|
„Das
Private ist politisch!“ lautete die
Kampfansage der 68er Bewegung gegen die erstarrten
patriarchalen Machtverhältnisse. Dies hiess
nicht etwa, für den permanenten Beziehungskrach
einzutreten, sondern ihn – ausgehend von
den persönlichen Erfahrungen – öffentlich
zu machen. Die Unterdrückung im Privatleben
sollte nicht nur als privat begriffen werden,
sondern als ökonomisch und politisch bedingt.
In den 70er Jahren war die Diskussion um die Hausarbeit
ein zentraler Bestandteil des politischen Kampfes
wie auch der theoretischen Auseinandersetzungen
der neuen Frauenbewegung. Frau trug die Politik
in die Tiefen des Alltags: Die Reproduktionsarbeit1
wurde als Angelpunkt der Unterdrückung von
Frauen und als Ausgangspunkt feministischer Politik
begriffen. Fragen nach der von Frauen geleisteten
bezahlten und unbezahlten Arbeit und ihrer Bedeutung
für die Aufrechterhaltung der patriarchalen
und kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisse
standen dabei im Zentrum. Auch stellte frau eine
unmittelbare Verbindung zwischen ihrer Benachteiligung
auf dem Arbeitsmarkt und der vorherrschenden Arbeitsteilung
in der Familie her, indem sie aufzeigte, dass
sich beide Aspekte gegenseitig bedingen und stabilisieren.
«Das
Ende des bürgerlichen
„Hausfrauenmodells“ bedeutet
bei weitem nicht ein Ende der
Haus(frauen)arbeit.»
Seither sind die Geschlechterverhältnisse
in Bewegung gekommen – nicht zuletzt durch
den Bedarf der Wirtschaft an weiblichen Arbeitskräften:
Die Erwerbsquote von Frauen stieg in den letzten
Jahrzehnten stetig an, inzwischen gehen 74% der
Frauen einer bezahlten Arbeit nach.2
Das bürgerliche Ideal des Hausfrauenmodells
scheint an Bedeutung verloren zu haben. Lebten
1970 noch rund drei Viertel aller Paarhaushalte
mit Kindern unter sieben Jahren gemäss dem
Modell eines Vollzeit erwerbstätigen Vaters
und einer nicht erwerbstätigen Mutter, waren
es 1990 noch gut 60% und im Jahr 2000 nur noch
37%. Das Nurhausfrauendasein ist längst nicht
mehr das gesellschaftliche Leitbild, die geschlechtlichen
Rollenbilder haben sich stark gewandelt: (Fast)
niemand will die Frauen zurück an den Herd
drängen.
|
| Putzen
in Privathaushalten - unsichtbar und schlecht
bezahlt. |
Zementierte
geschlechtliche Arbeitsteilung
Die
Verteilung der Hausarbeit wird sich durch die
höhere Erwerbstätigkeit der Frauen ausgleichen
– dies hoffte vor 50 Jahren Iris von Roten
in ihrem Buch „Frauen im Laufgitter“
(1958). Hat sich diese Hoffnung bewahrheitet?
Die Zahlen sind auch vier Jahrzehnte nach Beginn
der neuen Frauenbewegung ernüchternd: Das
Ende des bürgerlichen Hausfrauenmodells bedeutet
bei weitem nicht ein Ende der Haus(frauen)arbeit.
Bei einigen Paaren mag es durchaus zu grossen
Umverteilungsprozessen der Arbeit zwischen den
Geschlechtern gekommen sein. Für die grosse
Masse gilt aber weiterhin, dass die Care-Tätigkeiten3
– die Sorge dafür, dass zu Hause alles
läuft und weiterläuft – primär
von Frauen erledigt werden; gratis, wenig anerkannt
und meist unsichtbar. Bei 85% aller Paare übernimmt
die Frau mehr als 60% der Care-Tätigkeiten.
