| In
ihrem neusten und derzeit breit diskutierten Werk
beschreibt Klein einleuchtend, wie die herrschende
Klasse seit der Pinochet-Ära (Chile 1973)
immer wieder systematisch „Schockzustände“
generiert, um mittels Verunsicherung und Angst
die Unterstützung der Bevölkerung für
ihre neoliberale Politik zu erhalten. Gleichzeitig
enttarnt sie den Neoliberalismus indem sie aufzeigt,
wie dessen Auswirkungen immer wieder neu zu Schock,
Terror und Elend führen. Prominente Stationen
der Schock-Strategie sind Chile, Uruguay, Brasilien,
China, Polen, Russland, Irak, New Orleans und
andere.
 |
| Vor
Hurrikan Katrina hatte New Orleans 123 öffentliche
Schulen. Übrig geblieben sind vier. |
Katastrophen-Kapitalismus
Weiter
geht das Buch auf die Reaktionen der amerikanischen
Politik auf die Ereignisse des 11. Septembers
ein. Letztere waren der Startschuss für eine
neue Welle umfangreicher Privatisierungen, welche
auch die Sicherheits- und Repressionsapparate
(Militär, Polizei, Gefängniswesen, Grenzsicherung,
Geheimdienste, Seuchenbekämpfung) umfassten.
Dies hat zu einem System geführt, in dem
der Ausbruch einer Katastrophe zum lukrativen
Geschäft geworden ist.
Der
sogenannte „Kanonen/Kaviar-Index“
diente früher als Beweis dafür, dass
eine gute Konjunktur wirtschaftliche und politische
Stabilität braucht. So sanken jeweils die
Käufe von Firmenjets, wenn Kampfflugzeuge
vermehrt eingesetzt wurden. Seit Beginn des Irakkrieges
2003 hat sich dieser Trend jedoch geändert.
Diese Entwicklung wurde denn auch am World Economic
Forum in Davos als „Davoser-Dilemma“
bezeichnet und breit diskutiert.
Privatisierung
der Kernbereiche
Genau
einen Tag vor dem 11. September hielt der damalige
amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld
eine Rede, worin er den Widerstand des Pentagons
gegen die Privatisierung als grosse Bedrohung
für die innere Sicherheit bezeichnete. Viele
dachten damals, dass dies das Ende seiner Karriere
bedeuten würde. Doch mit dem 11. September
wurde alles anders: Während sich die Bevölkerung
vom Schock erholte und sich reflexartig mit ihrer
Regierung solidarisierte, konnte die Privatisierung
der staatlichen Kernbereiche massiv vorangetrieben
werden.
Interessanterweise war das Vertrauen in die Regierung
lange nicht mehr so stark wie unmittelbar nach
dem 11. September. Der amerikanische Ökonom
Milton Friedman hatte sich zuvor gar beklagt,
dass „Geschäftsleute als Menschen zweiter
Klasse“ hingestellt würden”.
Seit
dem 11. September vergibt das Pentagon jährlich
270 Milliarden Dollar an private Auftragsnehmer
(Homeland Security usw.), vor der Bush-Administration
waren es noch 130 Milliarden gewesen.
Irak
als Vorbild?
Die
derzeitige Lage im Irak ist für den Katastrophen-
Kapitalismus symptomatisch. Die Hälfte der
von den USA eingesetzten Verhörspezialisten
stehen mittlerweile im Dienste privater Unternehmen.
Grosskonzerne wie Halliburton haben nicht nur
die Verantwortung für den Bau von Foltergefängnissen
(Guantanamo, Irak usw.) übernommen, sondern
sind auch für die Müllabfuhr in der
grünen Zone Bagdads verantwortlich. Unlängst
kämpften USStreitkräfte unter dem Kommando
amerikanischer Firmen wie Blackwater, welche für
ihre Massaker an der Zivilbevölkerung auch
schon vor Gericht standen. Die Firma Healthnet
erreichte kürzlich Platz 7 der Liste der
„Fortune 500“ als das erfolgreichste
Unternehmen in der Behandlung von zurückkehrenden
traumatisierten USSoldaten. Der neu geschaffene
Geheimdienst CIFA gibt 70 Prozent seines Budgets
für externe Dienstleistungen aus. Im Irak
hat sich Verhältnis zwischen Soldaten und
privaten ‘Sicherheitskräften’
seit dem ersten Golfkrieg (1991) von 100 zu 1
auf 100 zu 114 drastisch verändert. Rüstungskonzerne
wie Lockheed verbessern ihre Auftragbücher
erfolgreich, in-dem sie auch im Gesundheitswesen
und im Wiederaufbau Aufträge übernehmen.
