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Es handelt sich um eine gekürzte Fassung
des Vortrags von Ahmed Shawki an der Konferenz
über die „Kapitalistische Pandemie“,
die wir am 29.-30. August mit den Zeitschriften
La Brèche und Solidarietà in Lungern
(OW) durchgeführt haben.
Ich
versuche euch einen Überblick zur Situation
in den USA zu geben. Mein Hauptargument lautet
wie folgt: Nach einer Phase von 35 Jahren Triumph
des Neoliberalismus und einer allgemeinen politischen
Entwicklung nach rechts beginnen wir den Anfang
eines Trends zu sehen, in dem das Pendel in die
andere Richtung ausschlägt. Der Wahlsieg
von Obama war nicht die Ursache, sondern das Ergebnis
davon. Wir treten in eine Phase ein, in der wir
die Möglichkeit haben, das Pendel nach links
zu bewegen. Aber das Problem besteht daraus, dass
wir noch die verheerenden Auswirkungen der vergangenen
30 Jahre spüren.
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| GewerkschafterInnen
demonstrieren am Internationalen Tag der
Menschenrechte für mehr Rechte der
Lohnabhängigen in den USA (Dezember
2008, Washington). |
Ein
historisches Ereignis, aber…
Jede
Betrachtung der heutigen Situation in den USA
muss mit dem beginnen, was sich am offensichtlichsten
verändert hat. In meinen Augen ist der Ausbruch
der Wirtschaftskrise im Jahr 2007 das wichtigste
Element, das die Situation zum Kippen brachte.
Aber am meisten wurde natürlich über
die Wahl von Barack Obama gesprochen. Es ist wichtig
zu verstehen, von welch historischer Bedeutung
dies war. Diese Wahl kann nicht als business as
usual betrachtet werden. Wir müssen uns erinnern,
dass die USA eine Gesellschaft der Sklaverei waren.
Die Apartheid existierte bis Mitte der 1960er
Jahre – in den Südstaaten mit gesetzlicher
Grundlage, im Norden der USA faktisch ebenfalls.
Noch 1954/55 wurde in Alabama ein schwarzer Junge
zum Tode verurteilt, weil er einer weissen Frau
einen Dollar gestohlen haben soll. Erst 1964/65
erhielten die Schwarzen gleiche Rechte wie die
Weissen. Die Wahl eines afroamerikanischen Präsidenten
wurde bis vor wenigen Jahren auch in der Linken
und unter Liberalen als etwas Unmögliches
angesehen. Aber Obamas Wahl war nicht nur das
Ergebnis eines tiefen Wunsches nach Veränderung
in der Bevölkerung. Auch die herrschende
Klasse in den USA wollte Veränderung. Barack
Obama kommt nicht aus der Bürgerrechtsbewegung
oder von ausserhalb des politischen Establishments.
Er wurde als Präsidentschaftskandidat gefördert,
weil ein Grossteil der Kapitalisten dachten, es
brauche jemanden wie ihn, um den amerikanischen
Imperialismus zu stabilisieren.
Überwindung
des Vietnam-Syndroms
Wie
können wir die wichtigsten Entwicklungen
verstehen, die dazu geführt haben? Die USA
gingen aus den 1960er Jahren als angeschlagene
Macht hervor. Sie waren vor allem im Innern angeschlagen.
Zwei Fragen dominierten das politische Geschehen:
der Vietnamkrieg und die Rolle des US-Imperialismus
auf der einen und die internen Tumulte auf der
anderen Seite, die zum Teil aufgrund des Kriegs
in Vietnam ausgebrochen waren, aber vor allem
auf der Basis von Klassen-, Rassen-, und Geschlechterkonflikten.
