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In einem Artikel von 19962
stellst du die Wirtschaftswissenschaften grundsätzlich
in Frage...
Die
Wirtschaftswissenschaften vertreten eine verengte
Sicht des Umgangs mit natürlichen Ressourcen.
Es wird alles auf eine einzige Dimension reduziert,
auf Geld. Dabei werden nur die Beschaffungskosten
von Gütern berücksichtigt, nicht die
Kosten zur Wiederherstellung der natürlichen
Ressourcen oder der Böden, die verbraucht
werden. Schon aus diesem Grund ist das System
verurteilt zur destruktiven Vernutzung der Rohstoffe
in der Erdoberfläche, der Minerale, der Böden,
der Bodenfruchtbarkeit.
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| Umweltverschmutzung
durch eine Aluminiumfabrik neben einer Kleingartenanlage
in Argarsk, Russland. |
Hinzu
kommt das Problem, dass in der wirtschaftlichen
Rechnung der Wert überproportional zunimmt,
je weiter der Produktionsprozess fortgeschritten
ist und je näher die Endphasen von Vermarktung
und Verkauf kommen. Gegenüber den ersten
Produktionsphasen der Extraktion und Verarbeitung
von Rohstoffen eignen sich die Endphasen den Löwenanteil
der Wertschöpfung an. Sobald die einen für
die Lieferung von Rohstoffen und die anderen für
die Endphasen der Produktion zuständig sind,
entsteht eine starke soziale und territoriale
Polarisierung. So profitieren die Länder
Europas, die USA sowie Japan vom globalen Produktionsprozess,
obwohl ein Grossteil der Produktion im Süden
stattfindet.
Ein
weiterer skandalöser Umstand ist die Vorherrschaft
des Finanzsystems. Die Reichen erhalten dadurch
die Möglichkeit, die ganze Erde zu kaufen.
Es gibt weitere institutionelle Aspekte, wie die
sehr ungleiche Verteilung von Eigentum und die
Vorherrschaft des bürgerlichen Eigentums,
die eine zentrale Rolle im System spielen.
Wollen
wir diese beschränkte, rein wirtschaftliche
Sicht verstehen, so müssen wir uns daran
erinnern, dass es sich um eine im 18. Jh. entstandene
Vorstellung handelt, die also noch nicht weit
zurückreicht. Davor waren Wirtschaftswissenschaften
keine selbständige Disziplin. Preise, Geld
und Geschäfte wurden nur in den Lehrbüchern
der Beichtväter behandelt, oder in den Memoranden
zuhanden des Königs. Diese Grössen waren
also nur im Zusammenhang mit Moral oder Macht
relevant. Denn damals war man nicht der Meinung,
dass die Menschen überhaupt etwas hervorbringen
könnten, im Sinne der Produktion von etwas
aus dem Nichts. Nur die Mutter Erde produzierte
mit ihren Zyklen. Eine Vorstellung von Kopernikus
ist aufschlussreich, die er teils von Aristoteles
übernahm: Die Erde empfängt durch die
Sonne und gebiert jedes Jahr die Ernte. Man glaubte
nicht, dass sich dieser Prozess unendlich steigern
könnte. Erst als dieser Gedanke von seiner
religiösen Bedeutung entkleidet wurde, nämlich
mit der Agronomie, entstand die Idee der Produktion.
Man pflanzt ein Korn und erhält eine Ähre
mit vielen Körnern. Der Prozess des Erschaffens
scheint ganz in der Mutter Erde zu liegen.
Da
entsteht die Wirtschaftswissenschaft mit dieser
Idee von Produktion. Das Ziel der im 18. Jahrhundert
entstehenden Ökonomie war für François
Quesnay, den führenden Kopf der Physiokraten3,
den nachwachsenden Reichtum zu erhöhen ohne
die zu Grunde liegenden Güter zu beeinträchtigen.
Mit dieser Idee von Produktion entsteht der Wachstumsmythos,
denn davor dachte man weder in Begriffen der Produktion
noch des Wachstums. Doch dieser Mythos blieb zuerst
gebunden an die Fruchtbarkeit und die Grenzen
von Mutter Erde. Später allerdings, im 19.
