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Er war in der Lage, politische und gesellschaftliche
Auseinander-setzungen zu provozieren. Beispielsweise
1987 durch seine Recherche über den Wille-Clan,
die mächtige Armee- und Industriellenfamilie
am Zürichsee, mit ihrer Affinität zu
Nazi- Deutschland. Und schon zuvor mit Buch und
Film zu einem kleinen Fisch, der als Landesverräter
während des Zweiten Weltkriegs erschossen
wurde, während die höchst einflussreichen
Frontisten der schweizer Bourgeoisie unbehelligt
blieben.
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Niklaus
Meienberg (1940-1993); Presseausweis,
Frankreich 1973. |
Durch
Hartnäckigkeit und Interesse gelang es ihm
immer wieder, eine Perspektive auf die Zustände
in der so genannten Arbeitswelt zu eröffnen,
so zum Beispiel bei der Firma Saurer oder der
Papierfabrik Perlen. In diesem Sinne spielte er
die Rolle des kritischen Intellektuellen, der
Menschen sprechen lässt, die in der bürgerlichen
Alltäglichkeit keinen Zugang zur Kultur-
und Medienindustrie haben. An der Ostschweiz,
wo er aufgewachsen ist, interessierte ihn immer
auch die Geschichte der „kleinen Leute“,
der Arbeiterinnen und Arbeiter, die den industriellen
Aufschwung des 19. Jahrhunderts möglich machten,
während sie selbst meist in bitterer Armut
leben mussten. Dabei verfiel er nie in „Miserabilismus“
oder „freundliche Anteilnahme am Schicksal
der unteren Stände“, sondern behielt
immer den Zusammenhang im Auge zwischen dem Reichtum
der einen und der Ausbeutung der anderen.
Nicht
selten stellte er auch Aspekte einer eigenständigen
„Arbeiterkultur“ in den Vordergrund,
beispielsweise mit den Reportagen über den
Rennfahrer Jo Siffert oder den Boxer Fritz Chervet.
Der frankophile Publizist liebte die Sprache wie
kaum jemand anderes, und sie gab es ihm reichlich
zurück. Wie kann dieser Autor, der schon
lange tot ist, heute noch Freude, Empörung,
Lachen provozieren mit geschichtlichen und tagespolitischen
Texten, die bis in die späten Sechziger Jahre
zurückreichen? Ihn zitieren ist müssig;
seinen Stil versuchen immer noch viele zu imitieren
– gerade auch solche, die mit Meienbergs
Gesellschaftskritik mehr oder weniger offen gebrochen
haben.
Seine
Arbeiten erschienen in verschiedenen Zeitungen,
etwa in der damals liberalen Weltwoche, im Widerspruch,
im Tages- Anzeiger-Magazin und im Tages- Anzeiger,
bis er dort mit Schreibverbot belegt wurde, in
der WochenZeitung, die er massgeblich prägte.
Wenn
man seinen Freitod vom September 1993 bedauert
und das Fehlen seiner Stimme in der Öffentlichkeit
beklagt, so stellt sich doch die Frage, wo er
heute noch publizieren könnte, wenn er denn
noch da wäre? In der heutigen, grässlichen
Medienlandschaft von Belanglosigkeit und Kommerz
– Tendenzen übrigens, die er schon
1988 geisselte?
Ein
neues Hörbuch des Schweizer Radio DRS macht
Tondokumente wie Lesungen, Podiumsgespräche
und Ähnliches zugänglich. Im letzten
Beitrag, aus der Sendung Echo der Zeit vom 16.4.1993,
lässt einem Meienberg in einem 3-minütigen
Statement das Blut gefrieren: In Srebrenica ist
ein Massaker im Gange, hämmert er uns ein.
Einige Monate später stirbt Meienberg. Kürzlich
berichteten die Medien, dass die UNO sich für
den unter ihren Augen begangenen Völkermord
nicht verantworten muss.
| Arbeiten
von Niklaus Meienberg, erschienen im Limmat
Verlag.
-
St.Galler-Diskurs bei der Preisübergabe,
in Weh unser guter Kaspar ist tot, Limmat
Verlag 1991.
-
Die Erschiessung des Landesverräters
Ernst S., Limmat Verlag 1992 (erschien
erstmals 1979).
-
Eine Adventsansprache, gehalten vor den
Mitgliedern des Art Director Club Zürich,
der Dachorganisation der Reklamiker, am
12. Dezember '88, in Vielleicht sind wir
schon morgen bleich u. tot, Limmat Verlag
1989.
-
Die Welt als Wille und Wahn. Elemente
zur Naturgeschichte eines Clans, Limmat
Verlag 1987.
-
Perlen ist ein Dorf, das ganz der Fabrik
gehört, in Der wissenschaftliche
Spazierstock, Limmat Verlag 1985.
-
Bodenseelandschaft, in Vorspiegelung wahrer
Tatsachen, Limmat Verlag 1983.
-
Film: Die Erschiessung des Landesverräters
Ernst S., Regie Richard Dindo und Niklaus
Meienberg, Schweiz 1976.
-
Jo Siffert (1936-1971), in Reportagen
aus der Schweiz, Limmat Verlag 1975.
