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„Mikrokreditfonds
sind recht sicher“, eröffnete Mikrokredit-Guru
Muhammad Yunus nach dem Ausbruch der Wirtschaftskrise
im Herbst 2008 potentiellen Anlegern. Ausgerechnet
die Forschungs-abteilung der Deutschen Bank sieht
auf diesem Gebiet, das auch als Teil einer „alternativen
Ökonomie“ gepriesen wird, weltweit
einen potentiellen Markt mit einem Volumen von
250 Milliarden Dollar. Ein Markt, der zunehmend
auch für private und institutionelle Anleger
unter dem Aspekt der Rendite interessant wird.
„Nach Abzug der Kosten“, so Muhammad
Yunus im Interview mit einer Schweizer Anlegerzeitung,
„sollten die Renditen nicht höher als
zehn Prozent sein, 15 Prozent sind gerade noch
tolerierbar.“ Kreditnehmer sind die Ärmsten
der Armen weltweit. Ihnen soll damit aus dem Elend
geholfen werden, so heisst es. „Rendite
mit gutem Gewissen“ lautet die Anlegermaxime.
Aber diese Rechnung geht nicht auf. Zum Beispiel
in Indien, wo es mehr als elf Millionen Kreditnehmer
und Kreditnehmerinnen gibt.
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| Vertreter
einer indischen Bank bei der Vergabe von Mikrokrediten. |
„Wir
wollten uns eine Kuh kaufen, um etwas Geld mit
der Milch zu verdienen“, erzählt der
Landarbeiter Nagendra Jyothi aus dem Dorf Bandarugudem
im südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh.
„Deshalb hat meine Frau einen Kredit bei
der Mikrofinanzorganisation Spandana aufgenommen.
16 Wochen haben wir pünktlich zurückgezahlt.
Dann hatte unser Sohn einen Unfall. Um den Arzt
und die Medikamente zu bezahlen, mussten wir die
Ratenzahlungen zwei Wochen lang aussetzen. Dann
stürzten wir ins Unglück.“
Nagendra
Jyothi ist hager. Sein Körper ist ausgemergelt
von der langjährigen Plackerei als Landarbeiter.
Wie 90 Prozent der insgesamt 1200 Dorfbewohner
lebt er unterhalb der Armutsgrenze, d.h. von umgerechnet
weniger als zwei Dollar am Tag.
Selbsthilfegruppen
als Zinseintreiber
Rund
um den staubigen Dorfplatz von Bandaragudem stehen
einfache Lehmhütten, ein Verkaufsstand mit
Teestube und ein kleines Versammlungshaus, das
nur aus einem Raum besteht. Dort versammelten
sich die Dorfbewohner auch vor einigen Jahren,
als erstmals Vertreter von Mikrokreditunternehmen
auftauchten. Sie versprachen, den Ärmsten
der Armen helfen zu wollen. Mit kleineren Geldsummen
sollten vor allem Frauen eine Starthilfe erhalten,
um dann geschäftlich tätig zu werden:
im Gemüsehandel, als Schneiderin. Oder eigene
Tiere halten. Die Bedingung: Die Frauen mussten
sich in Kleingruppen zusammenschliessen, die füreinander
bürgten. Auch Laxmi, die Frau von Nagendra
Jyothi, schloss sich einer solchen „Selbsthilfegruppe“
an, um den Kredit für den Erwerb einer Kuh
zu erhalten. Aber als sie wegen des Unfalls ihres
Sohnes den Ratenzahlungen nicht mehr nachkommen
konnte, wurde der Druck in der Frauengruppe unerträglich.
„Die
Frauen aus der Gruppe sind in unser Haus eingedrungen,
haben unser Geschirr und unsere Haushaltsgegenstände
auf die Strasse geworfen, um sie zu verkaufen“,
berichtet der 52-jährige Nagendra Jyothi.
„Sie beschimpften meine Frau, nannten sie
sogar eine Hure. Sie sagten, sie stünden
jetzt unter Druck, das Geld zurückzahlen
zu müssen.“ Dem Landarbeiter stehen
die Tränen in den Augen, als er fortfährt.
„Wenige Minuten später erlitt meine
Frau einen Herzinfarkt und starb daran.“
Nach
dem Tod seiner Frau musste Nagendra Jyothi auch
die Kuh verkaufen. Er konnte die verbliebenen
Schulden nicht zurück zahlen. Die Geldverleiher
hatten nicht nur seine Familie zerstört,
sondern auch den Zusammenhalt in der Dorfgemeinschaft,
meint Nagendra Jyothi. „Bevor die Frauen
wegen der Kredite in Streit gerieten, waren sie
gute Nachbarinnen und Freundinnen, schliesslich
kannten sie sich alle von Kindheit an.“
Kleinkredite
– Grossbanken
Die
Idee, den Armen in der so genannten Dritten Welt
mit Kleinkrediten zu helfen, sich eine eigene
Existenz aufzubauen, entstand in den achtziger
Jahren. Bei staatlichen Stellen und Nichtregierungsorganisationen
stiess sie auf ein positives Echo. Zwei Jahrzehnte
später, im Jahr 2006, erhielt Muhammad Yunus
dafür sogar den Friedensnobelpreis. Er hat
in Bangladesch das grösste Mikrokreditunternehmen
weltweit aufgebaut: Die Grameen Bank. Mit 2500
Filialen, 16.000 Mitarbeitern und 7,5 Millionen
Kreditnehmern gilt sie bis heute als Modell für
ähnliche Institutionen in aller Welt.
