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Für
Millionen von BenutzerInnen bietet die Post einen
neuen Look: Die Poststellen haben sich in eine
Mischung aus Computergeschäften und Kiosks
mit Süssigkeiten, Papierwaren, Lotterielosen
und Handys verwandelt. Manche KundInnen vermögen
den Stress der Personen - es handelt sich mehrheitlich
um Frauen - wahrzunehmen, die am Schalter arbeiten.
Sie dürfen im Durchschnitt nicht mehr als
zwei Minuten pro KundIn aufwenden, müssen
aber stets vertrauenswürdig, freundlich,
einzigartig sein - so verlangen es die Personalmanager
der Post. In der Folge soll beschrieben werden,
wie durch die Steigerung der Arbeitsintensität
bei den BriefträgerInnen und die Propaganda
der Unternehmensleitung ein neuer Beschäftigtentyp
geformt werden soll.
Taylorismus
auf der Tour
Die
Arbeit der BriefträgerInnen in einer Stadt
war seit Beginn der 1990er Jahre etwa folgendermassen
organisiert. Sie umfasste eine Tour, deren Umfang
durch Zeitwerte berechnet wurde, ausgehend von
den Durchschnittswerten folgender Elemente: das
Volumen der Briefe und Spezialsendungen (eingeschriebene
Briefe, Betreibungen, Auszahlungen, usw.); die
Tourenzeit (von der Poststelle zum ersten Einwurf
und vom letzten Einwurf zurück zur Poststelle);
und die Zeit für das Sortieren der Briefe
und die Vorbereitung der Tour. Dabei gab es verschiedene
Zeiten für die Verteilung der Postsendungen:
Für die Verteilung von eingeschriebenen Beriefen
waren 33 Sekunden (plus sechs Ziffern nach dem
Komma) vorgesehen, für die Verteilung eines
normalen Briefs dagegen nur 5,07 Sekunden. Die
Arbeit eines Briefträgers wurde also in Einzelteile
zerlegt, die einer pedantischen Zeitmessung unterstehen,
ganz in der Tradition des Taylorismus in der Industrie.
Wir finden hier alle Eigenschaften einer Idealvorstellung
von vorgeschriebener Arbeit, die die Lohnabhängigen
unter starken Druck setzt, aber nicht der täglichen
Realität entspricht. Von einem Tag zum andern
nähert sich die ideale Tour der tatsächlichen
Tour an oder entfernt sich davon.
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Das
moderne Paketzentrum der Post in Härkingen
(SO). |
Die
Gruppe und der Chef
In
den Städten gehörten die BriefträgerInnen
einer Gruppe an. An deren Spitze steht ein Gruppenchef
- meistens der älteste Briefträger mit
der grössten Erfahrung. Er hat einen Stellvertreter.
Die Gruppe umfasst ausserdem 4 bis 6 fest Angestellte
und etwa 2 Ersatzleute. Letztere sind meistens
jung und beginnen ihre „Postkarriere“
in der Hoffnung, nach dem Rückzug eines „Alten“
fest angestellt zu werden. Die Ersatzleute tragen
die Post aus, wenn die fest Angestellten Ferien
haben oder wegen Krankheit oder Unfall ausfallen.
Diese Organisation der Gruppe hatte viele Ähnlichkeiten
mit dem Milizsystem der Armee. Früher gab
es zahlreiche Ähnlichkeiten zwischen den
Titeln und Abzeichen in der Armee und bei den
PTT.
Der
Auftritt des Teamleaders
Der beschriebene Arbeitsprozess erfährt heute
nun grundlegende Veränderungen. Das Hauptziel
der Reorganisation besteht daraus, entsprechend
den Schwankungen des täglichen Postvolumens
über ein flexibles und vielseitig einsetzbares
Personal zu verfügen.
Der ehemalige Gruppenchef wird nun Teamleader.
Für die Teamleader werden zwei- oder dreitägige
Kurse organisiert, um ihre Funktion aufzuwerten,
ihre Verdienste zu würdigen und aus ihnen
richtige Chefs zu machen, die fähig sind,
ihre „Human Resources“, d.h. ihr Team
zu „managen“. Bisherige Aufgaben der
Abteilungsleiter und Führungskräfte
werden den Teamleadern übertragen: das jährliche
Gespräch zur Leistungsbewertung der Teammitglieder,
die Festlegung der Gruppenziele, die Planung der
Ferien. Unter dem Deckmantel „konstruktiver
Mitarbeitergespräche“ geht es um eine
Zunahme der Aufgaben der einzelnen Beschäftigten,
die unter dem Druck einer Leistungsbewertung mit
Noten stehen. Die Skala geht dabei von „erfüllt
die Anforderungen und Ziele der Funktion nur teilweise“
bis zu „übertrifft die Anforderungen
und Ziele der Funktion deutlich“. Diese
Notenverteilung wird natürlich Auswirkungen
auf die Löhne haben.
Zwei
Klassen von BriefträgerInnen
Die neue Arbeitsorganisation führt dazu,
dass die bisherigen BriefträgerInnen durch
zwei neue Kategorien von Beschäftigten ersetzt
werden.
1. Die polyvalenten Briefträger müssen
neben ihrer eigenen Tour drei weitere kennen.
Jeden Monat rotieren sie entsprechend einem Flexibilitätsgrad,
der dem Team zugeordnet wird.
2. Zudem erhalten die Teams Basisbriefträger.
Sie werden auch FS 2 (Abkürzung für
Funktionsstufe Nr. 2) genannt und haben ein Monatsgehalt
von ca. 1'800 Franken bei 50% Anstellungsgrad.
