| Die
linke Soziologin und Publizistin Jutta Ditfurth
hat in jahrelanger Recherchearbeit neue Quellen
zu Ulrike Meinhof (1934-1976) erschlossen und
eine sehr detaillierte Biographie verfasst. Leben
und intellektuelle Entwicklung von Meinhof werden
dokumentiert und kommentiert. Ihr Schritt zur
Mitbegründung der Roten Armee Fraktion (RAF)
1970 wird jedoch nur zum Teil fassbar, und das
Buch hat auch nicht den Anspruch, die Erfahrung
der RAF geschichtlich-politisch einzuordnen.

Bild von Ulrike Meinhof als junge Journalistin
um 1964.
Interessant
an dieser neuen Biographie ist, dass die Geschichte
von Meinhof für einmal aus linker Perspektive
erzählt wird, und nicht wie üblich unter
dem Zeichen der Diffamierung jeglichen sozialen
Protestes. Meinhofs Erfahrungen als Kriegskind,
der Nazi-Hintergrund ihrer Familie väterlicherseits,
der Krebstod beider Eltern und die spätere
Betreuung durch die Pflegemutter, ebenfal ls mi
t Nazi- Vergangenheit, werden ausführlich
geschildert. Ab 1957 engagiert sich Meinhof politisch,
vor allem gegen die atomare Aufrüstung. Sie
schreibt regelmässig für Studentenzeitschriften.
Sehr spannend für AktivistInnen jüngerer
Generationen ist an Ditfurths Recherche sicherlich
auch die Darstellung der vielfältigen Formen
von Widerstand bereits im Deutschland der 1950er
Jahre, insbesondere gegen die Wiederaufrüstung.
Angesichts des erdrückenden gesellschaftlichen
Klimas und der antikommunistischen Verfolgung
im Zeichen des Kalten Krieges beteiligt sich Meinhof
aktiv an Aktionen und Protesten. Insofern demontiert
das Buch auch den Mythos, 1968 sei der Anfang
aller sozialen Bewegungen gewesen. Ditfurth greift
immer wieder auf Texte Meinhofs zurück, um
deren intellektuelle und politische Entwicklung
hin zur einflussreichen und wortgewaltigen Journalistin
und Filmautorin darzulegen.
Meinhofs Übergehen zu Konzepten des „bewaffneten
Kampfes“ ab Ende der 1960er Jahre wird dann
aber nicht mehr in gleicher Weise fassbar. Die
Biographie geht der Gründung und Entwicklung
der RAF in den frühen Jahren nach. Referiert
werden auch die hinlänglich bekannten, von
Meinhof verfassten Stellungnahmen der RAF, die
den Anspruch einer programmatischen Grundlage
der Aktionsformen der RAF nicht erfüllen.
Ulrike Meinhof wurde am 29. November 1974 zu acht
Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, 1976 wurde
sie erhängt in ihrer Zelle aufgefunden.
Neue
Dimension der Repression
Ein
äusserst repressiver Umgang mit Protesten
gegen die herrschende Ordnung pflegten die Behörden
bereits in den 1960er Jahren, gegen studentische
AktivistInnen liefen unzählige Strafverfahren
und wurden hohe Gefängnisstrafen ausgesprochen,
ganz zu schweigen von der alltäglichen Polizeibrutalität
an Demonstrationen. Wie schnell und wie massiv
der bürgerliche Staat aber gegen die RAF
aufrüstete, wie geschickt die Behörden
die Kriminalisierung jeglicher Form von Widerstand
betrieben, wurde offenbar auch von direkt Beteiligten
so nicht erwartet. Bei Festnahmen wurden RAF-Leute
erschossen, es wurden spezielle Gefängnisse
für sie gebaut und Deutschland setzte die
weisse Folter ein; die krankmachende sensorische
Deprivation (Isolationshaft) wird bekanntlich
heute auch wieder offiziell angewandt, unter anderem
von den USA, der Speerspitze der „Demokratie“.
Auch die unglaublichen Prozessbedingungen für
RAF-Leute, mit der Möglichkeit für Richter,
Anwälte willkürlich auszuschliessen,
führen einem vor Augen, wozu der staatliche
Apparat zum Schutz des Privateigentums der Herrschenden
fähig ist.
Durchaus
im Einklang mit dem Anspruch des biographischen
Abriss leistet dieser jedoch keine politisch-historische
Einordnung des Phänomens RAF. Das zeitliche
Umfeld der Entstehung der Roten Armee Fraktion
nach dem Aufbruch der späten 1960er Jahre
wird zwar angesprochen, auch die darauf folgende
Enttäuschung nach dem Abebben der Mobilisierungen
und Streiks. So liefert der Text lediglich Bruchstücke
zum Selbstverständnis und zu den Konzeptionen
der RAF.