Auch
die meisten Kreditunternehmen in Indien arbeiten
nach dem Vorbild der Grameen Bank. Sie haben wohlklingende
Namen wie Share – das heisst „Teilen“,
„Asmitha“ – „Stärke“,
„Spandana“ – „Herzschlag“.
Diese Mikrokreditinitiativen haben sich inzwischen
in vielen indischen Bundesstaaten ausgebreitet.
Wie die Grameen Bank des Nobelpreisträgers
arbeiten sie fast ausschliesslich mit „Selbsthilfegruppen“
von Gläubigerinnen. Auch das indische Kleinkredit-unternehmen
BASIX. „Wenn wir in die Dörfer gehen
und Treffen organisieren, kommen bis zu 100 Leute,
die gerne einen Kredit hätten“ erklärt
der Hauptgeschäftsführer Nadampalli
Venkaat Ramana. „Wir fordern sie auf, sich
jeweils zu fünft in Gruppen zusammen zu schliessen.
In jeder Gruppe haften dann vier Leute für
den Kredit des Fünften – und das gegenseitig.
So bürgen alle füreinander.“ Das
Modell funktioniert. „Wenn ein Gruppenmitglied
nicht bezahlt, bekommt niemand aus der gesamten
Gruppe im darauffolgenden Jahr weiter Kredit“,
sagt Ramana. „Dieser Druck wirkt, denn die
Leute brauchen das Geld“.
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Muhammad
Yunus, Wirtschaftswissenschaftler und Friedensnobelpreisträger,
ist
Gründer der Mikrokredite vergebenden
Grameen Bank. |
Geld
verstehen alle
Die
Zentrale von BASIX befindet sich in einem eher
unscheinbaren Gebäude in der Bank-Street
von Hyderabad, der Hauptstadt des Bundesstaates
Andhra Pradesh. In der Metropole haben fast alle
grossen Mikrofinanzinstitutionen Indiens ihren
Hauptsitz. Mit 200.000 Gläubigern gehört
BASIX eher zu den kleineren Unternehmen. Firmen
wie „Spandana“ oder „Share“
verzeichnen jeweils mehr als eine Million Kreditnehmerinnen.
Die meisten von ihnen sind Analphabetinnen. „Lesen
und schreiben können sie nicht, aber Geld
– das verstehen sie alle“, so Ramana,
„deshalb sagen wir unseren Leuten, sie sollen
ihnen die Verträge vorlesen und erklären,
und anschliessend einen Fingerabdruck als Unterschrift
nehmen.“
Im
Grossraumbüro von BASIX arbeiten mehrere
Dutzend Mitarbeiter an Computern, bearbeiten Kreditverträge
und Arbeitsberichte von den Einsätzen im
Aussendienst auf dem Land. Der Geschäftsführer
Nadampalli Venkaat Ramana hat zuvor für einen
multinationalen indischen Konzern gearbeitet.
Auch bei den Kleinstkrediten für die Ärmsten
denkt er ans Geschäft. So fordert seine Firma
Zinssätze von bis zu 27 Prozent. Das sind
doppelt so viel Zinsen, wie für einen teuren
Überziehungskredit auf einem Bankkonto in
Deutschland.
Mittlerweile
sind auch einige der weltweit grössten Banken
mit im Geschäft, z.B. die niederländische
ABN-AMRO-Bank, Credit Suisse und die US-amerikanische
Citibank. Auch die Deutsche Bank bietet ihren
Anlegern an, in Fonds zu investieren, mit denen
Kleinkredite an Arme, etwa in Indien, vergeben
werden. Dafür zahlt sie Renditen von bis
zu 9,5 Prozent. „Gewissenhafte Anlage, die
soziales Engagement mit Rendite verbindet“,
schwärmte am 11.Januar 2008 ein Autor in
der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und empfahl
solche Anlagen auch deutschen Anlegern, „denn
die Rendite übersteigt zumeist die von Geldmarktfonds.
Die Kredite für die Ärmsten der Armen
haben zudem erstaunlich geringe Ausfallraten.“
NGO
Profit-Corporation
„Viele
der Mikrofinanzinstitutionen haben früher
einmal als NGOs begonnen,“ erinnert sich
Jamuna Puruchuru, die bei der halbstaatlichen
Gesellschaft zur Beseitigung der ländlichen
Armut - kurz „SERP“ - das Frauenprogramm
leitet. „Später fingen einige an, das
Geschäft von kommerziellen Geldverleihern
zu betreiben. Sie nennen sich noch NGO, haben
sich aber längst in Finanz- Konzerne verwandelt“,
stellt Puruchuru fest. „Sie haben sich mit
staatlichen Geldern aufgebaut, aber heute akquirieren
sie kommerzielles Kapital aus dem Ausland und
machen mit ihren Kleinkrediten Geschäfte
- zum Beispiel 'Spandana' und 'Share’“.
