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Die
Landlosen aus Brasilien nehmen die Politik des
Basler Konzerns Syngenta nicht kampflos hin. Sie
wehren sich seit Jahren gegen die Umweltverbrechen
Syngentas. Gegen die Zerstörung ihrer Ernährungsgrundlage
und der Artenvielfalt agieren sie im Staat Parana
unter anderem durch die Besetzung eines Syngenta-
Versuchsfeldes mit genmanipulierten Pflanzen.
Kürzlich forderte die brutale Repression
gegen diese Bewegung ein Todesopfer. Aus der Erklärung
des Nationalen Sekretariats des MST (Landlosenbewegung)
vom 21. Oktober 2007: „Am Sonntag, dem 21.
Oktober 2007, ungefähr um 13.30 Uhr, nachdem
ein Feld am Vormittag eingenommen aber in der
Folge wiederbesetzt wurde, traten mehr als 40
schwer bewaffnete Killer auf; sie gehören
zu einer Miliz, die unter dem Deckmantel des Sicherheitsunternehmens
'NF‘ agieren. Sie nahmen das Versuchsfeld
für genmanipulierte Pflanzen ein und haben
unseren Genossen Valmir Mota de Oliveira, besser
bekannt unter dem Namen Keno, aus nächster
Nähe regelrecht exekutiert. Verletzt wurden
zudem: Gentil Couto Viera, Jonas Gomes de Queiroz,
Domingos Barretos, Izabel Nascimento de Souza
und Hudson Cardin... Izabel hat ihr Auge verloren,
das von einem Splitter getroffen wurde... Wir
verlangen, dass unsere nationale Souveränität
gewahrt wird und dass Syngenta in ihr Ursprungsland
zurückkehrt: die Schweiz.“

Wenn
Syngenta Sicherheitsfirmen anheuert um Versuchsfelder
mit genmanipulierten Pflanzen zu „schützen“,
kann der Konzern alle Anschuldigungen von sich
weisen, er hätte eine „bewaffnete Konfrontation“
mit der Landlosenbewegung Via Campesina angeordnet.
Das hat Syngenta auch folgerichtig getan in einer
Pressemitteilung vom 21. Oktober 2007. Wer Brasilien
kennt, weiss aber: Die Anheuerung einer Sicherheitsfirma
bedeutet, dass damit Personal engagiert wird,
für welches brutale Repression und Umbringen
von landlosen Bäuerinnen und Bauern eine
übliche Praxis ist. Dafür braucht es
keinen ausdrücklichen Befehl von Syngentas
Konzernführung.
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Konzernsitz
der Syngenta in Basel. |
Vorgeschichte
der Besetzung
In
Brasilien wird schon lange über genmanipulierte
Pflanzen (genetisch veränderte Organismen
GVO) diskutiert. Im März 2000, unter Präsident
Fernando Henrique Cardoso, hat das höchste
Gericht des Staates Rio Grande do Sul die Anpflanzung
von GVO-Reis mit Namen „Liberty Link“
(LL601) verboten. Die deutsche Firma Bayer Crop
Science hatte diesen Langkornreis auf den Markt
geworfen. In der Schweiz haben ihn Migros und
Coop übrigens aus dem Verkauf zurückgezogen,
bevor dann eine andere Sorte wieder ins Sortiment
aufgenommen wurde. Der Richter des Staates Rio
Grande do Sul stellte sich mit seinem Entscheid
gegen die Bewilligungen, die zuvor von den Ministern
für Gesundheit, Wirtschaft und Landwirtschaft
erteilt worden waren. Er war der Meinung, dass
die Bewilligungen unvollständig waren, wie
auch die Lizenz für Feldversuche.
Präsident
Lula hat während seiner ersten Amtszeit den
Anbau von GVO-Soja aufoffenem Feld erlaubt. Seit
März 2006 haben mehrere Hundert AktivistInnen
der nationalen und internationalen Bauernorganisation
Via Campesina die erwähnte Versuchsfarm von
Syngenta besetzt, um gegen die Versuche mit GVO-Soja
zu protestieren.
Zunächst
hatte die Richterin Vanessa de Souza Camargo von
der Gerichtsabteilung IV von Curitiba (Hauptstadt
des Staates Parana) am 6. Oktober 2006 die Auflösung
der Besetzung durch den Staatsgouverneur verlangt.
Syngenta übte Druck aus, um eine Gesetzesänderung
durchzusetzen: Der „Sicherheitsabstand“
zwischen dem GVOVersuchsfeld und der Naturschutzzone
des Nationalparks Iguazu sollte von 10 km auf
500 m reduziert werden. Der Schweizer Multi konnte
sich zunächst durchsetzen. Aber am 9. November
2006 wies der Gouverneur von Parana das Urteil
zur Gesetzesänderung zurück, und Bäuerinnen
und Bauern beschlossen, das Versuchsfeld in eine
Zone zur Entwicklung von biologischen Landwirtschaftstechniken
umzuwandeln. Der gerichtliche Gegenangriff von
Syngenta war somit gescheitert. Die Ermordung
von Valmir Mota de Oliveira auf dieser Versuchsfarm
am 21. Oktober 2007 zeigt aber die Entschlossenheit
von Syngenta, für den Schutz ihrer Profite
über Leichen zu gehen.