Die damalige Bürger-rechtsbewegung, die Frauenbewegung
und die sozialen Bewegungen forderten die Machthaber
in den USA heraus. In der Folge wurden verschiedene
Gremien eingesetzt, die an zwei Aufgaben arbeiteten:
Wie können wir im Land wieder Ruhe und Ordnung
herstellen und die sozialen Aufstände zu
Ende bringen? Und wie können wir die amerikanische
Macht im Ausland wieder festigen? Das waren die
Hauptanliegen der herrschenden Klasse, bis zur
Wahl von Ronald Reagan (1981). Über das Vietnam-Syndrom
hinwegzukommen bedeutete, eine Antwort auf die
folgende Frage zu finden: Wie kann der US-Imperialismus
im Ausland militärisch intervenieren, ohne
dass es im Innern zu Unruhen kommt?
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| Das
Vietnam Veterans Memorial in Washington.
In dieser Wand sind die Namen der annähernd
60‘000 Gefallenen und Vermissten eingetragen. |
Die
Eliten haben die amerikanische Politik seit den
1960er Jahren erfolgreich verändert. Nehmen
wir das Beispiel der grossen Parteien: Sie sind
in der heutigen Form seit den 1960ern entstanden.
Die Demokratische Partei war ursprünglich
die Partei der Sklavenhalter im Süden, erst
in den 1930ern wurde sie zum Ausdruck eines Bündnisses
zwischen Liberalen im Norden und Landbesitzern
im Süden. In den 1960er Jahren wurde sie
neu erfunden, als Partei der Bürgerrechte.
Da gab es einen richtigen Kampf in der Partei,
zwi-schen denen im Süden, die die Apartheid
unterstützten, und den Liberalen im Norden.
Der republikanische Präsident Richard Nixon
(1969-74) stützte sich auf eine Reihe von
Beratern, um die „Rassen- Karte“ gegen
die Bürgerrechts-bewegung auszuspielen. Es
ging darum, weisse Wähler in den Südstaaten,
die demokratisch wählten, für die Republikanische
Partei zu gewinnen. Ruhe und Ordnung zu versprechen,
bedeutete zu sagen: Die Schwarzen haben zu viele
Rechte erhalten, und das ist der Grund für
die heutigen Probleme. So nutzte Nixon das ideologische
Argument, um den Demokraten die soziale Basis
im Süden zu stehlen. Ideologische Themen
wurden ins Zentrum gestellt, wie der Kampf gegen
Abtreibung, der Kampf gegen Schwule usw., um die
Kräfteverhältnisse zwischen den sozialen
Klassen zu ändern. Hierin liegt der Grund
für den Aufstieg der heutigen rechten bis
rechtsextremen Strömungen in der amerikanischen
Politik, die soziale Probleme von rechts her thematisieren.
Aber was zunächst ein Instrument war, um
die politischen Kräfteverhältnisse zu
ändern, d.h. die Instrumentalisierung ideologischer
Themen, wurde zur Grundlage der wichtigsten Partei
in den USA. Und das ist ein Problem für die
herrschende Klasse der USA geworden. Könnt
ihr euch einen Imperialismus vorstellen, der von
religiösen Fanatikern angeführt wird,
einen Präsidenten, der behauptet, Gott habe
ihm gesagt, er müsse den Krieg im Irak beginnen?
International
Socialist Organisation (ISO)
In den USA haben sich im 20. Jahrhundert
keine Massenparteien der Arbeiterklasse
entwickelt wie die sozialdemokratischen
und stalinistischen Parteien in Europa.
Dennoch weist das Land eine bewegte und
interessante Geschichte an linken Kämpfen
und Strömungen auf, die in Howard
Zinns Buch Eine Geschichte des amerikanischen
Volkes (Verlag Schwarzerfreitag, 2007)
dargestellt wird. Die International Socialist
Organisation ist aus einer trotzkistischen
Strömung entstanden und zählt
heute etwa 1'000 aktive Mitglieder. Sie
gibt eine Wochenzeitung (Socialist Worker)
und eine politische Zeitschrift (International
Socialist Review) heraus. Mitglieder der
ISO publizieren bei Haymarket Books; der
Name des Verlags erinnert an die Arbeiter,
die 1886 im Kampf für den Acht Stunden-Tag
ihr Leben verloren haben. |
Der
Angriff auf die Arbeiterklasse
Doch
zunächst einmal wurde diese Veränderung
der Kräfteverhältnisse zwischen den
Klassen mit der Hilfe ideologischer Kampagnen
genutzt, um die Lohnkosten der Arbeiterklasse
von den 1970er Jahren bis heute markant zu senken.
