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Die Zeitschrift Emanzipation trägt
den Untertitel Zeitschrift für sozialistische
Theorie und Praxis. Wie ist es zum diesem Titel
gekommen?
Der
Begriff Emanzipation steht als sehr umfassender
Begriff im Zentrum der neuen Zeitschrift. Er enthält
die Perspektive der Befreiung, genauer der Selbstbefreiung
der Lohnabhängigen und aller Ausgebeuteten
und Unterdrückten. Die Zeitschrift will Bewegungen
von Menschen verstehen lernen und unterstützen,
die versuchen, die Geschichte in die eigene Hand
zu nehmen, um sich sowohl individuell als auch
kollektiv zu befreien. Emanzipation meint somit
die Befreiung von jeder Form der Ausbeutung, Ungleichheit
und Unterdrückung, egal, ob es sich um spezifisch
kapitalistische Mechanismen handelt oder um solche,
die älter als der Kapitalismus selbst sind.
Emanzipation
also auch im Sinne von Geschlechteremanzipation?
Die
Emanzipation von Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnissen,
die mit den Geschlechtern zusammenhängen,
gehört genauso dazu wie diejenige, die sich
gegen die Diskriminierung auf Grund der Herkunft
zur Wehr setzt. Die Emanzipation soll konsequent
und grundsätzlich auf der Seite der Unterdrückten
und Ausgebeuteten stehen, egal, um welche spezifische
Form es sich handelt.
Hat
die Emanzipation einen Avantgarde- Anspruch? Oder
will sie in erster Linie bestehende Auseinandersetzungen
beleuchten?
Die
Emanzipation soll ein Produkt sein von gegenseitigem
und gemeinsamem Lernen und Lehren. Sie soll bestehende
Bewegungen aufgreifen, verarbeiten und von ihnen
lernen, aber sie soll auch versuchen, neue Impulse
zu liefern. Eine Zeitschrift kann aber keine Avantgarde
sein. Ein wichtiger Aspekt ist, dass die Zeitschrift
zwar auf Deutsch erscheint, inhaltlich allerdings
klar international ausgerichtet ist. Sie soll
sich nicht an den Sprachgrenzen orientieren, sondern
für die Neuformulierung und Neuformierung
einer internationalen antikapitalistischen und
sozialistischen Perspektive wichtige Auseinandersetzungen
zur Diskussion stellen. Dies bedeutet auch, dass
ein Teil der redaktionellen Arbeit darin besteht,
Artikel aus anderen Sprachen zu übersetzen
und zu kontextualisieren.
Gibt
es nicht viele Zeitschriften, die diesen Anspruch
schon haben?
Im
deutschen Sprachraum gibt es derzeit keine Zeitschrift,
die erstens einen radikal antikapitalistischen
und sozialistischen Anspruch hat, zweitens diesen
Anspruch auch wissenschaftlich zu begründen
versucht und drittens auch politisch eingreifen
will. Letzteres soll vor allem dadurch geschehen,
dass aktuell stattfindende politisch- soziale
Kämpfe aufgegriffen, übersetzt und kontextualisiert
werden. In diesem Sinne soll es keine rein akademische
Debatte werden, sondern auch ein Projekt der politischen
Intervention.
Da
die Zeitschrift nur zweimal jährlich erscheint,
ist es klar, dass sie nicht alle aktuellen Themen
beleuchten kann. Auch deswegen wollen wir selektiv
vorgehen und versuchen, bestimmte Themen so aufzugreifen
und zu vertiefen, dass sie wiederum auch die politische
Praxis befördern können.
Was
erwiderst du auf den Vorwurf, die Emanzipation
sei eine weitere Zeitschrift im bereits sehr dichten
linken Blätterwald, wo viele linke Strömungen
ihre eigenen Publikationsprojekte verfolgen? Oder
soll eure Zeitschrift etwa strömungsübergreifend
ausgerichtet sein?
Wir
haben einen antikapitalistischen und kritisch-sozialistischen
Anspruch. Die Emanzipation soll unterschiedliche
antikapitalistische Perspektiven, seien sie revolutionärsozialistisch,
anarcho-syndikalistisch, libertär, öko-sozialistisch
und feministischsozialistisch zum Ausdruck bringen
und kritisch hinterfragen. In diesem Sinne will
die Zeitschrift Farbe bekennen und zugleich pluralistisch
sein. Das heißt aber nicht, dass wir ein
unverbindliches und nach allen Seiten offenes
Debatteforum sein wollen.