Jahrhundert mit den Neoklassikern4, erfolgt
ein Paradigmenwechsel, der die Wirtschaftswissenschaften
von der physischen Welt trennt. Damit war der
Glaube an die Möglichkeit des unbegrenzten
Wachstums – unabhängig von den natürlichen
Gegebenheiten der Erde – geboren. Die klassischen
Ökonomen, zum Beispiel Ricardo5,
berücksichtigten hingegen die Erde noch als
einen begrenzenden Faktor. Was zu Beginn ein von
der Landwirtschaft inspirierter Begriff war, das
physische Wachstum des Produkts, wird als Metapher
verwendet und auf andere wirtschaftliche Tätigkeitsfelder
angewendet, womit den Leuten vorgegaukelt wird,
hier finde tatsächlich eine „Produktion“
statt. Aber was man „Produktion“ von
Erdöl nennt, oder von Mineralien, ist nichts
weiter als deren Entnahme aus der Erdoberfläche.
Der Begriff der Produktion dient als Fassade,
damit nicht sichtbar wird, was die industrielle
Zivilisation wirklich tut. Es wird unsichtbar
gemacht, dass diese Zivilisation sich als erste
in der Menschheitsgeschichte von der Photosynthese
und den mit ihr verbundenen wiederholbaren Kreisläufen
gelöst hat.
Die
Metapher der Produktion erlebt ihren Höhenflug,
als die industrielle Produktion in grossem Ausmass
natürliche Ressourcen der Erdoberfläche
zu entnehmen beginnt und alle Stoffkreisläufe
durch die Nutzung der fossilen Brennstoffe beschleunigt.
Diese Zivilisation beruht auf der Entnahme und
Abnutzung von Ressourcen, die sich dann zwangsläufig
in Abfälle verwandeln, denn die Stoff- und
Energiekreisläufe werden nicht mehr geschlossen.
Ganz im Gegensatz dazu funktioniert die Biosphäre
so, dass alles später wieder gebraucht wird,
indem die Abfälle wieder zu Ressourcen werden,
vom Wasserkreislauf bis zu jenem des Kohlenstoffs.
Wasser verdampft und kommt durch Niederschläge
von neuem ins System hinein, so dass sich der
Kreis schliesst.
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| Umwelt-
und Waldzerstörung um Puerto Quito, Ecuador |
Deshalb
habe ich die Physiokraten kurz erwähnt. Ihre
Sichtweise war mit einem Glauben an natürliches
Wachstum verbunden, denn sie sahen, dass in der
Landwirtschaft ein Produkt heranwächst. Mirabeau6
sagte, die Landwirtschaft sei wie eine göttliche
Manufaktur, weil der Mensch hier den Schöpfer
aller Dinge als Verbündeten habe, d.h. Gott.
Und deshalb entstehen da auch Dinge. Was Quesnay
„produzieren“ nannte, ist nicht etwas
mit Gewinn zu verkaufen. Er sprach von Produktion
im Sinne des „nachwachsenden Reichtums“.
Die spätere Entwicklung hat die Wirtschaftswissenschaften
von dieser Vorstellung der Erde völlig getrennt.
Ausserdem musste man feststellen, dass die Erde
nicht wächst. Als die Wirtschaftswissenschaft
im 18. Jahrhundert entstand, war der alchemistische
Glaube noch verbreitet, dass die Mineralstoffe
in der Erde wachsen und die Erde selbst sich deshalb
grenzenlos ausdehnt, dass die Kontinente wachsen.
Es ging darum, dieses allgemeine Wachstum zu verwalten.
Diese Sicht entsprach der organizistischen Weltvorstellung7,
dass alles wachsen könne. Doch bereits am
Ende des 18. Jahrhunderts bricht diese Idee zusammen,
als die moderne Chemie entsteht: „Nichts
entsteht neu, nichts geht verloren“, nach
der Formel von Lavoisier8. Nun beginnt
man die Erde genau entlang der Meridiane zu vermessen,
man führt die grossen Forschungsexpeditionen
durch und stellt fest, dass die Erde nicht wächst.
Dennoch
vertritt eineMinderheit von „Experten“,
die Unterstützung im Erdölbusiness geniesst,
heute die Idee, rein mineralische Prozesse in
tieferen Schichten würden kontinuierlich
Erdöl produzieren.