Autoritäre
und militärische Konzeptionen
Was
die Geschichte der RAF für heutige AktivistInnen
bedeutet, wird naturgemäss von Ditfurth nicht
angesprochen. Insofern RAF-ähnliche Konzepte
heute wieder aufgegriffen oder sogar gefeiert
werden, stellt sich aber die Frage einer kritischen
Auseinandersetzung. Dass die Aktionen der RAF
teils auf gesellschaftliche Funktionsträger
zielten, die stellvertretend für die gesellschaftlichen
Machtverhältnisse angegriffen wurden –
besser gesagt mit diesen verwechselt wurden; dass
sich die RAF vermeintlich „revolutionärer
Abkürzungen“ bediente und ihre Analyse
der politischen Lage und der Kräfteverhältnisse
sich drastisch von der Realität loslöste;
dass Unbeteiligte verletzt wurden, beispielsweise
Angestellte im Korrektursaal und in den Toiletten
des Axel Springer Verlags beim Attentat vom 19.
Mai 1972; dass bei der RAF ein offenbar völlig
unreflektiertes Verhältnis zu revolutionären
Prozessen bestand – all dies sollte aus
linker Sicht kritisch reflektiert werden.

Gerichtszeichnung vom Baader-Meinhof-Prozess.
Auch
wenn man davon ausgeht, dass die aktuelle gesellschaftliche
Ordnung unerträglich ist und die Herrschenden
ihre Privilegien nicht freiwillig abgeben dürften,
stellt sich dennoch und verstärkt die Frage
nach den Formen der Überwindung des bürgerlichen
Staats. Die RAF vertrat eine autoritäre,
zutiefst militärische Konzeption gesellschaftlicher
Umgestaltung. Diese Haltung kann keinen produktiven,
kreativen Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung
hervorbringen. Selbst wenn man in der Logik der
RAF verharrt, ist offensichtlich, dass der Kampf
auf der militärischen Ebene gar nicht zu
gewinnen ist – wie es die Repression damals
und heute sowie die neuen imperialistischen Kriege
und Grausamkeiten vor Augen führen. Revolutionäre
Prozesse stellen letztlich die Frage nach den
gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen
und sind nicht vorauszusehen. Die Geschichte der
sozialen Aufstände, der vielen Niederlagen
und der wenigen Teilsiege zeigt auf, wie zentral
die Beteiligung möglichst vieler Menschen
an diesen Kämpfen war und ist; nicht nur
das Gesicht einer Gesellschaft ohne Unterdrückung,
auch der Weg dorthin kann nur kollektiv entworfen
werden
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Die Rote Arme Fraktion und der
deutsche Herbst
Die RAF setze sich das Ziel des „bewaffneten
Kampfes“ gegen den Kapitalismus in
der Bundesrepublik. Als
Gründungsdatum der RAF gilt die Befreiung
von Andreas Baader am 14. Mai 1970, der
zuvor wegen Brandanschläge auf Kaufhäuser
zu einer Haftstrafe verurteilt worden war.
Der RAF werden 34 Morde sowie Banküberfälle
und Sprengstoffattentate zur Last gelegt.
Im April 1977 wurde eine Reihe RAFLeute
im Stammheimer Prozess zu lebenslanger Haft
verurteilt. Um die Gefangenen freizupressen,
lancierte die RAF eine
Offensive, die mit dem Namen „Deutscher
Herbst“ bezeichnet wird. Im September
1977 wurde Arbeitgeberpräsident Hanns
Martin Schleyers entführt;
um den Druck auf die deutsche Regierung
zu erhöhen, entführte eine verbündete
Gruppe im Oktober 1977 das Lufthansa- Flugzeug
Landshut, nach Erschiessung des
Kapitäns wurde das Flugzeug in Mogadischu
(Somalia) von einem Sonderkommando gestürmt
und die 86 Geiseln befreit; einige Tage
später begingen die drei in
Stammheim inhaftierten RAF-Leute Andreas
Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe
Selbstmord, und Hanns-Martin Schleyer wurde
erschossen, als seine Entführer vom
Tod der RAF-Spitze erfuhren. Die Rote Armee
Fraktion hat sich 1998 aufgelöst. In
ihrer Auflösungserklärung beklagt
sie gut zwei Dutzend eigene Tote und erwähnt
zumindest: „Menschen in ihrer Funktion
für das System anzugreifen, ist für
alle Revolutionäre auf der Welt ein
Widerspruch zu ihrem Denken und Fühlen“.
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