| Keine
Frage; Agrotreibstoffe sind in: Sie gelten als
grün, nachhaltig und zukunftsweisend, deren
Anwendung steht für die Innovationskraft
und Fortschrittlichkeit des globalisierten Kapitalismus.
Die ökologische Argumentation für die
Förderung von „Bioenergie“ leuchtet
– zumindest auf den ersten Blick –
denn auch ein: Beim Anbau der zur Herstellung
von Agrotreibstoffen verwendeten landwirtschaftlichen
Güter (Raps, Mais, Zuckerrohr, Weizen usw.)
wird CO2 aus der Atmosphäre gebunden, welches
nachher bei ihrer Verbrennung wieder freigesetzt
wird. Somit sollen Agrotreibstoffe weitgehend
CO2-neutral sein. Schön wärs.
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Oben:
Landarbeiter bei der Zuckerrohr-Ernte, unten:
Transport von „Biodiesel“, hergestellt
aus Palmöl. Immer öfter arbeiten
die Menschen
der südlichen Länder nicht mehr
für die Nahrungsmittelproduktion, sondern
für den Energiebedarf der westlichen
Länder. |
Schlechte
Ökobilanz
Im
Mai dieses Jahres sorgte ein Bericht des Schweizer
Fernsehens über eine Studie der eidgenössischen
Materialprüfungskomission (EMPA) für
einiges Aufsehen1.
Die Herstellung von Treibsoff aus pflanzlichen
Rohstoffen (sog. Bioethanol) führe zur Versäuerung
des Bodens, verunreinige das Trinkwasser und gefährde
die Biodiversität in der Landwirtschaft und
der Natur. Durch den Einsatz von Düngemitteln,
landwirtschaftlichen Nutzfahrzeugen sowie weiterem
Transportund Unterhaltsaufwand sei die Ökobilanz
von Agrotreibstoffen gar massiv schlechter als
diejenige fossiler Brennstoffe. Bioethanol aus
in den USA angepflanztem Mais beispielsweise,
belaste die Umwelt im Vergleich zu fossilen Brennstoffen
gar dreimal so stark, noch viel gravierender sei
der Anbau von Raps.
Auch
wenn mit diesem Bericht nur ein Teil der Negativfolgen
des Biosprits beleuchtet wurden, stellt sich dennoch
die Frage: Woher rührt der allgemeine Enthusiasmus,
wenn es um den Einsatz von Agrotreibstoffen geht?
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Brandrodung
ist eine wesentliche Ursache
für die schlechte Ökobilanz von
„Biosprit.“ |
Vom
schwarzen und grünen Gold
Auch
wenn die Schätzungen über den Zeitpunkt
des endgültigen Versiegens der weltweiten
Erölreserven weit auseinander gehen, früher
oder später werden sich die Quellen des schwarzen
Goldes dem Ende zuneigen. In Zeiten, in denen
imperialistische Kriege und Interventionen ganze
Regionen verwüsten und in Armut und Chaos
stürzen, richten diese nicht nur unermessliches
Elend unter der Bevölkerung an, sondern stellen
auch die für den Westen so unabdingbare Garantie
billiger und zuverlässiger Öllieferungen
in Frage. Der steigende Ölpreis, die instabile
geopolitische Lage und der zunehmende Einfluss
Chinas auf dem globalen Weltmarkt machen deutlich:
Die Abhängigkeit der Industrie vom Erdöl
ist für den Westen zu einem schwer kalkulierbaren
Risikofaktor geworden. Dabei beschränkt sich
das Problem nicht alleine auf den Bedarf nach
fossilen Treibstoffen. Es geht auch um die Notwendigkeit
langfristig finanzierbarer und zuverlässiger
Energiequellen. Verständlich also, dass vor
allem die USA und Europa viel daran setzen, sich
der Abhängigkeit vom schwarzen Gold zu entledigen.
Auf der Suche nach Möglichkeiten alternativer
Energiegewinnung hat die Industrie das grüne
Gold entdeckt. Gemäss einer Studie der Vereinten
Nationen sind Agrokraftstoffe das am schnellsten
wachsende Segment des Weltagrarmarktes. Deren
Herstellung und Verwendung wird denn auch mit
zahlreichen steuertechnischen Massnahmen gefördert.
Bis 2020 sollen Agrotreibstoffe in der EU einen
Anteil von 10 Prozent ausmachen, in den USA soll
dies schon 2010 der Fall sein. China, Indien und
Brasilien verfolgen ähnliche Ziele. Auch
die Schweiz versucht durch die Abkopplung der
Agrotreibstoffe von der Mineralölsteuer die
Verbreitung von Biosprit voranzutreiben. Die Zeichen
der Zeit stehen auf grün, das Märchen
der nachhaltigen „Biotreibstoffe“
lebt weiter.