Wie
beurteilst du in diesem Zusammenhang die Zeitschrift
Widerspruch? Hat der Widerspruch nicht einen ähnlichen
Anspruch?
Der
Widerspruch hat ein widersprüchliches Profil.
Einerseits publizieren regelmässig Autor_innen
vor allem aus Deutschland durchaus interessante,
radikale Beiträge zu grundlegenden und internationalen
Themen. Wenn es aber um die Schweiz geht, so gehen
die Artikel kaum über eine etwas «linkere»
sozialdemokratische Position hinaus. In Bezug
auf die Schweiz, so ist der Widerspruch kaum mehr
als eine sanfte, intellektuelle Begleit- und Korrekturstimme
zur Sozialdemokratischen Partei und zu den Führungen
der grossen Gewerkschaften. Das ist nicht interessant.
Gibt
es in der Schweiz derzeit Themen, die für
die Emanzipation von Bedeutung sind?
Von
pulsierenden sozialen Kämpfen kann im deutschen
Sprachraum zur Zeit nicht wirklich gesprochen
werden. Dennoch gibt es in all diesen Ländern
Fundstücke von Auseinandersetzungen, in denen
Lohnabhängige anfangen, ihr Schicksal in
die eigenen Hände zu nehmen. Die vergangenen
Arbeitskämpfe etwa in Deisswil oder Bellinzona
hatten durchaus eine Bedeutung, auch wenn sie
regional begrenzt waren. Aber auch Auseinandersetzungen
im nichtbetrieblichen Bereich wie etwa der Kampf
der Flüchtlinge, Kämpfe um Umweltfragen
und Lebensbedingungen allgemein sind da zu nennen.
Interessanterweise
hat sich in Deutschland um den Bahnhof Stuttgart
eine reelle und grosse Volksbewegung formiert,
die teilweise auch neue Fragen aufgeworfen hat:
Es geht um das Recht auf die Stadt! Wie wird heute
das Leben in einer Stadt organisiert? Und wie
könnte es anders organisiert sein? Diese
Bewegung wehrt sich dagegen, dass die Stadt nur
als Quelle von Kapitalverwertung und Profit verstanden
wird.
Aber
auch die Anti-AKW Bewegung hat in Deutschland
sehr viel Einfluss und Dynamik. Und sie hat es
mittlerweile geschafft, die Kräfteverhältnisse
tatsächlich zu beeinflussen. Überhaupt
spielen die Umweltprobleme, die immer zugleich
soziale Fragen verkörpern, und besonders
die globale Erwärmung eine zunehmend wichtigere
Rolle.
In
der ersten Ausgabe befasst ihr euch mit dem Thema
Ökologie und mit Ökosozialismus…
Wir
haben das Thema der Wachstumskritik aufgegriffen.
Die Umweltfrage ist mit dem Klimawandel wieder
verstärkt ins Bewusstsein grosser Teile der
Bevölkerung geraten. Auch in der Linken wird
sie wieder häufiger diskutiert. Verschiedene
Strömungen stellen die Kritik des Wirtschaftswachstums
ins Zentrum ihrer Argumentation. Sie plädieren
für eine Postwachstumsgesellschaft. Hier
stellt sich die Frage, inwiefern eine kapitalistische
Produktionsweise ohne Wachstum überhaupt
möglich ist. Gerade die jüngste Krise
zeigt deutlich, dass ein wachstumsschwacher Kapitalismus
mit schweren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Krisen verbunden ist. Kapitalherrschaft ist auf
Kapitalakkumulation angewiesen. Wir haben in der
ersten Ausgabe von Emanzipation die Wachstumskritik
aufgegriffen, gleichzeitig aber auch versucht,
darüber hinauszugehen und auch danach zu
fragen, wie und was produziert und reproduziert
wird.
In
diesem Zusammenhang ist der industrielle Umbau,
also die Neuausrichtung unserer Produktion, von
zentraler Bedeutung und muss in eine Systemkritik
integriert werden. Eine grundsätzliche Ablehnung
von Wachstum kommt für mich nicht in Frage,
gibt es doch zahlreiche Bereiche, auf die heute
viel zu wenig Wert gelegt wird. Im Gesundheits-,
Pflege- und Bildungswesen, aber auch in der Forschung
sind heute enorme menschliche Bedürfnisse
vorhanden, die ein selektives und qualitatives
Wachstum erfordern. Da gibt es auch Bereiche,
wo grosse Bedürfnisse nach weiterer menschlicher
Arbeit bestehen.
