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These 3. Keine rechtmässigen,
nur faktische Avantgarden.
Ein
Generalstab schöpft seine Macht aus einer
äusseren und übergeordneten Instanz,
die ihm Legitimität und Autorität verschafft
(der Staat als Urheber des «Monopols der
legitimen Gewalt» im Falle des militärischen
Generalstabes; die vorausgesetzte «Wissenschaft
der historischen Gesetze» im Falle des politischen
Generalstabs) und in deren Namen er Befehle erteilt.
Im Gegensatz hierzu kann eine Avantgarde, wie
ich sie verstehe, nicht dekretiert werden: Sie
kann sich nicht selbst begründen und sich
nicht selbst als solche ernennen. Eine Avantgarde
ist immer nur ein Faktum, wie auch die soziale
Situation, in der sie sich befindet und von der
sie gewissermassen nur das reflektierte Bewusstsein
darstellt. Auch kann die Avantgarde ihre Rolle
nur dann spielen, wenn sie sich ihrer privilegierten
Situation (und der damit verbundenen Pflichten)
bewusst wird. Wenn es ihr also gelingt, aus dieser
Situation Erkenntnisse zu gewinnen, die für
die Gesamtbewegung gültig sind und mit ihr
geteilt werden können. Dies verlangt von
jeder Avantgarde, dass sie Prüfungen besteht,
d.h. dass sie es schafft, sich als Avantgarde
herauszubilden und sich als solche in der Bewegung
selbst durchzusetzen: Indem sie jederzeit den
Beweis der Richtigkeit ihrer Orientierungen dadurch
erlangt, dass diese von der Gesamtbewegung anerkannt
werden und die Bewegung damit qualitativ bereichert
wird. Die Avantgarde muss demnach durch die Gesamtbewegung
anerkannt werden auf der Grundlage der Unterstützung,
die sie der Bewegung zukommen lässt. Diese
Anerkennung hängt davon ab, was die Avantgarde
für die gesamte Bewegung leistet.
These
4. Keine totalen, nur partielle Avantgarden.
Die
Emanzipationsbewegung des Proletariats spiegelt
als totales soziales Phänomen in jeder besonderen
oder auch einzigartigen Situation, in der sie
in Erscheinung tritt (Kampf in einem Unternehmen,
Berufsgewerkschaft, nationale Tradition, Ausdruck
von Klassenbewusstsein usw.), sämtliche Aspekte,
Elemente, Ebenen und Dimensionen der sozialen
Aktivität. Es ist für eine einzelne
Gruppe oder Organisation völlig unmöglich,
alle Erfahrungen dieser Bewegung zusammenzufassen,
selbst in einem begrenzten räumlichen und
zeitlichen Rahmen.
Jegliche
Avantgarde kann lediglich einen Teil der Situation
oder der gesamten Erfahrungen erfassen, an denen
sie teilnimmt und die sie zu verstehen versucht,
um sie der ganzen Bewegung zur Verfügung
zu stellen. Je nach ihrem Engagement in der Bewegung,
ihren Aktivitäten und eigenen Projekten,
der Tradition, aus der sie hervorgeht usw., gelingt
es der Avantgarde im besten Fall, einen Teil dieser
Situation oder dieser soziohistorischen Erfahrung
zu erfassen und bewusst zu machen. Andere Avantgarden
mit anderen Engagements, Aktivitäten und
Anliegen werden notwendigerweise andere Aspekte
daraus erfassen, nicht weniger reichhaltige aber
auch nicht wertvollere Einsichten.
Daraus
folgt natürlich, dass jede Avantgarde partiell
ist und somit auch relativ. So kann diese Gruppe
oder jene Organisation in Bezug auf eine bestimmte
theoretische und praktische Frage die Avantgarde
der Emanzipationsbewegung darstellen und die Neuheit
oder die potentielle Radikalität einer Kampferfahrung,
einer Idee oder eines Konzeptes voll erfassen.
In Bezug auf eine andere Frage kann dieselbe Gruppe
oder Organisation jedoch sehr wohl die Nachhut
darstellen und schon längst überholte
und von der Mehrheit der Bewegung verlassene Positionen
vertreten. Das ist ein weiterer Grund, den avantgardistischen
Enthusiasmus zu dämpfen!