Es begann 1973 in der Stahlindustrie. US Steel
war damals der grösste Stahlproduzent in
der Welt. Die Geltungsdauer der kollektiven Arbeitsverträge
wurde von drei auf fünf Jahre verlängert,
aber die Gewerkschaften mussten in dieser Zeit
auf Streiks verzichten, und sie begannen mit dem
Management an Programmen zur Produktivitätssteigerung
zu arbeiten. Kein Frontalangriff auf die Arbeiterbewegung,
aber ein wichtiger Schritt zur Vereinnahmung der
Gewerkschafts-verantwortlichen. Der Konkurs von
Chrysler im Jahre 1979 ebnete den Weg für
eine deutliche Reduktion der Einkommen der amerikanischen
Arbeiterklasse. Damals dachten wir Linken, die
USA liege hinter Europa zurück und es sei
unser Ziel, mehr Gewerkschaftsrechte wie in Europa
zu erkämpfen. Später wurde aber klar,
dass die USA Europa voraus waren. Sie waren früher
von der Krise erfasst worden und begannen mit
der Umsetzung eines politischen Programms, das
später weltweit zum Einsatz kommen sollte.
Die Wahl von Präsident Reagan stand für
dieses Programm, das mit einem Niedergang der
amerikanischen Arbeiterklasse verbunden war. Zwischen
1973 und 1996 sind die Löhne in den USA um
1,1 Prozent pro Jahr gesunken. Landesweit gültige
Kollektivarbeitsverträge (Pattern Bargaining)
gibt es heute kaum mehr.
| Die
Gesundheitsreform
Laut Angaben des Census Bureau haben 46
Millionen Menschen keine Krankenversicherung;
38,8 Millionen von ihnen leben unter der
Armutsgrenze. Der Zugang zu einer guten
Krankenversicherung ging früher über
einen guten Job bei einem Unternehmen
mit gewerkschaftlicher Präsenz; aber
es gibt immer weniger solche Jobs. Präsident
Obama hat vorgeschlagen, neben den privaten
Krankenversicherungen eine öffentliche
Versicherung zu errichten , die allen
wahlweise offen steht. Durch mehr Konkurrenz
und Verhandlungen mit der Pharmaindustrie
sollen Kosten gesenkt werden. Auch bei
der Krankenversorgung für die älteren
Menschen (Medicare) ortete Obama Sparpotenzial,
was von der politischen Rechten benutzt
wurde, ihm vorzuwerfen , er wolle die
alten Menschen sterben lassen oder umbringen.
Linke Organisationen wie die ISO schlagen
eine universelle öffentliche Krankenversicherung
anstelle des privaten Systems vor, aber
dieser Vorschlag findet in Washington
, wo selbst die Pläne von Obama als
„sozialistisch“ gegeisselt
werden
, natürlich kein Gehör. |
Die
Differenz zwischen der amerikani-schen Arbeiterklasse
von 1976, als ich in die USA zog, und der von
2009 – das ist wie Tag und Nacht. Man muss
das Ausmass der Verzweiflung in einer Arbeiterklasse
verstehen, die zwar unpolitisch war, die unpolitisch
gemacht wurde, aber von sich behaupten konnte,
den höchsten Lebensstandard weltweit aufzuweisen,
die an einen amerikanischen Traum glauben konnte,
an den sozialen Aufstieg usw. Der Schock war stark,
als all dies verloren zu gehen schien. In den
1990er Jahren gingen alle davon aus, dass es der
nächsten Generation noch schlechter gehen
wird. Um die amerikanische Politik zu verstehen,
muss man den Grad des sozialen Zerfalls kennen,
der die Arbeiterklasse erfasst hat. 50 Millionen
Menschen haben keine Krankenversicherung, das
ist ein Ergebnis dieser Politik des amerikanischen
Kapitalismus. Es gibt massive Umbrüche in
der Arbeitswelt, so dass nach dem Hauptangriff
der Unternehmer in den 1980ern und der Rezession
von 1991 ein Drittel der amerikanischen Lohnabhängigen
umziehen musste, um wieder einen Job zu finden.