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Propaganda
für die Agroindustrie: Frontseite
der Zeitschrift „Stern“ im Februar. |
Lukrativer
Markt
Die Entstehung internationaler und profitorientierter
Wirtschaftsmonopole ist dem kapitalistischen Imperialismus
eigentümlich. Dies gilt auch dann, wenn die
jeweiligen Handelsgüter – in diesem
Falle sind es vor allem Mais, Raps, Weizen und
Zuckerrohr – zugleich die Nahrungsgrundlage
von Millionen von Menschen bilden.
Im
Anbau, der Weiterverarbeitung und dem Handel mit
Agrotreibstoffen haben multinationale Konzerne
verschiedener Wirtschaftszweige einen lukrativen
Markt entdeckt. Im Schatten der aktuellen Klimadebatte
und der Angst vor der drohenden Ölknappheit
ist unlängst ein einflussreiches internationales
Agrobusiness entstanden. Mit Megakonzernen wie
BP (British Petroleum), Royal Dutch Shell, Daimler-Chrysler
und Volkswagen ist nicht nur die Energie- und
Automobilindustrie aufgesprungen, auch Agrotechnologie-
und Gentechfirmen wie Syngenta, Monsanto oder
DuPont erzielen mit Agrotreibstoffen lukrative
Gewinne. Zusammen mit dem internationalen Finanzkapital
(Credit Suisse, Bank Sarasin, Citigroup etc.)
versucht das Agrobusiness erfolgreich, immer grössere
Teile des weltweiten Nahrungskulturlandes unter
seine Kontrolle zu bringen. Mit katastrophalen
Folgen.
Entrechtung
und Umweltzerstörung
Auf
der Suche nach immer neuem Kulturland für
die Treibstoffproduktion geht das Agrobusiness
über Leichen. In Brasilien, Tansania und
Indonesien werden Kleinbauern gewaltsam verdrängt
und enteignet, ihre ehemaligen Anbauflächen
zu riesigen Monokulturen umfunktioniert. In zahlreichen
Ländern Lateinamerikas, Mittelafrikas und
Südostasiens geht die Erschliessung neuer
Anbauflächen mit der Plünderung und
Brandrodung der Tropenwälder und der meist
gewaltsamen Vertreibung der ansässigen Bevölkerung
einher. Nicht nur die Menschenrechtsorganisation
'Human Rights Watch’ hat darauf hingewiesen,
dass in Kolumbien gar paramilitärische Einheiten
an der Vertreibung der ansässigen Bevölkerung
beteiligt sind. In Indien häufen sich die
Berichte über gewaltsame Vertreibungen von
Kleinbauernfamilien zum Anbau der für die
Herstellung von Agrotreibstoffen verwendbaren
Jatropha-Pflanze.
Enteignung der Landbevölkerung, Abholzung
der Regenwälder, Zerstörung der regionalen
Pflanzenvielfalt und des Bodens; damit ist die
Palette der Negativfolgen noch längst nicht
vollständig. Auch der Einsatz genmanipulierten
Saatguts zur Steigerung der Energieeffizienz findet
zunehmend Verbreitung. Die amerikanische Gentechfirma
Monsanto arbeitet an der Entwicklung ihrer eigenen
genmanipulierten Maissorte 'Mavera’. Der
Schweizer Agrotechnologiekonzern Syngenta, unter
anderen durch den Verkauf des hochgiftigen und
für die PlantagenarbeiterInnen oft tödlichen
Herbizids 'Paraquat’ bekannt, verfolgt mit
dem angestrebten Import der genmanipulierten Maissorte
'Event’ aus Südafrika ähnliche
Ziele. Der Einsatz genmanipulierten Saatguts dient
dabei in erster Linie der Eigentumssicherung mittels
Patentierung durch die jeweiligen Konzerne. Wer
künftig Mais anbauen will, egal zu welchem
Zweck, wird von den Gentechfirmen zur Kasse gebeten.
Kampf
an verschiedenen Fronten
Der
Konflikt zwischen der imperialistischen Einverleibungspolitik
der Agroindustrie und der Bevölkerung der
Länder des Südens ist ein ungleicher
Kampf. So müssen sich die lokalen LandarbeiterInnen
nicht 'nur’ gegen die Interessen westlicher
Grosskonzerne behaupten. In ihrem Dienste stehen
ebenfalls die meisten lokalen Landesregierungen
samt Militär und Polizei, skrupellose Grossgrundbesitzer
und teilweise auch paramilitärische Einheiten.
Von der nachträglichen Legalisierung des
Landraubes – meist mittels Korruption –
über den massiven Einsatz repressiver Massnahmen
bis hin zum Mord; sie alle sind unverzichtbare
Handlanger, wenn es um die Entrechtung und Ausbeutung
der LandarbeiterInnen durch das Kapital geht.
Die oftmals sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen,
unter denen sich die PlantagenarbeiterInnen verdingen
müssen, werden durch das Agrobusiness nicht
verbessert. Im Gegenteil: Durch die internationale
Komplizenschaft westlicher Firmen mit Grossgrundbesit-
zern und korrupten Lokalregierungen, verstärken
sich die mittelalterlichen Besitz- und Ausbeutungsverhältnisse
zunehmend.
