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„Wisst
ihr eigentlich, dass ein paar Meter weit entfernt
von hier, am Zürcher Paradeplatz, die gestohlenen
Millionen unserer korrupten Herrscher in Afrika
auf den Konten eurer Banken liegen?“
So begrüsste Tiken Jah Fakoly, Reggae-Musiker
von der Elfenbeinküste, die BesucherInnen
seines Konzerts vor gut drei Jahren im Zürcher
Kaufleuten. Das Echo auf sein Begrüssungsvotum
war gering, das Kaufleuten- Publikum vielleicht
nicht grad das politisierteste...

Die
Kolonisation Afrikas geht weiter
Tiken
Jah Fakoly, geb. Moussa Doumbia, hat sich mit
seiner Musik inzwischen zum Staatsfeind in seiner
Heimat gemacht – seit 2003 lebt er im Exil
in Mali, um der zunehmenden politischen Repression
zu entfliehen. Seine Songtexte, mal in Französisch,
mal in Dioula (die am weitesten verbreitete Sprache
der Elfenbeinküste), machten ihn bei den
Herrschenden unbeliebt. 1996 greift er mit seinem
Album „Mangercratie“ das damalige
Regime unter Henri Bédié an, das
die Elfenbeinküste unter einem demokratischen
Deckmäntelchen ausplünderte, während
die Bevölkerung Hunger litt. 2002 folgt die
Platte „Françafrique“, mit
der er auf die fortwährende Kolonisation
Afrikas aufmerksam macht: „Die Realität
sieht doch so aus, dass die Kolonialisten niemals
gegangen sind. Es gab die Skla- verei –
wir haben die Sklaverei bekämpft. (achdem
sie gesehen haben, dass sie den Kampf verloren
hatten, begannen sie mit der Kolonialisierung.
Als sie auch diesen Kampf verloren hatten, begannen
sie (Wirtschafts-)Allianzen zu bilden. Die Kolonialisten
sind zwar am Tag gegan- gen, aber über (acht
waren sie schon wieder da!“
Die
Ausbeutung werde mit grossem Zynismus betrieben
– Tiken Jah singt von „blaguer tuer“
(Witze machen und töten):
La
politique Françafrique
C'est du blaguer tuer
Blaguer tuer Ils nous vendent des armes
Pendant que nous nous battons
Ils pillent nos richesses
Et se disent être surpris de voir l'Afrique
toujours en guerre...
Erst verkaufe man Afrika Waffen und plündere
den Reichtum, um sich dann angeblich darüber
zu wundern, dass mit diesen Waffen in Afrika Bürgerkriege
geführt werden.
Öffnet
die Grenzen!
„Qu'est-ce
qu'il nous reste quand on a les mains vides –
was bleibt uns, wenn wir nun mit leeren Händen
da stehen?“ fragt Tiken Jah in seinem
aktuellen Album „L’Africain“.
In „Où aller, où?“ –
wohin gehen, wenn man denn könnte? –
schildert er die Migration in Richtung Norden
als letzte Hoffnung der Verzweifelten, weist dann
aber sogleich in „Ouvrez les frontières“
auf die Festung Europa hin und schildert in „Africain
à Paris“ das prekäre Leben ohne
Papiere in Paris. Tiken Jah, der den Rechtlosen
eine Stimme geben möchte, singt von den Wünschen
und Hoffnungen unzähliger Afrikaner- Innen,
die durch die aktuelle Migrationspolitik unerfüllt
bleiben: „Wir möchten die Möglichkeit
haben zu studieren, zu sehen, wie sich unsere
Träume verwirklichen, wir wollen einen guten
Beruf, möchten reisen, kennenlernen, was
ihr Freiheit nennt. Wir wollen, dass es unse-
ren Familien an nichts fehlt, wir wollen ein Leben,
in dem man so viel essen kann, wie man Hunger
hat. Wir wollen dieses tägliche Elend hinter
uns lassen, für et- was Besseres.“
Zweifellos liegt die Sprengkraft seiner Musik
in den klaren Worten. Aber auch ohne alles zu
verstehen, groovt seine Musik vom ersten bis zum
letzten Track. Ticken Jah sucht mit Hip-Hop-Einflüssen
die Nähe zur urbanen Gegenwart, knüpft
aber gleichzeitig mit Instrumenten wie der Kora
an Traditionen seiner Heimat an. Das gefällt
definitiv auch Nicht-Reggae-Fans!

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