|
PS:
Wenn wir den Kampf um die Werkstätte vor
dem Hintergrund der gewerkschaftlichen Tradition
in der Schweiz betrachten – welche Elemente
waren neu und sind allgemein von Interesse?
GF:
Entscheidend war sicher, dass es uns gelungen
ist, die übliche Vorgehensweise der schweizerischen
Gewerkschaftsbewegung zu ignorieren, die oft mehr
darum besorgt ist, gute Beziehungen zu den Unternehmen
und ein Klima des Dialogs und Arbeitsfriedens
aufrecht zu erhalten, statt von den tatsächlichen
Problemen, von den Gefühlen unter den Lohnabhängigen
auszugehen. Ich glaube, das wichtigste Element
unseres Kampfs liegt darin: Wir haben die grundlegenden
Forderungen der Arbeiter (in dem Fall: den Erhalt
der Werkstätten) ins Zentrum gestellt und
versucht, durch die Mobilisierung ein Kräfteverhältnis
aufzubauen, um das Ziel zu erreichen.
|
| Kämpferische
Betriebsversammlung in der Werkstätte
der SBB Cargo in Bellinzona. |
Wir
haben uns kaum um die bestehenden Vereinbarungen
und die Vertragsbeziehungen gekümmert, um
all das, was das übliche Instrumentarium
der Gewerkschaften ist und von dem ich oft den
Eindruck habe, dass es vor allem dazu dient, Aktionen
der Lohnabhängigen zu verhindern und in den
Rahmen des Arbeitsfriedens zu zwingen.
PS:
Du hast von der grundlegenden Ausrichtung gesprochen.
Wie sieht es betreffend die Formen des Kampfs
und der Organisation aus, was können wir
da lernen?
GF:
Ich glaube, da gibt es mehrere Aspekte. Der erste
betrifft sicherlich die Demokratie. Alle Entscheide
(zumindest die wichtigsten) wurden systematisch
in mehreren Gremien diskutiert, die immer wieder
von neuem die Legitimität der Arbeiter zum
Ausdruck gebracht haben: die Versammlung der Arbeiter,
das Streikkomitee, die Verhandlungs-delegation.
In allen diesen Phasen war es entscheidend, dass
das erhaltene Mandat eingehalten wurde und die
Zwischenergebnisse (ich denke zum Beispiel an
die verschiedenen Verhandlungsphasen) regelmässig
den Arbeitern zur Beurteilung vorgelegt wurden.
Das war eine echte Lektion der Demokratie, und
ich glaube, dass keine gewerkschaftliche Arbeit
ohne dieses Element längerfristig erfolgreich
und bedeutsam sein kann.
|
| Gianni
Frizzo - Moritz Leuenberger: 1- 0 |
Der zweite Aspekt, das wurde bereits oft gesagt,
war die Fähigkeit, unseren Kampf auszubreiten,
aus der Fabrik herauszuführen und daraus
einen sozialen Kampf, einen Kampf der Bevölkerung
zu machen, der nicht nur unsere Sache ist. Wir
haben unsere Sache in die Gesellschaft getragen.
Natürlich war das einfacher dank der Tatsache,
dass es sich um einen Betrieb in öffentlichem
Besitz handelt, der eine Geschichte und soziale
Verankerung hat. Aber ich denke, man sollte dies
immer versuchen, auch wenn man es mit Privatunternehmen
zu tun hat. Denn ein Abbau von Arbeitsplätzen
geht alle etwas an, weil er soziale, menschliche
und wirtschaftliche Auswirkungen hat.
Schliesslich ist klar, dass die Beteilung der
gewerkschaftlichen Strukturen entscheidend war
(ich meine natürlich Unia Tessin). Sie war
entscheidend, um die notwendige Unterstützung
für einen Kampf dieses Ausmasses (mit unzähligen
praktischen Problemen, die es zu lösen galt)
zu haben, und damit der Kern der uns unterstützenden
Gruppen (ich denke an die lokalen Gruppen und
deren zahlreiche Aktivitäten) sich entwickeln
und grösser werden konnte. Ein Kampf hat
viel mit Organisation zu tun. Hier muss die Gewerkschaft
mit ihren Strukturen eingreifen, vollständig
zur Unterstützung der Lohnabhängigen.
