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Der
Streik im Getriebewerk von Honda
Am 17. Mai 2010 traten einige Dutzend Arbeiter_innen
der Honda Auto Parts Manufacturing, dem Getriebewerk
von Honda in Foshan in den Streik. Die Fabrik
war erst 2007 eröffnet worden und stellt
mit fast 2000 Beschäftigten Getriebe für
alle vier Honda-Montagewerke in China her. Die
meisten Beschäftigten sind Wanderarbeiter_innen,
der grösste Teil ist männlich. Die Festangestellten
sind qualifiziert und bekamen im Schnitt mit Zulagen
1200 Yuan Lohn, einige bis zu 1500 Yuan, je nach
Ausbildung und Betriebszugehörigkeit. Über
ein Drittel der Belegschaft sind Praktikant_innen
von Berufsschulen. Sie sind unter 20 Jahre alt
und verbringen das dritte und letzte Jahr ihrer
Ausbildung zu technischen Berufen an den Bändern
von Honda – eine unqualifizierte Arbeit,
bei der sie ihre erlernten Fähigkeiten nicht
einsetzen können. Inklusive Zulagen verdienten
sie gerade mal den örtlichen Mindestlohn
von 920 Yuan, und sie sind nicht sozialversichert.
Auslöser des Streiks waren die niedrigen
Löhne der Bandarbeiter_innen. Einige hatten
schon vorher über interne Kanäle ihre
Forderungen nach mehr Lohn beim Management vorgebracht,
was aber ignoriert wurde. Zwei Arbeiter aus Hunan,
der monotonen Arbeit und niedrigen Löhne
überdrüssig, hatten dann den Streik
wochenlang vorbereitet und etwa 20 Arbeiter_innen
gefunden, die sie unterstützten. Als am Morgen
des 17. Mai das Band in der Montageabteilung des
Getriebewerks anlief, brüllte einer der beiden:
«Der Lohn ist so niedrig. Hört auf
zu arbeiten!» 50 Arbeiter_innen folgten
seinem Aufruf und liefen durch die anderen vier
Abteilungen des Werkes, wo sich aber nur wenige
Arbeiter_innen anschlossen. Die Streikenden setzten
sich vor den Werkhallen auf ein Basketballfeld,
eine stille Sitzdemonstration. Über SMS machte
die Neuigkeit im ganzen Werk die Runde, und vor
allem Praktikant_innen kamen und schlossen sich
dem Streik an. Nach kurzer Zeit standen wegen
der lückenhaften Besetzung alle Bänder
still. Die Mehrheit der Belegschaft hatte bis
dahin gar nicht am Streik teil genommen, wurde
aber aufgrund der Produktionsorganisation mit
in den Ausstand hineingezogen. Der Firmenchef
forderte die Arbeiter_innen über Lautsprecher
auf, an die Arbeitsplätze zurückzukehren.
Draussen vor dem Tor zogen Einheiten der Aufstandsbekämpfungspolizei
auf. Als die etwa 100 Streikenden am Mittag in
die Kantine gingen, hatte die Firmenleitung bereits
sechs weisse Tafeln aufgestellt, auf die die Arbeiter_innen
ihre Vorschläge schreiben sollten. Nach kurzer
Zeit waren die Tafeln komplett vollgekritzelt.
Die Unternehmensleitung versprach, innerhalb einer
Woche eine Lösung zu finden, und die Streikenden
nahmen am Nachmittag zögernd die Arbeit wieder
auf.
In den folgenden Tagen gab es Verhandlungen zwischen
der Betriebsleitung und Arbeitervertreter_innen,
die in den fünf Abteilungen aus den Reihen
der Bandarbeiter_innen und Gruppenleiter gewählt
worden waren. Vertreter der Betriebsgewerkschaft
waren ebenfalls anwesend. In dieser Zeit wurde
an den Bändern gearbeitet, aber in manchen
Abteilungen sank die Produktion um 50 Prozent.
Die Arbeiter_innen verlangten dieselben Löhne,
die die Arbeiter_innen in anderen Honda-Werken
in China bekommen (etwa 2000 bis 2500 Yuan). Sie
beschwerten sich auch darüber, dass aus Japan
geschickte japanische Arbeiter das 50-fache ihres
Lohnes verdienen. Die staatliche Gewerkschaft
im Betrieb erkannte sie nicht als Vertretung an.
