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Wenn
es in der Schweiz um Gesundheitspolitik geht,
führt kein Weg an Felix Gutzwiller (59) vorbei.
Der Direktor des Instituts für Sozial- und
Präventivmedizin der Uni Zürich gilt
als der gesundheitspolitische Experte schlechthin,
und die Medien bieten ihm eine Gelegenheit nach
der andern, sein "Expertenwissen" auszubreiten.
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Felix
Gutzwiller, möchte ein "überzeugter
und überzeugender Politiker" sein.
Sein
Verwaltungsratsmandat bei der Sanitas
erwähnt er hingegen selten. |
Grosser
Auftritt im Nationalrat
Der
Mann ist nicht nur ein "Experte", sondern
auch ein erfolgreicher Politiker. Seit 1999 sitzt
er für die FDP im Nationalrat. Am 21. Oktober
2007 wurde er für den Kanton Zürich
in den Ständerat gewählt. Seinen letzten
grossen Auftritt im Nationalrat hatte er am 18.
September 2007 bei der Diskussion über die
SVPInitiative "Für tiefere Krankenkassenprämien"1.
Im Namen einer Minderheit der Kommission für
soziale Sicherheit und Gesundheit präsentierte
Felix Gutzwiller einen Gegenvorschlag zur Initiative,
mit dem die monistische Spitalfinanzierung2
und die Aufhebung des Vertragszwangs zwischen
den Krankenkassen und den Leistungserbringern
(Ärzte, Spitäler) in der Verfassung
verankert werden sollen. Mit Erfolg: Gegen den
Willen von Bundesrat Pascal Couchepin, der diese
umstrittenen Massnahmen aus Angst vor einer Abstimmungsniederlage
nicht auf einen Schlag einführen wollte,
fand der Vorstoss eine Mehrheit.
Ein
Blick auf die Liste
Was
treibt Felix Gutzwiller dazu, derart unermüdlich
für eine weit reichende Liberalisierung des
Gesundheitswesens - er selbst spricht lieber von
"reguliertem Wettbewerb" - zu kämpfen?
Ein Blick auf die Liste mit den "Interessenbindungen",
wie es im Jargon des eidgenössischen Politikbetriebs
heisst, liefert einige Hinweise3.
Beginnen
wir mit einer "Interessenbindung", deren
gesundheitspolitische Brisanz sich nicht übersehen
lässt: Felix Gutzwiller sitzt im Stiftungsrat
der Sanitas, mit 900‘000 Versicherten eine
der grössten Krankenkassen der Schweiz. Sanitas
hat die Krankenversicherungssparte (Wincare) des
Versicherungskonzerns Winterthur 2006 übernommen
und ist dadurch zu den führenden Kassen aufgestiegen.
Zweifellos hat Felix Gutzwiller einen Teil zu
diesem Zusammenschluss beigetragen, sitzt er ja
auch im Verwaltungsrat der Winterthur (heute AXA
Winterthur). Man kennt sich…
Spitalkonzern
und Industriebetriebe
Sprechen
wir nicht weiter über das Verwaltungsratsmandat
bei der Bank Clariden Leu und den Sitz
im Beirat der Credit Suisse Group (Beziehungen
in der Finanzwelt sind zweifellos in mancherlei
Hinsicht von Nutzen, tangieren die Gesundheitspolitik
aber nur indirekt), sondern werfen wir einen Blick
auf die Spitallandschaft. Felix Gutzwiller sitzt
im Verwaltungsrat des grössten Spitalunternehmens
der Schweiz, der Hirslanden Gruppe. Dieser
Konzern führt hierzulande 13 Privatkliniken
mit ca. 1‘300 Ärzten und 4‘500
Beschäftigten. Seit Oktober 2007 gehört
Hirslanden zur südafrikanischen Spitalgruppe
Medi-Clinic. Die international tätigen
Gesundheitskonzerne sind eine mächtige Lobby,
die durch das GATS-Abkommen der WTO neue Märkte
erschliessen wollen. Auch da kennt sich Felix
Gutzwiller gut aus.
Aber
damit nicht genug: Der emsige Professor interessiert
sich auch für Industriebetriebe. So sitzt
er im Verwaltungsrat der Siegfried Holding
(Zofingen) - eine Unternehmensgruppe, die sich
auf die Produktion von Feinchemikalien für
Pharmazeutika und Generika spezialisiert hat.
Um auch international im Geschäft zu sein,
nimmt Felix Gutzwiller im Verwaltungsrat der Osiris
Therapeutics Inc. aus Baltimore (USA) Platz.
