| „ne
travaillez pas, plus jamais“ –
diese Aufforderung Guy Debords zum Müssiggang,
geschrieben mit Sprayerschrift, stach einem auf
dem Weg zur Arbeit von den Plakatwänden Basels
wochenlang ins Auge. Das Plakat warb für
die Ausstellung über die „Situationistische
Internationale“ (SI) im Museum Tinguely
(April bis anfangs August 2007). Im Untertitel:
„Ein Kulturengagement von Roche“.
Der Basler Chemie-Multi sponsert eine Ausstellung
über eine radikal gesellschaftskritische,
antikapitalistische Antikunstbewegung, die als
Vorläuferin der 68er- Bewegung gilt?
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Die Situationisten bei ihrer Arbeit. Ort und
Zeit: Unbekannt. |
Einswerden
von Kunst und Leben
Die
Ausstellung über eine Bewegung, die sich
eigentlich gegen Kunst in Museen gestellt hat,
kommt widersprüchlich daher. Es ist schwierig,
den Situationisten darin gerecht zu werden. „Dépassement
de l’art“ – ein Überschreiten,
eine Auflösung der Kunst, das war der Anspruch
der SI. Denn Kunst ist ein Teil des grossen Spektakels,
ein Paktieren mit dem Kapital und mit den bestehenden
Verhältnissen. Statt Spektakel sollten Situationen
hergestellt werden, in denen das Leben selbst
zum Kunstwerk wird: Poesie und künstlerisches
Denken und Handeln gehören nicht primär
auf Leinwände, sondern sollen in der Gestaltung
der alltäglichen Lebenswelt Aller stattfinden.
Der Begriff der Kunst wird dadurch überflüssig,
denn Kunst findet nicht an einem speziellen Ort,
sondern überall statt.
Als
im Juli 1957 die SI gegründet wurde, schien
eine Revolution ähnlich fern wie in der heutigen
Situation. Nach dem Krieg war in Westeuropa eine
Periode des Wiederaufbaus und des wirtschaftlichen
Aufschwungs angebrochen, die Konsumgesellschaft
schien sich zu etablieren. Mit den Situationisten
betraten in den muffigen 50iger-Jahren künstlerische
Rebellen die Szene, die die Sprengung des Eiffelturms
androhten, für ein Menschenrecht auf Poesie
im Alltag eintraten und die in der Waren- und
Konsumgesellschaft enteignete Lebenswirklichkeit
zurückgewinnen wollten. „Alles
Leben (im kapitalistischen System, muss man ergänzen)
ist zum blossen Spektakel, zur Repräsentation,
zum entfremdeten Schein geworden. Diese Art der
Verdinglichung muss beendet werden“
– so formulierte Guy Debord als Cheftheoretiker
der Bewegung den Anspruch des Situationismus.
Die
Situationisten arbeiteten an einer „Theorie
der Praxis“, die versuchte, mit exper iment
el l en Mi t t eln ein e „unumkehrbare Situation“
der Geschichte, d.h. eine Revolution im Marx’schen
Sinne herbeizuführen, welche den Menschen
für immer von seinen Ketten befreien sollte.
„Die Revolution ist aufs neue zu erfinden
– das ist alles!“ rief die SI
sowohl den Skeptikern wie auch jenen zu, die sich
in ihren Augen auf veraltete revolutionstheoretische
Konzepte bezogen. Sie wandten sich gegen jede
bisherige Politik, in der eine Avantgarde den
„Massen“ den richtigen Weg zu weisen
versuchte und gingen davon aus, dass eine Revolution,
die nicht die Alltagsrealität jedes einzelnen
grundlegend verändert, bloss auf eine neue
Form der Herrschaft hinauslaufe. Das Alltagsleben
soll deshalb durch die Konstruktion von Situationen
befreit werden von festgelegten Strukturen und
mechanisierten Prozessen. Wichtig waren ihnen
Methoden wie das planlose „Umherschweifen“
und Verwirrung stiften, die Nutzung der Stadt
als Experimentierraum, die Zweckentfremdung oder
die „psychogeographische“ Untersuchung
der architektonischen Umgebung.