Oft geschah in der gewerkschaftlichen Tradition
dieses Landes das Gegenteil davon.
PS:
Wie waren die Beziehungen zu den Gewerkschaften
während diesem langen Konflikt?
GF:
Da muss man natürlich unterscheiden. Wir
haben eine Gewerkschaft (den SEV, die Eisenbahngewerkschaft),
die sich als Verhandlungspartner dem Unternehmen
verbunden fühlt. Das hat sie zurückhaltend
gemacht und daran gehindert, eine aktive Rolle
bei der Ausweitung des Streiks auf nationaler
Ebene zu spielen. In Fribourg ist wenig passiert,
weil die Führung des SEV stets darum besorgt
war, die vertraglichen Pflichten einzuhalten und
auf stärkere Aktionen wie einen Streik zu
verzichten. Natürlich kann eine Gewerkschaft,
die durch keinen Vertrag eingebunden ist, wie
die Unia in diesem Fall, freier auftreten. Aber
ich glaube, die Unterschrift unter solche Verträge
ist nicht der entscheidende Punkt, es handelt
sich eher um einen Vorwand, hinter dem man sich
verstecken kann. In Wirklichkeit geht es um die
Frage, ob man eine Gewerkschaftspolitik verfolgen
will, die sich vor allem auf die Mobilisierung
der Lohnabhängigen stützt und sich klar
gegen die Politik der Unternehmer richtet. Darin
liegt der Unterschied zwischen den beiden Gewerkschaften,
die am Streik der Werkstätten beteiligt waren.
PS:
Wenn du auf den Kampf zurück schaust, welche
Fehler wurden begangen, wenn man das so nennen
kann?
GF:
Wie ich sagte, glaube ich, dass wir in der Entwicklung
des Kampfs keine gravierenden Fehler gemacht haben,
vor allem weil wir eine umfassende Demokratie
pflegten. Sicher wäre es manchmal besser
gewesen, wenn das Streikkomitee weitere Aufgaben
delegiert hätte, um nicht zu viele Aufgaben
erfüllen zu müssen.
Beim Beginn der Verhandlungen waren wir zuerst
aber etwas unsicher und liessen uns ein bisschen
durch die Logik der Geheimhaltung vereinnahmen.
Das war falsch und wir haben rasch gemerkt, dass
es der SBB-Führung in die Hände spielt.
Deshalb haben wir sofort auf eine maximale Information
der Arbeiter sowie der Bevölkerung umgestellt.
Ich denke, das ist ein wichtiger Punkt, über
den alle, die Gewerkschaftsarbeit machen, nachdenken
sollten.
PS:
Wie war das Verhältnis zur Politik, zu den
Behörden und zur „politischen Klasse“?
GF:
Es gibt eine gewisse Ähnlichkeit im Verhalten
der Gewerkschaftsführungen und der Politiker/innen.
Wir waren intelligent genug, sie nicht frontal
anzugreifen und polemisch über die Stellungnahmen
zu sprechen, die in der Vergangenheit einen Grossteil
des politischen Spektrums (wenn nicht das ganze
Spektrum) prägten und die SBB dahin geführt
haben, wo sie heute stehen (ich denke vor allem
an die Politik der Privatisierung).
Wir haben diese Polemik verhindert und das Gewicht
auf die Zukunft gelegt, auf den Erhalt der Werkstätten.
Zusammen mit der grossen Mobilisierung der Bevölkerung
hat dies die Politiker/innen dazu gebracht, den
Kampf zumindest in der ersten Phase zu unterstützen.
Ich glaube, da hat bei einigen auch das schlechte
Gewissen eine Rolle gespielt: Niemand kann mich
davon abbringen zu denken, dass viele von ihnen
seit einiger Zeit wussten, was in den Werkstätten
auf uns zukommt und welche Pläne die SBB
haben. Natürlich sind nach einer gewissen
Zeit bestimmte ideologische Positionen wieder
hervorgetreten. Plötzlich wollten zahlreiche
Politiker/innen uns dazu bringen, den Streik zu
beenden und die „Angebote“ der SBB
anzunehmen. Aber es handelte sich gar nicht um
richtige Angebote.
