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„Naiv
und blauäugig sind all diejenigen, die für
Sans-Papiers ein generelles Bleiberecht fordern.“
So tönt es aus den Mündern von Gegnern.
Sie werfen den BefürworterInnen vor, nicht
weiterzudenken. Dabei werden Argumente angefügt
wie: „Wenn sich herumspricht, dass Sans-
Papiers in der Schweiz ein Bleiberecht erhalten,
werden alle illegal Einwandernden ihre Papiere
vernichten.“ Ein anderes populäres
Argument ist, dass die Schweiz kein Auffangbecken
für ImmigrantInnen darstellen könne,
denn sie habe ihre BürgerInnen vor Lohndumping
und vor dem Verlust von Arbeitsstellen wegen ausländischen
Arbeitskräften zu bewahren.

Indem
die Grenzen in Europa mittels Migrations- und
Asylpolitik geschlossen wurden, scheinen die Staaten
der Europäischen Union inklusive die Schweiz
für den Wohlstand und die Sicherheit ihrer
BürgerInnen zu sorgen. Mit dieser Haltung
wird eine restriktive Migrations- und Asylpolitik
wie auch die Jagd auf SchwarzarbeiterInnen legitimiert.
Was aber steckt wirklich dahinter?
Der
absolute Traum für Arbeitgeber
Sans-Papiers
arbeiten hauptsächlich in den fünf Wirtschaftssektoren:
Haushalt, Reinigung, Baugewerbe, Gastgewerbe und
Landwirtschaft; jenen Sektoren, die erstens bekannt
dafür sind, dass die Entlöhnung sowie
die Arbeitsbedingungen nicht komfortabel sind.
Zweitens handelt es sich um Dienstleistungssektoren,
die in der Schweiz benötigt werden und nicht
im Zuge der Globalisierung ins Ausland verfrachtet
werden können. Drittens leisten diese Sektoren
einen wichtigen Beitrag zur Wirtschaftlichkeit
in unserem Land.
Der
Anthropologe Emmanuel Terray zeigte auf, dass
es sich bei diesem Phänomen um eine Auslagerung
vor Ort handelt: Die Arbeit wird in diesen Sektoren
zwar innerhalb der industrialisierten Ländern
angeboten, jedoch zu Arbeitsbedingungen von nicht
industria-lisierten Ländern. Dieses System
greift, denn jährlich gelangen mehrere hunderttausend
Menschen illegal in EU-Staaten. Die Migrationsflüsse
machen vor Grenzen keinen Halt, auch nicht vor
jenen der „Festung Europa“. Der Staat
nutzt dies bewusst zu seinen Gunsten – zur
eigenen Wirtschaftlichkeit: Die restriktive Migrationspolitik
reguliert die Migrationen in dem Sinne, dass die
Immigrierenden in die Illegalität gezwungen
und damit den Arbeitgebern bedingungslos ausgeliefert
sind. Sans- Papiers dürfen sich nicht der
geringsten Auffälligkeit aussetzen. Sie sind
dadurch zu einer absoluten Anpassungsfähigkeit,
Flexibilität und Anspruchslosigkeit gezwungen
– Eigenschaften einer Arbeitnehmerschaft,
die für viele Arbeitgeber den absoluten Traum
darstellt.
Sans-Papiers-Politik
als Metastase eines grundlegenden Geschwürs
An
diesem Punkt kann sich SchweizerIn immer noch
sagen: „Das könnte so sein. Aber ich
bin davon nicht direkt betroffen.“ Dem ist
nicht so, denn jede einzelne Person in unserer
Gesellschaft ist sehr wohl tangiert. Um aufzuzeigen
weshalb, knüpfe ich am Zitat von Emmanuel
Terray an: „Die Existenz einer rechtlosen
Zone in einer Gesellschaft wirkt wie ein Krebsgeschwür,
das mit der Zeit Metastasen in den gesunden Teilen
des Organismus bildet und diesen schliesslich
ganz zerstört.“1
Für mich stellt die Politik gegen Sans-Papiers
„nur“ eine Metastase dar, hinter der
jedoch ein die ganze Gesellschaft betreffendes
Geschwür steckt. Den Ursprung des Krebsgeschwürs
selber sehe ich im sozialen Wandel des 20. Jahrhunderts.
Er führte dazu, dass sich das Gesellschaftsdenken
negativ verändert hat. Durch verschiedene
Bereiche der Gesellschaft streute sich dieses
Denken – in Form von Metastasen –
bis in den kleinsten Mikrokosmos, der Privatsphäre.
Unsere Haltungen sind geprägt von Profit,
Leistung, Zeitdruck, Egoismus, Wettbewerb,
dem Abwägen von Kosten und Nutzen usw. Genauso
ist die Arbeitswelt durchsetzt. Solidarität,
Loyalität und Gemeinschafts-denken scheinen
heute allgemein nicht mehr viel zu bedeuten. Was
zählt ist Leistung wie auch Profit, und gearbeitet
wird mit und unter Druck – Leistungsdruck,
Konkurrenzdruck.