Umweltverbrechen
bringt Profit
Syngenta
ist weltweit führend im Agrobusiness. Dieser
multinationale Konzern mit Sitz in Basel unterhält
Produktionsstätten in Schweizerhalle, Münchwilen,
Kaisten, Dielsdorf und Monthey. Syngenta zählt
19'000 Lohnabhängige in 90 Ländern.
Die Firma ist kotiert an der Schweizer und New
Yorker Börse. Im Bereich GVO-Saatgut hat
sie ihre Tätigkeit ausgebaut, fällt
aber weiterhin hinter dem amerikanischen Konkurrenten
Monsanto zurück. Bayer Crop Science und DuPont
sind weitere Konkurrenten von Syngenta. Das Unternehmen
hält im Bereich Agrochemie (Insekten- und
Unkrautvertilgungsmittel sowie Pilzver-nichtungsmittel)
eine Spitzenposition inne.
Bekannt
ist Syngenta unter anderem für ihr hochtoxisches
Pflanzengift Paraquat, das tagtäglich Bäuerinnen
und Bauern verätzt und vergiftet, ganz zu
schweigen von den Umweltschäden dieses Dauergifts.
Syngenta tut sich zudem mit dem perversen Terminator-Saatgut
hervor, das nur eine einzige Ernte ergibt und
somit das Grundrecht der Bauerinnen und Bauern
verletzt, ihr Saatgut selbst zu gewinnen. Weiter
investieren Firmen wie Monsanto und Syngenta bereits
hohe Summen in GVO-Pflanzen für die Produktion
von Agrotreibstoff. Syngenta ist im Herbst 2000
aus der Fusion der Agrosparten des Schweizer Chemiekonzerns
Novartis und des Unternehmens AstraZeneca entstanden.
Diese Firma ist selbst ein Fusionsprodukt, 1999
aus dem Zusammenschluss des schwedischen Konzerns
Astra und der britischen Firma Zeneca gebildet.
Das Unternehmen Syngenta hat seine Position 2004
durch grosse Firmenübernahmen im Bereich
Saatgut verstärkt, insbesondere betreffend
Soja und Mais. Es wurde die amerikanische Firma
Golden Harvest hinzugekauft, die spezialisiert
ist auf den Verkauf von Saatgut. Im Juni 2004
folgte die Übernahme des amerikanischen Konzerns
Adventa, ebenfalls aktiv im Bereich Mais und Soja,
der unter anderem die bekannte Marke „Garst“
besitzt. Durch diese Übernahmen konnte Syngenta
wichtige Stellungen auf dem Mais- und Sojamarkt
in den USA erobern. Von dort aus unternimmt Syngenta
intensive Bestrebungen, sich „die weltweite
Mais- und Sojaproduktion“ – das heisst
das Leben von Hunderttausenden BäuerInnen
– zu unterwerfen.
1 Übersetzung aus: www.alencontre.org, redaktionell
ergänzt; weitere Quellen: www.labournet.de;
www.blauen-institut.ch; de.indymedia.org; www.chiapas.ch;
www.tropenwaldnetzwerk-brasilien.de.
Der Markt wird’s
richten
Der Klimawandel ist zum medial verwertbaren
Thema geworden. Al Gore, ehemaliger Vizepräsident
der USA in Zeiten von Soziallabbau und
Kosovokrieg, Friedensnobelpreisträger
und profilierter Befürworter von
Agrotreibstoffen, wird als grüne
Galionsfigur gefeiert. Ansätze jenseits
der kapitalistischen Logik werden praktisch
nicht aufgenommen. Der „Klima-Masterplan1“,
vorgelegt im Sommer 2006 von einem Bündnis
von Schweizer Nichtregierungsorganisationen,
darunter Greenpeace, Helvetas u.a., schlägt
eine ganze Palette von marktkonformen
Massnahmen vor. Lenkungs-abgaben –
also regressive Steuern, welche die unteren
Einkommen proportional massiv stärker
belasten – spielen dabei die prominenteste
Rolle. Die Initianten vertreten die Meinung,
der Schutz von Umwelt und Klima sei ohne
Bruch mit der kapitalistischen Verwertungslogik
möglich.
Wo bleibt demgegenüber die Absage
an die Profitlogik, die uns so weit in
die Umweltkatastrophe hineingeführt
hat? Wo bleibt die Forderung nach autofreien
Städten, nach einem massiven Ausbau
des öffentlichen Verkehrs, nach Gratis-Tram,
-Bus und -Zug? Oder nach gemeinsam ausgehandelten
Vorgaben für Produktion und Konsum?
1
Klima-Masterplan. Der Weg zu einer klima-verträglichen
Schweiz. Hg. Allianz für eine verantwortungsvolle
Klimapolitik, 24. August 2006, www.wwf.ch/klimafakten.
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