Von
der Ölknappheit zum Hunger
Der
skrupellose Ausverkauf von Nahrungsanbauflächen
an das Agrobusiness hat die seit Jahren fortdauernde
Hungerkatastrophe weiter verschlimmert. Der UN-Sonder-berichterstatter
für das Recht auf Nahrung Jean Ziegler unterbreitete
der UN-Vollversammlung einen Bericht2,
in dem er ein fünfjähriges Moratorium
für die Produktion von Agrotreibstoffen aus
Nahrungsmitteln forderte. Der durch den Handel
mit Agrotreibstoffen verursachte Preisanstieg
der Grundnahrungsmittel lasse die Anzahl Hunger
leidender Menschen – derzeit sind es rund
850 Millionen – weiter ansteigen. Eine Preissteigerung
von einem Prozent habe zur Folge, dass die Anzahl
unterernährter Menschen jeweils um 16 Millionen
ansteige (die höheren Preise wirken sich
auch auf die Möglic hkeiten des UN-Welternährungsprogramms
aus). Für eine Autotankfüllung von 50
Litern würden rund 200 Kilogramm Mais benötigt,
wovon sich im Gegenzug eine Person ein Jahr lang
ernähren könnte.
In der Tat sind die Weltmarktpreise von Mais,
Weizen und Zuckerrohr durch das Aufkommen der
Agrotreibstoffproduktion markant angestiegen.
So bezahlen die LandarbeiterInnen der armen Länder
den Energiebedarf des Westens nicht nur mit der
Zerstörung ihrer natürlichen Lebensgrundlagen,
sondern auch mit einem weiteren Verlust ihrer
Ernährungssouveränität, bis hin
zum Hungertod.
Überhaupt steuert die Entwicklung der weltweiten
Kommerzialisierung und Umnutzung landwirtschaftlicher
Produkte auf eine Sackgasse zu: Das rasante Wachstum
der Weltbevölkerung, die Klimaerwärmung
und der damit verbundene Anstieg von Dürre
und Verwüstung sowie der steigende Bedarf
an Nahrungsmitteln und Wasser lassen nur erahnen,
welche drastischen Folgen die Konkurrenz zwischen
Energie- und Nahrungsmittelbedarf haben wird.
Öko-Kapitalismus?
Tatsächlich
verstärken die zahlreichen industriellen
und agrartechnischen Neuerungen die Abhängigkeitsverhältnisse
und die Armut der Menschen der Länder des
Südens, anstatt sie zu bekämpfen. Auch
von ökologischen Verbesserungen kann in diesem
Zusammenhang keine Rede sein. Dabei liegt das
Problem nicht an den technologischen Neuerungen
selber, sondern in der Art und Weise, wie diese
eingesetzt werden. Ob Agrotreibstoffe, Kernkraftwerke
oder Megastaudämme, die vermeintlich ökologische
Selbsterneuerung des globalen Kapitalismus funktioniert
hinten und vorne nicht. Im Gegenteil: Die fortschreitende
Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen
sowie die brutale Ausbeutung der Länder des
Südens durch das internationale Finanz- und
Industriekapital sind zwangsläufige Folgen
der profitorientierten Logik der kapitalistischen
Produktionsweise. Solange diese nicht durchbrochen
wird, wird sich die soziale und ökologische
Misere weiter verschlimmern.
Um
der durch den Kapitalismus verursachten Klimaerwärmung
Einhalt zu gebieten, wären fundamentale Einschnitte
in die Funktionsweise des Kapitalismus nötig:
Die Stilllegung unnötiger Industriezweige,
wie etwa der Werbe- oder Luxusgüterindustrie,
widerspricht der Marktlogik ebenso wie die Forderung
nach einer radikalen Einschränkung oder Umgestaltung
des Welthandels, des Tourismus oder des Konsumverhaltens.
Nur eine dezentrale Wirtschaft, die weitgehend
unter regionaler Kontrolle der jeweiligen Arbeiterinnen
und Arbeitern steht, und darüber hinaus mit
überwiegend regional vorhandenen Rohstoffen
auskommt, kann auch nach ökologischen und
sozialen Kriterien organisiert werden. Eine Wirtschaft
unter dem Diktat der Rentabilität und des
Profits hingegen, kann und wird sich nicht auf
die gewaltigen Umstrukturierungen einlassen, die
für nachhaltige und gerechte Produktionsverhältnisse
Voraussetzung wären. Deshalb müssen
wir heute mehr denn je dafür einstehen, die
Forderungen nach einer wirklich ökologischen
Neuausrichtung unserer Produktions- und Lebensweise
mit der Forderung nach einer anderen, sozialistischen
Gesellschaft zu verknüpfen. Es liegt auch
an uns.
1
Berichterstattung der Sendung '10 vor 10‘
abrufbar unter: http://www.sf.tv/sf1/10vor10/
index.php?docid=20070522
2 Weitere Informationen über die Forderungen
des Berichts des UN-Sonderberichterstatters
unter: www.news.ch |