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Lisan begnügt sich nicht damit, die wenigen
auch hierzulande bekannten Namen von arabischsprachigen
LiteratInnen zu präsentieren. Im Gegenteil,
die Zeitschrift verfolgt explizit den Anspruch,
auch literarische Stimmen abzubilden, die in Europa
noch kaum bekannt oder völlig unbekannt sind.
Die Verlagstätigkeit unter dem gleichen Namen
Lisan ist das Pendant dieser Ausrichtung.

Somit
wurden viele Texte der aktuellen Nummer zu Palästina
neu übersetzt durch das Lisan-Team, das sich
aus Personen mit unterschiedlichem Profil und
aus verschiedenen Generationen zusammensetzt.
Denn auch im Bereich Übersetzung setzt sich
Lisan das Ziel, neue Talente zu finden und zu
fördern. Die zwanzig präsentierten SchriftstellerInnen
aus der Westbank, Gaza und Israel öffnen
einen unmittelbaren und lebendigen Einblick in
die Literatur der PalästinenserInnen. Eine
der jüngsten AutorInnen, Dalia Taha, hat
Jahrgang 1986, etliche andere sind erst in den
1970er Jahren geboren. Frauen sind als Autorinnen
nicht nur vertreten, sondern gleich stark präsent
sowohl in inhaltlichen Textbeiträgen wie
in Interviews. Von Mahmud Darwisch, dem grossen,
kürzlich verstorbenen palästinensischen
Dichter, sind im ersten Teil des Heftes einige
Gedichte abgedruckt. Den Anfang macht aber Kauthar
Abu Hani, 21-Jährige Bloggerin aus Gaza,
mit ihrer Kurzgeschichte «Wer hat meine
Freundin aus dem Panzer geklaut?»
Literatur
ohne Schublade
Das
Gefühl der Unmittelbarkeit vermittelt beim
Lesen unter anderem die Tatsache, dass etliches
nicht nur erstmals auf Deutsch, sondern zum ersten
Mal überhaupt gedruckt vorliegt. Von jungen
AutorInnen und DichterInnen - etwa Somaya El Sousi,
Asmaa' Azaiza, Ala Hlehel - aber auch von Autor_
innen mittleren Alters mit zurückliegender
Publikationstätigkeit - etwa Ziad Khaddash
- werden in Lisan neue, unveröffentlichte
Texte publiziert.
Lisan
setzte sich gemäss Editorial mit dieser Nummer
das Ziel, die palästinensische Literatur
aus der Schublade zu holen, ihr also keine Etiketten
wie Literatur auf dem Hintergrund der Besatzung
oder Nabka- Literatur (Nabka: Vertreibung der
PalästinenserInnen im Zuge der israelischen
Staatsgründung 1948) anzukleben. Diese Haltung
scheint die Stimmung der aktuellen literarischen
Produktion in Palästina zu treffen: «Der
Pathos und die Parolen der dezidiert politisch
engagierten Widerstandsliteratur der 1960er und
1970er Jahre sind den heutigen Autoren eher fremd.
Aber wenn diese sich mit leiseren Tönen dem
Schicksal der Palästinenser zuwenden, so
ist ihre Wut auf die Verhältnisse doch nicht
weniger gross» (Andreas Pflitsch in einem
kommentierenden Beitrag). Wenn Marwan Makhoul
ein sehr persönliches Gedicht namens «Hallo,
ist dort Beit Hanoun?», oder Somaya El Sousi
in Gaza-Stadt ihr unveröffentlichtes «Tagebuch
einer zerrissenen Stadt» verfasst, sind
die Bombardierung von Beit Hanoun und die Abriegelung
des Gaza-Streifens und somit die Aktualität
von Besatzung und Vertreibung dennoch durchdringend
abgebildet. Die Vorstellung der AutorInnen und
die mit einigen von ihnen geführten Interviews
zeugen von Sensibilität und Respekt. So viele
Vorzüge werden noch abgerundet durch eine
ausserordentlich schöne Gestaltung des 160-seitigen
Heftes, mit verhaltener und dennoch starker Bildsprache.

Bestellungen:
Lisan, Wasgenring 29, 4055 Basel; 061 681 14 53,
info@lisan.ch, www.lisan.ch. |