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Es sah fast schon so aus, als hätten die
Studierenden die Riesenkröte geschluckt.
Nach den Protesten im Jahr 2002/03 – als
das „Aktionskomitee gegen Bildungsabbau“
mit einer Grossdemonstration und einem Warnstreik
gegen das neue Zürcher Universitätsgesetz,
die Erhöhung der Studiengebühren und
gegen die Einführung der Bologna-Reform mobilisierte
– blieb es jahrelang sehr ruhig an der Universität
Zürich. „Bologna kommt sowieso“
– dieses resignierte Votum war oft zu hören,
obwohl es unzählige Gründe gegeben hätte,
den undemokratischen Prozess der Einführung
und Umsetzung der Bologna- Deklaration anzuprangern.
Inzwischen
ist die Modularisierung der Studiengänge
in Bachelor und Master in Zürich wie an allen
Schweizer Universitäten umgesetzt, die Jagd
nach Kreditpunkten gehört zum Alltag der
Studierenden und die Universität versteht
sich längst als Dienstleistungsunternehmen,
das sich auf dem internationalen Bildungsmarkt
zu profilieren hat. Erpicht darauf, möglichst
gut abzuschneiden in den internationalen Rankings
der Top-Universitäten, wird viel Geld darauf
verwendet, exzellente Forschungsstandorte zu fördern,
die meist stark gekoppelt sind an die Bedürfnisse
der Industrie. Die moderne Uni soll in der Lage
sein, möglichst unkompliziert und schnell
auf die Anforderungen des kapitalistischen Produktions-
und Verwertungs-prozesses sowie auf Bedürfnisse
staatlicher Institutionen reagieren zu können.
Oder wie es Charles Kleiber – der ehemalige
Staatssekretär für Bildung und Forschung,
der für die Schweiz im Juni 1999 die Europäische
Bologna-Erklärung unterschrieben hatte –
formulierte: „Was einst eine Gabe des
Himmels war [das Wissen], ist von nun an auch
eine Quelle des Profits für die Unternehmen
und eine Grundlage der Prosperität des Staates.“
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Das
Schweizerische Institut für Auslandforschung
(SIAF)
Das
SIAF - ein neoliberaler Think Tank mit einem
Vorstandund Kuratorium, dass ich wie das
Who-is-Who des Schweizer FDP-UBS-Wirtschaftsfilzes
liest - dient als eindrückliches Beispiel
zur Veranschaulichung er engen Kooperation
zwischen privaten Grossunternehmen und dem
Unternehmen Universität. Die Auswahl
von Referenten wie Vasella und Brabeck passt
zur Tradition des SIAF, das zwar behauptet,
„politisch und wirtschaftlich“
unabhängig zu sein, jedoch gleichzeitig
„enge Beziehungen mit einer Reihe
von Partnern (unterhält), die das Institut
sowohl finanziell als auch ideell unterstützen“
- wozu laut Website (www.siaf.ch) neben
den Multis Nestlé und Novartis auch
die UBS, Swiss Re, Swiss Life, Vontobel,
Ernst&Young und die Crédit Suisse
gehören.
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„Bildung
krepiert, wenn die Privatwirtschaft regiert!“
Doch
jetzt, nach einigen Jahren Erfahrung im real-existierenden
Bologna-System, regt sich nun doch etwas Widerstand.
Zwar kann von Massenprotest nicht die Rede sein
– aber immerhin: Die individuelle Unzufriedenheit
mit dem rigiden und stressigen Punkte-Fahrplan,
den starren Präsenzkontrollen und den unzähligen
Leistungsnachweisen, dem uneingelösten Mobilitätsversprechen,
der zusammengestrichenen Fächervielfalt usw.
findet einen kollektiven Ausdruck. Eine Ad-hoc-Gruppe
von rund 50 Studierenden aus verschiedenen Studienrichtungen
und Fakultäten, aus unterschiedlichen politischen
Gruppierungen oder bisher unorganisiert, hat sich
anfangs Frühlingssemester zum Komitee „Uni
von unten“ zusammengeschlossen und schaffte
es mit einer aufsehenerregenden, kreativen Kampagne,
den Zusammenhang zwischen dem konkreten „Elend
des Studierendenalltags“ und der Politik
der Ökonomisierung der Hochschulen herzustellen.