Eine partnerschaftliche Aufteilung wird nur in
11% der Haushalte praktiziert, wo sich beide zu
mindestens 40% an der Hausund Familienarbeit beteiligen.4
Der Wandel der Geschlechterrollen ist also asymmetrisch
verlaufen: Zwar sind die weiblichen Biographien
vermehrt durch Erwerbsarbeit geprägt, umgekehrt
haben bei den männlichen Biographien die
Care-Tätigkeiten im Haushalt jedoch nur beschränkt
an Bedeutung gewonnen. Als modernisierte Form
der bürgerlichen Versorgerehe gilt die „Eineinhalb-
Einkommen-Familie“ – mit der Frau
als Zuverdienerin und immer noch Hauptverantwortlichen
für die Haus- und Familienarbeit. Die traditionelle
Arbeitsteilung im Haushalt bleibt ein harter Kern
der Geschlechterungleichheit und hat zudem weitreichende
Konsequenzen auf die Situation der Frauen im Erwerbsleben.
Eine Frage des „Managements“?
Die Frage der „Vereinbarkeit“ zwischen
Familie und Beruf hat an politischer Relevanz
gewonnen, nicht zuletzt durch die Interessen der
Unternehmer an der „Humanressource Frau“
und wegen des angeblichen „Gebärstreiks“
gut qualifizierter Frauen.
Die
„Lösungen“ von Seiten der offiziellen
Politik liegen jedoch nicht in Ansätzen wie
einem massiven Ausbau des Service Public (z.B.
im Bereich einer öffentlichen, kostenlosen
Kinderbetreuung) oder in einer allgemeinen Arbeitszeitverkürzung,
die für Verantwortung gegenüber Menschen,
für Beziehungen, für Zeit zur individuellen
Entwicklung gleichermassen Raum liesse wie für
Erwerbsarbeit und schliesslich zu einer Umverteilung
der Care-Tätigkeiten zwischen den Geschlechtern
führen könnte. Das „Vereinbarkeitsproblem“
wird vielmehr als ein individueller „Balanceakt
zwischen Arbeit und Familie“ verhandelt,
der wiederum vor allem den Frauen zugemutet wird.
Eltern werden als individualisierte selbstverantwortliche
Marktsubjekte angerufen, die selbst für die
Gestaltung des Lebens und für dessen „Gelingen“
verantwortlich sind – trotz einander widersprechender
Anforderungen im Alltag und am Arbeitsplatz. Gefragt
ist Eigenverantwortung, Selbstmanagement, „Fairplay
at home“ und eine individuelle „Aushandlung“
mit dem Partner/der Partnerin und dem Arbeitgeber.
Wer es nicht schafft, alles „unter einen
Hut zu bringen“, sollte halt mal sein/ihr
„Zeitmanagement“ überprüfen.
Oder sich eine „professionelle Haushaltshilfe“
herbeiziehen. In finanziell privilegierten Haushalten
wird verbreitet eine individuelle haushaltsinterne
Lösungsstrategie angewendet: Auf die Versorgungslücke
im Haushalt und die zunehmende „Zeitnot“
wird mit der Anstellung einer bezahlten Hausarbeiterin
geantwortet. Care-Tätigkeiten werden „outgesourced“
und verwandeln sich damit in marktförmige
Lohnarbeit. In den kapitalistischen Metropolen
hat die Zahl der in Haushalten als Putzfrauen,
Haushaltshilfen, Au-Pairs und Kindermädchen
angestellten Frauen deutlich zugenommen –
auch in der Schweiz: Laut der Gewerkschaft Unia
dürfte sich die Beschäftigung in privaten
Haushalten in den letzten zehn Jahren mehr als
verdoppelt haben und nach vorsichtigen Schätzungen
um die 125‘000 Vollzeitstellen umfassen.
Prekäre
Arbeit in der Schattenwirtschaft
Die
wachsende Nachfrage nach Haushaltsdienstleistungen
wird hauptsächlich auf einem informellen
Markt befriedigt, auf dem teilweise quasi-feudale
Bedingungen herrschen. Es sind vor allem Migrantinnen,
häufig ohne Arbeitserlaubnis oder ohne legalen
Aufenthaltstatus, die diese Arbeiten verrichten.