Sie organisierten sich unabhängig und entschieden
gemeinsam und nach Konsensprinzip. Honda wollte
mit Praktikant_innen und Festangestellten gesondert
verhandeln, aber die Arbeiter_innen wandten sich
dagegen und verlangten dieselbe Lohnsteigerung
für beide Gruppen. Honda bot zunächst
55 Yuan Lohnerhöhung für alle an, was
die Arbeiter_innen ablehnten.
Die
Produktion steht still
Als am 21. Mai Gerüchte die Runde machten,
Honda wolle die Löhne nicht erhöhen
und versuche, neue Leute anzuwerben, beschlossen
die Arbeiter_innen, wieder in den Streik zu treten.
Am 22.5. legten 300 Arbeiter_innen die Arbeit
nieder und der Basketballplatz war überfüllt.
Mittags wurden die beiden Arbeiter aus Hunan entlassen,
die den Streik angezettelt hatten. Als dies über
die Lautsprecheranlage bekannt gegeben wurde,
schloss sich ein Grossteil der bisher passiven
Arbeiter_innen dem Streik an. Viele von ihnen
trugen von da an weisse Masken, um nicht erkannt
zu werden.
Die Produktion in den vier Montagewerken Hondas
in Guangzhou (Guangdong) und Wuhan (Hubei) stand
nun still. Zu diesem Zeitpunkt verkündete
Honda noch, dass spätere Sonderschichten
und Überstunden Produktionsausfälle
wettmachen würden. Doch die Zeit spielte
den Arbeiter_innen in die Hände. Der Streik
soll Honda täglich 30 Millionen Euro gekostet
haben. Am 24. Mai bot Honda eine Lohnerhöhung
von 120 bis 155 Yuan an, was die Arbeiter_innen
zurückwiesen. Auch Angebote zur Erhöhung
der Sonderleistungen lehnten sie ab, weil diese
jederzeit zurückgenommen werden können.
Am 26. Mai lehnten die Arbeiter_innen ein weiteres
Angebot der Firma ab, das diese über die
Lautsprecheranlage im Werk machte: 355 Yuan mehr
für Festangestellte und 477 Yuan mehr für
Praktikant_innen. Mittlerweile waren die Streikenden
auch wütend auf die Betriebsgewerkschaft,
die sich an die Seite des Managements stellte.
Am 27. Mai forderten die Arbeiter_innen, alle
(Festangestellte und Praktikant_innen) sollten
800 Yuan mehr bekommen, dazu für jedes Jahr
Betriebszugehörigkeit 100 Yuan mehr im Monat
und garantierte Lohnsteigerungen von 15 Prozent
im Jahr. Ausserdem wollten sie in Zukunft ihre
Gewerkschaftsvertreter selbst wählen.
Honda übte nun mehr Druck auf die Praktikant_innen
aus. Diese gehörten zu den Entschlossensten
im Streik. Vertreter der örtlichen Behörden
und Berufsschullehrer kamen nach Foshan, um die
Praktikant_innen zu bedrängen, und ihnen
wurde angedroht, dass sie ihren Abschluss nicht
machen könnten, wenn sie nicht an die Arbeit
zurückkehrten. Sie sollten Mini-Verträge
unterschreiben, in denen sie versichern, «Chinas
Arbeitsgesetze einzuhalten» und jedem Streik
fernzubleiben. Der Boden im Wohnheim der Praktikant_innen
war übersät mit den zerrissenen Verträgen.
Honda bot nun 24 Prozent Lohnerhöhung an.
Die Arbeiter_innen waren unentschlossen. Bis zum
30. Mai hatten die meisten das Angebot akzeptiert,
aber es gab immer noch Gruppen von Arbeiter_innen,
die sich weigerten. Am 31. Mai griffen über
100 Vertreter der örtlichen Gewerkschaftssektion
einige Dutzend Streikende an und versuchten, sie
zu filmen und in die Werkhalle zu drängen.