These
5. Nicht eine einzige, sondern eine Pluralität
von Avantgarden.
Somit
ergibt sich unausweichlich eine Pluralität
der Avantgarden. Es gibt grundsätzlich immer
mehrere strategische und taktische Optionen: Aufgrund
der Entscheidungen, die ein politischer Kampf
in jedem Moment erfordert; aufgrund der Komplexität
der theoretischen und praktischen Probleme, die
sich innerhalb der Emanzipationsbewegung des Proletariats
in jeder historischen Situation stellen; aufgrund
der Vielzahl der offenen Möglichkeiten und
der Vielfalt der politischen und ideologischen
Traditionen, die Erbe und Nährboden der Avantgarden
bilden. Und es ist in einem gewissen Sinn gut
und wünschenswert, dass es so ist: Dass die
Emanzipationsbewegung in ihrer Gesamtheit immer
die Möglichkeit hat, unter mehreren Avantgarden
auszuwählen, die Trägerinnen einer Pluralität
von politischen und theoretischen Optionen sind,
die verglichen und in Bezug auf Aktivitäten
und Aufgaben beurteilt werden können.
Daher
sollte eher von einem Pol der Avantgarden gesprochen
werden als von einer konstituierten Avantgarde.
Von einem Pol, der notwendigerweise vielfältig
und beweglich ist und dem man nur ein permanentes
Aufkeimen neuer Erscheinungsformen wünschen
sollte. Dieser Pol kann allerdings seine Mission
gegenüber der Gesamtbewegung nur unter der
Bedingung erfüllen, dass sich zwischen den
unterschiedlichen Avantgarden Beziehungen gegenseitiger
Toleranz bilden dank permanenter Diskussion, Konfrontation
der Sichtweisen und Meinungen sowie gegenseitigem
Respekt. Die vielfältigen Ergebnisse dieser
Diskussionen stellen die beste Garantie dar für
die Qualität des Beitrags der Avantgarden
zum Fortschritt der Gesamtbewegung.
Auch
hier ist die Unterscheidung zwischen Generalstab
und Avantgarde entscheidend. Nur wenn Avantgarden
auf jeglichen Anspruch verzichten, die Bewegung
in ihrer Gesamtheit zu führen, können
die Voraussetzungen für eine demokratische
Auseinandersetzung zwischen den Avantgarden entstehen.
Schliesslich ist ein demokratisches Verhältnis
zwischen Avantgarden die Folge eines demokratischen
Verhältnisses zwischen Avantgarden und Gesamtbewegung.
These
6. Die Aufgabe der Avantgarde, sich selbst überflüssig
zu machen.
Was
müssten nun Form, Struktur und Funktionen
von Avantgarden im hier vertretenen Sinn sein?
Zunächst einmal ist es klar, dass Avantgarden
in keiner Weise die Form einer Partei annehmen
dürfen, die aus der alten staatsgläubigen
Kultur des sozialdemokratischen Modells der Arbeiter_innenbewegung
entspringt. Tatsächlich ist die Partei eine
Form politischer Organisation, die sich ausschliesslich
mit dem Ziel bildet, die Staatsmacht zu erobern
und auszuüben. Eine Partei bringt die Interessen,
den Willen, das Projekt einer bestimmten sozialen
Klasse oder, allgemeiner gesagt, eines sozialen
Blocks (im Sinn eines komplexen System von Allianzen
zwischen unterschiedlichen Klassen, Klassenfraktionen,
Schichten oder sozialen Kategorien) in eine staatliche
Form.
In
der Folge erscheint die politische Partei in allen
Aspekten ihrer Funktionsweise wie ein reines Abbild
des Staatsapparates: Bezüglich der Beziehung
zu den Massen und zur Gesellschaft, insbesondere
gekennzeichnet durch Delegation von Macht; bezüglich
bürokratischer Organisation, im Sinn der
Aufteilung zwischen Leitung und Ausführung;
bezüglich Aneignung der Führung durch
Personen, die der demokratischen Kontrolle von
unten zunehmend entkommen, selbst wenn es im Prinzip
formale Garantien dagegen gibt; bezüglich
Unabsetzbarkeit der Führer und fehlender
Transparenz ihrer Tätigkeit; bezüglich
der Art der Parteidiskurse; bezüglich der
mehr oder weniger bedingungslos geforderten Unterordnung
der Aktivist_innen, die bis zur Militarisierung
der Organisation gehen kann; und schliesslich
bezüglich Fetischismus der Partei als solcher.