-
Fritzli und das Boxen, in Reportagen aus
der Schweiz, Limmat Verlag 1975.
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-
By the Rivers of Babylone -
Für Nicos Poulantzas und
Roman Hollenstein |
| Eigentlich
bin ich mir längst abgestorben
ich tu noch so
als ob
Atem holen
die leidige Gewohnheit
hängt mir zum Hals heraus
Mein Kadaver
schwankt unsicher
auf tönernen Füssen
die wissen nicht
wohin mit ihm
und bin in meinem Leib
schon längst nicht mehr zu
Hause
ich
sitze unbequem
liege schlecht
laufe mühsam
stehe krum
Kopfstand
ist kein Ausweg
Jeden Tag kann die Einladung
an Euch meine Feinde
ergehen
an meine Leiche zu gehen
Vom Tod
erwarte ich grundsätzlich
keine Abwechslung |
ein kleines
Überraschungspotential
besteht noch insofern
als ich oft die Freiheit
habe nicht zu tun
was ich mir vornahm
oder zu tun
was ich mir nicht vornahm
ihr seht ich bin nicht ganz
verplant
Bald
werd ich mir nichts mehr
vornehmen
das aber gründlich
Jede Lust
magert ab wie Simmenthaler
Vieh
im Exil von Babylon
Bald
wird dieser Tempel abgerissen
dieser Madensack bald
bei den Würmern deponiert
bald ist Laubhüttenfest
Aus: Niklaus
Meienberg, Die Erweiterung der Pupillen
beim Eintritt ins Hochgebirge, Limmat
Verlag 1981.
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Mehr
über Niklaus Meienberg
- Eine von
einem Verein betriebene Webseite mit Informationen
zu Niklaus Meienberg: www.meienberg.ch.
- Hörbuch:
Niklaus Meienberg: Ein Porträt in
Originalaufnahmen, Hg. Ingo Starz, Christoph
Merian Verlag 2008
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Wer
will unter die Journalisten?
Da ist einer jung, kann zuhören, kann
das Gehörte umsetzen in Geschriebenes,
kann auch formulieren, das heisst denken,
und denkt also, er möchte unter die
Journalisten. Er hat Mut, hängt nicht
am Geld und möchte vor allem schreiben.
Er meldet sich auf einer Redaktion.
Erste Frage: Haben Sie studiert? (Nicht:
Können Sie schreiben?) Unter Studieren
versteht man auf den Redaktionen den Besuch
einer Universität, wenn möglich
mit sogenanntem Abschluss, oder doch einige
Semester, welche den akademischen Jargon
garantieren. Hat der Kandidat nicht „studiert“,
aber doch schon geschrieben, so wird ihm
der abgeschlossene Akademiker vorgezogen,
der noch nicht geschrieben hat. Eine normale
Redaktion zieht den unbeschriebenen Akademling
schon deshalb vor, weil er sich durch eigenes
und eigensinniges Schreiben noch keine besondere
Persönlichkeit schaffen konnte. Er
ist unbeschränkt formbar und verwurstbar.
Er hat auf der Uni gelernt, wie man den
Mund hält und die Wut hinunterschluckt,
wenn man dem Abschluss zustrebt. Er ist
besser dressiert als einer, der sofort nach
der Matura oder Lehre schreibt. Er hat die
herrschende Kultur inhaliert, der Stempel
„lic. phil.“ oder „Dr.“
wird ihm aufgedruckt wie dem Schlachtvieh.
Er ist brauchbar. (Damit soll nicht behauptet
werden, dass die Autodidakten in jedem Fall
weniger integriert oder integrierbar sind.
Oft schielen sie gierig nach den bürgerlichen
Kulturinstrumenten und haben nichts Dringenderes
zu tun, als das Bestehende zu äffen.)
Nehmen wir an, der junge Mann hält
jetzt Einzug auf einer Redaktion. In grossen
Zeitungen wird er zuerst durch die einzelnen
Abteilungen geschleust, damit er einen Begriff
vom Betrieb hat. Bald darf er redigieren,
das heisst nicht schreiben, sondern das
Geschriebene verwalten. Er wird mit dem
Hausgeist vertraut. Er lernt die Tabus kennen
und das Alphabet der Zeitungssprache. Er
sieht, dass die Bombardierung der nordvietnamesischen
Zivilbevölkerung nicht „verbrecherisch“,
sondern „bedenklich“ genannt
wird. Er merkt, dass der Stadtpräsident
nicht eine „Hetzrede“ gegen
die APO hielt, obwohl es eine Hetzrede war,
sondern, dass er „zur Besinnung“
aufrief. Er lernt, dass Arbeiter nicht „auf
die Strasse gestellt wurden“, sondern
„im Zuge der Rationalisierung eine
Kompression des Personalbestandes“
vorgenommen werden muss. Auch beobachtet
er, wie aus den eingegangenen Meldungen
einige gedruckt werden und andere nicht.
Ein ganz natürlicher Vorgang, denn
alles kann ja wirklich nicht gedruckt werden.
[...]
Aus:
Niklaus Meienberg, Vorspiegelung
wahrer Tatsachen, Limmat Verlag
1983. Abdruck mit freundlicher Genehmigung
des Verlags.
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