Polizei und Journalisten schauten zu. Streikende
versuchten, die Kamera zu erwischen, wurden aber
an den Haaren gezogen und umgestossen. Sie hatten
die Gewerkschaftsvertreter nach eigenen Angaben
noch nie gesehen.
Die
Wende
Am 1. Juni kam die Wende. Mit Zeng Qinghong erschien
der Vorstandsvorsitzende der Guangzhou Automobile
Industry Group (GAIG), des Mitbetreibers zweier
Honda-Montagewerke, im Getriebewerk. Zeng erklärte
aber, als Delegierter des Nationalen Volkskongresses
gekommen zu sein. Er setzte das Management und
die Betriebsgewerkschaft unter Druck und drängte
die Arbeiter_innen an den Verhandlungstisch. Ein
neu gewähltes Vertretungskomitee einigte
sich dann mit der Geschäftsleitung (in Anwesenheit
von Zeng, Gewerkschaftsfunktionären und Chang
Kai, Professor für Industrielle Beziehungen
aus Beijing). Die Arbeit wurde wieder aufgenommen,
aber die Arbeiter_innen bestanden darauf, dass
auf Abteilungsversammlungen über das Ergebnis
abgestimmt wird.
Die örtliche Gewerkschaft «entschuldigte»
sich in einem offenen Brief für den Angriff
auf die Streikenden, spielte ihre Verantwortung
herunter und sprach von Missverständnissen
– Ausdruck des Drucks, der auf der Gewerkschaft
nach dem Angriff lastete. Das Vertretungskomitee
der Arbeiter_innen betonte in einer öffentlichen
Stellungnahme, dass der Streik von den Arbeiter_innen
und nicht von der Gewerkschaft geführt worden
war und die Betriebsgewerkschaftsvertretung von
den Arbeiter_innen direkt gewählt werden
sollte. Am 4. Juni nahmen die Versammlungen der
Arbeiter_innen dasVerhandlungsergebnis an, und
die Auseinandersetzung war beendet. Die Arbeiter_innen
hatten 500 Yuan mehr für alle und weitere
Zulagen durchgesetzt (etwa 33 Prozent Lohnerhöhung).
Zudem sollte es keine Entlassungen am Streik Beteiligter
geben. Die Frage der direkten Wahl der Gewerkschaftsvertreter
durch die Arbeiter_innen wurde nicht geklärt,
aber der staatliche Gewerkschaftsverband ACFTU
(Gesamtchinesi-scher Gewerkschaftsbund) in Guangdong
kündigte später an, dass die Betriebsgewerkschaften
reformiert und die Gewerkschaftsvertreter in Zukunft
von den Beschäftigten demokratisch gewählt
werden.
Weitere
Streiks
Der Streik in Hondas Getriebewerk löste eine
Welle weiterer Arbeiterproteste aus. Am 7. Juni
traten Arbeiter_innen von Foshan Fengfu Autoparts
in Foshan (Guangdong), einem japanisch-taiwanesischen
Joint Venture, in den Streik. Dort produzieren
460 Beschäftigte unter anderem Auspuffanlagen
und Bremsen für zwei Honda-Werke in Guangzhou.
Sie waren während des Streiks im Getriebewerk
gezwungen worden, erst Urlaub zu nehmen und später
unbezahlte Überstunden zu leisten. 20 Arbeiter_innen
begannen den Streik für Lohnerhöhungen
und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen,
insbesondere wegen Hitze und Dämpfen in den
Werkshallen. Später beteiligten sich 250
Arbeiter_innen. Einige erzählten, sie seien
von dem Streik im Getriebewerk inspiriert worden.
Ihr Streik dauerte drei Tage und stoppte die Produktion
in zwei der vier Montagewerke Hondas, die nach
dem Ende des Streiks im Getriebewerk gerade erst
wieder angefahren worden waren. Die Arbeiter_innen
erreichten eine Lohnerhöhung von 1200 auf
1500 Yuan (25 Prozent), aber an der Hitze und
den Dämpfen in den Werkshallen änderte
sich nichts. Weitere Streiks bei Honda-Töchtern
und -Zulieferern schlossen sich an.