Eine totale Abwesenheit von sozialer Sicherheit
hat die Lohnabhängigen erfasst.
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| 25.
März 2006: In Los Angeles demonstrieren
annähernd eine Million Menschen gegen
die geplanten gesetzlichen Massnahmen gegen
illegalisierte MigrantInnen. |
Kontinuität
in der Aussenpolitik
Der
dritte Aspekt betrifft den Versuch, den US-amerikanischen
Interessen im Ausland wieder zum Durchbruch zu
verhelfen. Das wichtigste Element in dieser Hinsicht
war der massive Anstieg der Rüstungsausgaben
unter der Reagan- Administration (1981-89). Damit
sollte dem sowjetischen „Reich des Bösen“
das Rückgrat gebrochen werden, was ja auch
gelungen ist. Zugleich sollte das Vietnamsyndrom
überwunden werden. Der Golfkrieg von 1991
unter Präsident George Bush (Vater) war der
erste grosse Militäreinsatz im Ausland seit
Vietnam, ein Riesenerfolg für die amerikanischen
Machthaber. Aber die Tatsache, dass sie nicht
bis nach Bagdad gingen, um Saddam zu stürzen,
verfolgte das militärische Establishment
bis zum Krieg von 2003, der von George W. Bush
(Sohn) geführt wurde. Die Ereignisse von
2001 mit den Terror-anschlägen in New York
haben das Programm des amerikanischen Imperialismus
stark beeinflusst. Dennoch müssen wir die
Kontinuität sehen. Wenn man die Aussenpolitik
der Präsidenten Reagan (1981-89), Bush Vater
(1990-1994), Clinton (1995- 1999) und Bush Sohn
(2000-08) vergleicht, sieht man eine ausserordentliche
Kontinuität. Das vergisst man, wenn man George
W. Bush als einen Cowboy oder als Spinner darstellt,
der ausser Kontrolle geriet. Das Besondere von
2001 liegt weniger im Wesen der Administration
von Bush (Sohn) als in der Gelegenheit von „welthistorischer
Bedeutung“, wie es die spätere Aussenministerin
Condoleezza Rice (2005-09) nannte, um die weltweite
Vormachtstellung der USA zu festigen und eine
Position zu erlangen, in der das Land für
50 Jahre unantastbar sein würde. Es ging
nicht nur darum, in anderen Ländern zu intervenieren,
sondern auch, für jeden Herausforderer ausser
Reichweite zu sein und als einzige militärische
Supermacht der Welt dazustehen. Das ist heute
auch das Ziel der Obama-Administration.
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| US-Truppen
in Afghanistan: Präsident Obama will
den „richtigen Krieg“ forcieren
und gewinnen. |
Der
falsche und der richtige Krieg
Nach
den Terroranschlägen von 2001 genossen
die USA den Goodwill der ganzen Welt,
aber die Administration von George W.
Bush hat das Wohlwollen in Windeseile
verspielt. Barack Obama soll die Führungsrolle
des USImperialismus auf ideologischer
und symbolischer Ebene wieder festigen.
