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Die afroamerikanische feministische Praxis und
Theorie fordert den Feminismus weisser Mittelstandsfrauen
seit den 1970er Jahren heraus. „Wir Frauen“,
dieser Formel der universellen Frauenunterdrückung,
begegnen sie mit der Frage, wer denn mit dem „Wir“
gemeint sei. Sind arme schwarze Frauen mitgemeint?
Ist die spezifische Art der Unterdrückung,
die weisse Frauen in den USA trifft, einfach so
auf die Lage von Afroamerikanerinnen übertragbar?
Gibt es vielleicht auch unter Feministinnen Rassismus?
Mit solch unbequemen Fragen haben sie den Führungsanspruch
und die Themenwahl dessen, was man heute als Mainstream-
Feminismus bezeichnen könnte, nachhaltig
in Frage gestellt. Gleichzeitig geniessen schwarze
Feministinnen keinen uneingeschränkten Rückhalt
in afrikanischamerika-nischen Communities, da
ihr Engagement teils als gegen schwarze Männer
gerichtet wahrgenommen wird. Diese doppelte Randstellung
schärft einen radikalen Blick auf Unterdrückungsverhältnisse,
in denen Geschlecht, „Rasse“2
und Klasse ineinander greifen. Unter anderem haben
sie darauf hingewiesen, dass der Aufbruch der
Frauen ab den 1960er Jahren in den USA wesentlich
auf die bereits bestehende Bewegung für Gleichberechtigung
der afroamerikanischen
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| Harriet
Tuban spielte bei der Sklavenbefreiung am
Combahee River 1863 eine wichtige Rolle. |
Bevölkerung, dem Civil Rights Movement fusste.
Sie stellen somit die Herleitungslinie in Frage
zwischen einer sogenannten „ersten“
Frauenbewegung an der Jahrhundertwende zum 20.
Jh und einer „zweiten“ Welle in den
1960-1970ern. Afroamerikanische Feministinnen
haben einen entscheidenden Beitrag an das feministische
Denken geleistet, indem sie aufzeigten, dass der
Kampf zur Befreiung der Frauen notwendigerweise
auch antirassistisch sein und arme Frauen ins
Zentrum seines Handelns stellen muss. Diese Überlegungen
sind auch für Feministinnen hierzulande von
Bedeutung, wenn wir den Feminismus nicht auf eine
Karriereleiter für Politikerinnen und Managerinnen
mit Schweizer Pass reduzieren wollen.
Unsere
Überzeugungen
Das
Wichtigste ist, dass unsere Politik auf der gemeinsamen
Überzeugung fusst, dass Schwarze Frauen in
sich selber wertvoll sind, dass unsere Befreiung
eine Notwendigkeit ist, nicht als Zusatz zur Befreiung
vom jemand anderem, sondern aufgrund unseres eigenen
Bedürfnisses nach Autonomie als menschliche
Wesen. Dies mag so selbstverständlich scheinen,
dass es trivial klingt, aber es steht fest, dass
keine andere fortschrittliche Bewegung unsere
spezifische Unterdrückung als eine Priorität
angesehen hat oder ernsthaft an der Beseitigung
dieser Unterdrückung gearbeitet hat. Schon
nur die Nennung der abwertenden Klischees, die
Schwarzen Frauen angehängt werden (Kindermädchen
für Weisse, Matriarchin, dominante Frau,
Hure, männlich auftretende Lesbe), zeigt
– einmal abgesehen von den grausamen und
oft tödlichen Misshandlungen, denen wir ausgesetzt
sind – wie wenig Wert unserem Leben während
vier Jahrhunderten von Sklaverei in der westlichen
Welt geschenkt wurde. Wir merken, dass die einzigen
Menschen, denen wir genügend wichtig sind
um mit uns für unsere Befreiung zu kämpfen,
wir selbst sind. Unsere Politik gründet auf
einer gesunden Liebe zu uns selbst, unsere Schwestern
und unsere Gemeinschaft, und sie erlaubt uns unseren
Kampf und unsere Arbeit fortzusetzen.
Audre
Lorde
Die afroamerikanische Poetin und Aktivistin
mit karibischen Wurzeln (1934-1992) war
unter anderem in der Bürgerrechts-bewegung
und in der Lesben- und Frauenbewegung aktiv.