Besonderheiten
der neuen Kämpfe
Die Streiks der Arbeiter_innen gegen ihre konkreten
Arbeits- und Lebensbedingungen in den industriellen
Arbeitshäusern müssen als Symptome einer
tieferliegenden Rebellion gegen das Arbeitsregime
gelesen werden. Es handelt sich um die grösste
zusammenhängende Protestwelle seit den Mobilisierungen
der Staatsarbeiter_innen Anfang der 2000er Jahre.
Es gab Streiks in ausländischen und inländischen,
privaten und staatlichen Unternehmen, in den Küstenregionen
im Perlfluss-Delta, im Yangtse-Delta und um Beijing/Tianjin,
aber auch im Landesinneren. Das genaue Ausmass
der Streiks ist unklar, weil viele schnell beendet
oder unterdrückt, andere von den Medien nicht
erwähnt wurden.
Arbeiterunruhen sind in China viel alltäglicher,
als oft angenommen wird. Auch vorher schon kam
es zu Streiks, die «ansteckend» waren
und sich ausbreiteten (copycats), so zum Beispiel
bei den Protesten von Taxifahrer_innen und Lehrer_innen
(2008), und dann jeweils nach einer Weile abebbten.
Arbeitsaktivist_innen im Perlfluss-Delta berichteten
auch schon von der Ausbreitung von Streiks in
einem Industriegebiet und darüber hinaus.
Ansonsten konnten wir die üblichen Muster
erkennen: vorsichtiges Taktieren, Domino-Effekte,
Verhandlungen, Lohnerhöhungen und gleichzeitige
Rationalisierung und Verlagerung.
Die jetzigen Streikenden sind in der Regel sehr
jung und gehören zur neuen Generation der
Wanderarbeiter_innen, die in den 1980er und 1990er
Jahren geboren wurden. Sie schafften sich eigene
temporäre Kampfstrukturen, in einigen Fällen
gewählte Fabrikräte wie bei Honda Lock
in Zhongshan oder Toyota in Tianjin, und liessen
die staatlichen Gewerkschaften des ACFTU rechts
liegen. In mehreren Betrieben gründeten die
Arbeiter_innen allerdings erst Vertretungskomitees,
nachdem sie vom Management dazu aufgefordert worden
waren. Der Trick ist alt: Einerseits hat das Management
erst dann einen Ansprechpartner für Verhandlungen,
den die Arbeiter_innen auch als Vertretung akzeptieren.
Andererseits werden in der Regel die aktivsten
und militantesten Arbeiter_innen in die Komitees
gewählt und können dann gezielt vom
Management unter Druck gesetzt, bestochen oder
rausgeschmissen werden.
Neue
Kommunikationstechnologien
Die Streiks wurden in ausländischen Medien
und von NGO-Vertretern mehrfach als Kämpfe
für «unabhängige Gewerkschaften»
dargestellt. Die chinesische Presse verschwieg
dagegen, dass die Arbeiter_innen unabhängige
Vertretungen verlangten. Hier lohnt es sich genau
zu sehen, was die Streikenden forderten. Einige
zeigten gar kein Interesse an gewerkschaftlicher
Organisierung, andere verlangten eigene Vertretungen
ausserhalb der ACFTU, wieder andere wollten demokratische
organisierte Strukturen, die von der ACFTU anerkannt
werden. Offenbar ging es den Arbeiter_innen vor
allem darum, dass nicht mehr über ihren Kopf
hinweg verhandelt und entschieden wird.
In den Streiks entstanden neue Kerne von Arbeitermilitanten
und informelle Netzwerke. Die Arbeiter_innen nutzten
das Internet und Handys für die Organisation
der Kämpfe. Bei Honda Auto Parts Manufacturing
in Foshan setzten sie Berichte auf Internetforen
und Online Bulletin Boards, um über ihren
Streik zu informieren. Streikführer_innen
berichteten, sie hätten die Informationen
über Chinas Arbeitsgesetze aus dem Internet.
Während der Auseinandersetzungen standen
sie in eigenen Chat-Rooms mit 600 Arbeiter_innen
in Kontakt. Foxconn-Arbeiter_innen beschrieben
ihre Bedingungen online und posteten ihre Lohnabrechnungen,
die zeigten, dass ihre Überstunden weit über
dem rechtlich zulässigen Rahmen lagen. Honda
Lock-Arbeiter_innen in Zhongshan verschickten
SMS, in denen sie andere Arbeiter_innen aufforderten,
sich dem Druck der Fabrikbosse nicht zu beugen.