Diesem Zweck diente etwa seine viel
beachtete Rede in Kairo, als er sich
an die arabischen Eliten als mögliche
Verbündete wendete, statt das Feindbild
des Islam zu beschwören. Doch Obama
ist keineswegs ein Antikriegspräsident,
er will vor allem das Schwergewicht
der militärischen Intervention
aus dem Irak nach Afghanistan verlagern.
Wie die Geheimdienste seit einigen Jahren
vertritt auch er die Ansicht, die entscheidende
Schlacht finde am Hindukusch statt und
es gelte nun, auf den „richtigen
Krieg“ zu setzen, nachdem sein
Vorgänger den „falschen Krieg“
forciert hatte. Führende (liberale)
Organisationen der Antikriegsbewegung
wie United for Peace & Justice teilen
diese Ansicht und verzichten auf Mobilisierungen
gegen „ihren Präsidenten“.
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Anzeichen
einer politischen Krise
Aber
der Erfolg der politischen Rechten mit ihren ideologischen
Kampagnen, ihrem Angriff auf die Arbeiterklasse
und der Umsetzung des imperialistischen Programms
sollte ihr mit der Zeit zum Verhängnis werden.
Die Republikanische Partei ist von einer Wirtschaftspartei
zu einer Partei von religiösen Eiferern geworden.
Es ist nicht überraschend, dass Barack Obama
im Wahlkampf mehr Spenden von Grossunternehmen
erhalten hat als die Republikaner. Weitere Aspekte
der Bush-Politik wurden zu einem Problem für
das Ziel, ein neues Jahrhundert amerikanischer
Vorherrschaft durchzusetzen. Es war nicht mehr
möglich, so weiterzumachen wie bisher –
das wurde in der Bevölkerung ebenso wahrgenommen
wie in der herrschenden Klasse. An folgenden Themen
hat sich das besonders deutlich gezeigt: die grosse
Protestbewegung der MigrantInnen von 2006; das
Desaster mit dem Hurrikan Katrina in New Orleans
von 2005; die Abfolge von Wirtschaftsskandalen
bei Enron, Worldcom, usw.; der Irakkrieg von 2003;
und die Wirtschaftskrise ab 2007.
Die
Bewegung der MigrantInnen war von grosser Bedeutung.
Sie sagt viel über die Veränderungen
der amerikanischen Arbeiterklasse aus. Die meisten
MigrantInnen wählten bisher die Republikaner,
um zu zeigen, dass sie amerikanischer sind als
die Amerikaner, aber das hat sich geändert.
Es handelte sich um den stärksten Widerstand
aus der Arbeiterklasse seit Jahrzehnten. Damit
wurde sichtbar, dass es zwar in traditionellen
Industriesektoren einen Niedergang gegeben hat,
der die Bastionen der Gewerkschaften erschütterte,
vor allem die Automobilgewerkschaft (UAW), einst
das Rückgrat der amerikanischen Arbeiterbewegung,
deren Mitgliederzahl von 450'000 im Jahr 1979
auf 150'000 gesunken ist, und in einem Jahr werden
es vermutlich nur noch halb so viele sein; aber
andere Sektoren sind gewachsen, und dort gibt
es neue Möglichkeiten für soziale Kämpfe.
Auch die Auswirkungen des Hurrikans Katrina spüren
wir bis heute. Nach Jahrzehnten neoliberalen Geschwätzes
über die Effizienz des Marktes, gegen staatliche
Interventionen usw., liess man eine Stadt sterben.
Millionen von Amerikanern haben verstanden, dass
man New Orleans im Stich liess, weil dort viele
Arme und Schwarze lebten. Und diejenigen, die
in Washington an der Macht waren, nutzten ihre
Position, um Geschäfte zu machen. Den Leuten
wurde klar, dass die Korruption gigantische Ausmasse
angenommen hat, und die Republikanische Partei
wurde damit identifiziert. Im Zusammenhang mit
dem Irakkrieg, bei dem kein Ende in Sicht war,
erlebten die Republikaner einen Absturz in sämtlichen
Meinungsumfragen. Die politischen und sozialen
Ansichten der Bevölkerungsmehrheit gehen
immer mehr in eine liberale und linke Richtung.
