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Die Bücher und wissenschaftlichen Artikel
über unsere aktuelle und absehbare ökologisch-ökonomische
Lage türmen sich zu hohen Stapeln. Manche
von ihnen wiederholen heute nur, was andere, bereits
Jahrzehnte zuvor, schon besser gesagt hatten.
In jüngerer Zeit hat aber ein öffentliches
Bewusstsein für die vielfältigen Abfallprodukt-Desaster
und zunehmenden Ressourcen-Engpässe zu wachsen
begonnen, selbst in unseren Breiten: Die Stichworte
CO2 und Klima sind hierfür nur ein Beispiel.
Kein Wunder: Immer mehr Leute realisieren, dass
unsere Ökosysteme völlig aus dem Ruder
laufen, was ihnen den Blick auf sehr unterschiedliche
Szenarien für das kommende Leben in einer
"vollen Welt" eröffnet. Ob die
sozialen Bewegungen, die sich z.B. in der Konferenz
in Cochabamba oder in den Protesten gegen die
Ölkatastrophe im Golf von Mexico andeuten,
sich hinreichend effektiv formieren können,
ist eine offene Frage. Viele “Grüne”
haben zumindest erkannt, dass die bisherigen grünen
Pinselstriche und Effizienzsteigerungen bloss
darauf hinauslaufen, dass in den Worten von Donella
Meadows, „Things are getting worse at a
slower rate“, dass sich die Katastrophe
also etwas langsamer entwickelt... Allseits werden
neue Anknüpfungspunkte zwischen Ökologie
und Politik gesucht. Historische Einsichten in
ökologische Entwicklungen können dabei
weiterhelfen.
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| Reste
eines jungen Albatrosses auf dem Midway-Atoll
in der Mitte des Pazifiks. Sein Bauch ist
voller Abfälle, vor allem Plastik. Der
Ozean ist voll davon und seine Eltern fütterten
ihn damit, weil sie es für Nahrung hielten. |
Das
Millenium Ecosystem Assessment, eine weltweite
Untersuchung von 1300 ExpertInnen aus 95 Ländern,
hat ergeben, dass die Degradation der Ökosysteme
durch Bodenerosion, Schadstoffe auf Land, in der
Luft und im Wasser in den letzten 200 Jahren groteske
Ausmasse angenommen haben, insbesondere im 20.
Jahrhundert. Diese Entwicklung wurde bekanntlich
wesentlich durch die hochindustrialisierten Wirtschaften
hervorgerufen, also durch die grob 20% der Weltbevölkerung,
die gemäss manchen Schätzungen rund
80% der Ressourcen verbrauchen. Die Ökobilanzen
der Industrieländer sind atemberaubend. Insbesondere
dann, wenn man die ins Ausland ausgelagerten,
besonders toxischen und schweren Industrien im
ersten und zweiten Wirtschaftssektor mit in Betracht
zieht. Doch selbst wenn man die bloss im Inland
erhobenen Daten eines vermeintlich relativ sauberen,
um Nachhaltigkeit bemühten Landes wie der
Schweiz anschaut, so zeigen sich Zahlen, die aufschreien.
Artenvielfalt
auf der Abschussliste
Als
ein Beispiel dazu kann man eine kürzlich
veröffentlichte grosse Schweizer Studie zum
Verlauf der Biodiversität betrachten2.
Diese ergab u.a. folgendes Bild: Zwischen 1900
und 2010 betrug der Flächenverlust für
Auen in der Schweiz 36%, von 1850 aus gerechnet
sogar 70%. In dieser Zeitspanne hat sich die in
der Schweiz wohnhafte Bevölkerung, im Rahmen
eines langfristig fast linearen Trends, von 1850
(rund 2.4 Millionen) auf heute 7.7 Millionen mehr
mehr als verdreifacht (bzw. von den 3.3 Millionen
um 1900 mehr als verdoppelt). Viele ökologische
Parameter zeichnen buchstäblich ein Bild
der Vernichtung. Der Bestand an Hochstamm- Obstbäume
sank um über 80%. Moore nahmen seit 1900
um 82% ab, Trockenwiesen und -Weiden um 95%. Allerdings
müssen auch einige langfristige sowie in
den letzten Jahrzehnten verstärkte Umweltschutzbemühungen
mit erfasst werden. Die bewaldete Fläche
der Schweiz wurde kontinuierlich erhöht.