Auch
die Décroissance-Bewegung greift ihr in
der ersten Ausgabe der Emanzipation auf. Nachdem
diese ja in Frankreich einen gewissen Einfluss
erlangt hat, werden Forderungen nach einer Abkehr
vom Wachstums- und Konsumdogma nun auch in der
Schweiz zum Thema. Dies leider nicht immer im
emanzipativen Sinn – zu nennen wäre
hier die Ecopop-Initiative, die eine Beschränkung
des Bevölkerungswachstums vorsieht, um die
«natürlichen Lebensgrundlagen zu sichern».
Birgt die Idee der Décroissance nicht auch
potenziell reaktionäre Tendenzen in sich?
Die
Decroissancebewegung ist in sich vielfältig.
In Frankreich hat sie einen gewissen politischen
und intellektuellen Einfluss. Das Problem ist
dabei oft, dass zwar wichtige Fragen gestellt
werden, sie aber zuweilen auf reaktionäre
Art und Weise beantwortet werden. Einige Autoren
lehnen beispielsweise die Unterscheidung zwischen
Wachstum und Entwicklung ab, zweier völlig
unterschiedliche Prozesse. Autoren wie Serge Latouche
stellen mit ihren Publikationen sogar den Sinn
der Entwicklung periphererer Gesellschaften in
Frage. Auch wenn eine solche Position abzulehnen
ist, bleibt doch die Frage, in welche Richtung
eine Entwicklung geht. Diese Frage ist immer legitim.
Müssen
wir denn nicht auch den Entwicklungsbegriff selbst
in Frage stellen?
Doch.
Wichtig scheint mir, dass wir benennen, welche
Art von Entwicklung und Wachstum wir kritisieren.
Eine grundsätzliche Ablehnung scheint mir
wie gesagt in der Perspektive sozialer Gerechtigkeit
und Befreiung nicht vertretbar. Während einige
schon erwähnte Bereiche zweifellos noch ausgebaut
und damit «wachsen» müssten,
sollten andere Bereiche nicht nur nicht mehr wachsen,
sondern radikal umgebaut oder abgeschafft werden.
Ich denke hier an die Rüstungsindustrie,
aber auch die Auto- oder Atomindustrie. Hier müssen
Konzepte entwickelt werden, die es ermöglichen,
die darin gebundenen menschlichen Fähigkeiten
und Kreativität für andere, gesellschaftlich
sinnvolle und ökologisch vertretbare Bedürfnisse
zu verwenden. Es stellt sich also die Frage der
industriellen Konversion, des Umbaus. Dieser aber
muss von den Beschäftigen der jeweiligen
Bereiche und den Konsument_ innen ausgehen. Er
kann also nicht durch autoritäre Regierungsentscheidungen,
sondern nur durch soziale und politische Kämpfe
und die breite gesellschaftliche Selbstorganisation
der Lohnabhängigen erreicht werden.
Eine
Frage zum Schluss: Wie soll eure Leser_ innenschaft
aussehen?
Ich
gehe davon aus, dass sie nicht homogen sein wird.
Es wird politische und gewerkschaftliche Aktivist_innen
geben, kritische Studierende und hoffentlich auch
Forscher_ innen. Da der Charakter der Zeitschrift
eingehende Auseinandersetzungen verlangt, ist
die Leser_innenschaft natürlich eingeschränkt.
Die Emanzipation wird also keine breitenwirksame
Zeitschrift, das wäre ein anderes (auch wichtiges!)
Projekt. Christian, vielen Dank für das Gespräch!
Diejenigen
Abonnent_innen der Debatte, die ihr Abo während
der letzten 12 Monate erneuert haben, erhalten
die erste Ausgabe der Emanzipation probeweise
zugesendet. Künftig bieten wir ein Kombiabo
(Debatte & Emanzipation) zum Preis von 40
Franken jährlich an: Bitte auf dem Einzahlungsschein
den Begriff «Kombiabo» vermerken.
Infos zu den Themen der kommenden Ausgaben siehe
www.emanzipation.org |