Sie posteten detaillierte Berichte über ihren
Ausstand online und veröffentlichten Videos,
die zeigen, wie der Wachschutz die Arbeiter_innen
herumschubst. Die öffentliche Darstellung
und Kommentierung von Streiks und ihren Hintergründen
gab es schon vorher, aber sie musste weitgehend
verborgen von Aktivist_innen vorbereitet und organisiert
werden. Jetzt laufen diese Darstellungen zunehmend
offen, nehmen immer mehr zu und werden von Arbeiter_innen
selbst geschrieben, gefilmt und verbreitet. So
schafften es die Arbeiter_innen, trotz Medien-Zensur
über die Streiks informiert zu sein und Erfahrungen
auszutauschen. Die zirkulierenden Informationen
über Bedingungen und Kämpfe inspirierten
andere Arbeiter_innen, ebenfalls zu kämpfen.
Der Streik im Getriebewerk von Honda war für
chinesische Verhältnisse ungewöhnlich
lang, was die Entschlossenheit der Arbeiter_innen
zeigt, sich gegen die starre Haltung eines transnationalen
Unternehmens, dem Behörden und Gewerkschaften
zur Seite stehen, durchzusetzen. Ansonsten dauern
Streiks in China gewöhnlich wenige Stunden
oder Tage und werden dann nach Zugeständnissen
der Unternehmen oder nach dem Einschreiten von
Polizei oder Behörden beendet. Diesmal waren
die meisten Streiks einigermassen erfolgreich,
was die Durchsetzung der Lohnforderungen angeht,
aber die Kapitalisten versuchten nach den Lohn-
und Mindestlohnerhöhungen, die Löhne
mit Tricks und Kniffen wieder zu senken: höherer
Arbeitsdruck, Streichung von Überstunden,
Streichung von Sonderzulagen, Strafen, und so
weiter.
Die
ausländischen Unternehmen
Auffällig ist, dass viele Streikberichte
aus ausländischen Unternehmen kamen. Es ist
auch in der Vergangenheit immer wieder zu Streiks
in ausländischen – und oft als Joint
Ventures mit chinesischen Firmen geführten
– Fabriken gekommen, wie bei Toshiba in
Dalian 2005 oder bei Maersk in Dongguan 2008,
obwohl die Bedingungen in japanischen, europäischen
und US-amerikanischen Unternehmen in China in
der Regel besser sind als die in chinesischen,
taiwanesischen oder Hongkonger Firmen. Hier ist
allerdings zu beachten, dass Streiks in chinesischen
Betrieben wegen des geringeren Medieninteresses,
der Zensur und der Informationspolitik der chinesischen
Betriebsleitungen selten publik werden.
Die Streiks in japanischen Unternehmen wurden
diesmal aus Regimekreisen wohlwollend kommentiert,
und auch die Medien hatten mehr Raum für
die Berichterstattung. Aufgrund der Greueltaten
der japanischen Armee während der Besetzung
eines Teils von China in den 1930er und 1940er
Jahren gibt es weiterhin eine latente Ablehnung
gegenüber Japan. Diese zeigt sich von Zeit
zu Zeit in Mobilisierungen und wird vom Regime
benutzt und geduldet. Arbeiter_innen setzen diese
«besonderen Beziehungen» ab und zu
gezielt ein, verweisen auf die japanische Herkunft
der Chefs und verlangen, dass die «Chinesen»
sich gemeinsam zur Wehr setzen und nicht mit den
«Japanern» kollaborieren. Während
die internationale Presse die Tatsache, dass es
sich um ein japanisches Unternehmen handelte,
herunterspielte, wurde es in den chinesischen
Medien immer wieder erwähnt. Die Regierung
konnte sich in den Medien so auch als nationale
Verteidigerin der Interessen der Arbeiter_innen
gegenüber den ausländischen Managern
darstellen. Auch die Polizei griff nicht so entschlossen
ein, weil ein gewalttätiges Vorgehen gegen
Streikende in einem japanischen Unternehmen in
der Bevölkerung schlecht ankäme.