Ich finde interessant, dass es möglich war,
ausgehend von konkreten Forderungen und den Interessen
der Arbeiter die politischen Spaltungen zwischen
den Arbeitern zu überwinden, die sich in
der Zugehörigkeit zu verschiedenen Strömungen
und Parteien äussern. Das ist ein interessanter
Punkt, über den all jene nachdenken sollten,
die sich mit dem Problem beschäftigen, wie
man Lohnabhängige davon überzeugen kann,
ihr Vertrauen in bürgerliche und rechte Parteien
(zum Beispiel bei Abstimmungen und Wahlen) aufzugeben.
PS:
Wie hat sich dieses grossartige Kräfteverhältnis
nach dem Streik ausgewirkt? Wie ist die Situation
heute, nachdem die Arbeit wieder aufgenommen wurde?
GF:
Das Klima ist natürlich anders als vor dem
Streik, und das durch den Kampf entwickelte Kräfteverhältnis
besteht weiter. Wir haben uns das zu Nutze gemacht
und versucht, intern die Kräfteverhältnisse
zu ändern. Das ist nicht zu übersehen.
Das Streikkomitee ist zu einer neuen Personalkommission
geworden und versucht durch Verhandlungen mit
der Direktion das interne Arbeitsklima zu verändern.
Zum Beispiel wird jeden Freitag eine Versammlung
während der Arbeitszeit organisiert, um die
Arbeiter zu informieren und zu diskutieren. Die
Überstunden und Schichtarbeit müssen
mit der Personalkommission besprochen werden,
und weiteres mehr. Das Streikkomitee ist für
alle Arbeiter zu einem Ort geworden, an den sie
sich wenden können. Es verfügt über
eine Legitimität, die es ihm ermöglicht,
Einfluss auf die interne Arbeitsorganisation zu
nehmen. Das ist sehr wichtig.
PS:
Was erwartest du von dem Runden Tisch, welche
Probleme kommen da auf euch zu?
GF:
Das Terrain des Runden Tisches ist für uns
natürlich nicht so günstig. Wir haben
nicht mehr das Kräfteverhältnis aus
dem Streik und der Mobilisierung der Bevölkerung.
Darum ist es für uns wichtig, auch in dieser
Phase mit der grösstmöglichen Transparenz
vorzugehen. Zum Beispiel haben wir uns dafür
entschieden, die Arbeiter und die Bevölkerung
durch Informationsversammlungen nach jedem Treffen
des Runden Tisches systematisch zu informieren.
Wir müssen versuchen, den Druck aufrecht
zu erhalten.
Im Weiteren ist klar, dass es sich mehr um eine
politische als eine „technische“ Diskussion
handelt, wenn man das so sagen kann. Wir müssen
den Bevölkerungswillen, die Werkstätte
zu erhalten, zum Ausdruck bringen. Und ich denke,
das müssen wir auch den anderen Teilnehmern
am Runden Tisch in Erinnerung rufen, insbesondere
der Kantonsregierung des Tessins, die, wenn auch
in einer anderen Rolle, ebenfalls einen Auftrag
der Bevölkerung hat, die Werkstätten
zu erhalten.
PS:
Kommen wir zum Schluss. Ihr ladet zu einem Diskussionsforum
am 31. Mai ein, an dem über eine „Gewerkschaftsbewegung
der Arbeiter/innen“ diskutiert werden soll.
Was ist das Ziel dieser Diskussion?
GF:
Bei aller Bescheidenheit glauben wir, dass die
Erfahrung der Werkstätten dazu dienen kann,
eine „Gewerkschaftsbewegung der Arbeiter/innen“
(ich nenne es so, weil es in meinen Augen die
einfachste Formulierung ist) von neuem zu lancieren,
eine Art von Neubeginn der Gewerkschaftsarbeit
in der Schweiz. Unsere Erfahrung hat bewiesen,
wie wichtig der Kampf ist, damit die Gewerkschaftsarbeit
nicht nur die direkt betroffenen Arbeiter/innen,
sondern auch die anderen lohnabhängigen Bürger/innen
zu aktiven Beteiligten machen kann. Hoffen wir,
dass aus dieser Erfahrung etwas Neues entstehen
kann.
| Chronologie
des Streiks in Bellinzona
7.