So auch im Bezirk Gannavaram, zu dem 28 Dörfer
gehören. „Die meisten Frauen aus unserem
Bezirk haben Darlehen bei den Mikrokreditinstitutionen
aufgenommen und viele Frauen haben sich über
das unverschämte Benehmen von deren Vertretern
beschwert“, berichtet die 55-jährige
Landarbeiterin Estheramma, die in Gannavaram die
Bezirksgruppe von SERP leitet. Sie hat es selbst
erlebt. „Als ich einmal meine Rate nicht
rechtzeitig bezahlen konnte, forderte mich einer
dieser Typen auf, doch auf den Wasserturm zu steigen
und hinunter zu springen, zehn Meter tief. Anderen
Frauen haben sie gesagt, sie sollten als Prostituierte
das Geld ranschaffen“. Ähnliches sei
in allen Dörfern des Bezirks passiert, zum
Teil mit dramatischen Folgen wie in Bandaragudem.
„Insgesamt haben wir zwölf Selbstmorde
registriert, die aufgrund des Drucks der Mikrokreditinstitutionen
begangen wurden“, zählt Bhanu Prasad,
Leiter von SERP im Krishna-Distrikt, zu dem auch
der Bezirk Gannavaram gehört. Im Krishna-Distrikt,
in dem mehr als zehn dieser kommerziellen Finanzinstitutionen
tätig waren, mussten im März 2006 auf
Geheiss der Verwaltung drei Unternehmen vorübergehend
ihre Türen schliessen: Share, Spandana und
Asmitha. Die Distriktverwaltung und zahlreiche
Medienberichte warfen ihnen vor, Wucherzinsen
zu verlangen, ausstehende Zahlungen mit unethischen
Methoden einzutreiben und ihre Gläubiger,
meist Kleinbäuerinnen und landlose Arbeiterinnen,
in die Überschuldung getrieben zu haben.
SERP hat daraufhin das Kreditvolumen erhöht.
Der Zinssatz macht den Unterschied: „Für
diese Kredite, die wir über Banken vergeben,
verlangen wir nur drei Prozent Zinsen im Jahr.
Viele haben deshalb Kredite von uns genutzt, um
ihre Kredite bei den privaten Kreditunternehmen
abzuzahlen“, erklärt Prasad. Allein
im Krishna-Distrikt betreue SERP heute 40.000
Selbsthilfegruppen, das sind etwa 450.000 Familien.
Die preiswerten staatlichen Darlehen sollen den
Einfluss der privaten Geldverleiher und Mikrokreditfirmen
zurückdrängen. „Wir wollen, dass
sie hier ganz verschwinden“, so der SERP-Manager
Bhanu Prasad.
Staatliche
Hilfe - privater Profit - menschliches Leid
Diese
günstigen Konditionen sind nur möglich,
weil die Regierung des Bundesstaates Andhra Pradesh
die Kreditvergabe durch SERP subventioniert. Dabei
handelt es sich um ein Wahlversprechen, mit dem
die regierende Kongresspartei 2004 im Bundesstaat
die Wahlen gewann. SERP Mitarbeiter sind sich
sicher, dass die Partei die nächsten Wahlen
2009 verlieren würde, sollte sie die Subventionszahlungen
einstellen.2
Genau das aber wollen die indische Zentralregierung
und Vertreter kommerzieller Kreditunternehmen.
Sie kritisieren Subventionen wie die des Bundesstaates
Andhra Pradesh als „Wettbewerbsverzerrung“.
Der
Dachverband der Mikrokreditinstitutionen, Sa-Dhan,
den BASIX mit ins Leben gerufen hat, unterhält
enge Kontakte zur Zentralregierung und dem Finanzministerium
in Neu Delhi. Sa-Dhan hat Mitte 2006 als Reaktion
auf die Vorfälle im Krishna Distrikt einen
Verhaltenskodex für Mikrofinanzunternehmen
verabschiedet. Für die Überwachung der
Verhaltensrichtlinien sollten jedoch die Geschäftsführungen
der Firmen selbst verantwortlich sein. Kritiker
der bisherigen Praxis forderten hingegen ein verbindliches
Gesetz. Auf Druck der Öffentlichkeit legte
das Finanzministerium der Zentralregierung 2007
einen ersten Entwurf vor. Indischen Frauenorganisationen
erklärten dazu, der Staat wolle sich aus
der Verantwortung stehlen, weil er gesellschaftspolitisch
dringliche Kreditvergabe an Arme auch weiterhin
privaten Finanzunternehmen überlasse.
1 Aus Platzgründen
wurde dieser Artikel leicht gekürzt. Den
Originaltext finden Sie auf der Homepage http://
www.lunapark21.net. Gerhard Klas ist Mitglied
des Rheinischen Journalistenbüros Köln.
2
In Andhra Pradesh sowie auf nationaler Ebene hat
die Partei Indian 7ational Kongress die Wahlen
vom April 2009 klar gewonnen. |