|
Im Juni 2008 machte die globalisierungskritische
Bewegung attac publik, dass eine Agentin
der halbprivaten Sicherheitsfirma Securitas in
ein attac-Redaktionskollektiv eingeschleust
worden war und, im Auftrag des Nestlé-Konzerns,
dessen journalistische Recherchenarbeit ausspioniert
hat1.
Kurze Zeit später kam aus, dass der polizeiliche
Nachrichtendienst – Dienst für Analyse
und Prävention (DAP) genannt – türkischstämmige
Mitglieder des Basler Kantonsparlaments bespitzelt2.
Die politischen Instanzen, welche die Aufgabe
hätten, die Bevölkerung vor illegitimer
Bespitzelung zu bewahren, sind entweder unfähig,
stehen vor einer Wand von vorgeschützten
Geheimhaltungsgeboten, oder rekrutieren sich aus
den selben rechtsbürgerlichen Kreisen, welche
die Kompetenzausweitung des Staatsschutzes propagieren.
Die so genannten Datenschützer erfahren von
den Vorfällen aus den Medien und staunen
über ihre Inneffizienz.
|
| Big
Brother is watching you: Überwachungskameras
im öffentlichen Raum sind längst
zur Regel geworden. |
Ein Muster aus dem Tätigkeitsbericht des
Eidgenössischen Datenschutz und Öffentlichkeitsbeauftragten,
welches für sich selbst spricht. Unter „DNA-Tests
für nachziehende Familienangehörige“
heisst es da: „Ausnahmsweise kann die
Erteilung einer [Einwanderungs-] Bewilligung von
der Erstellung von DNA-Profilen abhängig
gemacht werden, sofern die betroffene Person schriftlich
zustimmt. Diese Praxis darf aber nach Meinung
des EDÖB nur äusserst restriktiv angewandt
werden.“
Realität
ist: Eine gesellschaftliche Kontrolle über
die Tätigkeit solcher „Sicherheitsdienste“
gibt es nicht. Datenschutz in der Klassengesellschaft
ist eine Illusion. Wirklich geschützt wird
nur, was einflussreiche Kreise für schützenswert
halten, die „Intimsphäre“ der
Wohlhabenden durch Bank- und andere Geheimnisse
von spezifischem Wert.
Die
Enthüllungen aus der Schweiz ergänzen
nur eine Reihe Schnüffelskandale unterschiedlicher
Art der letzten Zeit. Der Kommunikationsriese
Telecom Italia liess Banktransfers missliebiger
Personen auskundschaften3,
die deutsche Telekom erfasste Bewegungsprofile
von kritischen Journalisten4.
Wie Personal ausspioniert wird, zeigte die entlarvte
Videoüberwachungen beim Grossverteiler Lidl
und anderen Detailhandelsketten.
Schnüffelstaat
im Interesse der Mächtigen
Es
ergibt sich eine Logik: Wissen ist Macht. Kreise,
welche ihre Macht erhalten und ausbauen wollen,
sind deshalb besonders daran interessiert. Deren
Wissen aber muss einen Monopolcharakter haben,
weil geteiltes Wissen eben auch geteilte Macht
bedeuten würde. Staatsschutz ist deshalb
nicht etwa Schutz des Staates an sich, sondern
Schutz derjenigen Kreise, welche die Macht im
Staat für sich erhalten und ausbauen wollen.
Die Deals aus denen die „Global-Leaders“
und Wirtschaftskapitäne ihre Millionen scheffeln,
verlangen absolute Diskretion. Öffentliche
Kritik an ihrem Geschäftsgebaren behindert
ihr Business. Deshalbmüssen gegen investigativ
Tätige Massnahmen ergriffen und deren Informanten
nach Möglichkeit mundtot gemacht werden.
Informationen über Geschäftsbeziehungen
und Produktionsprozesse sind pures Geld wert und
müssen deshalb geschützt werden. Daran
interessiert sind vorwiegend Grosskonzerne, die
ohne ihre Wissensmonopole ihre Milliardenprofite
nicht erwirtschaften könnten. Daraus ergibt
sich eine enge Zusammenarbeit zwischen den Nachrichtendiensten
und den Spitzen der Wirtschaft.
Wer gegen den Krieg demonstriert, ist in letzter
Konsequenz eine Gefahr für die Rüstungslobby
und andere Kriegsprofiteure. Um im Bedarfsfall
präventiv eingreifen zu können, muss
das Militär frühzeitig erfahren, was
die Gedanken der Kriegsgegner bewegt.