Das
Vorgehen des Staates
Der autoritäre Staat hat in den Streiks die
bisherige Rolle weitergespielt, seine Strategie
allerdings neu ausgerichtet. Die lokalen Behörden
greifen in Arbeitskonflikte ein, um sie schnell
zu beenden. Sie stellen sich meist auf die Seite
der Unternehmer, aber ein Teil der Forderungen
der Streikenden wird in der Regel erfüllt
und Streikführer_innen werden bestraft. Mitunter
greift die Polizei Arbeiter_innen massiv an, wenn
eine Ausbreitung des Streiks droht.
Chinas Regierung war diesmal allerdings vorsichtig,
da es um Fabriken grosser Firmen geht, für
die sich die globalen Medien interessieren. Auch
deswegen gab es diesmal relativ wenig offene Gewaltanwendung
gegen die Streikenden. Bisher ist es zu keiner
Verhaftungswelle gegen Streikführer_innen
dieser Streikwelle gekommen. Bei mehreren Streiks
waren Anti-Aufstandseinheiten der Polizei in und
vor der Fabrik präsent oder griffen ein,
wenn die Arbeiter_innen auf die Strasse wollten.
Bei Honda Lock wurde einer der Streikführer
von der Betriebsführung, den Vertretern der
örtlichen Behörden und der Gewerkschaft
so eingeschüchtert, dass er sofort aus der
Streikführung austrat und untertauchte. Auch
mit Arbeitslager wurde gedroht. Die Streikenden
waren sich der Risiken bewusst, die sie eingingen.
Ein Arbeiter bei Honda Lock wies darauf hin, dass
sich das Streikkomitee nicht mit der Betriebsleitung
und den lokalen Behörden traf, weil das für
die Mitglieder gefährlich sein könnte.
Arbeiter_innen des Getriebewerks von Honda trugen
nach dem Rauswurf der Streikinitiatoren in der
Regel Masken und gaben den Medien bei Interviews
nicht ihren (vollen) Namen. Im Internet hat die
Regierung Einträge, die sich mit den Streiks
beschäftigten, gelöscht. Einer der Streikführer
von Honda meinte, sie würden den Messanger-Dienst
QQ nicht mehr nutzen, weil sich zu viele Spione
eingeloggt hatten. «Wir benutzen nun mehr
unsere Mobiltelefone».
Es gibt allerdings keine Hinweise darauf, dass
die Arbeiter_innen der Honda-Fabriken ihre Aktionen
über direkte Kontakte koordinierten. Isolierte
Streiks nehmen die Behörden in der Regel
hin, offensive Organisierungsversuche dagegen
nicht. Die Regierung wird härter eingreifen,
wenn die Proteste sich nicht nur ausbreiten und
Protestierende voneinander lernen, sondern wenn
Arbeiter_innen anfangen, organisatorische Verbindungen
aufzubauen (wie bei den Protesten der Staatsarbeiter_innen
2002).
Zeitweise wurde eine relativ offene Medienberichterstattung
in China selbst zugelassen. Über den Streik
im Getriebewerk von Honda durften die chinesischen
Reporter ein paar Tage lang berichten, dann verschwanden
sie alle von den Fabriktoren, weil die Behörden
die weitere Berichterstattung verboten. Die Regierung
hatte erkannt, dass die Streiks «ansteckend»
waren und wollte eine weitere Ausweitung verhindern.
Die
Lohnfrage
Die Welle von Streiks zeigt die Bedeutung der
Lohnfrage. Für die Arbeiter_innen in China
war das Wirtschaftswunder der Reformjahre seit
1978 viel weniger wunderbar, als es von aussen
erscheinen mag. Seit seiner Einführung 2004
haben die meisten Fabrikbosse den lokalen Mindestlohn
als Grundlohn ihrer Arbeiter_innen übernommen.
Nach den Richtlinien der Regierung sollte der
Mindestlohn bei 40 Prozent des örtlichen
Durchschnittslohns liegen, in vielen Städten
beträgt er aber nur zwischen 20 und 30 Prozent.