Die Firma ist international führend bei der
Entwicklung von Stammzellentherapien.
Die so genannte
Gesundheitsreform
In der Schweiz
wurde erst 1996 eine obligatorische Krankenversicherung
eingeführt. Private Krankenkassen
wurden beauftragt, den Versicherten die
Grundversicherung anzubieten. Die unsoziale
Finanzierung über einkommens-unabhängige
Prämien blieb bestehen. Kaum war
das neue Gesetz in Kraft, haben Bundesrat
und bürgerliche Parteien so genannte
Reformen lanciert, über die im Parlament
mehrheitlich noch verhandelt wird: 'monistische
Finanzierung’ der Spitäler
nach einem 'Leistungsprinzip’ (Fallpauschalen),
Aufhebung des Vertragszwangs zwischen
Krankenkassen und Leistungserbringern,
Förderung des Managed Care, Kostenbeteiligung
(20%) im Pflegebereich, Erhöhung
des Selbst-behalts von 10% auf 20%, u.
a. Die Rechte der PatientInnen werden
mit Füssen getreten, und die Macht
der Kranken-versicherungen wird weiter
ausgebaut.
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Wie
steht es mit der "Vereinbarkeit"?
Damit
sind nur die brisantesten "Interessenbindungen"’
genannt, die Aufzählung der gesamten Liste
würde den Rahmen dieses Artikels sprengen.
Vielleicht wäre es gut, wenn die Medien auf
die eine oder andere "Interessenbindung"
hinweisen würden, wenn sie dem "Experten"
Felix Gutzwiller die Gelegenheit geben, die Gegenreformen
im Gesundheitswesen mit einem Schein von Wissenschaftlichkeit
zu umgeben. Vielleicht sollte im National- und
Ständerat bei der Auslegung der "Unvereinbarkeiten
mit der Mitgliedschaft in den Eidgenössischen
Räten" nochmals darüber nachgedacht
werden, ob eine solche Anhäufung von "Mandaten"
nicht problematischer ist als ein Doktorstudium
an der ETH4.
Zum
Schluss hier die Personen, die zusammen mit Felix
Gutzwiller die Krankenkassenlobby im Parlament
vertreten (ohne Vollständigkeitsgarantie):
im Nationalrat Roland Borer (SVP, SO; Groupe
Mutuel), Lucrezia Meier-Schatz (CVP, SG;
CSS), Simon Schenk (SVP, BE; KPT),
Jürg Stahl (SVP, ZH; Groupe Mutuel),
Georges Theiler (FDP, LU; Sanitas), Pierre
Triponez (FDP, BE; Groupe Mutuel) und
Ruth Humbel (CVP, AG; Santésuisse);
im Ständerat Christoffel Brändli (SVP,
GR; Santésuisse), Eugen David
(CVP, SG; Helsana), Bruno Frick (CVP,
SZ; Swica), Konrad Graber (CVP, LU; CSS),
Theo Maissen (CVP, GR; Concordia) und
Philipp Stähelin (CVP, TG; Groupe Mutuel).
Die Krankenkassenlobby ist nur ein Beispiel für
die Verflechtung zwischen Unternehmerkreisen und
staatlichen Instanzen, die in jedem kapitalistischen
Staat beobachtet werden kann.
1
Die Initiative der SVP will die Krankenkassenprämien
in erster Linie
durch die Streichung gewisser Leistungen aus der
obligatorischen
Grundversicherung senken.
2 Bei der ‚monistischen
Spitalfinanzierung’ werden die Spitäler
ausschliesslich über die Krankenversicherungen
finanziert. Demnach würden die Kantone ihre
Beiträge nicht mehr direkt an die Spitäler
zahlen, sondern indirekt über die Krankenkassen
einspeisen, deren Position gegenüber den
Leistungserbringern deutlich gestärkt würde.
3 Diese Listen werden
jeweils auf der Internetseite des Parlaments veröffentlicht
(www.parlament.ch).
4 Am 7. 11. 2007 spekulierten
die Tageszeitungen darüber, ob die in den
Nationalrat gewählten Bastien Girod (Grüne)
und Angelina Moser
(GLP) ihr Amt nur antreten können, falls
sie das Doktorstudium beenden
oder unterbrechen. Die ETH ist im weiteren Sinne
Teil der Bundesverwaltung, und die "Unvereinbarkeitsregel"
untersagt die Verbindung eines Parlamentssitzes
mit einem Verwaltungsamt. |