Das Gedicht „Macht“ schrieb
sie aus Anlass des Freispruchs des Polizisten
Thomas O'Shea, der am 28. April 1973 ein
schwarzes Kind, den 10-jährigen Clifford
Glover, erschossen hatte. Unter den Geschworenen
befand sich auch eine schwarze Frau. Die
Originalversion auf English wurde veröffentlicht
in: Black Unicorn, W.W. Norton & Co.,
NY 1978. (Übersetzung Debatte.) |
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Macht
Der Unterschied zwischen Dichtung und
Rhetorik ist die Bereitschaft, sich selbst
zu töten anstelle der eigenen Kinder.
Ich bin gefangen in einer Wüste von
klaffenden Schusswunden
und ein totes Kind, das sein zerschlagenes
schwarzes Gesicht in meinem Dämmerschlaf
erhebt mit Blut aus seinen verletzten
Wangen und Schultern ist die einzige Flüssigkeit
weit und breit und mein Magen dreht sich
um beim Gedanken an diesen Geschmack während
mein Mund sich mit trockenen Lippen öffnet
treu- und gedankenlos durstig nach dem
feuchten Blut das in die Weisse der Wüste
versickert, in der ich verloren bin ohne
Bild und Magie versuche ich Macht zu schaffen
aus dem Hass und der Zerstörung versuche
ich meinen sterbenden Sohn mit Küssen
zu retten doch schneller wird die Sonne
seine Knochen bleichen.
Der Polizist, der den 10-Jährigen
in Queens erschoss stand mit seinen Bullenstiefeln
über dem Jungen in Kindesblut
und eine Stimme sagte „Stirb du
kleiner Hurensohn“ un dies ist auf
Tonband festgehalten. Vor Gericht sagte
der Polizist zu seiner Verteidigung „Ich
habe weder Grösse noch sonst etwas
bemerkt nur die Hautfarbe“ und auch
dies ist auf Tonband festgehalten.
Heute ist der
37-Jährige weisse Mann der 13 Jahre
Polizeigewalt vorweist freigesprochen
worden von 11 weissen Männern, die
sagten sie seien zufrieden dass Gerechtigkeit
getan worden sei und von einer schwarzen
Frau, die sagte „Sie haben mich
überzeugt“, was bedeutet dass
sie den 1,65 m grossen Körper dieser
schwarzen Frau über die heissen Kohlen
von vier Jahrhunderten Zustimmung durch
weisse Männer geschleift hatten bis
die Frau die erste wirkliche Macht aufgab,
die sie jemals besass und ihren eigenen
Schoss mit Zement ausgoss um daraus einen
Friedhof für unsere Kinder zu machen.
Ich war nicht fähig, die Zerstörung
in mir selbst zu berühren. Aber wenn
ich nicht lerne den Unterschied zwischen
Dichtung und Rhetorik zu nutzen wird auch
meine Macht korrupt wie giftiger Schimmel
oder lose und nutzlos wie ein abgetrennter
Draht und werde ich eines Tages den Stecker
aus meiner Jugendzeit nehmen ihn an die
erstbeste Steckdose anschliessen und eine
85-jährige weisse Frau vergewaltigen
die jemandes Mutter ist und während
ich sie bewusstlos schlage und ihr Bett
in Brand setze wird ein griechischer Chor
im ¾ Takt singen „Die Ärmste.
Sie hatte niemandem etwas zuleide getan.
Was sind das für Bestien.“
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Wir
denken, dass Geschlechterpolitik unter dem Patriarchat
gleich prägend ist wie Klassen- und Rassenpolitik.
Oft fällt es uns gar schwer, die drei Unterdrückungsformen
nach der Rasse, der Klasse und dem Geschlecht
auseinanderzuhalten, denn diese treten in unserem
Leben oft gleichzeitig auf. Wir wissen, dass es
rassistisch-sexuelle Unterdrückung gibt,
die weder nur auf die Rasse noch ausschliesslich
auf das Geschlecht zielt, zum Beispiel die Geschichte
der Vergewaltigung Schwarzer Frauen durch weisse
Männer als Waffe der politischen Repression.
Obwohl
wir Feministinnen und Lesben sind, sind wir solidarisch
mit fortschrittlichen Schwarzen Männern und
stehen nicht für den Separatismus ein, den
weisse Frauen fordern. Unsere Lage als Schwarze
Menschen macht Solidarität in der Frage der
„Rasse“ erforderlich, was für
weisse Frauen natürlich gegenüber weissen
Männern so nicht gegeben ist, sehen wir einmal
ab von einer negativen Solidarität als Teilhaberinnen
an der rassistischen Unterdrückung. Wir kämpfen
zusammen mit Schwarzen Männern gegen Rassismus,
während wir auch mit Schwarzen Männern
kämpfen in Sachen Sexismus.