Nach einer Studie hat fast ein Viertel der chinesischen
Arbeiter_innen in den vergangenen fünf Jahren
keine Lohnerhöhung erhalten. In den Fabrikzonen
der Ostküste haben sich die Mindestlöhne
in den letzten fünf Jahren zwar fast verdoppelt,
und auch in diesem Jahr haben viele Provinzen
den Mindestlohn schon um 10 bis 20 Prozent erhöht.
Insgesamt sind die Löhne der Wanderarbeiter_innen
im Schnitt im Jahr 2008 um 19 Prozent, im Jahr
2009 um 16 Prozent gestiegen. Die Inflation hat
aber einen Teil der nominalen Lohnerhöhungen
der letzten Jahre immer wieder aufgefressen. In
manchen Sektoren sind die Löhne von Wanderarbeiter_innen
sogar gefallen, aufgrund von Umstrukturierungen
und Dequalifizierung, wie in den Montagewerken
der Automobilindustrie, oder vor dem Hintergrund
von Krise, Betriebsschliessungen und Entlassungen
ab 2008.
Wanderarbeiter_innen sind zudem aufgrund ihres
ländlichen hukou-Status1 weiter
von vielen Sozialleistungen in der Stadt ausgenommen,
und die Einkommensunterschiede sind enorm. Schon
seit zwei Jahrzehnten ist der Lohnanteil am BIP
stark gefallen, und zwar von 57 Prozent 1983 auf
37 Prozent 2005. Seitdem ist der Anteil in etwa
gleich geblieben. Während sich eine kleine
Oberschicht hemmungslos bereichert und eine urbane
Mittelschicht ihren Konsum stetig steigern konnte,
blieb das Leben der meisten Arbeiter_innen spartanisch.
Die
sozialen Kämpfe
Wenn die Regierung Lohnerhöhungen unterstützt,
um den Binnenkonsum anzuheizen, ist das riskant:
Die sozialen Auseinandersetzungen könnten
sich mit anderen Problemen vermischen und zu Demonstrationen
und Unruhen gegen die derzeitige gesellschaftliche
Ordnung führen und damit die gesellschaftliche
Stabilität gefährden. Die Mittelklasse
ist bisher mit der wirtschaftlichen Prosperität
zufriedengestellt worden, und es ist fraglich,
ob sie sich im Boom gegen das Regime wenden wird.
Anders sieht es aus, wenn sie von der Krise erfasst
werden sollten. Aber werden die Kämpfe dem
Regime aus dem Ruder laufen? Die anfälligen
Produktions- und Just-in-Time-Lieferketten, die
höhere organische2 Zusammensetzung
des Kapitals, der Arbeitskräftemangel –
all das hat die Verhandlungsmacht der Arbeiter_innen
erhöht.
Die Streikenden des Frühsommers 2010 verlangten
nicht nur Lohnerhöhungen, sondern auch bessere
Arbeitsbedingungen und mehr Kontrolle über
ihr Schicksal. Zeigt sich beim Honda-Streik und
den nachfolgenden Arbeiterunruhen schon eine wachsende
Selbstaktivität einer neuen Arbeiterklasse
in China?
Der
Staat zwischen Öffnung und Repression
Je mehr Spaltungen und Probleme sich in der chinesischen
Gesellschaft entwickeln, desto lauter besingen
die Parteiführer die Stabilität, die
sie erhalten wollen. Sowohl staatliche Repression
und eine zu starre Haltung des Regimes als auch
lockere Zügel und staatliche Mediation als
Antwort auf Kämpfe könnten das Regime
destabilisieren.
Ein Vertreter der NGO Livelihood Watch kommentierte:
«[Die Streiks] werden die Gesellschaft nicht
destabilisieren. Im Gegenteil, sie sind Ablassventile
für die Wut der Arbeiter_innen. Die soziale
Stabilität ist nur dann gefährdet, wenn
die Regierung versucht, diese Aktionen einzudämmen».
Die Streiks für bessere Arbeitsbedingungen
könnten, von militanten Arbeiter_innen geführt,
aber auch eskalieren, sodass die Herrschaft der
KP in Gefahr geriete. Wenn es zu einer sozialen
Eskalation kommen sollte, könnten die Staats-
und Parteiführer schnell wieder die Samthandschuhe
von ihren eisernen Fäusten ziehen.
