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Ja, Erika Stucky, diese Akkordeon- und Jodel-Künstlerin,
die schon mal im Cow- Girl-Dress auftritt, ist
dieses Unikum. Im mehrfach prämierten Film
„Heimatklänge“ von Stefan Schwietert
aus dem Jahr 2007 war sie zu sehen, neben Christian
Zehnder und Noldi Alder. Ins Auge und Ohr springen
sofort ihre amerikanischen Einflüsse, die
sie teils auch erzählend und darstellend
in ihre Auftritte einbaut. Einen rasanten Abriss
ihrer Biographie liefert sie selbst auf ihre Homepage:
„Geburt in San Francisco. CH-Eltern. Flower-
Power, Picknicks der Grosssippe Stucky im Golden
Gate Park. Musikalische Einflüsse: The Monkees,
Nancy Sinatra, Donovan, Musical 'Hair'. –
Übersiedlung der Family Stucky ins Oberwallis.
Kulturschock. Trachtenverein, Cervelatbraten.
Musikalische Einflüsse: D'Bossbuebe, Trio
Eugster, Radio Beromünster, Jodelchöre.“

Sie
jodelt also. Aber sie rockt auch. Erzählt
und spielt mit Stimme und Mimik, gibt Geräusche
von sich, haut auf einer Schneeschaufel herum,
schafft eine eigene Klangwelt, bricht Hörgewohnheiten
übers Knie. Dem Publikum gefällt's,
auch den gesitteten Basler Kulturinteressenten
und -innen, die an diesen Sonntag Vormittag mitten
in der Euro 2008 auf ihren Stühlen im Foyer
des Theaters sitzen bleiben, aber doch begeistert
klatschen.
Ihre
neuste CD (2007) heisst „Suicidal Yodels“.
Darauf finden sich Eigenkompositionen, aber auch
Covers von Bob Dylan oder The Young Gods. Sie
spinnt die Stücke auf und verdichtet sie
oder zieht sie im Gegenteil in die Länge,
verpasst ihnen neue Rhythmen. Ein wesentliches
Moment ihrer Arbeit ist die Überraschung.
Ob sie beim Komponieren und Improvisieren auch
selber überrascht ist? Beim Hören fühlt
man sich immer leicht auf die Schippe genommen.
Es drückt sich eine explosive Freude aus,
Grenzen zu verschieben. „Low profile“
wäre auch ein Ausdruck, der auf sie passen
könnte, wegen ihrer unprätentiösen
Art, auf der Bühne zu stehen. Gleichzeitig
fühlt sie sich mit ihren teils schrillen
Outfits offensichtlich weder an die schweizerische
Anständigkeit noch an die formatierten Vorbilder
irgendwelcher Rockgrössen gebunden.
Möglicherweise
kommt ihre wache und kraftvolle Präsenz auf
den Aufnahmen nicht ganz so gut rüber wie
bei Live- Auftritten, von denen sie im Jahr Dutzende
in aller Welt absolviert.
Erika
Stucky hat wie viele KünstlerInnen, die wirklich
Neues schaffen, dennoch eine so genannt klassische
Ausbildung erworben, in Gesang an einer Pariser
Jazzschule sowie in Schauspiel in Genf und San
Fransisco. Was ist es noch, neben Stimme und Klängen,
das ihren Auftritten einen eigenen Glanz verleiht?
Aufwühlend ist ihre unverfrorene Art, Frauenrollen
auf den Kopf zu stellen. Sie spielt ganz natürlich
mit Erscheinungen und Kleidungsstilen, aber vor
allem mit Bewegungen und Haltungen, die den Konventionen
irgendwie eine Faust aufs Auge drücken. Was
ist weiblich – diese Frage beantwortet Erika
Stucky neu und vielfältig. Erweiterung der
Seinsmöglichkeiten, gekoppelt mit einer unbändigen
Lust an der Performance, so könnte man ihre
kulturelle Wirkung vielleicht umschreiben.
Die
Schweiz (nennen wir dieses Gebilde einmal so)
hat solch eine Künstlerin, und weiss es nicht!
Auf der Internetplattform YouTube sind Ausschnitte
aus dem Schaffen dieser aussergewöhnlichen
Frau leicht greifbar. „What a beautiful
human being! I can only hope she plays in Glasgow
some time...“, so lautet etwa ein dort geposteter
Kommentar. Ja, ein Auftritt von Erika Stucky ist
Erlebnis zum Weiterempfehlen. |