In
Wirklichkeit ist Erdöl das Produkt einer
Photosynthese aus einer weit zurückliegenden
Vergangenheit. Es handelt sich um kleinste pflanzliche
und tierische Meeresfossile, die mehrere Millionen
Jahre alt sind. Man weiss ganz genau, dass die
Geschwindigkeit, mit der das Erdöl in etwas
mehr als einem Jahrhundert der Erdoberfläche
entnommen wird, mit seiner geologischen Entstehungszeit
überhaupt nichts zu tun hat. Am Ende des
18. Jahrhunderts hat ein Bruch mit dem Glauben
an ein grenzenloses natürliches Wachstum
stattgefunden. Aber dieser Glaube ist in der vorherrschenden
Wirtschaftstheorie bestehen geblieben, obwohl
die Naturwissenschaften längst aufgezeigt
haben, dass er jeder wissenschaftlichen Grundlage
entbehrt.
Die
heutigen neoklassischen Ökonomen sind stets
optimistisch. Sie werden dir sagen, dass du nostalgisch
der Vergangenheit anhängst, dass die Wissenschaft
immer neue Wege findet, um die Produktivität
zu steigern, und man eines Tages gesteuert über
Preismechanismen das Erdöl aufgeben und sich
der Sonnen- oder Atomenergie zuwenden wird…
Ja
genau, mit der neoklassischen Lehre löst
sich der Begriff des Wirtschaftssystems ganz von
der physischen Welt. Auf der Basis eines völlig
blinden technologischen Optimismus wird behauptet,
alle natürlichen Ressourcen könnten
endlos und ohne Zusatzkosten ersetzt werden. Man
geht immer davon aus, es könnte etwas erfunden
werden, aber das ändert nichts an dem, was
ich gesagt habe. Mit Antonio Valero und unseren
Mitarbeitern9 haben wir die Methoden
entwickelt um zu zeigen, dass man jedes Mal mit
einer verschlechterten Ressourcengrundlage weiter
arbeiten muss. Denn da man immer zuerst die besten
Minen oder Felder ausschöpft, muss man später
zu schlechteren Vorkommen gehen, bei denen mehr
Gestein und Schutt ausgehoben werden muss, um
weniger von den gesuchten Mineralien zu kriegen.
Nur schon unter diesem Aspekt der Ressourcenvorkommen
muss sich die Erdoberfläche deshalb zwangsläufig
verschlechtern.
Hinzu kommen alle weiteren Schäden durch
die Umweltverschmutzung und die Zerstörung
der Ökosysteme. Beim Wasser zum Beispiel
werden nicht nur die Quellen teilweise bis zur
Erschöpfung übernutzt, sondern wir geben
der Natur das Wasser verschmutzt zurück.
Mit Valero haben wir die Schätzung aufgestellt,
dass die Gesamtmenge des weltweit genutzten Wassers
annähernd der Hälfte der gesamten zugänglichen
Wasserflüsse entspricht. Man kann erfinden,
was man will, aber es ist klar, dass wir auf dem
Weg einer kontinuierlichen Abnutzung des Ressourcenvorrats
des Planeten bleiben. Man muss schon einen total
blinden Glauben haben um zu denken, es sei möglich,
immer so weiter zu machen. Denn der Kern des Problems
liegt natürlich darin, dass die Erde –
von Meteoriten-abstürzen einmal abgesehen
– ein stofflich geschlossenes System ist.
Dieser
technologische Optimismus ist deshalb mit dem
Leben nicht vereinbar. Das zweite Gesetz der Thermodynamik
lässt sich nicht umgehen.10 Im Kern
sagt dieses Gesetz aus, dass verbrauchte oder
zerstreute Energie kein zweites Mal für dieselbe
Arbeit zur Verfügung steht, und dass der
Verbrauch von Rohstoffen diese dauerhaft zerstreut.
Das Leben auf der Erde existiert, weil es jeden
Tag von der Sonnenenergie und abgeleiteten Phänomenen
wie dem Kreislauf des Wassers, des Kohlenstoffs
oder der Atmosphäre profitiert. Wenn wir
hier also ein System am leben halten wollen, werden
wir dem Modell der Biosphäre folgen müssen
und nicht demjenigen der industriellen Zivilisation.