Wer sich gegen Atomkraftwerke organisiert, stört
die Profitinteressen der Atomlobby. Zur Vorbereitung
propagandistischer oder polizeilicher Gegenmassnahmen
drängt sich das Sammeln von Informationen
über deren Tätigkeiten und Absichten
auf.
Wer sich mit streikenden ArbeiterInnen solidarisiert
oder verfolgte GewerkschafterInnen verteidigt,
stellt eine Behinderung der ungestörten Ausbeutung
dar. Um zu erfahren, ob mit Beschwichtigungsmassnahmen
oder Repression gegen sie vorgegangen werden muss,
müssen engagierte Leute unter Beobachtung
gestellt werden.
Was heute unter dem Label „Krieg gegen den
Terrorismus“ läuft, erlaubt es, jede
politische Opposition die ihre Staatstreue und
Harmlosigkeit nicht unter Beweis stellt, in einen
terroristischen Dunstkreis zu stellen und mit
geeigneten Mitteln zu bekämpfen.
|
|
| Die
Überwachungsanlage „Onyx“
des schweizerischen Nachrichtendienstes im
bernischen Heimenschwand dient der Überwachung
des militärischen und zivilen Datenverkehrs. |
Spitzeldienste
aller Art
Auf
dem Terrain der Spitzeldienste tummelt sich alles,
was sich das Etikett „Sicherheit“
angehängt hat. Neben einer grossen Zahl ziviler
Informanten, die sich in der Regel aus Kreisen
rechtsbürgerlicher Gesinnung rekrutieren,
sind unzähli-ge Privatdedektivbüros
und Dutzende Sicherheitsdienste vom Stile Securitas,
Bewachungsdienste der Konzerne, aber auch der
Grenzschutz, die kantonalen Polizeicorps, die
Bahnpolizei, natürlich der polizeiliche Dienst
für Analyse und Prävention (DAP) –
unter E. Widmer- Schlumpf (SVP!) – , die
militärischen Dienste wie der Generalstab
Elektronische Kriegsführung, die Führungsunterstützungsbrigade
41, der Strategische Nachrichten Dienst (SND)
– unter S.Schmid (SVP!) – in der Nachrichtenbeschaffung
tätig.
Die Zusammenarbeit mit ausländischen Geheimdiensten
ist intensiv, namentlich mit dem CIA, dem Deutschen
Bundesnachrichtendienst BND und dem Mossad die,
wie jeder weiss, alle auf Schweizer Boden tätig
sind und selbst wenn sie bei der Tat erwischt
werden, nicht zur Verantwortung gezogen werden.
Neue
Technologien
Mit
den neu entwickelten Technologien lassen sich
Telefongespräche, Mailverkehr und andere
Kommunikationsmittel von Millionen Menschen unbemerkt
filtrieren und nach verdächtigen Ausdrücken
durchforsten, was unweigerlich Zehntausende in
die Fänge der Geheimdienste geraten lässt.
Bespitzelung ist überall möglich.
Im Zentrum der operativen Tätigkeit stehen
naheliegenderweise die zahlreichen Telekommunikationsunternehmen.
Ein Beispiel sind die Relaisstationen der Swisscom
im Bernerischen Zimmerwald, die unter der Bezeichnung
„Onyx“ den Horch- und Auswertungszentralen
des SND zur Verfügung stehen und die ausserdem,
gemäss Medienberichten, enge Beziehungen
zu US-Kommunikationskonzernen wie der Verestar
Teleport7 unterhalten, die wiederum mit USGeheimdiensten
und der Kriegsführungszentrale Pentagon zusammenarbeiten.
„Echelon“8 nennt sich eine zentraleuropäische
Horchzentrale welche die weltweite Telefon- und
Mailkommunikation nach verdächtigen Ausdrücken
und Wortfolgen durchscannt und dem BND, der CIA
und anderen Geheimdiensten zur Verfügung
steht. 5
Wir wissen es aus zahlreichen Beispielen: Lohnabhängige,
welche illegale oder kriminelle Tätigkeiten
ihres Betriebes in die Öffentlichkeit tragen,
fliegen raus. Die Schweiz kennt keinen Kündigungsschutz.
Dass solche Leute, die ihre moralische Verpflichtung
der persönlichen existenziellen Sicherheit
voranstellen, es schwer haben nach einem Rauswurf
wieder eine Stelle zu finden, ist ebenfalls bekannt.