Wir
sind uns bewusst, dass die Befreiung aller unterdrückten
Menschen die Zerstörung des politisch-wirtschaftlichen
Systems des Kapitalismus und Imperialismus sowie
des Patriarchats erfordert. Wir sind Sozialistinnen,
weil wir glauben, dass die Arbeit zum Vorteil
all jener organisiert werden muss, welche die
Arbeit verrichten und die Produkte schaffen, und
nicht zum Vorteil der Bosse. Materielle Ressourcen
müssen gerecht verteilt werden unter denen,
die diese Ressourcen produzieren. Dennoch sind
wir nicht davon überzeugt, dass eine sozialistische
Revolution, die nicht zugleich eine feministische
und antirassistische Revolution ist, unsere Befreiung
garantieren wird. Wir sind zum Schluss gekommen,
dass wir uns ein Verständnis von Klassenbeziehungen
erarbeiten müssen, das die spezifische Klassenstellung
Schwarzer Frauen berücksichtigt, die generell
unter den Lohnabhängigen marginalisiert sind,
auch wenn derzeit einige unter uns als willkommene
Alibis in Weissekragenjobs und mittelständischen
Berufen gelten. Wir müssen die reale Klassenstellung
von Menschen benennen, die keineswegs Lohnabhängige
ohne Rassenzugehörigkeit und ohne Geschlecht
sind, sondern für die rassistische und sexuelle
Unterdrückung prägende Grössen
ihres Arbeitslebens/ihrer wirtschaftlichen Existenz
sind. Auch wenn wir grundsätzlich einverstanden
sind mit Marx' Theorie in Bezug auf die speziellen
wirtschaftlichen Beziehungen, die er untersucht
hat, wissen wir dass seine Analyse vertieft werden
muss, um unsere spezifische wirtschaftliche Lage
als Schwarze Frauen zu verstehen.3
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| „Kapitalismus,
Sexmismus und Rassismus hängen zusammen.“
bell hooks. |
bell
hooks
Meine
politische Radikalität gründet in der
folgenden Überzeugung: Damit eine neue soziale
Ordnung entstehen kann, muss die Herrschaftspolitik
in Frage gestellt werden, wie sie sich in der
imperialistischen, kapitalistischen, rassistischen
und sexistischen Unterdrückung zeigt. Zuweilen
definiere ich mich als Sozialistin. Zuweilen aber
bin ich ernüchtert und schaue mit Skepsis
auf den amerikanischen Sozialismus, insbesondere
in seiner sozialistisch- feministischen Version:
Diese wurzelt in einer gewissen universitären
Orthodoxie und strebt keineswegs danach, eine
politische Massenbewegung anzuregen oder eine
gesellschaftliche Veränderung herbeizuführen.
In der Regel begnügt sich die sozialistisch-feministische
Literatur damit, eine feministische Kritik des
Sozialismus zu formulieren, anstatt eine radikale
Theorie der sozialistischen Befreiung zu erarbeiten,
welche die sexistischen, rassistischen, gesellschaftlichen,
imperialistischen Herrschafts-systeme als Gesamtheit
begreifen könnte. Diese Fragestellung ist
es, welche die Sozialistinnen- Feministinnen und
alle Feministinnen antreiben sollte, die für
eine revolutionäre Veränderung einstehen.4
bell
hooks
1952 in einer ArbeiterInnenfamilie geboren,
lehrt die afroamerikanische Philosophin
derzeit am City College of New York englische
Literatur. Der Name ist ein Pseudonym
und geht auf ihre indigene (indianische)
Grossmutter zurück, die Kleinschreibung
hat sie selber gewählt.
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1
Black feminism. Anthologie du féminisme
africain-
américain, 1975-2000, Paris: L'Harmattan
2008
2 Das englische Wort „race“ (Rasse)
wird in
dieser feministischen Diskussion nicht, wie im
Deutschen, mit Faschismus assoziiert und wird
als eine gültige Bezeichnung von Identität
in der
Analyse von Unterdrückung angesehen. Rasse
wird in diesem Sinne nicht biologisch begründet
sondern als etwas gesellschaftlich Konstruiertes
angesehen.
3 Dieser Text wurde 1977 verfasst und erschien
erstmals in Zillah Silberstein (Hg.), Capitalist
Patriarchy and the Case for Socialist Feminism,
ew York: Monthly Rewiew Press 1978.
(Übersetzung Debatte)
4 Aus Kapitel IV von Feminist Theory: From
Margin to Center, Boston: South End Press
1984. (Übersetzung Debatte) |