Nach dem Schock - Krise und Prekarisierung
Sarah Schilliger und David S.
aus Debatte Nummer 1 - Mai 2007
Welche Auswirkungen hat die Finanzkrise auf die Arbeitswelt?
Diese Frage stand im Zentrum einer von attac organisierten Diskussionsveranstaltung mit Klaus Dörre, die am 3. Februar 2009 an der Universität Basel stattfand.

Soziale Unsicherheit ist nicht erst seit dem Kollaps der Finanzmärkte zu einer Massenerfahrung geworden. Unsichere Arbeits- und Lebensverhältnisse haben sich als Folge eines funktionierenden Finanzmarkt-kapitalismus auch in Kontinentaleuropa wieder verstärkt ausgebreitet – so lautete die These des Arbeits-soziologen Klaus Dörre, Professor für Soziologie in Jena. Die Prekarisierung breiter Teile der Bevölkerung ist als direkte Folge des Finanzmarktkapitalismus zu verstehen1.

Diese Kreidezeichnung aus dem Jahre 1924 der in Königsberg geborenen Künstlerin Käthe Kollwitz trägt den passenden Namen „Arbeitslos“.


Kapitalistische Landnahme

Dörre zeichnete die Entwicklung sogenannter kapitalistischer Landnahmen seit der von Marx als „ursprüngliche Akkumulation“ beschriebenen Phase der Herausbildung kapitalistischer Produktionsweise nach2. Um ständig neue gesellschaftliche Bereiche der Logik des Profites unterwerfen zu können, braucht der Kapitalismus demnach ein „Aussen“, also nicht direkt nach kapitalistischen Prinzipien organisierte Bereiche. Derzeit stellen die Sozialwerke sowie das Bildungs- und Gesundheitswesen ein solches „Aussen“ dar und fallen somit mittels Privatisierung und Restrukturierung der kapitalistischen Landnahme zum Opfer.

Der Finanzmarktkapitalismus

In den 70er Jahren wurde die Landnahme fordistischer Prägung allmählich durch die finanzkapitalistische Landnahme abgelöst3. Ursache für das Aufkommen des modernen Finanzmarktkapitalismus war (und ist) eine chronische Überliquidität von Investoren jeglicher Art (Banken, Versicherungen, Einzelpersonen, Staaten). Auf Grund der Einführung privater Rentenversicher-ungen (Pensionskassen), der ständigen Rückzahlungen der massiv verschuldeten Länder der sogenannten dritten Welt sowie der starken Ungleichverteilung von Kapital, verfügte das globale Finanzkapital über horrende Summen an Geld, welches investiert werden musste. All diese Tendenzen bewirkten ein Auseinanderdriften von Finanz- und Realwirtschaft. Um den Bedürfnissen des Finanzkapitals entgegenzu-kommen, fanden zahlreiche Angriffe auf die Lohnabhängigen statt. Die Privatisierungen staatlicher Unternehmen, der Sozialabbau sowie die Schwächung der ArbeiterInnenrechte leiteten eine neue Form der Prekarität ein. Waren im Kapitalismus fordistischer Prägung insbesondere Frauen, MigrantInnen und formal weniger Qualifizierte von Prekarität betroffen, verschiebt sich die Betroffenheit von unsicheren Arbeitsverhältnissen vom „Rand“ in die „Mitte“ der Gesellschaft. Nicht mehr nur in erster Linie Randgruppen, sondern breite Teile der Bevölkerung geraten in unsichere Arbeitsverhältnisse. Die soziale Mobilität nach oben ist rückläufig, während der Fall nach unten zunehmend wahrscheinlicher wird. Das finanzkapitalistische Regime macht Methoden der Gewinnsteigerung wieder attraktiv, die, wie es Marx genannt hätte, auf der Produktion von absolutem Mehrwert, sprich: auf der Verlängerung von Arbeitszeiten, auf Lohnkürzungen sowie der Verschlechterung der Arbeitsbedingungen beruhen. Unternehmen versuchen, Extraprofite aus der Flexibilisierung und Prekarisierung der Arbeit zu ziehen. Auch der Staat agiert in dieser finanzkapitalistischen Wettbewerbslogik, indem er fleissig privatisiert und sich nach Prinzipien des New Public Managements4 restrukturiert.

Bumerang zurück auf das Zentrum

Nach Klaus Dörre lassen sich heute drei Strukturformen von Prekarität identifizieren: Am unteren Ende der sozialen Hierarchie befinden sich jene, die Marx schon als „Überzählige“ der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft bezeichnet hat – Erwerbsarbeits-lose, Sozialhilfe- und IVEmpfängerInnen. Von den „Überzähligen“ lassen sich die eigentlichen PrekarierInnen abgrenzen – LeiharbeiterInnen, Beschäftigte in niedrig entlohnten und gesellschaftlich gering angesehenen Sektoren. Mit voller Wucht treffe die Prekarisierung einmal mehr (oft von Frauen ausgeführte) Tätigkeiten wie personenbezogene Dienstleistungen im Pflegebereich, der Gastronomie, Hotelgewerbe oder auch arbeitsintensive HelferInnen-tätigkeiten. Betroffen sind aber auch die expandierenden Segmente „immaterieller“ Arbeit (Kulturindustrie, Medienbereich, Non-Profit-Sektor, Weiterbildung...) – hier ist die Grenze zwischen kreativer und prekärer Arbeit fliessend geworden. Eine dritte, eher versteckte Ausprägung von Prekarität existiert nach Klaus Dörre in der formal immer noch sicheren Beschäftigung, wo Reallohnverlust und Angst vor Arbeitsplatz- und Statusverlust relevante Teile der Lohnabhängigen umtreiben. Prekarität wirkt so wie ein Bumerang auf die Gesicherten und Festangestellten zurück und hat einen Disziplinierungseffekt zur Folge, der „gefügige Arbeitskräfte“ produziert.