Für Informanten, beispielsweise für
Gewerkschafter in Kolumbien oder China, die über
Arbeitsbedingungen in ihrem Land berichten, oder
für einen Oppositionellen aus der Türkei
kann solche Bespitzelung existenzbedrohend sein
oder sogar tödlich enden.
Was geheim ist, kann per Definition nicht kontrolliert
werden und kommt in der Regel nur zufällig
ans Tageslicht. Will man einen Fall durchschauen,
ist man zu einem Teil auf Mutmassungen angewiesen.
Es ist angesichts solcher Umstände gerechtfertigt,
bei dem was an die Öffentlichkeit gelangt,
von der Spitze eines Eisbergs zu sprechen.
| |
| Blick
- durch das Schlüsselloch. |
Welcher
Umgang mit der Bedrohung durch die staatliche
Agententätigkeit?
Mit
Bespitzelung ist zu rechnen. Es gilt also sich
der Gefahr bewusst zu sein, nicht in Panik zu
geraten und das Risiko bei aller Tätigkeit
im Auge zu behalten. Diese reale Gefahr der Unterwanderung
birgt für Gruppen, die Menschenrechte verteidigen,
Korruption aufdecken, Ausbeutung anprangern etc.
eine indirekt wirksame, perverse und zweifellos
gewollte Bedrohung in sich, sie kann entmutigend
wirken und vor allem die internen Vertrauensverhältnisse
zerstören. Dem ist mindestens ebenso Rechnung
zu tragen, wie den möglichen direkten Folgen.
| Der
Fichenskandal
Im Jahr 1989, vor bald 20 Jahren also, ist
durch einen für die Polizei peinlichen
Zufall der sogenannte Fichenskandal ans
Licht der Öffentlichkeit gekommen.
Rund 900’000 in der Schweiz wohnhafte
Menschen waren von staatlichen Polizeibehörden
und dem militärischen Nachrichtendienst
bespitzelt und registriert worden. Viele
wurden ungerechtfertigt polizeilicher Verfolgung
ausgesetzt, haben ihre Arbeitsplätze
verloren oder angestrebte gar nicht erst
erhalten, Karrieren wurden durch unsichtbare
Hände abgebrochen, diffamierende Gerüchte
machten ihre Runden. Betroffen waren praktisch
ausschliesslich Menschen, denen eine von
der Ideologie des schweizerischen Establishments
abweichende Gesinnung unterstellt wurde.
Mittels eines riesigen Apparates von nationalen
und kantonalen Untersuchungs-kommissionen
und Fichenverantwortlichen und unter lautstarker
Empörung von zahlreichen PolitikerInnen,
die sich durch die Begleitung des Prozesses
WählerInnenstimmen erhofften, wurde
das Ausmass des Skandals gegenüber
denjenigen Betroffenen, die sich die Mühe
nahmen, ein Einsichtsprozedere durchzulaufen,
einen Spalt weit aufgedeckt. Wichtigstes
Kriterium bei dieser Aufdeckung war, die
zahlreichen beamteten Spitzel und privaten
Denunzianten gegenüber ihren Opfern
in Schutz zu nehmen. Deren Namen und andere
Hinweise auf deren Identität wurden
auf den ausgehändigten Dokumenten eingeschwärzt. |
*
Der Titel bezieht sich auf Orwells Werk
„1984“. Die Biografie Orwells und
seiner
Werke: www.k-1.com/Orwell/
1 Die Webseite von attac zum Thema:
www.suisse.attac.org/Communique-?estlewird-
beschuldigt.
Artikel zur attac-Bespitzelung aus dem Beobachter:
www.humanrights.ch/home/upload/
pdf/080710_BEO_securitas.pdf.
Das Interview mit der Spionin im Blick:
www.blick.ch/news/wirtschaft/jetzt-sprichtdie-
nestle-spionin-95445.
Die Webseite von Securitas:
www.securiton.ch/cms/front_content.php?
idcat=385
2 Artikel zur Fichenaffäre Basel im Tagesanzeiger:
www.tagesanzeiger.ch/dyn/news/
schweiz/898467.html
3 Der Telecom-Italia-Skandal:
www.nachrichten.ch/detail/252827.htm
4 Der Tagesanzeiger zum Telekom-
Deutschland-Skandal: www.tagesanzeiger.ch/
dyn/news/wirtschaft/880401.html
5 Alles über Echelon/Onyx: http://
hp.kairaven.de/miniwahr/echelon3.html
|