In den letzten 20 Jahren wurden die Vernichtungstrends
von Flora und Faunabeständen mittels verstärkten
Efforts bekämpft. Insgesamt kommt die Studie
allerdings zum Schluss, dass von 1900 bis 1990
praktisch durch's Band weg Lebensräume, Tier-
und Pflanzenarten massiv dezimiert wurden, insbesondere
durch die Land- und Wasserwirtschaft, die Siedlungsentwicklung
und den Verkehr. Seit ca. 1990 konnte die ökologische
Unterhöhlung des Landes – allerdings
auf bereits tiefem Ausgangsniveau – mittels
Umweltschutz-Massnahmen verlangsamt und teilweise
revidiert werden, eine Entwicklung, die gemäss
der Studie anhalten, aber die Talfahrt in den
nächsten 10 Jahren insgesamt nicht wirklich
aufhalten können wird.
Das
Problem mit einer solch spröden, wenn auch
mit vielen Bildern untermauerten Datenerhebung
ist naturgemäss, dass sie die Einbettung
dieser Entwicklung in den wirtschaftspolitischen
Kontext nur punktuell andeutet, dabei aber wenig
Verständnis für kausale Mechanismen
hinter dieser ökologisch-ökonomischen
Dynamik vermittelt wird. Einen weiter ausgreifenden
Zugang vermittelt John McNeill in seiner vielgelobten
Verbindung von ökologischer Bestandesaufnahme
und Geschichtsschreibung. Darin fokussiert er
in je verschiedenen Kapiteln auf bestimmte Ebenen
der Erd-, Luft-, Bio- und Kultursphären.
In stilistisch klarem, ruhigem Duktus wechselt
McNeill von makroskopisch- quantitativen Perspektiven
zu Fallstudien von wirtschaftlich- ökologischen
Entwicklungen und wieder zurück. Einerseits
schildert auch er atemberaubende makroskopische
Zahlen. Etwa dass die globale Kohleförderung
von 1800 über 1900 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts
von 10 auf 76 und dann auf über 5000 Millionen
Tonnen anwuchs. Der weltweite Energie-verbrauch
stieg im selben Zeitraum insgesamt von 250 auf
800 und dann auf über 10'000 Mio. Tonnen
ErdölÄquivalente an. Die weltweit bewässerte
Fläche explodierte von 8 über 48 zu
255 Mio. Hektar Land. Das Gewicht des industriellen
Abfalls an synthetischen Chemikalien (“Giftmüll”)
erhöhte sich zwischen 1940 und 1982 um das
350fache. Doch hauptsächlich widmet sich
McNeill verschiedenen langwierigen Entwicklungen,
von denen hier einzig seine Darstellung des Ackerbaus
aufgegriffen werden soll.
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| Die
industrielle Landwirtschaft raubt die Böden
aus. |
Ackerbau
als Gradmesser der Umweltzerstörung
Der
Ackerbau hat seit seinen Anfängen die Chemie
des Erdbodens verändert. Zunächst geringfügig,
weil zwar über das Ernten der Pflanzen den
Böden beständig Nährstoffe entzogen
wurden, diese aber, nach mehr oder minder langem
Verweilen im Verdauungstrakt und Gewebe von Menschen
und Tieren, schliesslich grossteils wieder auf
die Felder zurückkehrten. Dies änderte
sich im Zuge der Urbanisierung, denn nun begannen
die Menschen über die Nahrung systematisch
Nährstoffe aus Acker und Weideland in die
Städte zu exportieren. Die allermeisten Nährstoffe
wurden nicht wieder den Feldern zugefügt,
sondern flossen in Abwasserkanäle, Flüsse
und Meere ab. Nur an manchen Orten, etwa in Japan
und China, wurden über längere Zeit
menschliche Exkremente gesammelt und den Bauern
wieder als Dünger zur Verfügung gestellt.
Der Entzug von Nährstoffen aus dem Boden,
insbesondere von Stickstoff und Phosphor, vermindert
das Pflanzen-wachstum und somit den Erntenertrag.