Ihre Arbeits- und Lebensverhältnisse sind
dementsprechend prekär (vgl. den Artikel
von Maurizio Coppola in dieser Debatte- Nummer:
“Du lebst wie ein Mensch zweiter Klasse”).
Helma Lutz spricht von einer „Rückkehr
der Dienstmädchen“.5
Die rechtliche Situation der Dienstbotinnen des
19. Jahrhunderts lässt sich tatsächlich
mit der Lage heutiger migrantischer Hausarbeiterinnen
vergleichen: War es früher die Gesindeordnung,
die die Frauen der Willkür ihrer Arbeitgeber
unterwarf, so gilt heute durch die restriktiven
Zuwanderungs-gesetze, dass bei Konflikten die
ArbeitgeberInnen mit Abschiebung drohen können.
Anders sind heute Herkunft und Bildungshintergrund:
Waren die Dienstmädchen im 19. Jahrhundert
junge, ungebildete Frauen aus armen, kinderreichen
Familien auf dem Land, welche die Zeit zwischen
Schule und Hochzeit überbrückten, handelt
es sich bei den „modernen Dienstmädchen“
in der Schweiz hauptsächlich um Frauen aus
Ländern in Lateinamerika oder Osteuropa,
die oft schon eigene Kin-der haben. Nicht wenige
Frauen, die sich als Putzfrau oder Kindermädchen
bei uns verdingen, um ihre Familien in den Heimatländern
zu ernähren, haben eine qualifizierte Ausbildung.
In der Schweiz ist jedoch nicht ihre Berufsqualifikation
gefragt, sondern eine andere Kapazität, die
den Frauen „von Natur aus“ qua Geschlecht
zugeschrieben wird: die Fähigkeit zu putzen,
bügeln, waschen, Kinder und ältere bedürftige
Menschen zu pflegen und zu betreuen.
Globale
Betreuungsketten
Maria
S. Rerrich6 bezeichnet
die migrantischen Haus-arbeiterinnen als „Bodenpersonal
der Globalisierung“: Da sich die Kinderbetreuung,
das Bügeln und Putzen nicht in Billiglohnländer
„standortverlagern“ lassen, werden
auf dem Weltmarkt Billigarbeitskräfte angeworben.
Das „Bodenpersonal“ hinterlässt
jedoch in seiner Heimat oft auch einen Haushalt
und zum Teil eine Familie mit Kindern, die wiederum
irgendwie versorgt werden muss, von Verwandten,
Nachbarn oder von Frauen, die aus noch ärmeren
Verhältnissen oder Ländern stammen.
Auf diese Weise kommt es zu dem, was die amerikanische
Soziologin Arlie Hochschild7
als „globale Betreuungsketten“ bezeichnet,
die analog zu globalen Produktionsketten entstehen
und ganze Erdteile umspannen können: Ärmere
Frauen betreuen die Kinder wohlhabenderer Frauen,
während noch ärmere – oder ältere
oder vom Land kommende – deren Kinder aufziehen.
Diese Kette zeigt sich beispielsweise in Osteuropa,
wo Ukrainerinnen die Kinder der Polinnen betreuen,
die selber als Hausarbeiterinnen in Deutschland
oder der Schweiz arbeiten. Hier wird deutlich,
dass sich die Ausbeutungs- und Abhängigkeitsverhältnisse
verschoben und zusehends globalisiert haben. Es
entsteht ein Weltmarkt für weibliche Arbeitskräfte
und eine neue globalisierte Organisation der Care-
Tätigkeiten. Dabei bleibt die Hausarbeit
unhinterfragt in Frauenhänden: Die Arbeit
der Migrantinnen ersetzt die Arbeit anderer Frauen
– womit sich die Zuteilung der Care-Tätigkeiten
an Frauen auf globaler Ebene reproduziert.
Für
eine erneute Politisierung der Hausarbeit!