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| Flucht
ist kein Verbrechen - für viele ist dies
noch immer keine Selbstverständlichkeit. |
Menschsein
versus Schuldfrage
Begeben
wir uns nun auf die Meta-Ebene, indem wir uns
fragen worum es denn eigentlich geht. Was bringt
es uns, wenn wir auf der Strasse unseren Vortritt
erzwingen – um eine weitere Metapher ins
Spiel zu bringen – und dabei einen Unfall
riskieren? Weshalb spricht die Öffentlichkeit
im Zusammenhang mit Sozialversicherungen so stark
auf Wörter wie „Missbrauch“ und
„Scheininvalidität“ an? Weshalb
lassen wir zu, dass Menschen ihrer rechtlichen
Existenz und Selbstbestimmung beraubt werden?
Weshalb betrachtet sich die westliche Bevölkerung
als privilegiert und meint den Wohlstand für
sich gepachtet zu haben, obwohl niemand Einfluss
darauf hat, in welches Land er hineingeboren wird?
Weshalb schwebt immer der Gedanke mit: wenn DIE
von etwas profitieren, dann will ich auch davon
profitieren. Im Sinne von: „Ich muss ja
schliesslich auch arbeiten gehen.“ Solche
Aussagen sind Ausdruck einer Metastase. Ausdruck
von Gefühlen der eigenen Unsicherheit, Unzufriedenheit
und des Gefühls, anderen gegenüber zu
kurz zu kommen. Dieser Eindruck entsteht, indem
uns in unserer Gesellschaft immer mehr verwehrt
wird, Mensch zu sein, wir aber trotzdem zwanghaft
angepasst weiter funktionieren. Es handelt sich
um ein Dilemma, das schwer auszuhalten ist. Dadurch
laufen wir Gefahr, uns Feindbilder zu schaffen
und die Unzufriedenheit an Dritten auszulassen.
Wir kreieren Gruppen von Schuldigen, was sich
in den verschiedensten Revisionen von Gesetzen
niederschlägt. Schliesslich geht es aber
nicht darum, profitieren zu können. Auch
geht es nicht darum, nichts leisten zu wollen.
Genauso irrelevant ist die Schuldfrage. Es geht
darum Mensch sein zu dürfen und als Individuum
akzeptiert zu werden. Dies bedingt in erster Linie
diejenigen zu schützen und zu unterstützen,
die es benötigen, und zwar zum Wohle aller.
Im gesamten Gesellschaftssystem und über
dessen Grenzen hinaus – egal wieviel Missbrauch
effektiv betrieben wird. Denn wird DIESES Denken
konsequent angewandt, hat niemand zu befürchten,
Unterstützung bleibe verwehrt, wenn sie benötigt
wird. Es muss ein Umdenken stattfinden, ansonsten
wird unser Gesellschaftssystem völlig verkrebst
enden. Darin besteht die Chemotherapie.
1
Terray, Emmanuel, in Boroni et al. 2003,
Seite 84.
Literatur:
-
Boroni, Stefano / Dolivio, Jean-Michel / Rosende,
Beatriz. Voies clandestines. Editions d’en
bas. Lausanne. 2003
-
Carreras, Laetitia / Perregaux, Christiane.
Histoires de vie – histoires de papiers.
Editions
d’en bas. Lausanne. 2002
-
Niklaus, Pierre-Alain / Schäppi, Hans
(Hrsg.). Zukunft Schwarzarbeit? – Jugendliche
Sans-Papiers in der Schweiz. Edition 8. 2007
-
Valli, Marcello. Les migrants sans permis de
séjour à Lausanne. 2003. Zugriff:
30.12.2007. www.sans-papiers.ch/docs/rapport-SP-LS.pdf
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Dieser
Text basiert auf einer Seminararbeit von
Evelyne Schoch (Studentin an der Hochschule
für Soziale Arbeit in Olten). Was die
Autorin als „Krebsgeschwür“
bezeichnet – die Dominanz des instrumentellen
Leistungsdenkens in der kapitalistischen
Gesellschaft – hat Karl Marx eindrücklich
beschrieben als „Alltagsreligion im
Kapitalismus“ (Das Kapital III, 48.
Kap.). Ausdruck dieser Alltagsreligion ist
der Warenfetischismus, durch den die tatsächlichen
sozialen Beziehungen der Mitglieder einer
Gesellschaft verschleiert werden: Wenn sich
die Individuen selber als Kapitalisten wahrnehmen
beziehungsweise sich mit den Interessen
der Unternehmer identifizieren, ist die
Herausbildung eines Klassenbewusstseins
erschwert.
Der rassistischen Hierarchisierung, die
sich in der aktuellen Politik gegenüber
Sans-Papiers ausdrückt, kann nur mit
einer solidarischen Politik der Lohnabhängigen
entgegengetreten werden – und mit
der Forderung nach einem Bleiberecht für
alle, die in der Schweiz leben oder arbeiten,
d.h. die sich in diesem Land an der Produktion
des gesellschaftlichen Reichtums beteiligen
(Red.). |
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