Unter diesen Bedingungen gibt das Individuum,
welches in eine Partei eintritt, seine intellektuelle
und moralische Autonomie ganz oder teilweise ab.
Die wichtigsten Entscheidungen der Organisation
geschehen ohne sein zutun, es sei denn, das Individuum
hat Zugang zu den führenden Instanzen.
Daher
dürfen sich die Avantgarden weder Ziele noch
Funktionsweisen der politischen Parteien aneignen,
da sie im Dienste der Selbstaktivität der
Proletariats stehen und eine Selbstbefreiung zum
Ziel haben, welche die Zerstörung und den
Abbau des Staatsapparates erfordert. Avantgarden
dürfen übrigens auch nicht die Form
politischer Sekten annehmen. Denn diese sehen
sich als exklusive Besitzer einer unantastbaren
Wahrheit an, aus deren Höhe sie über
den Kurs der Klassenkämpfe urteilen, anstatt
daran teilzunehmen. Demokratie muss an erster
Stelle stehen Die Struktur der Avantgarden muss
sich vielmehr strikt an die föderalistischen
Prinzipien halten. Denn je mehr Avantgarden an
die Spitze der gesamten antikapitalistischen Bewegung
zu stehen kommen, umso mehr müssen sie, als
ihr suchender Kopf, in ihren Strukturen und ihrer
Funktionsweisen die kommunistische Gesellschaft
als «freie Assoziation der Produzenten»
(Marx) vorwegnehmen. Daher die Notwendigkeit der
kollektiven Selbstverwaltung der Macht im Innern
mit allem, was dazu gehört: Rotation der
Aufgaben; Verzicht auf Funktionäre auf Lebenszeit;
offene Zirkulation der Information; möglichst
weitgehende innere Demokratie, basierend auf Dezentralisierung
der Entscheide und Aktionen; Garantien für
allfällige Minderheiten, die Mehrheitsentscheide
ablehnen usw.
Was
die Funktionen der Avantgarden betrifft, so dürfen
sie ausschliesslich daraus bestehen, die Selbstaktivität
des Proletariats in ihren vielfältigen Dimensionen
zu fördern: Die Selbstbestimmung des Proletariats
(Fähigkeit, ein politisches Projekt zu entwickeln;
programmatische Orientierung; Strategien und Taktiken
je nach Kräfteverhältnis in den Klassenkämpfen),
die Selbstorganisation des Proletariats (Organisationsformen,
die eine Mobilisierung als soziale Klasse und
die kollektive Ausübung der Macht als Klasse
ermöglichen), die Selbstreflexion des Proletariats
(Fähigkeit, Klassenbewusstsein zu entwickeln).*
In einem Wort ist es die Funktion der Avantgarden,
daran zu arbeiten, die Fähigkeit des Proletariats
zur Selbstemanzipation zu fördern.
Insofern
steht jede Avantgarde vor einem Widerspruch, den
sie bewältigen und soweit möglich überwinden
muss. Einerseits muss sie versuchen, die soziale
Bewegung in ihrer Gesamtheit zu beeinflussen,
ohne ihr etwas aufzwingen zu wollen, indem sie
theoretische Analysen, strategische Orientierungen,
Organisationsmodalitäten, Kampftaktiken usw.
vorschlägt. Andererseits arbeitet die Avantgarde
daran, ihre eigene Arbeit überflüssig
zu machen, indem sie die Fähigkeit des Proletariats
zur Selbstaktivität zu fördern und stärken
versucht. Schliesslich arbeitet sie daran, die
Bedingungen ihres eigenen Absterbens zu schaffen.
*
Näheres hierzu in meinen Artikel «Eléments
pour une
théorie de l’auto-activité
du prolétariat», Carré Rouge
Nr. 34, Oktober 2005. |