Call-Center-AgentInnen sind besonders oft von prekären Arbeitsverhältnissen betroffen.

Protest oder Resignation?

Im Kontext der aktuellen Krise tragen prekär Beschäftigte das grösste Beschäftigungsrisiko – wie Dörre am Beispiel der Leiharbeiter verdeutlichte. Bezüglich Widerstand gegen die Prekarisierung zeigte sich Klaus Dörre ambivalent: Wer von der ständigen Sorge um die Bewältigung des nächsten Tages angetrieben wird, verliert allmählich die Energie, die notwendig wäre, um sich politisch zu engagieren. Andererseits sieht er im Gefolge der Finanzkrise durchaus Spielräume für eine „Politik der Entprekarisierung“. So werde beispielsweise Hartz IV5 in Deutschland zunehmend ad absurdum geführt, wenn binnen kürzester Zeit für marode Banken zig-Milliarden Euro aufgebracht werden können, während für Erwerbslose und Sozialhilfeabhängige nur leere Kassen vorgewiesen werden.

Weder Fehllenkung noch Unausgewogenheit des modernen Finanzmarktkapitalismus noch individuelles Fehlverhalten sind die Ursache der aktuellen Krise und der Zunahme von Prekarität. Nicht nur die Krise selbst, sondern auch die Art und Weise, wie die herrschende Klasse darauf reagiert, machen deutlich, dass das System versagt hat. Die Milliardenunterstützung des Finanzkapitals verhindern eine „Bereinigung“ des Systems und befördern eine erneute Blase im Finanzsektor. Die aktuelle Krise ist das Ergebnis eines funktionierenden Kapitalismus, den es insgesamt in Frage zu stellen gilt. Die Forderung nach wirklich demokratischen Strukturen innerhalb der Wirtschaft und nach einem Ende der Planwirtschaft im Dienste der Rendite bleibt weiter aktuell.

1 Prekarisierung: von prekär = „unsicher,
widerruflich, schwierig“, bezeichnet die Zu-
nahme von Beschäftigungsverhältnissen mit
geringer Arbeitsplatzsicherheit, niedrigem
Lohn (working poor), Temporär-Arbeit, be-
fristeten Verträgen und inexistentem Kündi-
gungsschutz.

2 „Ursprüngliche Akkumulation“ nennt Marx
den Prozess der Enteignung von gemein-
schaftlich bearbeitetem Grund und Boden,
d.h. „die Momente, worin grosse Menschen-
massen plötzlich und gewaltsam von ihren
Subsistenzmitteln losgerissen und als vogel-
freie Proletarier auf den Arbeitsmarkt ge-
schleudert werden“ (Kapital Bd. 1, 24. Kapi-
tel). Die Scheidung der Produzenten von den
Produktionsmitteln sowie die Überführung
der Produktionsmittel in Privateigentum leg-
ten den Grundstein für die Kapitalakkumulati-
on und sorgten damit für die Entstehung der
Klassengesellschaft.

3 Als Fordismus bezeichnet man ein in der
Nachkriegszeit etabliertes Gesellschaftsmo-
dell, das auf Massenproduktion/-konsum,
„Sozialpartnerschaft“ und einer staatlichen
Intervention im Wirtschafts-, Sozial- und Fi-
nanzbereich (Keynesianismus) beruht. Die
Entwicklungen des Sozialstaats werden als
institutionalisierten Klassenkompromiss zwi-
schen Kapital und Arbeit verstanden: die
ArbeiterInnen werden am Wohlstand beteiligt,
Frauen leisten die notwendige Reproduktions-
arbeit – durch beides steigt der Absatz und
die kapitalistische Akkumulation kann sich
fortsetzen.

4 New Public Management: Staatliche Öko-
nomisierungsstrategie, die öffentliche Ein-
richtungen (z.B. Gesundheits-/Bildungswesen)
nach betriebswirtschaftlichen Kriterien ratio-
nalisieren und privatisieren will, um öffentli-
che Ausgaben zu kürzen. Vgl. dazu zur
Schweiz: Alessandro Pelizzari (2001): Die
Ökonomisierung des Politischen, UVK.

5 Hartz IV: Im Zuge der am 1.1.2005 in Kraft
getretenen Arbeitsmarktreform wurde in
Deutschland das Arbeitslosengeld und die
Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II (ALG II)
zusammengefasst. ALG II-EmpfängerInnen
werden im Sinne einer „aktivierenden“ Ar-
beitsmarktpolitik („Workfare“) gezwungen,
jede zumutbare Arbeit anzunehmen und „Ein-
Euro-Jobs“ auszuführen.