Auslöser war die stolze Ankündigung
des Schweizerischen Instituts für Auslandforschung
(SIAF), dieses Semester „Persönlichkeiten“
wie Daniel Vasella (Novartis), Jean-Pierre Roth
(Schweizerische Nationalbank) und Peter Brabeck
(Nestlé) für einen Vortragszyklus
gewonnen zu haben. „Mit seiner Vortragsreihe
bietet das SIAF verschiedenen Grossunternehmern
die Gelegenheit, an der Uni Zürich ihre Geschäfte
in ein sonniges Licht zu rücken und über
die Herausforderungen der Zeit und dergleichen
zu schwadronieren. Prestigeveranstalt-ungen dieser
Art bilden den ideologischen Soundtrack zum derzeitigen
massiven Umbau der universitären Bildung:
bislang unabhängige Forschungsfelder werden
zunehmend mit privaten Mitteln getragen, Studiengänge,
die nicht direkt ökonomisch verwertbar sind,
werden zusammengestrichen, und in den Entscheidungsgremien
der Universitäten und Forschungsfonds sitzen
immer mehr Delegierte aus der Privatwirtschaft.
Damit läuft die Universität Gefahr,
jeden Anspruch auf unabhängige und kritische
Reflexion gesellschaftlicher Verhältnisse
preiszu-geben und zu einer Wasserträgerin
der wirtschaftlichen Eliten zu verkümmern“
(Flyer „Uni von unten“, Mai 2009).
Die bildungspolitische Kritik richtete sich insbesondere
gegen die Ausrichtung von Lehre und Forschung
auf Verwertbarkeit und die damit verbundene Marginalisierung
von kritisch-demokratischer Wissensproduktion
und -vermittlung. Thematisiert wurden aber auch
die Organisation und der Aufbau des Studiums im
Bolognazeitalter (Humankapital- Logik, Verschulung,
Disziplinierung, Zulassungsbeschränkungen,
Exzellenz- Orientierung usw.) sowie die hierarchische
Struktur und die fehlende Demokratie an der Universität.

Kriminalisierung
des Protests
Die
Ankündigung von „Uni von unten“,
Daniel Vasella „gebührend zu empfangen“,
löste beim SIAF und der Universität
sofort „massive Sicherheitsbedenken“
aus: Man sah sich veranlasst, das grosse Ereignis
hinter verschlossenen Türen in einem der
teuersten Hotels von Zürich stattfinden zu
lassen. Bezeichnend war die Medienberichterstattung
danach: Nicht das SIAF mit seiner fragwürdigen
Auffassung von Dialog wurde für die „massiv
gestörte Redefreiheit“ (Zitat:
NZZ) verantwortlich gemacht, sondern die „gewaltbereiten
Kritiker“ (Zitat ebenfalls NZZ), die
am besagten Abend friedlich ihren Protest vor
dem Haupteingang der Universität anbrachten.
Anlässlich des Auftritts von Jean- Pierre
Roth organisierte das Komitee eine sehr gut besuchte
Gegenveranstaltung mit Referaten von Peter Streckeisen
(vgl. dazu den Artikel in dieser Nummer) und Christian
Felber (attac Österreich). Nach einer spektakulären
Mobilisierung - u.a. wurden an den Wasserhähnen
der Uni Nestlé-„PureLife“-
Kleber angebracht, um anzukündigen, dass
das Trinkwasser ab sofort privatisiert und somit
kostenpflichtig sei – fand der Protest gegen
den SIAF-Zyklus am 12. Mai seinen vorläufigen
Höhepunkt: Rund 200 Studierende versammelten
sich an der Kundgebung vor und in der Uni anlässlich
des Auftritts von Nestlé-Chef Brabeck.
