|
Die
Weigerung der Bevölkerung, den Schlagstock
zu küssen oder zu ignorieren, mit dem sie
seit vielen Jahrzehnten gezüchtigt wurde,
hat ein neues Kapitel in der Geschichte der arabischen
Nation eröffnet. Die absurde, aber viel gerühmte
neokonservative Vorstellung, Araber_innen und
Muslime stünden der Demokratie feindlich
gegenüber, hat sich in Luft ausgelöst.
Diejenigen,
die solche Vorstellungen verbreitet haben, sehen
nun am meisten unglücklich aus: Israel und
seine Lobbyisten in Europa und Amerika; die Rüstungsindustrie,
die hastig versucht, noch so viel wie möglich
zu verkaufen (wobei der britische Premierminister
als Todeshändler an der Waffenmesse in Abu
Dhabi auftritt); und die mitgenommenen Herrscher
Saudi-Arabiens, die sich fragen, ob diese Krankheit
nun auch ihr tyrannisches Königreich heimsuchen
wird. Sie haben schon manchem Diktator Asyl angeboten.
1 Aber wo soll die eigene Königsfamilie
Zuflucht finden, wenn ihre Stunde geschlagen hat?
Es ist ihnen wohl klar geworden, dass ihre [westlichen]
Schutzherren sie ohne Zeremonie fallen lassen
und behaupten würden, sie seien schon immer
für Demokratie gewesen.
Ein
Vergleich mit Europa
Wenn
ein Vergleich mit Europa gemacht werden kann,
dann ist es 1848.2 Damals liessen die
revolutionären Aufstände nur England
und Spanien unbehelligt – auch wenn Königin
Victoria im Gedanken an die Chartisten3
das Schlimmste befürchtete. In einem Schreiben
an ihren bedrängten Neffen auf dem belgischen
Thron drückte sie Sympathie aus und fragte
sich, ob «wir alle in unseren Betten ermordet
werden». Unwohl fühlte sich der Kopf,
der eine Krone oder Edelsteine trägt und
sein Vermögen in ausländischen Banken
hat.
Wie
die Europäer_innen 1848 kämpfen die
Araber_innen gegen Fremdherrschaft (82 Prozent
der Bevölkerung Ägyptens haben laut
einer kürzlich veröffentlichten Umfragen
«ein negatives Bild der USA»); gegen
die Verletzung ihrer demokratischen Rechte; gegen
eine Elite, die durch ihren illegitimen Wohlstand
geblendet wird – und für wirtschaftliche
Gerechtigkeit. Das ist der Unterschied zur ersten
Welle des arabischen Nationalismus, die sich vor
allem darauf konzentrierte, die Überreste
des britischen Empire aus der Region zu vertreiben.
Unter Nasser4 haben die Ägypter_innen
den Suez- Kanal verstaatlicht und eine Invasion
durch Grossbritannien, Frankreich und Israel erlebt;
aber dafür fehlte die Erlaubnis von Washington,
und deshalb mussten die drei ihre Truppen zurückziehen.
1.
Welle des arabischen Nationalismus
Kairo
jubelte. Die pro-britische Monarchie im Irak wurde
1958 durch eine Revolution gestürzt, in Damaskus
kamen fortschrittliche Kräfte an die Macht,
ein saudischer Prinz versuchte eine Palastrevolution
und fand danach in Kairo Asyl, bewaffnete Kämpfe
brachen in Oman und Jemen aus und es wurde viel
über eine arabische Nation mit drei Hauptstädten
gesprochen. Nebenbei kam es zu einem komischen
Staatsstreich in Libyen, durch den ein junger,
halb gebildeter Offizier – M. Ghadhafi –
an die Macht kam. Seine saudischen Feinde haben
stets behauptet, diesen Streich hätten britische
Geheimdienste geplant. Genau so wie der, durch
den Idi Amin5 in Uganda an die Macht
gelangte. Ghadhafis Nationalismus, Modernismus
und Radikalismus waren reine Show, wie seine gespenstischen
Science-Fiction- Kurzgeschichten.
