| Die
anhaltend hohe Erwerbslosigkeit erweist sich seit
Jahren als die größte Hürde für
eine humane Gesellschaft und emanzipatorische
Entwicklung der Menschen – soweit beides
in einem kapitalistischen System überhaupt
möglich erscheint. Erwerbslose müssen
sich unter nicht existenzsichernden Bedingungen
für nicht vorhandene Arbeitsplätze entwürdigen
und werden in Scheinarbeit gezwungen oder zur
Vernichtung regulärer Arbeitsplätze
durch 1-Euro-Jobs benutzt. Diese menschenverachtende
Situation wird gegenüber den (noch?) Beschäftigten
dazu benutzt, ihnen Lohnsenkungen, unbezahlte
Überstunden und weitere Verschlechterung
der Arbeitsbedingungen abzupressen. Auch Lohnarbeit
ist längst kein Garant mehr für Existenzsicherung.
Je
höher die Erwerbslosigkeit um so höher
die Erpressbarkeit aller Lohnabhängigen und
umso geringer die Chance, aus dieser Defensive
ohne weitere Verzichte an erkämpften Arbeitsstandards
heraus zu kommen. Alle Lohnabhängigen müssten
daher im gleichen Interesse bestrebt sein, diese
auf der Lohnabhängigkeit basierende Erpressbarkeit
zu minimieren. Dies kann in mehreren Schritten
erfolgen.
1.
Drastische Anhebung des Regelsatzes für Erwerbslose
bei gleichzeitiger Aufhebung der Repressionen
und des Arbeitszwangs. Diese Maßnahme würde
allen Erwerbslosen sofort eine spürbare Verbesserung
der Lebensbedingungen bringen und den (noch?)
Beschäftigten einen Teil der Angst vor der
Erwerbslosigkeit nehmen und damit ihre Verhandlungsbasis
stärken.
2.
Drastische Arbeitszeitverkürzung (mit vollem
Lohn- und Personalausgleich) sowie einen gesetzlichen
Mindestlohn. Eine drastische Arbeitszeitverkürzung
würde allen (noch?) Beschäftigten sofort
eine spürbare Verbesserung der Lebensbedingungen
bringen und den Erwerbslosen eine Option auf einen
der dadurch gewonnenen Arbeitsplätze. Ein
gesetzlicher Mindestlohn – sofern bei mindestens
10 Euro/Stunde – könnte einen wirksamen
Schutz gegen Lohndumping und Armutslöhne
bringen und der erzwungenen Unterbietungsspirale
sowohl für Erwerbstätige als auch Erwerbslose
etwas entgegensetzen.
Beide
Massnahmenbündel ändern jedoch nichts
daran, dass es unter den gegebenen Umständen
des Kapitalismus und der fortgeschrittenen Produktivität
kein Zurück in Zeiten der Vollbeschäftigung
mehr geben wird. Also ändern sie auch nichts
an der Situation der Erpressbarkeit aller Lohnabhängigen.
Dies macht nicht nur die Durchsetzungskraft für
diese beiden Massnahmebündel unwahrscheinlich,
es ändert auch nichts an den Grundlagen dieser
Erpressbarkeit und ihrer Akzeptanz durch die Mehrheit
der Opfer dieses Systems.
Diese
Funktion erfüllt aber ein bedingungslose
Grundeinkommen. Es ist ein strategisches Ziel,
um die Art und Weise des kapitalistischen Produzierens
und der Lohnabhängigkeit in Frage zu stellen,
in dem Alternativen aufgezeigt und Ansprüche
ans Leben und Arbeiten gehoben werden.
Mag
Wompel ist Journalistin, Industriesoziologin und
Redakteurin des Labournet Deutschland
(http://www.labournet.de) |