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Als 1981 und 1988 François Mitterrand zwei
Mal zum französischen Staatspräsidenten
gewählt wurde, war zwar eine «linke»
Regierung an die Macht gekommen, geändert
hatte sich aber für die Lohnabhängigen
nichts. Einige Aktivist_innen, die sich im Pariser
Mai 68 für eine revolutionäre Gesellschaftsveränderung
eingesetzt hatten, zogen sich desillusioniert
aus Parteien und Bewegungen zurück und begannen,
politische Krimis zu schreiben. Dies verstanden
sie als Fortführung des Engagements mit anderen
Mitteln. Der politische Aktivismus wurde zwar
gebremst, der Krimi ermöglichte es jedoch,
an einer Veränderung und Kritik der Gesellschaft
festzuhalten. Durch die äusserst realitätsnahe
Sprache war es den Autoren möglich, gesellschaftliche
Gewalt und befreiende Momente, Pessimismus und
Hoffnung in eine neue Romanform zu verpacken.
Der
«roman noir» als Kritik der modernen
Gesellschaft
Der
roman noir knüpft an die literarische
Tradition Frankreichs an. Ähnlich wie z.B.
schon Gustave Flaubert die Zeit der Revolution
von 1848 in konkrete historische Erzählungen
fasste, beschreiben die Autoren des roman noir
die Gegenwart und ihre Geschichte. Historische
Ungerechtigkeiten oder politische Überzeugungen
gehören zu den Motiven von Verbrechen: Verzweiflung
und Gewalt stehen im Zentrum der Erzählungen
– kompromisslos und detailliert dargestellt.
Izzos
«vivre fatigue»
Jean-Claude
Izzo, Sohn neapolitanischer Migranten in Marseille,
1945 geboren und im Jahre 2000 gestorben, gehörte
zu den Autoren dieser Gattung. Ganz nach der Idee
von Jim Harrison «Es gibt keine Wahrheit,
es gibt nur Geschichten» erzählt
der Autor in seiner 1998 publizierten Kurzgeschichten-
Sammlung «vivre fatigue» alltägliche
Erlebnisse herkömmlicher Menschen in Marseille.
Interessanterweise erscheinen diese Menschen jedoch
als «Extreme» der modernen Gesellschaft:
Prostituierte, Matrosen, Sans- Papiers, kurz:
Lohnabhängige, die ganz besonders unter die
Räder kapitalistischer Dynamiken kommen.
So wird Osman – türkischer Papierloser,
der seine Familie im Herkunftsland lassen musste
– Opfer des alltäglichen und gewalttätigen
Rassismus, weil er gerne den spielenden Kindern
im Park zuschaut und dabei nostalgisch an seine
eigene Kinder denkt. Oder die Prostituierte Marion,
die aus Eifersucht gegenüber Théo
– mehr als nur ein Klient – und beruflicher
Müdigkeit schliesslich ihn und sich selbst
erschiesst. Die Geschichten erzählen von
Demütigungen und zerbrochenen sozialen Illusionen.
Sie beschreiben gleichzeitig aber auch ganz einfache
menschliche Momente, wobei die Frage gestellt
wird «est-ce vraiment cela, la vie?»
2
Ernest
Mandel3 sagte einst über die Autoren
des «roman noir»: «All diese
Bücher zeichnen sich aus durch die Sorge
um die 'vergessene Geschichte', das heisst durch
die Absicht, die Erinnerung an die Besiegten der
Geschichte wachzuhalten. Neben der vorbehaltlosen
Ablehnung einer korrumpierten, korrumpierenden
und inhumanen Gesellschaft verbindet all diese
Autoren eine ernsthafte Anteilnahme an den mehr
oder weniger gebrochenen Individuen, die diese
Gesellschaft hervorbringt. Darunter gibt es keine
Helden und Heldinnen. Wir haben es mit Antipoden
der ‚positiven Gestalten‘ des einstigen
‚sozialistischen Romans‘ zu tun...
Die Protagonisten, auch diejenigen, mit denen
die Autoren sich zu identifizieren scheinen, sind
gekennzeichnet durch Zweifel, Zaudern, Ohnmachtgefühle,
Gewissensbisse, Mehrdeutigkeit, Schuld und auch
ein bisschen Paranoia, wenn nicht gar Selbsthass.
Auch hier hat die Phase nach dem Mai 68 ihre Spuren
hinterlassen. » 4
1
«Vivre fatigue» kann etwa mit «leben
macht müde» übersetzt werden.
2 «Ist das wirklich das Leben?»
3
*1923, † 1995, einflussreicher marxistischer
Ökonom.
4 Zitiert von Elfriede Müller, Frieder Rörtgen
und Alexander Ruoff im Nachwort von Frédéric
H. Fajardie (2003, französische Originalausgabe
1988): Rote Frauen werden immer schöner.
Berlin: Assoziation A. |