| Soziale
Unsicherheit ist nicht erst seit dem Kollaps der
Finanzmärkte zu einer Massenerfahrung geworden.
Unsichere Arbeits- und Lebensverhältnisse
haben sich als Folge eines funktionierenden Finanzmarkt-kapitalismus
auch in Kontinentaleuropa wieder verstärkt
ausgebreitet – so lautete die These des
Arbeits-soziologen Klaus Dörre, Professor
für Soziologie in Jena. Die Prekarisierung
breiter Teile der Bevölkerung ist als direkte
Folge des Finanzmarktkapitalismus zu verstehen1.
|
| Diese
Kreidezeichnung aus dem Jahre 1924 der in
Königsberg geborenen Künstlerin
Käthe Kollwitz trägt den passenden
Namen „Arbeitslos“. |
Kapitalistische
Landnahme
Dörre
zeichnete die Entwicklung sogenannter kapitalistischer
Landnahmen seit der von Marx als „ursprüngliche
Akkumulation“ beschriebenen Phase der Herausbildung
kapitalistischer Produktionsweise nach2.
Um ständig neue gesellschaftliche Bereiche
der Logik des Profites unterwerfen zu können,
braucht der Kapitalismus demnach ein „Aussen“,
also nicht direkt nach kapitalistischen Prinzipien
organisierte Bereiche. Derzeit stellen die Sozialwerke
sowie das Bildungs- und Gesundheitswesen ein solches
„Aussen“ dar und fallen somit mittels
Privatisierung und Restrukturierung der kapitalistischen
Landnahme zum Opfer.
Der
Finanzmarktkapitalismus
In
den 70er Jahren wurde die Landnahme fordistischer
Prägung allmählich durch die finanzkapitalistische
Landnahme abgelöst3.
Ursache für das Aufkommen des modernen Finanzmarktkapitalismus
war (und ist) eine chronische Überliquidität
von Investoren jeglicher Art (Banken, Versicherungen,
Einzelpersonen, Staaten). Auf Grund der Einführung
privater Rentenversicher-ungen (Pensionskassen),
der ständigen Rückzahlungen der massiv
verschuldeten Länder der sogenannten dritten
Welt sowie der starken Ungleichverteilung von
Kapital, verfügte das globale Finanzkapital
über horrende Summen an Geld, welches investiert
werden musste. All diese Tendenzen bewirkten ein
Auseinanderdriften von Finanz- und Realwirtschaft.
Um den Bedürfnissen des Finanzkapitals entgegenzu-kommen,
fanden zahlreiche Angriffe auf die Lohnabhängigen
statt. Die Privatisierungen staatlicher Unternehmen,
der Sozialabbau sowie die Schwächung der
ArbeiterInnenrechte leiteten eine neue Form der
Prekarität ein. Waren im Kapitalismus fordistischer
Prägung insbesondere Frauen, MigrantInnen
und formal weniger Qualifizierte von Prekarität
betroffen, verschiebt sich die Betroffenheit von
unsicheren Arbeitsverhältnissen vom „Rand“
in die „Mitte“ der Gesellschaft. Nicht
mehr nur in erster Linie Randgruppen, sondern
breite Teile der Bevölkerung geraten in unsichere
Arbeitsverhältnisse. Die soziale Mobilität
nach oben ist rückläufig, während
der Fall nach unten zunehmend wahrscheinlicher
wird. Das finanzkapitalistische Regime macht Methoden
der Gewinnsteigerung wieder attraktiv, die, wie
es Marx genannt hätte, auf der Produktion
von absolutem Mehrwert, sprich: auf der Verlängerung
von Arbeitszeiten, auf Lohnkürzungen sowie
der Verschlechterung der Arbeitsbedingungen beruhen.
Unternehmen versuchen, Extraprofite aus der Flexibilisierung
und Prekarisierung der Arbeit zu ziehen. Auch
der Staat agiert in dieser finanzkapitalistischen
Wettbewerbslogik, indem er fleissig privatisiert
und sich nach Prinzipien des New Public Managements4
restrukturiert.
Bumerang
zurück auf das Zentrum
Nach
Klaus Dörre lassen sich heute drei Strukturformen
von Prekarität identifizieren: Am unteren
Ende der sozialen Hierarchie befinden sich jene,
die Marx schon als „Überzählige“
der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft bezeichnet
hat – Erwerbsarbeits-lose, Sozialhilfe-
und IVEmpfängerInnen. Von den „Überzähligen“
lassen sich die eigentlichen PrekarierInnen abgrenzen
– LeiharbeiterInnen, Beschäftigte in
niedrig entlohnten und
gesellschaftlich gering angesehenen Sektoren.