Dieses
„postfeministische Arrangement“ der
Ökonomisierung von Care- Tätigkeiten
führt vielleicht dazu, dass sich in einigen
gutverdienenden Haushalten auf individuelle Art
das „Vereinbarkeitsproblem“ und die
Doppelbelastung der Frauen entschärft und
Partnerschaftskonflikte über die innerhäusliche
Arbeitsteilung umgangen werden können. Bei
genauerem Hinsehen wird aber gleichzeitig deutlich,
dass sich damit neue Hierarchien entlang ethnischer
und klassenspezifischer Trennungslinien etablieren.
«Die
Arbeit der Migrantinnen
ersetzt die Arbeit anderer Frauen
– womit sich die Zuteilung der
Hausarbeit an Frauen auf globaler
Ebene reproduziert.»
Für eine widerständige feministische
Politik scheint es heute notwendig, den gesellschaftlichen
Bereich der Haus- und Betreuungsarbeit (wieder)
stärker zum Gegenstand politischer Auseinandersetzung
und Gestaltung zu machen. Verschiedene Kämpfe
von Hausarbeiterinnen und solidarischen Frauen
in Europa, den USA, Südafrika oder Hongkong
machen uns vor, wie dies geschehen könnte.
Im europäischen Netzwerk „Respect“
beispielsweise setzten sich Frauen ein für
ein „Recht auf Rechte“, für Arbeitsrechte
unabhängig vom Aufenthaltsstatus, bessere
Arbeitsverhältnisse im Privathaushalt und
eine Legalisierung ihres Aufenthalts, aber auch
gegen die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung.
Unsichtbare machen sich sichtbar, beziehen sich
auf den alten Slogan der Frauenbewegung - „das
Private ist politisch!“ - und weisen darauf
hin, dass es sich bei der Auslagerung von Hausarbeit
nicht um ein Problem von Frauen, sondern um eines
der ganzen Gesellschaft und ihrer patriarchalen
Strukturen handelt.
Nur die Schaffung von Rahmenbedingungen, die eine
egalitäre Aufteilung der Haushalts- und Betreuungsarbeit
zwischen den Geschlechtern auf globaler Ebene
erlauben, verspricht eine Emanzipation vom „modernen
Dienstbotenwesen“.
1
Reproduktionsarbeit ist die Gesamtheit
aller Tätigkeiten, die in der Familie und
im
Privathaushalt aufgewendet werden, um die
langfristige physische und psychische Reproduktion
der Menschen zu gewährleisten. Die
Arbeit wird überwiegend unentgeltlich und
mehrheitlich von Frauen verrichtet.
2 Die Schweiz hat damit nach Schweden
(77%) die zweithöchste Frauenerwerbsquote
in Europa – gleichzeitig aber auch eine
sehr
hohe Teilzeitarbeitsquote (59%) (Bundesamt
für Statistik 2008).
3 Tätigkeiten, deren Arbeitsgegenstand die
menschliche Arbeitskraft und ihre Versorgung
sind (sog. „Reproduktionsarbeit“),
werden im Folgenden im Anschluss an aktuelle
feministische Debatten in der CareÖkonomie
als Care-Tätigkeiten bezeichnet.
Sie können unterschiedlich organisiert sein:
unbezahlt in Haushalten (nicht-marktförmig),
staatlich (dekommodifiziert) oder als kommerzielle
Dienstleistungen (kommodifiziert).
4 Strub, Silvia. „Er schafft, sie kocht“:
So
teilen sich (fast alle) Schweizer Paare die
Arbeit, S. 286-317, in: FamPra.ch 2 (2006),
Bern.
5 Lutz, Helma. Vom Weltmarkt in den Privathaushalt.
Die neuen Dienstmädchen im Zeitalter
der Globalisierung, Opladen 2007.
6 Rerrich, Maria S. Die ganze Welt zu Hause.
Cosmomobile Putzfrauen in privaten Haushalten,
Hamburg 2006.
7 Hochschild, Arlie Russell. Global Care
Chains and Emotional Surplus Value, in:
Tony Giddens and Will Hutton: On the Edge:
Globalization and the ?ew Millennium. London
2000. |