Die Geschichte des Ackerbaus ist geprägt
vom Ankämpfen gegen diese Tatsache. Früh
schon wurde Rotationsfeldbau (Fruchtfolge) praktiziert,
um Nährstoffverluste zu reduzieren infolge
von Monokulturen, welche über mehre Jahre
angebaut werden. Auch der Anbau von bestimmten
Gemüsesorten, welche mit Hilfe von Wurzelbakterien
atmosphärischen Stickstoff im Boden binden,
verbesserte die Situation. Als im 19. Jahrhundert
die Kosten für Überseetransport sanken,
konnten die reicheren Länder dem Nährstoffverlust
entgegenwirken, indem sie fossile Düngemittel
in Form von Guano aus Peru und Chile einführten.

McNeill
beschreibt detailliert die Entwicklung von Kunstdünger
im 19. und 20. Jahrhundert. Deren Einsatz lag
1940 global bei rund 4 Millionen Tonnen. 1965
waren es bereits 40 und 1990 fast 150 Millionen
Tonnen. McNeill sagt dazu: “Diese Entwicklung
war und ist ein entscheidender Eingriff in die
Chemie des Erdbodens, dessen wirtschaftliche,
soziale, politische und ökologische Folgen
unermesslich sind.” Kunstdünger, Pestizide,
motorisierte Langstrecken-Transporte sind, zusätzlich
zum optimierten Züchten, Säulen der
enormen Expansion der industriellen Landwirtschaft,
mit ihrem gigantischen Energieverbrauch und Schadstoffausstoss.
Kunstdünger führte zu massiv erhöhten
Ernteerträgen, liess die Ernährung von
rund 2 zusätzlichen Milliarden Menschen zu
und ermöglichte es, die Anbaufläche
pro Ertrag um etwa 30% zu reduzieren. Gleichzeitig
vergrösserte die kostspielige Anwendung von
Kunstdünger in den Jahrzehnten von 1950-85
systematisch die Kluft zwischen armen und reichen
Bauern und Farmern, sowohl innerhalb der einzelnen
Ländern als auch zwischen ihnen. Weltweit
wurden Millionen von kleinen Höfen verdrängt,
ehemalige Bauernfamilien als ArbeiterInnen in
die Städte getrieben und die internationale
Arbeitsteilung bezüglich der Nahrungsmittelproduktion
geschaffen bzw. konsolidiert.
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Basel
im Würgegriff der Chemie
Gemäss einer umsichtig recherchierten
Unter-suchung von Martin Forter lagern heute
in den regionalen Chemiemüll-deponien
in Basel rund “160'000 Tonnen Chemieabfall
mit 5-7000 Substanzen”. Allein bei
den Muttenzer Deponien sind bisher “600
Chemikalien im Müll, 300 im Grundwasser
und 40 Schadstoffe im Trinkwasser nachge-wiesen”
worden.1 Mittlerweile wurde ein
Teil der kreativen Zerstörung nach
Ostasien ausgelagert.2 Man ist
da geneigt, Tom Lehrer zu paraphrasieren:
If you visit Basel city, You will find
it very pretty. Just two things of which
you must beware: Don't drink the water and
don't breathe the air.3
Ob die (Baselbieter) Bevölkerung angesichts
dieses Umweltskandal ein klares Signal lanciert
durch die Annahme der Doppeliniative zur
Sanierung der Chemiemülldeponien auf
Kosten der Verursacher, sprich Novartis,
Syngenta, Clariant und Co., wird sich Mitte
Juni zeigen, nach Redaktionsschluss dieser
Nummer.
Wir werden darauf zurückkommen.
1
Martin Forter, Falsches Spiel. Die Umweltsünden
der Basler Chemie vor und nach “Schweizerhalle”,
Zürich, Chronos, 2010, S. 73 &
S. 142f .
2 Persönliche Mitteilung.
3 Tom Lehrer, Pollution, in: That
Was The Year That Was, Reprise Records,
1965.
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McNeill's
Buch offeriert reiches Anschauungsmaterial für
die Vertracktheit der Kausalitäten und die
schwindelerregenden Ausmasse der ökologischen
Umbrüche im 20. Jahrhundert. Als Historiker
hält er sich aber fern von den impliziten
Fragen nach den anstehenden ökologisch-politischen
Achterbahnfahrten auf dem Weg zu neuen energie-
und ressourcenökonomischen Lebensformen.
Dafür gibt es aber andere Quellen. Einen
wertvollen historischen Rahmen zu diesem Themen-komplex,
der unsere Hochenergie-Kultur bekanntlich ins
Mark trifft, vermittelt er allemal.
*Sacha
Fels ist Forscher mit den Schwerpunkten
Ökologie, Philosophie und Psychosomatik.
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