| Am
Donnerstag, 11. Januar 07 um ca. 10.00 Uhr, erreichte
mich das Telefonat einer mir unbekannten Person:
ich solle sofort auf die Baustelle der Metro im
Untergrund von Lausanne kommen, dort seien Arbeiter
in Aufruhr. Wir vereinbaren ein Treffen mit der
Belegschaft über Mittag. Es erscheinen etwa
20 Arbeiter verschiedener Nationalitäten.
Die meisten sind französische Grenzgänger,
aber auch in der Schweiz ansässige Immigranten.
Sie wollen sofort in den Streik treten.
Für
die Branche gilt der mit den Gewerkschaften ausgehandelte
Gesamtarbeitsvertrag für den Geleisebau.
Dieser verbietet (unter Strafandrohung) jede Streikaktion,
bevor nicht Verhandlungen über einen allfälligen
Streitpunkt aufgenommen wurden. Nur, die Arbeiter
haben die Schnauze voll. Ihr Lohn für den
Dezember 2006 sowie der 13. Monatslohn wurden
ihnen nicht ausbezahlt. Ich hatte den Auftrag
ihnen mitzuteilen, dass sie zuerst einen eingeschrieben,
individuellen Brief an die Direktion schicken
sollten, mit der Forderung, den ausstehenden Lohn
in einer bestimmten Frist auszuzahlen. Die Arbeiter
erklärten darauf, dass sie unter keinen Umständen
ohne den Lohn übers Wochenende zurück
zu ihren Familien fahren werden, da sie bereits
die Festtage nicht mit ihren Kindern feiern konnten.
(Dazu muss man wissen, dass nach vor kurzem revidiertem
Gesetz, Grenzgänger, um ihren Status zu erhalten,
nicht mehr täglich, sondern nur noch wöchentlich
an ihren Wohnort zurückkehren müssen.)
Die
Arbeiter beschliessen arbeitsunfähig zu sein,
weil sie ohne Geld nicht mehr in der Lage seien,
sich angemessen zu ernähren und verweigern
am Nachmittag die Arbeit. Die Intervention lohnt
sich, nach kurzer Zeit erscheint die Chefin der
Vertragsfirma und bereits eine Stunde später
kommt die Bestätigung der Bank, dass die
Gehälter ausbezahlt worden seien. Der 13.
Monatslohn wurde tags darauf ausbezahlt. Die Arbeiter
nehmen unverzüglich die Arbeit wieder auf
und sind zufrieden und ich konnte die vorbereitenden
Briefe vernichten. Eine Analyse der Situation
drängt sich auf: Auftraggeber der Lausanner
Metro sind Stadt und der Kanton Waadt, Auftragnehmer
ist der Weltkonzern Alstom. Dieser hat kaum eigene
Angestellte sondern bezieht seine Arbeitskräfte
von verschiedenen Firmen, unter anderem von der
Firma TMTI SA, mit welcher ein strikter Zusammenarbeitsvertrag
mit klar umschriebenen Bedingungen betreffend
der Verpflichtung zu gesetzeskonformen Anstellungsbedingungen
besteht, inklusive der Einkaufpreise der verliehenen
Arbeitskraft. Doch, will diese Firma Gewinne machen,
ist sie darauf angewiesen, möglichst billige
Arbeitskräfte einzustellen um zwischen „Einkaufspreis“
und „Verkaufspreis“ eine möglichst
grosse Marge zu erlangen. Folge: sie versucht
alles, um die vertraglichen Anstellungsbedingungen
zu umgehen. Nachträglich stellten wir dann
auch fest, dass der Gesamtarbeitsvertrag für
den Geleisebau in verschiedenen Punkten nicht
eingehalten wurde. Pikant an der Sache ist, dass
die offizielle Kontrollstelle auf der betreffenden
Baustelle bereits 6 Monate vor diesem Ereignis
Unregelmässigkeiten festgestellt hatte, ohne
dass dies erkennbare Folgen gehabt hätte.
Immerhin - inzwischen wurde die Paritätische
und sogar die Tripartite Kommission eingeschaltet,
der Stadtrat hat verlauten lassen, dass die Löhne
nach Gesamtarbeitsvertrag bezahlt werden müssen
- zeichnet sich ab, dass nun, nach über einem
Jahr Wartezeit, auch noch die letzten reklamierten
Lohnansprüche ausbezahlt werden.
Die
Metro2 ist ein Prestigeprojekt der Stadt Lausanne.
Sie soll die Stadt mit dem See und der Vorortgemeinde
Epalinges verbinden. |