1965
nahm der gesellschaftliche Einflussder SI zu,
die Auflage ihrer Zeitschrift stieg rasant an.
Insbesondere an den Unis gewannen die Situationisten
Anhänger, beispielsweise mit der im November
1966 erschienenen Broschüre „Über
das Elend im Studentenmilieu“, die an sämtliche
Universitäten Frankreichs verbreitet wurde.
Weite Teile der revoltierenden Studentenjugend
wurden in der Folge von den Ideen der Situationisten
beeinflusst. Nach diesem unverhofften Höhepunkt
lief die SI Gefahr, selber zum „Spektakel“
zu werden und von der Kulturindustrie Frankreichs
rekuperiert zu werden. Zudem schloss die SI permanent
Mitglieder aus, die als abweichlerisch erachtet
wurden – aus den ausgestellten Protokollen
und Briefen wird ersichtlich, wie die SI selber
zunehmend elitär und wie ein Zentralkomitee
funktionierte. 1972 löste sie sich schliesslich
auf.
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Die Zweckentfremdung von Bildern und Comics
war eine häufig angewandte Technik der
Situationisten. |
Der
modernisierte Geist
Die
Ausstellung im Basler Tinguely- Museum liefert
für politische Aktionen heute einiges an
Inspiration: Die SI bietet einen grossen Überfluss
an Ideen, Wünschen, Plänen und Phantasien,
was ansteckend wirkt und nutzbar gemacht und weiterentwickelt
werden könnte - sofern man das Museum nicht
als passiver Zuschauer eines Spektakels besucht.
Plakate, die zur Revolte aufrufen, Traktate gegen
die Ökonomisierung der Bildung, umgestaltete
Comics, in denen die Texte ausgetauscht und mit
situationistischen Ideen ersetzt wurden, ein Film
und viele Tondokumente – alles politische,
subversive und oft noch immer aktuelle Darstellungen
einer Gesellschaft, die heute wie damals als eine
spektakuläre Warengesellschaft charakterisiert
werden kann.
Die
Sponsoren und Ausstellungsmacher scheinen das
weniger so zu sehen. Die SI wird vielmehr dargestellt
als die „letzte internationale Avantgarde-
Bewegung“ vor dem Übertreten ins
postmoderne Zeitalter. Nicht eine Dokumentation
über kreative und radikale Methoden des Widerstands
gegen den modernen Kapitalismus steht im Zentrum,
sondern eine chronologisch aufgebaute Darstellung
einer vergangenen Subkultur. Die spektakuläre
Warengesellschaft hat gelernt, wie sie auf proletarische
Kritik zu reagieren hat. Wie dies sehr eindrücklich
Boltanski und Chiapello in ihrem Buch „Der
neue Geist des Kapitalismus“ (2003) aufzeigen,
haben die Nach- 68er es geschafft, in zerstückelter
Form Momente der Kritik aufzunehmen, zu modernisieren
und des revolutionären Stachels zu entledigen.
Der Geist des Kapitalismus verdankt sein Anpassungsvermögen
der gegen ihn gerichteten Kritik und seiner Fähigkeit,
diese Kritik konstruktiv zu verarbeiten. So wird
beispielsweise auf die auch von den Situationisten
geäusserte Kritik an entfremdeter und monotoner
Arbeit laut Boltanski/ Chiapello in der Managerliteratur
reagiert mit der neuen Nachfrage nach flexiblen,
mobilen, eigenverantwortlichen Selbstunternehmern,
die ihre Arbeit als eigene „Projekte“
managen und dabei „Autonomie“ am Arbeitsplatz
verwirklichen – im Dienste der kapitalistischen
Akkumulation.
Die
Zeit der Revolte und der Utopie wird als vergangen
betrachtet – der Situationismus kann ins
Museum gestellt werden. |