Kairo im Dezember 2009. Mitglieder des International
Jewish Antizionist Network fordern die Verhaftung
Netanyahus. |
Der
Rollback
Aus
der Quelle solcher Institutionen kommt dann auch
der jeweilige Rollback gegenüber israelkritischen
Berichten in den Medien.7
Als
Rollback muss auch wahrgenommen werden, dass die
schweizerische UBS seit Kurzem dazu übergegangen
ist, jegliche Geldtransfers an Solidaritätsgruppen,
welche in einem Zusammenhang mit Palästina
stehen, zu verweigern. Gelder für Waffendeals
mit Israel sind davon selbstverständlich
nicht betroffen.
Und
es gibt auch eine Form von Rollback, der nicht
auf den ersten Blick ersichtlich ist. Verschiedene
Autoren und Journalisten sind zu einer Politik
übergegangen, «zu retten, was noch
zu retten scheint». Aus der durchaus intelligenten
Erkenntnis heraus, dass die Entwicklung in Palästina
auf die Dauer gesehen aus demografischen und anderen
Gründen für die Zionisten nicht gut
ausgehen wird, kritisieren sie Israel einerseits
heftig, um andererseits alles zu tun, den Palästinensern
keine wirklichen Rechte zuzugestehen. Ziel ihrer
Taktik ist, für die Palästinenser eine
Bantustanlösung vorzubereiten, welche sie
in völliger wirtschaftlicher Abhängigkeit
von Israel und wehrlos gegen Übergriffen
lässt und der Welt eine sogenannte «Zweistaatenlösung»
vorgaukeln soll.
1
Eine der seltenen kritischen Beschreibungen der
«Befreiungsbewegung» des Kosovo, in
der Süddeutschen
Zeitung: www.sueddeutsche.de/politik/kosovo-krieg-alsdie-
menschenrechte-schiessen-lernten-1.457678.
2 http://de.wikipedia.org/wiki/
Piraterie_vor_der_Küste_Somalias
3 Siehe beispielsweise das «Internationale
Jüdische
Antizionistische Netzwerk» (IJAN): www.ijsn.net/
atranslation/233/.
4 Siehe: http://bdsmovement.net/?q=node/54.
5 Die Adresse der schweizerischen Bewegung hier:
www.bds-info.ch.
6 Siehe: www.reut-institute.org.
7 Ein Beispiel ist der Text von Sonja Margolina
in der
NZZ vom 17. Juni 2010 mit der Untertitelung: «Das
«Friedensschiff» ,Mavi Marmara‘
- ausgesandt um Blut
zu ernten.» oder Sven Behrisch in «Das
Magazin»:
http://dasmagazin.ch/index.php/«das-war-100-
prozent-in-ordnung». |