Es gibt eine zunehmende Kluft zwischen den Ansichten
der Machthaber und denen der Bevölkerung.
Zwischen
Hoffnung und Realität
In
der Situation tritt Obama auf. Ein Mann mi t Harvard-
Abschluss, ein Technokrat, der sich als Manager
des Systems sieht und nicht etwa die Gesellschaft
verändern will. Doch aufgrund von all dem,
was ich beschrieben habe, haben die Menschen Hoffnungen
an ihn gerichtet, die alles übertreffen,
was er verdient. Nun haben wir ein Land mit riesigen
Hoffnungen, das von einer Obama - Administration
wenig erwarten kann. Er hat in jeder Frage bereits
Abstriche an dem gemacht, was er versprochen hatte.
Die ganze Arbeiterbewegung hat ihn unterstützt,
die Gewerkschaften haben Millionen von Dollars
in seine Kampagne gesteckt, damit er ein Gesetz
mache (EFCA), das die Organisierung in den Betrieben
erleichtert. Natürlich hat Obama seither
nichts unternommen, um das Gesetz voranzubringen.
Die Wahlkampfmaschine der Gewerkschaften wurde
demobilisiert, während die Unternehmer einen
massiven Gegenangriff lanciert haben. Dieses Szenario
lässt sich überall beobachten: Eine
Reform wird angekündigt; die liberalen und
linken Kräfte halten sich zurück, um
Obama nicht unter Druck zu setzen; von rechts
kommt ein massiver Gegenschlag. Am deutlichsten
ist das bei der Gesundheitsreform zu sehen.
Die
Chance der Linken
Die
Aussichten, um eine sozialistische Linke in den
USA neu aufzubauen, sind besser als jemals in
den letzten 25 Jahren. Laut Meinungsumfragen denken
über 30 Prozent der jungen AmerikanerInnen,
Sozialismus sei besser als Kapitalismus. Man muss
allerdings verstehen, in welchem Kontext die Frage
gestellt wurde. Obama wurde von den Rechten als
Sozialist angegriffen. Er wehrte sich gegen diesen
Vorwurf, aber die Leute sagten: Was ist dieser
Sozialismus? Klingt gut! Das Problem besteht nicht
daraus, Menschen zu finden, die mit uns einverstanden
sind. Die Schwierigkeit liegt viel mehr darin,
dass die Kampfinstrumente und Organisationsstrukturen
der Arbeiterklasse weitgehend zerfallen sind.
Aber wir Linken haben eine der schwierigsten Phasen
überlebt, und nun wird sich zeigen, ob es
uns gelingt, wieder etwas Neues zu entwickeln.
Employee
Free Choice Act (EFCA)
In den USA stehen der gewerkschaftlichen
Organisation in den Betrieben nicht
nur politische, sondern auch beträchtliche
rechtliche Hürden im Weg. Beschäftigte
müssen eine Karte einer Gewerkschaft
holen und diese von mindestens 30% des
Personals unterschreiben lassen (card
check). Das Management kann daraufhin
eine geheime Abstimmung im Betrieb verlangen.
Zu Verhandlungen über einen kollektiven
Arbeitsvertrag kommt es nur, wenn über
50% der Beschäftigten diesem Anliegen
zustimmen. Während 1970 noch über
275'000 Beschäftigte auf diesem
Weg das Recht auf gewerkschaftliche
Vertretung erlangt haben, waren es 2007
nur noch 53'000. Mit dem Employee Free
Choice Act (EFCA) hat Barack Obama eine
nur bescheidene Lockerung der bestehenden
Regelung versprochen: Wenn mindestens
die Hälfte der Beschäftigten
die Karte unterschreiben, soll keine
Abstimmung mehr stattfinden, und die
Leitung des Unternehmens muss mit der
Gewerkschaft verhandeln.
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