Mit voller Wucht treffe die Prekarisierung einmal
mehr (oft von Frauen ausgeführte) Tätigkeiten
wie personenbezogene Dienstleistungen im Pflegebereich,
der Gastronomie, Hotelgewerbe oder auch arbeitsintensive
HelferInnen-tätigkeiten. Betroffen sind aber
auch die expandierenden Segmente „immaterieller“
Arbeit (Kulturindustrie, Medienbereich, Non-Profit-Sektor,
Weiterbildung...) – hier ist die Grenze
zwischen kreativer und prekärer Arbeit fliessend
geworden. Eine dritte, eher versteckte Ausprägung
von Prekarität existiert nach Klaus Dörre
in der formal immer noch sicheren Beschäftigung,
wo Reallohnverlust und Angst vor Arbeitsplatz-
und Statusverlust relevante Teile der Lohnabhängigen
umtreiben. Prekarität wirkt so wie ein Bumerang
auf die Gesicherten und Festangestellten zurück
und hat einen Disziplinierungseffekt zur Folge,
der „gefügige Arbeitskräfte“
produziert.
|
| Call-Center-AgentInnen
sind besonders oft von prekären Arbeitsverhältnissen
betroffen. |
Protest
oder Resignation?
Im
Kontext der aktuellen Krise tragen prekär
Beschäftigte das grösste Beschäftigungsrisiko
– wie Dörre am Beispiel der Leiharbeiter
verdeutlichte. Bezüglich Widerstand gegen
die Prekarisierung zeigte sich Klaus Dörre
ambivalent: Wer von der ständigen Sorge um
die Bewältigung des nächsten Tages angetrieben
wird, verliert allmählich die Energie, die
notwendig wäre, um sich politisch zu engagieren.
Andererseits sieht er im Gefolge der Finanzkrise
durchaus Spielräume für eine „Politik
der Entprekarisierung“. So werde beispielsweise
Hartz IV5 in Deutschland
zunehmend ad absurdum geführt, wenn binnen
kürzester Zeit für marode Banken zig-Milliarden
Euro aufgebracht werden können, während
für Erwerbslose und Sozialhilfeabhängige
nur leere Kassen vorgewiesen werden.
Weder
Fehllenkung noch Unausgewogenheit des modernen
Finanzmarktkapitalismus noch individuelles Fehlverhalten
sind die Ursache der aktuellen Krise und der Zunahme
von Prekarität. Nicht nur die Krise selbst,
sondern auch die Art und Weise, wie die herrschende
Klasse darauf reagiert, machen deutlich, dass
das System versagt hat. Die Milliardenunterstützung
des Finanzkapitals verhindern eine „Bereinigung“
des Systems und befördern eine erneute Blase
im Finanzsektor. Die aktuelle Krise ist das Ergebnis
eines funktionierenden Kapitalismus, den es insgesamt
in Frage zu stellen gilt. Die Forderung nach wirklich
demokratischen Strukturen innerhalb der Wirtschaft
und nach einem Ende der Planwirtschaft im Dienste
der Rendite bleibt weiter aktuell.
1
Prekarisierung: von prekär = „unsicher,
widerruflich, schwierig“, bezeichnet die
Zu-
nahme von Beschäftigungsverhältnissen
mit
geringer Arbeitsplatzsicherheit, niedrigem
Lohn (working poor), Temporär-Arbeit, be-
fristeten Verträgen und inexistentem Kündi-
gungsschutz.
2 „Ursprüngliche Akkumulation“
nennt Marx
den Prozess der Enteignung von gemein-
schaftlich bearbeitetem Grund und Boden,
d.h. „die Momente, worin grosse Menschen-
massen plötzlich und gewaltsam von ihren
Subsistenzmitteln losgerissen und als vogel-
freie Proletarier auf den Arbeitsmarkt ge-
schleudert werden“ (Kapital Bd. 1, 24. Kapi-
tel). Die Scheidung der Produzenten von den
Produktionsmitteln sowie die Überführung
der Produktionsmittel in Privateigentum leg-
ten den Grundstein für die Kapitalakkumulati-
on und sorgten damit für die Entstehung der
Klassengesellschaft.
3 Als Fordismus bezeichnet man
ein in der
Nachkriegszeit etabliertes Gesellschaftsmo-
dell, das auf Massenproduktion/-konsum,
„Sozialpartnerschaft“ und einer staatlichen
Intervention im Wirtschafts-, Sozial- und Fi-
nanzbereich (Keynesianismus) beruht. Die
Entwicklungen des Sozialstaats werden als
institutionalisierten Klassenkompromiss zwi-
schen Kapital und Arbeit verstanden: die
ArbeiterInnen werden am Wohlstand beteiligt,
Frauen leisten die notwendige Reproduktions-
arbeit – durch beides steigt der Absatz
und
die kapitalistische Akkumulation kann sich
fortsetzen.
4 New Public Management: Staatliche
Öko-
nomisierungsstrategie, die öffentliche Ein-
richtungen (z.B. Gesundheits-/Bildungswesen)
nach betriebswirtschaftlichen Kriterien ratio-
nalisieren und privatisieren will, um öffentli-
che Ausgaben zu kürzen. Vgl. dazu zur
Schweiz: Alessandro Pelizzari (2001): Die
Ökonomisierung des Politischen, UVK.
5 Hartz IV: Im Zuge der am 1.1.2005
in Kraft
getretenen Arbeitsmarktreform wurde in
Deutschland das Arbeitslosengeld und die
Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II (ALG II)
zusammengefasst. ALG II-EmpfängerInnen
werden im Sinne einer „aktivierenden“
Ar-
beitsmarktpolitik („Workfare“) gezwungen,
jede zumutbare Arbeit anzunehmen und „Ein-
Euro-Jobs“ auszuführen. |