Somit verdienen sie nicht mehr nur am Krieg selbst,
sondern auch an der Behandlung der Verwundeten
und am „Wiederaufbau“ des Landes.
Unlängst werden private Firmen mit der Ausarbeitung
von Wideraufbauplänen beauftragt (darunter
auch für Venezuela), die Bush- Administration
hat zudem beschlossen, ein Reservearmee privater
Einsatzkräfte auszubilden.
Regierung
verdient mit
Natürlich
verdient die Bush-Administration am neuen Katastrophen-
Kapitalismus kräftig mit. Dick Cheney –
ehemaliger Aufsichtsrats- Präsident von Halliburten
– hatte bei seinem Amtsantritt 189 000 Aktien
im Wert von je 10 Dollar, deren Wert sich seit
Kriegsausbruch mehr als vervierfacht hat. Seine
Frau war übrigens im Vorstand von Lockheed,
Donald Rumsfeld bei der Firma ABB. Von der Firma
Gilead, welche unter anderem für die Produktion
von Tamiflu verantwortlich ist, konnte sich Cheney
sogar auch während seiner Regierungszeit
nicht trennen. Im Jahr 2005 bestellte die US-Regierung
Tamiflu im Wert von 58 Millionen Dollar. Kriege,
Naturkatastrophen, Grippe-Pandemien; im Katastrophen-
Kapitalismus sind sie der Garant für satte
Unternehmensgewinne geworden. Militärisch
gesehen ist der Krieg gegen den Terror zwar nicht
zu gewinnen – aus ökonomischer Sicht
ist er ein unschlagbares Rezept.
 |
| Swimmingpool
im Camp-Victory (Bagdad, Grüne Zone),
aufgebaut vom amerikanischen Rüstungskonzern
Halliburton. |
Export
der grünen und roten Zone
Die
Auswirkungen der neuen Entwicklungsdynamik des
Kapitalismus illustriert Naomi Klein am „Export
der grünen und roten Zone Bagdads“.
Während in der grünen Zone eine kleine
Elite von den Sicherheitsmauern Halliburtons und
co. umsorgt werden und sich private Bildungs-
und Gesundheitseinrichtungen etablieren, gehen
die öffentlichen (und privaten) Einrichtungen
ausserhalb mehr und mehr zugrunde.
Dies
ist nicht nur im Irak der Fall, sondern beispielsweise
auch in New Orleans, wo im wohlhabenden „Garden-District“
wenige Wochen nach dem Hurrikan Katrina wieder
Trinkwasser und Elektrizität vorhanden waren,
ausserhalb jedoch die Gewalt um sich schlug. Und
der Staat baut weiter ab. Vor „Hurrikan
Katrina“ hatte New Orleans 123 öffentliche
Schulen. Übrig geblieben sind noch vier.
Auch der öffentliche Verkehr musste mittlerweile
die Hälfte seiner Angestellten entlassen.
Unsere
Aufgabe
Natürlich
kann Naomi Klein vorgeworfen werden, dass sie
keine direkte Beziehung zwischen der neoliberalen
Politik und dem Kapitalismus an sich herstellt.
Auch die zeitweise schon fast romantisch anmutende
Rückbesinnung auf den ehemals starken Staat
(Keynesianismus) mag rückwärtsgerichtete
Züge haben. Dennoch bleibt Kleins neustes
Werk ein überaus interessantes und aufschlussreiches
Buch, welches auch mit zahlreichen Fakten zu überzeugen
vermag.
Es
sollte unsere Aufgabe sein, einerseits ihre Ideen
aufzugreifen, gleichzeitig aber auch aufzuzeigen,
dass der Neoliberalismus und der „New-Deal“
des Keynesianismus und seine Idee eines starken
Staates letztlich nur als Facetten ein und desselben
wirtschaftlichen Systems zu begreifen sind. Erste
Schritte in diese Richtung hat Klein selbst schon
unternommen und darauf hingewiesen, dass der Sozialstaat
auch als Relikt des Kalten Krieges und der damit
verbundenen „Systemkonkurrenz“ zu
verstehen ist.
Naomi Klein
Naomi Klein ist eine kanadische Schriftstellerin,
Journalistin und Globalisierungskritikerin.
Neben ihrer
Tätigkeit als Buchautorin war sie
auch Drehbuchautorin des Films „The
Take“.
Naomi Klein, Die Schock- Strategie - Der
Aufstieg des Katastrophen- Kapitalismus,
Frankfurt
a.M.: S. Fischer Verlag, 2007.
|
|