Während sich drinnen im Hörsaal die
wirtschaftliche, politische und wissenschaftliche
Elite auf die Schultern klopfte, wurde draussen
laut und entschlossen demonstriert. Die Quittung
kam prompt: „Uni Zürich plant härtere
Strafen für Querulanten“ – titelte
der Tagesanzeiger nach der Aktion. Die Repression
gegen politische Aktion an der Uni hat deutlich
zugenommen: Der „Sicherheits“dienst
filmte mehrmals Aktionen von „Uni von unten“,
Studierende wurden fichiert und darauf hingewiesen,
politische Flyer nicht auf dem Areal der Uni verteilen
zu dürfen (während man täglich
„legal“ mit Partyflyern und PR-Akionen
von grossen Konzernen zugemüllt wird). Es
wird in Zukunft eine Herausforderung sein, sich
gegen diese Kriminalisierung von Widerstand kollektiv
zu wehren und die Legitimität von politischer
Aktion an der Uni zu stärken.

Perspektiven
In
dieser kleinen, relativ bescheidenen Mobilisierung
zeigte sich ansatzweise, was man von grösseren
Bewegungen kennt: Dass sich im konkreten Kampf
oft ungeahnte soziale Dynamiken auftun. In wenigen
Wochen können sich unglaubliche Entwicklungen
bei den Beteiligten ergeben. „Ich merke
jetzt, dass ich ja auch selber Politik machen
kann“ – dieses Votum einer Mitstreiterin
von „Uni von unten“ zeugt von der
basisdemokratischen Praxis, dem Gefühl des
„Involviertseins“ und dem Ausleben
von Kreativität, was für viele Studierende
eine positive und teilweise neue Erfahrung bedeutete.
Die Leute fangen plötzlich an, alles Mögliche
in Frage zu stellen, sie werden aktiv, nicht nur
durch neue Kontakte, sondern auch durch die Solidarität,
die sie erfahren. Und sie wehren sich gegen die
Isolierung des Einzelnen im Studi-Alltag, gegen
die Wettbewerbs- und Konkurrenzlogik und die neoliberale
Ideologie der „individuellen Verantwortung“.
Kämpfe
sind nicht immer planbar, und sie richten sich
insbesondere nicht nach dem Semester oder den
Urlaubsplänen… Das Komitee „Uni
von unten“ hat sich vorgenommen, trotz Semesterende
sich weiterhin zu treffen über die Sommerpause
und sich vertiefter mit Bildungspolitik auseinanderzusetzen,
um zu Semesterbeginn im Herbst wieder mit einer
Kampagne an der Uni präsent zu sein. Gefragt
sind Forderungen, die nicht abstrakt sind, sondern
im Hier-und-Jetzt ansetzen, bei den Alltagserfahrungen
der Studierenden (Stress, soziale Selektion, Unterwerfungslogik,
Konkurrenz im Bolgona- Zeitalter usw.) und bei
den emanzipativen Bedürfnissen und Widerständigkeiten,
die sich daraus ergeben. Dabei gilt es, einige
Fragen immer wieder von neuem anzugehen: Wie lassen
sich spektakuläre Aktionen und symbolische
Kampagnen mit kontinuierlichen sozialen Auseinandersetzungen
verbinden? Wie stellen wir uns – perspektivisch
– eine andere, eine demokratische „Universität
von unten“ vor? Wie lässt sich die
Verbindung mit Studierenden-Kollektiven an anderen
Unis in der Schweiz (v.a. Basel und Bern), aber
auch in den umliegenden Nachbarländern vorantreiben?
Und: Wie können Kämpfe an der Uni mit
allgemeiner Gesellschaftspolitik in einen Zusammenhang
gebracht werden? Es wird also in naher Zukunft
nicht zuletzt darum gehen, Möglichkeiten
von Brückenschlägen zu suchen, von Verbindungen
zwischen unterschiedlichen Realitäten und
Kämpfen.
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Uni
von Unten - auch in Basel
Uni
von unten gibt es auch in Basel - dies schon
seit eineinhalb Jahren. Im Rahmen des Internetcafés
Planet13 (www.planet13.ch), einem selbstorganisierten
Projekt von Erwerbslosen und Armutsbetroffenen,
finden wöchentlich Veranstaltungen
und Seminare statt - für alle zugänglich
und kostenlos. Wir werden in einer der nächsten
Ausgaben der Debatte das Projekt vorstellen. |
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