März – Die Belegschaft
beginnt einen unbefristeten Streik gegen
die Pläne von SBB Cargo, den Unterhalt
der Lokomotiven zu verlegen und die Instandhaltung
der Güterwagen auszulagern.
15.
März – Erste Aussprache
in Biasca. SBB Cargo will die Massnahmen
„sistieren“, aber nicht zurück-ziehen.
Am 17. März lehnt die Streikversammlung
das „Angebot“ ab.
19.
März – An einer Solidaritätskundgebung
in Bern nehmen 6'000 Personen teil. Der
Nationalrat diskutiert in einer Sondersitzung
über die Situation bei SBB Cargo. 25.
März – Nach Verhandlungen über
Ostern erklärt Bundesrat Moritz Leuenberger
die Bemühungen um einen Runden Tisch
als gescheitert.
26.
März – Der SBBVerwaltungsrat
erweitert das Verhandlungsmandat. In der
Folge macht SBB Cargo Zugeständnisse
betreffend den Lokomotivunterhalt und stellt
ein Ultimatum, der Streik müsse bis
am 31.
März beendet werden.
30.
März – Grosse Kundgebung
in Bellinzona (8'000), nachdem die Betriebsversammlung
beschlossen hat, den Streik fortzuführen.
1.
April – Lancierung einer
Volksinitiative zur Schaffung eines Technologieparks
auf dem Gelände der Werkstätten
von Bellinzona.
2.
April – Grosse Kundgebung
in Bellinzona (10'000), an der alle 5 Mitglieder
der Tessiner Regierung teilnehmen.
5.
April – SBB Cargo zieht die
Massnahmen zurück. Auf Einladung von
Moritz Leuenberger kommen beide Seiten zusammen
und vereinbaren die Einrichtung eines Runden
Tisches.
7.
April – Die Betriebsversammlung
in Bellinzona beschliesst, den Streik zu
beenden und die Arbeit am 9. April wieder
aufzunehmen.
14.
Mai – Erste Sitzung des Runden
Tisches. Einen Tag danach gibt SBB Cargo
die Schliessung des Kundenservice- Centers
in Fribourg bekannt.
31.
Mai – Das Streikkomitee von
Bellinzona organisiert ein offenes Diskussionsforum
über einen Neubeginn der Gewerkschaftsbewegung
in der Schweiz.
|
|
work
- oder wie der Streik instrumentalisiert
wird
Die
Arbeiter in Bellinzona haben es geschafft,
die Kontrolle über ihren Kampf zu wahren
und in der Öffentlichkeit selbst das
Wort zu ergreifen. Das missfiel der Presse,
die sich beklagte, dass es der Gewerkschaft
SEV nicht gelang, diese Arbeiter zu kontrollieren.
Aber auch die nationale Führung der
Unia spricht jeweils lieber selbst im Namen
der Streikenden.
Dafür gibt es work – „Die
Zeitung der Gewerkschaft“. Die Ausgabe
vom 25. April zeigt auf der Titelseite ein
Bild von der Kundgebung in Bellinzona und
titelt „Wir werden immer mehr. SBB
Cargo, Bau usw.: Schweiz im Streik“.
Natürlich kommt niemand von den Arbeitern
oder vom Streikkomitee aus Bellinzona zu
Wort. Es wird kaum erklärt, worum es
bei dem Streik ging. Stattdessen beglückt
uns Oliver Fahrni mit einem Beitrag zum
Thema „Streiken ist harte Arbeit“.
Hier wird erklärt, dass es beim Streik
darum gehe, „die gestörten Beziehungen
zwischen Kapital und Arbeit neu zu richten“.
Und: „Streiks, wie sie in der Schweiz
praktiziert werden, befördern den wirtschaftlichen
Gang. Kaufkraft wird bewahrt oder erhöht,
der soziale Frieden wieder hergestellt.“
Schön.
In
einer Notiz auf Seite 11 erfährt der
aufmerksame Leser, dass die offizielle Zahl
der Unia-Mitglieder erstmals unter 200'000
gesunken ist. Diese Kurzmeldung trägt
die Überschrift: „20'000 neue
Unia-Mitglieder.“ Alles klar? Wir
werden immer mehr!
|
*
Dieses Interview erschien am 8. Mai in
der Zeitschrift Solidarietà. Wir drucken
es leicht gekürzt ab. |