Dieses Modell könnte nur funktionieren, wenn
die Menschheit ein lächerlich kleines Gewicht
auf diesem Planeten hätte. In diesem Fall
könnten wir diese Überlegungen bei Seite
lassen und so tun, wie wenn die Ressourcen unbegrenzt
wären und die Müllhalden ebenso.
Doch
wir haben mit Valero aufgezeigt, dass die Menschheit
Jahr für Jahr eine Stoffmenge bewegt, die
jeden geologischen Prozess bei weitem übertrifft.
Wenn man die Stoffkreisläufe in der Biosphäre
in den Blick nimmt, stellt man fest, dass alleine
der Welthandel jedes Jahr eine grössere Stoffmenge
in Bewegung setzt als das Schwemmland aller Flüsse
der Welt zusammengenommen. Es handelt sich um
eine Stoffmenge, die in etwa derjenigen des gesamten
Kohlenstoffkreislaufs entspricht. Die durch Entnahme
von Mineralien aus der Erdoberfläche verursachten
Erdbewegungen sind nochmals fünf oder sechs
Mal grösser, sie werden auf 100 Milliarden
Tonnen geschätzt. Es wird also deutlich,
dass die Menschheit auf den Planeten einen entscheidenden
Einfluss hat, der in den letzten 60 Jahren sehr
stark zugenommen hat. Die Idee eines von den natürlichen
Grenzen unabhängigen Wirtschaftswachstums
ist völlig aus der Luft gegriffen, wie auch
die angebliche „Entmaterialisierung“
der Wirtschaft, von der so oft gesprochen wird.
Einige
Klimaspezialisten warnen, die Erderwärmung
könnte sich rascher zuspitzen als angenommen.
Hat der Kapitalismus am Beginn des 21. Jahrhunderts
einen qualitativen Sprung beim Raubzug an der
Natur gemacht?
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| Entgegen
der weitverbreiteten Meinung, Atomkraft sei
- abgesehen von ihrer Radioaktivität
- umweltfreundlich, ist unter anderem der
Abbau von Uran mit einem hohen Treibhausgasausschuss
verbunden. |
Eindeutig
von neuer Qualität ist das Gewicht dieses
globalisierten Stoffwechsels. In unserem Buch
haben wir Statistiken veröffentlicht, wie
viele Tonnen der wichtigsten Mineralstoffe der
Erde entnommen wurden. In den meisten Fällen
hat sich der Anstieg ab den 1950er Jahren beschleunigt.
Dasselbe gilt für die Statistiken des Welthandels.
Zur Zeit des Kolonialismus war die durch den Welthandel
bewegte Stoffmenge im Vergleich dazu sehr klein.
Margalef11 hat festgehalten, dass die
Umweltverschmutzung stark mit dem horizontalen
Transport verbunden ist, während die Biosphäre
eher den vertikalen Transport pflegt. Früher
war die Umweltverschmutzung ein lokales Problem.
Als der Kapitalismus im industriellen England
entstanden ist, blieb die Verschmutzung auf diese
Orte beschränkt. Aber inzwischen hat sich
der Stoffwechsel mit der Erdoberfläche globalisiert,
die Verschmutzung ebenfalls. Sogar in den Pinguinen
der Antarktis sind Spuren von DDT12 zu
finden. Ich glaube, dass die Sorge um das Klima
dazu führt, dass die Alltagsprobleme aus
dem Blick geraten. In den traditionellen Handbüchern
der Ökologie stellte man das Dreieck Boden,
Klima und Vegetation dar und ging davon aus, dass
das Klima davon abhängt, wie die Menschheit
mit dem Boden und der Vegetation umgeht. Seit
den 1980er Jahren wird die ganze Aufmerksamkeit
den Auswirkungen der menschlichen Eingriffe auf
das Klima gelenkt, die sich nur mit enormem Aufwand
genau messen lassen, während man die Augen
vor den Auswirkungen auf den Boden und die Vegetation
schliesst, die viel einfacher zu messen sind.
Stellen wir uns vor, wie stark die Menschheit
auf den Boden und die Vegetation eingewirkt haben
muss, um sogar das Klima verändert zu haben.
