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Sozialhilfebeziehende,
die im ersten Arbeitsmarkt als „schwer vermittelbar“
gelten, sollen im Rahmen eines Pilotprojektes
in die so genannte Freiwilligenarbeit vermittelt
werden. Auf dem Weg über ein unbezahltes
öffentliches Engagement in verschiedenen
Tätigkeitsfeldern sollen sie selbst aktiv
werden und an ihrer sozialen Integration ‚arbeiten’.
Mit sozialer Integration ist in den Worten der
Projektleitung eine „selbständige,
befriedigende Lebensführung“ gemeint.
Einerseits sollen die Projektteilnehmenden ihre
Sozialkompetenz erhalten und vergrössern,
ihr Selbstwertgefühl stärken und ein
soziales Netz aufbauen können, andererseits
sollen sich ihnen „neue Perspektiven“
für eine Rückkehr auf den ersten Arbeitsmarkt
eröffnen. Mit diesem Projekt wird einer Empfehlung
der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe
(SKOS), berufliche und soziale Integration zu
fördern, Rechnung getragen.
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| Alterspflege:
SozialhilfebezügerInnen sollen sich
um die Betreuung betagter Menschen kümmern
- freiwillig
und unbezahlt |
Einer
kritischen Betrachterin dieses Projekts stellen
sich mehrere Fragen: Sind die Teilnehmenden tatsächlich
sozial desintegriert oder dient diese 'Etikettierung’
dazu, von Sozialhilfebeziehenden unbezahlte Arbeitsleistung
zu fordern? Wer bestimmt, ob jemand integriert
oder desintegriert ist, und wozu nutzen solche
Konzepte? Bringt das untersuchte Pilotprojekt
den Sozialhilfebeziehenden tatsächlich mehr
soziale Integration, oder setzt es sie vielmehr
unter Druck, für den Bezug ihrer Sozialhilfeleistung
zu arbeiten, und untergräbt so das Recht
auf Sozialhilfe? Werden hier nicht strukturelle
Eigenschaften des Arbeitsmarktes individualisiert,
d.h. statt arbeitsmarktpolitischen Veränderungen
werden 'Zurichtun-gen’ an einzelnen Menschen
vorgenommen?
Der
aktivierende Sozialstaat
Das
Projekt ist im Kontext eines sich verändernden
Auftrags der Sozialhilfe zu sehen. Mit den aktuellen
Veränderungen im Bereich der sozialen Sicherung
geht eine Ökonomisierung der Sozialhilfe
einher. Annahmen des New Public Management erfassen
auch die Sozialhilfe. KlientInnen werden zu KundInnen,
gefordert werden Gegenleistungen für das
empfangene Sozialhilfegeld und mehr Eigenverantwortung
der Klientel. Eine „aktivierende“
Sozialarbeit soll die Leistungsbeziehenden aus
ihrer vermeintlichen Passivität herausholen.
Auch
in der Schweiz ist die Umgestaltung des Sozialstaats
von einem fürsorgenden hin zu einem aktivierenden
im Gange. Mitte der 1990er Jahre führte die
Arbeitslosenversicherung aktivierungspolitische
Elemente ein. Die daraus resultierenden Widersprüche
im Umgang mit Erwerbslosen beschreibt Chantal
Magnin in ihrem Buch „Beratung und Kontrolle“.
Es folgte die Sozialhilfe, die – unter Federführung
der SKOS – ebenfalls eine 'Anpassung’
an aktivierungspolitische Grundsätze vornahm.
Aktuell wird die Invalidenversicherung (IV) im
Zuge ihrer 5. Revision umgebaut, über die
im Juni 2007 abgestimmt wurde. Das Motto lautet:
„Sparen durch Eingliedern“.
Konkret
zielt der Umbau des Sozialstaates vor allem auf
eins: Möglichst alle Bezüger- Innen
sollen wieder 'in Arbeit’ gebracht werden
und müssen Arbeitswillen und Arbeitsfähigkeit
unter Beweis stellen. Kurt Wyss beschreibt in
seinem Buch über „Workfare“ diesen
Umbau des Sozialstaates und hinterfragt die politischen
und ökonomischen Grundannahmen dieser neuen
Sozialpolitik.
„Pioniere einer neuen Zeit“?
Die
Teilnahme am Pilotprojekt richtet sich vornehmlich
an ältere Sozialhilfebeziehende, die kaum
mehr Chancen auf eine Rückkehr in den ersten
Arbeitsmarkt haben. Sie ist insofern freiwillig,
als durch eine Nicht-Teilnahme keine Sanktionen
entstehen. Allerdings darf die Integrationszulage
von 100 Franken, die bei einer Teilnahme winkt,
als finanzieller Anreiz nicht unterschätzt
werden, da die Sozialhilfeleistungen sehr knapp
bemessen sind. Für eine neue Projektgruppe
beginnt das Projekt mit einem mehrtägigen
Gruppenseminar, das von einem Psychotherapeuten
mit erlebnistherapeutischem Hintergrund durchgeführt
wird. Dort begegnet sich die Gruppe zum ersten
Mal. Wer im Rahmen des Projektes ehrenamtlich
tätig werden möchte, muss das viertägige
Seminar absolvieren. In diesem Seminar geht es
weniger darum, die Teilnehmenden für konkrete
Einsatzplätze in der Freiwilligenarbeit zu
qualifizieren, als vielmehr darum, sie auf ihre
neue Rolle als 'freiwillige/r’ Helfer/in
vorzubereiten. Der Seminarleiter betont mehrmals,
dass eine „neue Zeit“ anbreche für
die Anwesenden, weshalb sie „Pioniere einer
neuen Zeit“ seien, in der es um „Lebenswert
statt um Geldwert“ gehe, denn unsere Gesellschaft
vernachlässige bisher den „Lebenswert“.