Aufbruch
der zweiten Generation. Wanderarbeit,
Gender und Klassenzusammensetzung in China.
Pun Ngai, Ching Kwan Lee u.a., erschienen
Oktober 2010. |
Die
«Linke» bietet sich an
Die «Linke» schreibt viel, um die
Regierung davon zu überzeugen, dass sie den
Gewerkschaften mehr Raum für unabhängige
Organisierung lässt. Die Professorin Anita
Chan durfte im Regierungsblatt China Daily fordern,
dass die ACFTU sich öffnet, mit ausländischen
Gewerkschaften austauscht und «lernt, wie
man effektiv Tarifverhandlungen führt.»
Sie will, dass die Gewerkschaften die Arbeiter_innen
vertreten «oder wenigstens die soziale Stabilität
erhalten». Ihrer Meinung nach verstossen
die Forderungen nicht gegen die chinesischen Gewerkschaftsgesetze,
da sie auf demokratische Wahlen vonGewerkschaftsvertretern
abzielen und nicht mit Forderungen nach «unabhängigen
Gewerkschaften» verwechselt werden dürfen.
Demokratisch gewählte Gewerkschaftsvertretungen,
die von den Arbeiter_innen anerkannt würden,
seien eine Voraussetzung für erfolgreiche
Tarifverhandlungen (Chan, Anita 2010). Ein Sprecher
der NGO China Labour Bulletin in Hongkong sagte:
«Ich glaube, das Problem ist einfach, dass
die Arbeiter_innen keinen Ausdrucksform für
ihre Unzufriedenheit haben.» Seiner Meinung
nach hätte eine funktionsfähige Gewerkschaft
bei Honda zu geordneten Verhandlungen mit dem
Management geführt, womit der Streik verhindert
worden wäre. So werden schon mal Angebote
für die Unterstützung einer reformistischen
Strategie gemacht. Aber wird diese Strategie auch
funktionieren, wenn die Konfrontation der neuen
chinesischen Arbeiterklasse mit dem chinesischen
Polizeistaat eskaliert? Die Ereignisse des Frühsommers
2010 lassen noch keine Schlüsse zu, aber
möglicherweise werden wir sie in einigen
Jahren als wichtige Schritte einer neuen Klassenbewegung
erkennen, die den Anfang vom Ende des sozialistischen
Kapitalismus in China markieren.
______________
* Auszüge
aus dem von den «Freund_innen von Gongchao»
verfassten Kapitel «Sie haben das selbst
organisiert», in voller Länge zu lesen
auf www.gongchao.org.
Pun Ngai (Mitherausgeberin) ist Professorin am
Institut für angewandte Sozialwissenschaften
der Polytechnischen Universität Hongkong
und stellvertretende Direktorin des Forschungszentrums
für Sozialarbeit in China, einem Gemeinschaftsprojekt
der Polytechnischen Universität Hongkong
mit der Peking Universität.
Ching Kwan Lee (Mitherausgeberin) ist Professorin
an der Universität von Kalifornien in Berkeley.
1 Das Hukou-System besteht aus eine Wohnsitzkontrolle,
welches den Arbeiter_innen unter anderem untersagt,
sich offiziell in den Städten niederzulassen.
Einerseits hat dies dazu geführt, dass in
chinesischen Vorstadt-Regionen keine grösseren
Slums entstanden sind, da ein Umzug in Städte
erschwert ist. Andererseits hat es auch zu den
enormen sozialen Unterschieden zwischen urbanen
und ländlichen Gebieten beigetragen. In den
Städten ist dadurch eine Klasse von inoffiziellen
Bürger_innen entstanden, die gegenüber
der gemeldeten Bevölkerung benachteiligt
ist.
2 Eine höhere organische Zusammensetzung
des Kapitals bedeutet, dass der Anteil der menschlichen
Arbeitskraft während der Produktion höher
ist. In der Textilbranche ist die organische Zusammensetzung
also relativ hoch, weil viel menschliche Arbeitskräfte
benötigt werden, während sie in der
beispielsweise in der Stahlindustrie tiefer ist.
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