Die Geschäftsleitung sucht Personen, die
je nach Volumen der Briefpost zwischen 20% und
50% arbeiten. Die Direktion verfolgt das Ziel,
dass bis 2018 die Hälfte des Personals aus
dieser Kategorie besteht.
Neue
Berechnung der Arbeitszeit
Es
gibt keine neue Arbeitsorganisation ohne neue
Vorgaben bei der Arbeitszeit. Sie bestehen aus
den folgenden fünf Punkten.
1. Am 1. Januar 2008 wird die Jahresarbeitszeit
eingeführt. Die Flexibilität und die
Jahresarbeitszeit bilden ein Duo, das in allen
Wirtschaftszweigen in Mode ist.
2. Die Zeitwerte dienen weiterhin als Basis
der Arbeitszeit. Um die Funktionsweise der neuen
Briefsortierzentren und die Postaustragung zu
„harmonisieren“, ist eine Planung
vorgesehen. Sie beruht darauf, dass im Voraus
tägliche Zeitbudgets für die Teams
festgelegt werden.
3. Zu dem Zweck muss ein neues Kontroll- und
Messinstrument eingeführt werden: Die BriefträgerInnen
erhalten einen Scanner. Damit können sie
die Strichcodes der eingeschriebenen Briefe
scannen und einzelne Momente der Arbeitszeit
messen (Arbeitsbeginn, Pausen, verschiedene
Teile der Arbeit: Vorbereitung, Sortieren, Unterstützung,
Teilnahme an Sitzungen, usw.). Diese Geräte
funktionieren mit GPS-Technik in Echtzeit.
4. Am Ende des Arbeitstags wird der Teamleader
über das Postvolumen für den folgenden
Tag informiert. Ein Ziel ist die Verwaltung
der Flexibilität des Teams: Je nach den
verfügbaren Daten kann er einen polyvalenten
Briefträger früher nach Hause schicken
- dieser verliert dadurch einen Teil der bezahlten
Überstunden - oder einen FS 2 zum Einsatz
rufen. Das Team steht so permanent unter Druck
und wird zur reinen „Anpassungsvariable“
gegenüber den Schwankungen der Briefpost
degradiert.
5. Dem Team wird eine bestimmte Anzahl Arbeitsstunden
pro Tag zugewiesen. Ein Stundenüberschuss
muss gerechtfertigt werden (schlechte Wetterbedingungen,
falsche Schätzung des Postvolumens, usw.).
Dasselbe gilt bei einem Stundendefizit. Auf
diese Weise soll die Jahresarbeitszeit der einzelnen
Beschäftigten verwaltet werden, mit den
Spielräumen nach oben und unten. Das wird
zu einer Veränderung des Beschäftigungsvolumens
(Anzahl, Grösse und Zusammensetzung der
Teams) führen. Ausserdem werden die Touren
andauernd abgeändert werden.
Flexibel,
prekär und unzufrieden
Die neue Arbeitsorganisation bringt einen neuen
Typ von Lohnabhängigen hervor. Sie fabriziert
nicht „vertrauenswürdige, freundliche
und einzigartige“ Angestellte, wie es ein
Slogan der Post will, sondern flexible, prekäre
und unzufriedene Lohnabhängige. Allein mit
sich selbst und ihrer Arbeit finden sich die Angestellten
an ihrem Arbeitsplatz und spüren ein Gefühl
von Frust und Ohnmacht. Und genau in dem Zeitpunkt
verlangt die Geschäftsleitung von ihnen,
aktive, konstruktive und zufriedene Mitglieder
eines Teams zu sein. Die Spannungen und Zerreissproben
zwischen diesen zwei Erlebnissen führen nicht
selten zu Krankheit, Unfällen und Depressionen.
Der
einzige Weg, um sich gegen das brutale Management
der Post eine Würde zu erkämpfen, die
definitionsgemäss darauf beruht, keine „menschliche
Ressource“ sein zu wollen, besteht im Aufbau
von kollektiven Zusammenhängen, wie bescheiden
deren Ziele auch sein mögen.
* Name durch
die Redaktion abgeändert
Eine ausführlichere Fassung dieses Beitrags
ist in unserer Schwesterzeitung La Brèche
(No. 5 und 6, 2007) auf Französisch erschienen.
Der Weg zum freien
Postmarkt
Die Veränderungen der Arbeit bei der
Post sind das Resultat einer Privatisierungspolitik,
die der Bundesrat in Zusammenarbeit mit den
Gewerkschaften und der SP umsetzt.
1997 wurde der Bundesbetrieb PTT aufgelöst,
die Post von der Telekommunikation getrennt
und die Liberalisierung des Postmarkts eingeleitet.
Seither steht die Post unter starkem Rentabilitätsdruck.
Sie wurde in Geschäftsbereiche aufgeteilt,
die Gewinn erwirtschaften
müssen. Das Poststellennetz wurde ausgedünnt,
der Beamtenstatus wurde abgeschafft. Der heutige
Gesamtarbeitsvertrag bietet den Angestellten
schlechtere Arbeitsbedingungen. Die Post hat
in neue Verteilzentren für Pakete und
Briefe investiert und bisherige Zentren geschlossen.
Post-Chef und SP-Mitglied Ulrich Gygi widmet
seine Aufmerksamkeit lieber den Finanzdienstleistungen
(Postfinance) und den grossen Werbekampagnen
der Post als den
Bedürfnissen der Angestellten und BenutzerInnen. |
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