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«Ein
Streik in Frankreich wird heute gar nicht
mehr bemerkt» (Bild) – mit diesen
Worten provozierte Präsident Sarkozy
die Lohnabhängigen. Diese traten den
Gegenbeweis an. |
Es
geht heute ums Durchhalten: Das Gesetz über
die Renten muss aufgehoben werden, Ziel ist die
Rückkehr zu 37,5 Beitragsjahren und zur vollen
Rente mit 60 Jahren. Obschon die Regierung ihre
Reform durchsetzen konnte, ist es keine kampflose
Niederlage. Millionen Lohnabhängige und Jugendliche
lösten sich aus Präsident Sarkozys Erpressung
im Namen der «Opfer», die es zu erbringen
gelte.
Die
Bewegung markiert einen Bruch, eine Erneuerung.
Tausende Aktivist_innen-gruppen im ganzen Land
haben wieder Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit
gewonnen, in den kollektiven Kampf zur Verteidigung
der eigenen Interessen, in die Methoden des Klassenkampfes,
in die handlungsfähige Demokratie.
Die Erfahrung und Erinnerung an die kraftlosen,
verstreuten Aktionstage von 2009 haben zum Aufbau
eines neuen Bewusstseins beigetragen, das die
Bewegung viel weiter getrieben hat, als es die
Gewerkschaftsspitzen je wollten.
Die Konfrontation mit der Macht hat die Basis
der Bewegung selbst geführt und getragen,
mit denjenigen Aktivist_innen, die am meisten
Entschlossenheit und Kampfbereitschaft mitbrachten.
Nicht nur gegenüber der Regierung, sondern
auch gegenüber all jenen, die in der ganzen
Protestphase versuchten, die Bewegung zur Einhaltung
der scheinbaren institutionellen Legitimität
zu verpflichten.
Es ist etwas Bedeutsames passiert, und es kann
heute niemand voraussagen, wann die Kämpfe
wieder aufflammen werden. Eine notwendige Vorbedingung
dafür ist das Verständnis der Stärken
wie auch der Schwächen der Bewegung. Diesen
qualitativ neuen Schritt der Proteste gilt es
nicht zu übertreiben, jedoch in seiner ganzen
Bedeutung zu erfassen. Auch müssen wir verstehen,
was fehlte, um die Entwicklung wirklich umzudrehen.
Wir müssen uns vom Druck der Gewerkschafts-
und Politapparate lösen, die die Bewegung
nur «begleitet» haben, um sie besser
zu kontrollieren und in ihren Einflussbereich
zurückzuführen – in den Einflussbereich
des sozialen und institutionellen Dialogs...
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Streik:
Auch die französische Zentralbank muss
schliessen. |
Streiks
im Vorfeld der Bewegung
Die aktuellen Kämpfe kündigten sich
bereits durch die vorangehenden Streiks bei EDF1
oder der Post an, und die kämpfenden Belegschaften
von Caterpillar, Sony, Molex, 3M hielten gar ihr
Management fest («Bossnapping»). Demgegenüber
blieben die Gewerkschaftsspitzen an der Plattform
des Gewerkschaftsbündnisses Intersyndicale
vom 5. Januar 20092 kleben, die weiterhin
am «sozialen Dialog» festhielt. Nationale
Aktionstage wurden bewusst mit grossen Abständen
angesetzt, laufende Kämpfe wurden nicht in
eine gemeinsame Perspektive zusammengefasst, es
wurde kein Zusammenfliessen der Kämpfe angestrebt,
die Verallgemeinerung der Proteste war nicht Ziel
der Gewerkschaftsspitzen.
Die ersten Versuche zur Koordination kamen von
den Lohnabhängigen von Continental, Goodyear,
New Fabris, Ford usw., die sich über die
Gewerkschaftsapparate hinweg miteinander in Verbindung
setzten.
Anfang 2010 lancierte Sarkozy seine Pläne
zur Rentenreform, mit der Aufforderung an die
Gewerkschaften, sich den Massnahmen zur Rettung
der Interessen der Konzerne zu beugen. Sarkozy
forderte in dieser Frage einen «nationalen
Konsens». Jedoch sahen die Lohnabhängigen,
dass die Börsenprofite des CAC 403
Rekordhöhen erreichen. An den Regionalwahlen
von März 2010 erhielt die Partei Sarkozys
eine schallende Ohrfeige. Eric Woerth4,
der in zahlreiche Affären verwickelte Arbeitsminister,
«konsultierte» derweil fleissig die
«Sozialpartner» zur Rentenfrage und
führte gleichzeitig eine öffentliche
Kampagne zur Entmutigung der Lohnabhängigen.
Am 16. Juni 2010 wurde das Projekt zur Rentenbeschneidung
auf den Tisch gelegt.