Es besteht ein Missverhältnis bei der Sorge
um den Klimawandel, bei dem es sich letztlich
um die Folge der alltäglichen Eingriffe in
den Boden und die Vegetation handelt, die eindeutig
die gesamte Fläche und die Biosphäre
des Planeten treffen.
Teilweise
aus diesem Grund habe ich 2003 in Lanzarote auf
den Kanarischen Inseln eine Konferenz über
die „Auswirkungen der Menschheit auf das
Gesicht der Erde, 1955-2005“ organisiert13,
zum 50. Jahrestag des bemerkenswerten Symposiums
in Princeton14, dem leider in der zweiten Hälfte
des 20. Jahrhunderts nichts Gleichwertiges folgte.
Man wird das Klimaproblem nicht lösen können,
ohne das allgemeine Problem anzugehen. Mir ist
klar, dass die ganze Sorge um das Klima von den
reichen Ländern her kommt, weil sie den Verbrauch
der gesamten Ressourcen der Welt auf sich ziehen
und die Verschmutzung bei ihnen anfällt.
Aber
alle Klimaprognosen sagen, dass die armen Länder
am meisten unter der Erwärmung leiden werden.
Wer
geografisch gesehen unter der Klimaveränderung
leidet, das ist nochmals eine Frage für sich.
Auf jeder Weltkarte, auf der die Stofftransporte
in Tonnen aufgezeichnet sind, sehen wir aber Folgendes:
Alle wichtigen Linien kommen in Europa, den USA
und Japan zusammen. Eines Tages werden wir für
mehr Gerechtigkeit und Respekt bei der Nutzung
der natürlichen Ressourcen des Planeten sorgen
müssen. Dieser Punkt wird weitgehend verschwiegen.
Es ist nicht mehr wie zu Beginn des Kapitalismus
mit Kohle und Eisen, zwei Rohstoffen, die auf
der Erdoberfläche sehr gut verteilt sind.
Im 19. Jahrhundert wurde kein Erdöl aus Tausenden
Kilometern Entfernung nach Westeuropa transportiert.
Als Kohle und Eisen die wichtigsten Rohstoffe
waren, wurden sie vor allem in den Industrieländern
selbst abgebaut.
Heute
ist es nicht mehr so. Die drei Gruppen von reichen
Ländern sind physisch sehr stark vom Resten
des Planeten abhängig, weil die Nachfrage
nach Rohstoffen enorm angestiegen ist und sich
auf Stoffe verlagert hatte, die geografisch sehr
ungleich verteilt sind, wie Erdöl und Erdgas,
aber auch Bauxit, Kupfer, Nickel, Platin oder
tropische Hölzer.
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| Ölsand-Abbau
in Kanada: gigantische Umweltschäden. |
Alle
verfügbaren Daten zeigen, dass es funktioniert,
weil es nur wenige solche reiche Länder gibt.
Wenn man es in Tonnen pro Person berechnet, zeigt
sich, dass in den reichen Ländern (16 Prozent
der Weltbevölkerung) der Rohstoffverbrauch
etwa zehn Mal höher ist als im Rest der Welt.
Im Weltmassstab könnte dieses verschwenderische
System nicht funktionieren.
| Natur
als Ware und Kapital
Die Neoklassische Wirtschaftstheorie
hat auf die ökologische Kritik
reagiert: Sie behandelt nun alle natürlichen
Ressourcen als Waren und die Erde
als Kapital, das zu erhalten sei.
Ein Pionier war der Wirtschaftsnobelpreisträger
von 1987, Robert M. Solow, etwa mit
seinem Aufsatz über "Nachhaltigkeit
aus der Sicht eines Ökonomen"
im Sammelband von Dorfman, Economics
of the Environment (New York, Norton,
1991). Doch das von José M.
Naredo angesprochene Grundsatzproblem
der Eindimensionalität der Wirtschaftswissenschaften,
die alles auf die Dimension des Geldes
reduzieren, wir damit in keiner Weise
gelöst. So steigt der Wert eines
Grundstücks, wenn in der Nähe
eine Autobahn gebaut wird, und derjenige
eines Waldes, wenn er wirtschaftlich
genutzt wird (Abholzen, Tourismus,
oder was auch immer): In beiden Fällen
wächst das "Naturkapital",
weil es nun mehr Gewinn verspricht,
zum Preis einer Verschlechterung der
natürlichen Ressourcen und Ökosysteme.
