| Hand
aufs Herz: Als europäische Linke wissen wir
nicht allzu viel über die USA, obwohl sie
in unserem politischen Koordinatensystem zentral
sind. Wir sind überzeugt, dass es sich um
eine imperialistische Macht und ein brutales Gesellschaftssystem
handelt. Aber wie sehen die Geschichte und das
soziale Innenleben des „Ungeheuers“
wirklich aus?
Der US-Wahlkampf – bei dem es um die Frage
geht, welches Mitglied des Establishments in den
nächsten vier Jahren das amerikanische Volk
„verund zertreten“ (Marx) darf –
bietet Anlass, um solchen Fragen nachzugehen.
Dafür sind 2 Bücher zu empfehlen, die
den Standpunkt der Eliten verlassen und aus einer
Perspektive von unten geschrieben sind.
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| Die
SchriftstellerInnen Barbara Ehrenreich und
Howard Zinn. |
Eine
blutige Geschichte
Howard
Zinns People's history of the United States räumt
mit dem Mythos einer Geschichte von „grossen
Männern“ auf, die für die Ideale
der Demokratie gekämpft hätten, um jenseits
des Atlantiks ein neues „Reich der Freiheit“
zu errichten. Von der Vertreibung der Indianer
über das Sklavereigeschäft und die brutale
Zerschlagung der Arbeiterbewegungen bis zur imperialistischen
Expansion zeichnet er nach, wie die Geschichte
des Landes stets durch Kämpfe zwischen Herrschenden
und Beherrschten geprägt war, während
die offizielle Geschichtsschreibung das Bild einer
nationalen Gemeinschaft mit gemeinsamen Werten
beschwört. „In einer solchen Welt der
Konflikte, einer Welt von Opfern und Henkern“,
hält Zinn mit Bezug auf Camus fest, „ist
es die Aufgabe der denkenden Menschen, nicht auf
der Seite der Henker zu stehen.“ Er kratzt
an der Aura der USA als Macht für Freiheit
und Demokratie, wenn er nüchtern analysiert,
dass sowohl der als „amerikanische Revolution“
gefeierte Unabhängigkeitskrieg (nach 1776)
als auch der zur „Befreiung der Schwarzen“
verklärte Sezessionskrieg (1865) für
wohl verstandene Geschäftsinteressen ausgetragen
wurden. Er zeigt aber auch, dass es in den USA
eine lange Tradition von Kämpfen gibt, die
trotz der brutalen Repression nie vollständig
abriss: Vom Widerstand der Indianer bis zu den
Protesten gegen den „Krieg gegen den Terrorismus“
durchzieht dieses Buch ein roter Faden der Hoffnung,
den Howard Zinn nie aus den Augen verliert.
Wenn
der Lohn nicht zum Leben reicht
Barbara
Ehrenreichs Nickel and Dimed zeichnet ein eindrückliches
Bild der sozialen Lage von Menschen in den USA,
die zu wenig verdienen, um grundlegende Lebensbedürfnisse
zu befriedigen. Um das Buch zu schreiben, hat
sie einige Monate am eigenen Leib Erfahrungen
im Niedriglohnsektor gesammelt: Sie arbeitete
als Kellnerin in Florida, als Putzfrau in Maine
und als Supermarktverkäuferin in Minnesota.
Bei allen 3 Einsätzen stellte Ehrenreich
fest, dass ihr am Monatsende das Geld nicht reichte
und sie von der Arbeit so zermürbt war, dass
sie die Stelle verliess. Insbesondere das Missverhältnis
zwischen tiefen Löhnen und hohen Mietkosten
erwies sich als Problem, mit dem Working Poor
unablässig kämpfen müssen. Dies
schlägt sich in dauerhaften Mangelerscheinungen
– wie schlechter Ernährung (Doritos
und Hot Dogs) und miserablen Wohnverhältnissen
(in Wohnwagen, Autos, auf dem Sofa bei Bekannten)
– nieder. Scharfsinnig analysiert Ehrenreich
auch das Betriebsregime, dem die Beschäftigten
im Niedriglohnsektor unterworfen sind. Von Einschüchterungsstrategien
beim Einstellungstest über Mobbing durch
Vorgesetzte bis zu Vereinnahmungsversuchen durch
die Verbreitung einer „Unternehmenskultur“
herrschen am Arbeitsplatz Verhältnisse vor,
die jeder Vorstellung von Freiheit und Demokratie
spotten und die Würde der Lohnabhängigen
permanent angreifen.
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Angaben
zu den Lesetipps
Howard Zinn: Eine Geschichte des
amerikanischen Volkes. Schwarzerfreitag,
Berlin, 2007. 689 Seiten
(auch in 8 Einzelbänden erhältlich).
Barbara Ehrenreich: Arbeit poor.
Unterwegs in der Dienstleistungsgesellschaft.
Kunstmann, München,
2001. 255 Seiten.
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