Nach einer gelungenen Demonstration am 24. Juni
ebbte die Bewegung über die Sommermonate
nicht ab. Währenddessen verkünden Bernard
Thibault5 und François Chérèque6,
dass sie kein politisches Kapital aus den Affären
um Minister Woerth schlagen wollen! Sie möchten
lediglich eine «Neufassung» des Gesetzesentwurfs
zur Rentenreform. Sarkozy beschliesst, das Gesetz
mit einem Kraftakt durchzubringen.
Es verbreitet sich die Einsicht, dass gegen diese
taube Regierung nur die Blockade des Landes und
der Streik helfen können. Die Bewegung ist
tief verwurzelt und breitet sich immer mehr aus,
fasst Vertrauen. Insbesondere ab dem 12. Oktober
2010, als in verschiedenen Bereichen, Raffinerien,
Häfen, der Bahn und teils im Transport und
im Bildungswesen das Mittel des unbefristeten
Streiks ergriffen wird.
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Hände
weg von meiner Rente! Der untere Spruch
zitiert einen Ausrutscher Sarkozys gegenüber
einem Besucher einer Landwirtschaftsmesse:
«Hau ab, du Idiot!» |
Eine
neue Qualität von Widerstand
Auch schliessen sich Jugendliche aus Mittelschulen
und teils auch aus den Universitäten der
Bewegung an. Zusammen mit den sich radikalisierenden
Aktivist_innen fordern sie den Rückzug des
Rentengesetzes.
Es stellt sich die Frage des unbefristeten Streiks
oder des Generalstreiks als Antwort auf die Strategie
der einzelnen Aktionstage ohne Folge, wie sie
die Gewerkschafts-spitzen vorschlagen. «Das
Land blockieren», diese Idee setzt sich
fest. Blockaden zur Unterstützung des Kampfes
in den Raffinerien, zur Lahmlegung von Flughäfen
oder Verteilzentren finden statt.
Nun standen sich aber während der ganzen
Proteste stets zwei Sichtweisen gegenüber:
Verhandlungen mit der Regierung oder die Forderung
nach Rückzug des Gesetzes. Will man in erster
Linie verhandeln, so sieht man Kämpfe auf
der Strasse nur als «Stütze»
der Gewerkschaftsapparate im Verhandlungsprozess.
Will man die Gegenreform wirklich zurückdrängen,
so ist die Konfrontation dazu da, das Kräfteverhältnis
zu verändern und den Streik auszudehnen;
dafür braucht es eine demokratische, basisbestimmte
Art sich zu organisieren, so dass die Kämpfenden
selber und immer wieder neu entscheiden können,
welche Mittel sie einsetzen wollen.
Zwar wiegen die Rückschläge der letzten
Jahre schwer. In vielen Betrieben wirken sich
die fortschreitende Prekarität, die unterschiedlichen
Anstellungsverhältnisse, die tiefen Löhne
und die Kündigungsdrohungen schwächend
auf die Mobilisierung aus.
Wichtiger noch ist die Erinnerung an die Rückschritte
in mehreren Etappen, die insbesondere im Bereich
Renten seit 1993 hingenommen werden mussten [siehe
Kasten]. Daraus folgte ein Gefühl der Hilflosigkeit
angesichts der neuerlichen Offensive der Regierung,
unter anderem bei jungen Lohnabhängigen.
In einer Pressemitteilung rief das Gewerkschaftsbündnis
Intersyndicale dazu auf, keine Gewalt gegen «Güter
und Personen» anzuwenden. Währendessen
schlug die Einsatztruppe CRS auf Gymnasiast_innen
und Streikende ein und führte illegale Beschlagnahmungen
in Raffinerien durch!
Statt «Aktionseinheit» der Gewerkschaftsspitze
in der Niederhaltung der Bewegung braucht es im
Gegenteil eine Einheit im Kampf, welche die Proteste
vorantreiben kann und demokratisch abgestützt
ist. Dafür muss aber die soziale Frage als
politische Angelegenheit betrachtet werden. Die
Konfrontation mit der Regierung darf nicht gescheut
werden, ebenso wenig die politische Krise, die
daraus folgen kann.
Ein Problem der Bewegung war, dass die Begründung
der Renten-Gegenreform sogar von etlichen Gewerkschaften
akzeptiert wurde. Damit leistete man der Idee
Vorschub, dass es wirklich ein Problem der Rentenfinanzierung
gebe. Der Lohnraub – die Verteilung des
produzierten Reichtums, die sich stets zum Nachteil
der Löhne entwickelt – wird damit ausser
acht gelassen.
Wir müssen offensive Forderungen präsentieren,
zu den Renten wie auch zu den Löhnen oder
der Beschäftigung. Grundlage müssen
die Bedürfnisse der Lohnabhängigen sein,
frei von der Erpressung durch Patrons und Regierung.