Die Projektteilnehmenden müssten von der
Idee, „Geldwert“ zu schaffen (wieder
eine reguläre Erwerbstätigkeit zu finden),
Abschied nehmen. Die neue Arbeit, die 'freiwillig’
verrichtet wird, bezeichnet der Seminarleiter
als eine „Arbeit mit den Händen und
mit dem Herzen“. Die Teilnehmenden werden
immer wieder aufgefordert, einen grossen Kreis
zu bilden, sich die Hände zu geben und im
Chor zu sagen: „Wir sind Pioniere einer
neuen Zeit“.
Erwartungen
abkühlen
Aus
einer soziologischen Perspektive kann von einer
„Zurichtung“ der Projektteilnehmenden
gesprochen werden. Was Christoph Maeder und Eva
Nadai in ihrem Buch „Organisierte Armut“
für Beratungsgespräche bei der Sozialhilfe
feststellen, gilt auch hier: „Im Kern geht
es darum, dass die Klientinnen und Klienten eine
Umdeutung ihrer Situation erlernen und eine neue,
den aktuellen Lebensverhältnissen angepasste
Selbstkonzeption entwickeln.“ Bei den Projektteilnehmenden
soll ein Prozess in Gang gesetzt werden, der ihre
Ansprüche in Bezug auf Arbeit abkühlt:
Wer weniger Ansprüche hat, ist eher bereit,
ohne Lohn zu arbeiten. Das Ziel dieses Pilotprojekts
ist demnach weniger die soziale Integration der
Teilnehmenden; vielmehr sollen sie unter Beweis
stellen, dass sie willig und fähig sind zu
arbeiten, notfalls auch unbezahlt. Damit aber
tendiert dieses Projekt zur Workfare-Politik.
Einsatzplätze
finden sich im Naturschutz, bei Sportanlässen,
in Alters- und Pflegeheimen, im kulturellen Bereich,
in der öffentlichen Sicherheit und in weiteren
Tätigkeitsfeldern. Die Wahl des Einsatzplatzes
ist den Teilnehmenden selbst überlassen,
während der zeitliche Rahmen vier bis sechs
Stunden pro Woche nicht überschreiten sollte.
Die meisten Arbeitsverhältnisse weisen einen
eher niedrigen Grad an Verbindlichkeit auf. Wo
eine hohe Verbindlichkeit verlangt wird, stösst
das mit dem Hinweis auf die unbezahlt geleistete
Arbeit meist auf wenig Verständnis seitens
der Projektteilnehmenden.
„An
offer you can’t refuse“
Das
Projekt fordert von den Teilnehmenden Offenheit
für 'Neues’. Das 'Neue’ besteht
vor allem in der Übernahme einer unbezahlten
Tätigkeit. Die Tätigkeiten sind eher
dem Bereich der unqualifizierten, ausübenden
Arbeit zuzurechnen, mit der allenfalls soziale
Kompetenzen verbessert werden können, während
die Möglichkeit zur Akkumulation von kulturellem
und sozialem Kapital gering erscheint. Dennoch
erhoffen sich viele der Teilnehmenden, dadurch
wieder im ersten Arbeitsmarkt 'Fuss fassen’
zu können. In diesem Sinn kann die Freiwilligenarbeit
als „an offer you can’t refuse“
bezeichnet werden. Hier liegt eine zentraler Widerspruch,
der auf der individuellen Ebene schmerzlich spürbar
wird und sich im folgenden Ausspruch einer beteiligten
Person zeigt: „Zum Verdienen will dich niemand
mehr, wenn du Geld verdienen willst, aber zum
gratis Schaffen kommst du an.“
Lesetipps
zur Sozialpolitik:
-
Christoph Maeder und Eva Nadai (2004):
Organisierte Armut. Sozialhilfe aus
wissenssoziologischer Sicht. Konstanz.
-
Chantal Magnin (2005): Beratung und
Kontrolle.
Widersprüche in der staatlichen
Bearbeitung
von Arbeitslosigkeit. Zürich.
-
Eva Nadai (2005): Der kategorische Imperativ
der Arbeit. Vom Armenhaus zur aktivierenden
Sozialpolitik. In: Widerspruch. Beiträge
zu
sozialistischer Politik, Nr. 49. Zürich.
19-27.
-
Kurt Wyss (2007): Workfare. Sozialstaatliche
Repression im Dienst des globalisierten
Kapitalismus. Zürich.
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