Die Vermarktung der Natur schreitet
so Hand in Hand voran mit der "grünen"
Weiterentwicklung einer Wirtschaftstheorie
im Dienste des Kapitals. Genau so
ist es eine Illusion zu glauben, durch
den Handel mit Emissionsrechten lasse
sich das Klimaproblem lösen,
hinter dem sich die Zerstörung
von Boden und Vegetation versteckt.
An den internationalen Klimakonferenzen
wird demnach über Massnahmen
verhandelt, die den tatsächlichen
Problemen überhaupt nicht angemessen
sind. (Red.) |
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1 José
Manuel Naredo (geb. 1942) ist Ökonom an der
Universität Complutense von
Madrid. Dieses Interview, von dem wir hier nur
den ersten Teil wiedergeben, wurde
veröffentlicht in der Revue La Brèche/
Carré Rouge, Nr. 2, 2008, S. 60-69.
Die Fragen stellte Robert Lochhead.
2 Der Aufsatz über Ursprung, Verwendung und
Inhalt des Begriffs „nachhaltig“
erschien in der Zeitschrift Documentacion Social
Nr. 102, 1996
(auf französisch in LaBrèche/Carré
Rouge, 2, 2008).
3 Die Physiokraten gelten als erste Schule der
modernen Wirtschaftswissenschaften.
Sie entwickelten ihre Ideen im 18. Jh. in kritischer
Auseinandersetzung mit der Wirtschaftspolitik
des französischen Königshofs (Merkantilismus)
und waren von den Denkern der Aufklärung
beeinflusst.
4 Die neoklassische Wirtschaftstheorie löste
ab der zweiten Hälfte des 19. Jh. die Klassiker
(Smith, Ricardo, Say) als vorherrschende Theorieströmung
ab. Auch heute kann von einer
Dominanz der neoklassischen Ökonomie gesprochen
werden (nachdem einige Jahrzehnte
lang Keynes und seine Anhänger sehr einflussreich
waren). Die Neoklassik verabschiedet
sich von der Idee, der gesellschaftliche Reichtum
werde durch Arbeit produziert. Sie interessiert
sich mehr für den Markt als für die
Produktion. Die klassische Arbeitswertlehre wurde
ersetzt durch die Grenznutzentheorie. Ein wichtiger
Vertreter war Léon Walras (1834- 1910).
5 David Ricardo (1772-1823), britischer Ökonom,
der 1817 das Buch „Über die Grundsätze
der Politischen Ökonomie und der Besteuerung“
veröffentlichte.
6 Victor Riqueti, der Marquis von Mirabeau (1715-1789),
Vater von Honoré Gabriel, Mitarbeiter
von Quesnay, Autor von „La philosophie rurale“.
7 Eine Vorstellung der Welt als lebender Organismus,
der wie andere lebende Körper wächst.
8 Antoine Laurent de Lavoisier (1743-1794), Begründer
der modernen Chemie.
9 José Manuel Naredo und Antonio Valero:
« Desarollo economico y deterioro
ecologico », Visor Distribuciones y Fundacion
Argentaria, Madrid 1999.
10 Die Thermodynamik, auch Wärmelehre genannt,
ist die Wissenschaft von der Energie.
Ihr zweiter Hauptsatz hält fest, dass thermische
Energie nicht in beliebigem Masse in andere
Energiearten umgewandelt werden kann.
11 Ramon Margalef (1919-2004), Professor für
Limnologie und Ökologie an der Universität
Barcelona und Verfasser zahlreicher einflussreicher
Publikationen zum Thema.
12 Chemisches Pflanzenschutzmittel, das ab dem
Zweiten Weltkrieg von der Basler Firma
Geigy vertrieben und ab den 1970er Jahren in den
meisten Industrieländern verboten wurde
(vgl. den Artikel über Clariant in dieser
Nummer).
13 José Manuel Naredo, Luis Gutiérrez
(Hg.), La incidencia de la especie humana sobre
la
faz de la tierra (1955-2005), Universidad de Granada,
Fundacion César Manrique, 2005.
14 William L. Thomas (Hg.), Man's role in changing
the face of the Earth, University of
Chicago Press, 1956.
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