Es kann nicht darum gehen, einfach das kapitalistische
System mitzuverwalten. Die soziale und die politische
Frage sind ein und derselbe Kampf.
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Gegenreform
in Etappen
Frankreichs
Präsident Nicolas Sarkozy boxte diesen
Herbst eine Renten-Gegenreform durch, die
das Rentenalter für eine volle Rente
von 60 auf 62 Jahre anhebt. Zudem braucht
es dafür 41,5 statt wie bisher 40 Beitragsjahre.
Wer diese Beitragsjahre nicht erreicht,
erhält erst mit 67 statt wie bisher
mit 65 eine volle Rente. Gleichzeitig organisierten
die Lohnabhängigen dieses Landes eine
Mobilisierung wie seit Jahrzehnten nicht
mehr. Die Bedeutung dieser Bewegung wird
dadurch, dass sie die Gegenreform bisher
nicht zu Fall brachte, nicht geschmälert.
Unzählige Menschen beteiligten sich
an Demos, Aktionen und Blockaden, in vielen
Sektoren wurde stundenweise, tageweise oder
unbefristet gestreikt wie beispielsweise
in den Raffinerien oder im Transportwesen,
was das Land für Tage lahm legte. An
einzelnen Demonstrationstagen, wie z.B.
am 19. Oktober, nahmen über 3 Millionen
teil.
Bereits 1993 führte die Balladur-Renten-reform
im Privatsektor zu einer Erhöhung der
erforderlichen Beitragsjahre von 37,5 auf
40 für eine volle Rente. Zudem wurde
die Rente neu nicht mehr aufgrund der 10
besten Verdienstjahre, sondern der 25 besten
Jahre berechnet. Und der Teuerungsausgleich
der Renten wurde an die Konsumentenpreise
statt an die Lohnentwicklung gekoppelt.
1995 versuchte Minister Juppé diese
Gegenreform auf den öffentlichen Sektor
auszuweiten, was an der Mobilisierung der
Lohnabhängigen scheiterte. Das Fillon-Gesetz
von 2003 setzte dies dann aber im zweiten
Anlauf durch. |
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Der hier gekürzte Text datiert vom 12. November
2010. Nachzulesen in voller Länge und Originalsprache
auf: www.labreche.ch/Ecran/FranceDelage11_10.html.
Übersetzung: Debatte.
1 Der früher staatliche Elektrizitätskonzern
(Electricité de France), heute eine Aktiengesellschaft
mit dem Staat als Mehrheitsaktionär.
2 Gemeinsame Erklärung mehrerer Gewerkschaftsverbände
zur Wirtschaftskrise, in der vor allem Massnahmen
zur Beschäftigung und zur Unternehmensförderung
gefordert werden.
3 Index der 40 wichtigsten börsenkotierten
Unternehmen Frankreichs.
4 Eric Woerth wurde bei der Regierungsumbildung
von November 2010, gleich nach der Verabschiedung
der Rentenreform, entlassen. Unter anderem wird
ihm die Abwicklung illegaler Wahlspenden seitens
der L‘Oréal-Erbin Liliane Bettencourt
sowie Begünstigung von Steuerhinterziehung
derselben zur Last gelegt. Woerths Ehefrau war
derweil bei der Treuhandfirma angestellt, die
Bettencourts Privatvermögen verwaltet. In
diesem Zusammenhang geht es auch um den dubiosen
Kauf der Insel Arros im Indischen Ozean durch
Bettencourt. Auch soll Woerth bei Sarkozy interveniert
haben, damit der Vermögensverwalter von Bettencourt
die Ehrenlegion erhält. Weiter hat Woerth
mutmasslich ein unverkäufliches, staatliches
Stück des Waldes von Compiègne, nördlich
von Paris, zu einem untersetzten Preis veräussert,
auf dem mittlerweile Luxusbauten wie Golf usw.
stehen. Begünstigte in diesen Affären
sind immer wieder Mitglieder oder Spender von
Sarkozys und Woerths Partei UMP. Die jüngste
Episode der Affäre ist der mutmassliche Einsatz
der staatlichen Geheimdienste gegen unliebsame
Journalist_innen samt Einbruch und Entwendung
von Computern und Daten aus Redaktionen und Privatwohnungen.
5 Bernard Thibault ist Generalsekretär der
CGT, Confédération générale
du travail, einer der wichtigsten Gewerkschaftsdachverbände
Frankreichs, historisch mit der Kommunistischen
Partei verbunden.
6 Francois Chérèque ist Generalsekretär
der CFDT, Confédération française
démocratique du travail, des grössten
Gewerkschaftsbunds Frankreichs, der im Allgemeinen
rechts von der CGT steht.
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