Was
er ankündigte, kam nie bei der Bevölkerung
an. Trotz des Ölreichtums verweigerte er
den Libyer_innen Bildung, ein Gesundheitssystem
oder günstige Wohnungen. Stattdessen verschwendete
er Geld für absurde Projekte im Ausland –
zum Beispiel die Entführung eines britischen
Flugzeugs mit sozialistischen und kommunistischen
sudanesischen Oppositionellen an Bord, die er
dem Diktator Gaafar Nimeiry6 zum Erhängen
aushändigte. Damit wurden die Chancen auf
grundlegenden Wandel im Sudan zerstört, mit
katastrophalen Folgen, die wir heute Tag für
Tag sehen können. Im eigenen Land unterhielt
er eine rigide Clan-Struktur und dachte, er könne
die Stämme nach Belieben gegeneinander ausspielen
und kaufen, um an der Macht zu bleiben. Aber das
Spiel ist aus.
Israels
Blitzkrieg von 1967 versetzte dem arabischen Nationalismus
den Todesstoss. Interne Konflikte in Syrien und
Irak führten zum Sieg rechter Baathisten7,
die von Washington unterstützt wurden. Nach
Nassers Tod und dem Pyrrhussieg seines Nachfolgers
Sadat gegen Israel von 1973 entschieden sich die
ägyptischen Militärs dafür, den
Schaden zu begrenzen, einen Pakt mit Tel Aviv
zu unterschreiben und dafür jährliche
Milliardenbeiträge aus den USA einzustreichen.
Im Gegenzug wurde ihr Diktator [Mubarak] in Europa
und Amerika als Staatsmann gewürdigt, genau
wie Saddam Hussein lange Zeit. Hätten sie
doch nur die irakische Bevölkerung ihren
Diktator selbst stürzen lassen, statt einen
zerstörerischen Krieg mit anschliessender
Besetzung zu führen, der eine Million Tote
und fünf Millionen Waisenkinder hinterlässt.
Angekratzte
US-Hegemonie
Die
arabischen Revolutionen [von heute] wurden durch
die Wirtschaftskrise ausgelöst und haben
Massenbewegungen erzeugt. Aber nicht alle Aspekte
des Alltagslebens wurden in Frage gestellt. Soziale,
politische und religiöse Rechte sind in Tunesien
zum Gegenstand leidenschaftlicher Auseinandersetzungen
geworden, anderswo noch nicht. Es sind keine neuen
politischen Parteien entstanden. Die kommenden
Wahlkämpfe werden in erster Linie zwischen
arabischem Liberalismus und Konservatismus ausgetragen.
Konservative Kräfte wie die Muslimbrüder
orientieren sich an den Islamisten, die in der
Türkei regieren, und wollen sich mit den
USA arrangieren.
Die
amerikanische Hegemonie in der Region ist angekratzt,
aber nicht zerstört. Die Regimes nach den
Diktatoren werden wahrscheinlich unabhängiger
sein, mit einem frischen und subversiven demokratischen
System und hoffentlich mit neuen Verfassungen,
die soziale und politische Bedürfnisse schützen.
Doch die Militärs in Ägypten und Tunesien
werden dafür sorgen, dass nichts Unbedachtes
geschieht. Grosse Sorgen machen sich Europa und
die USA über Bahrain. Wenn dessen Herrscher
stürzt, wird es schwierig, einen demokratischen
Aufstand in Saudi-Arabien zu verhindern. Kann
Washington das zulassen? Oder wird es militärisch
eingreifen, um die wahhabitischen8 Kleptokraten
an der Macht zu halten?
Der
Dichter und das Volk
Vor
einiger Zeit hat der grosse irakische Dichter
Mudhafar Al-Nawab aus Ärger über ein
Treffen von Diktatoren, welches als arabisches
Gipfeltreffen bezeichnet wurde, seine Zurückhaltung
aufgegeben9:
… Mubarik, Mubarik,
Wohlstand und gute Gesundheit
Fax die News der UNO.
Camp nach Camp und David,
Vater all deiner Camps.
Verdamme deine Väter
Du verfaulter Haufen;
Der Gestank eurer Körper strömt aus
den Nasenlöchern …
Oh du Mach-uns-glauben-Gipfel Anführer
Mögen eure Gesichter schwarz werden;
Hässlich sind eure schlaffen Bäuche
Hässlich eure fetten Ärsche
Warum überrascht es Dass eure
Gesichter beiden gleichen?
Gipfel… Gipfel… Gipfel
Ziegen und Schafe kommen zusammen,
Fürze im Einklang
Lass das Gipfeltreffen sein
Lass das Gipfeltreffen nicht sein
Lass das Gipfeltreffen entscheiden;
Ich spucke auf jeden Einzelnen von
euch Könige… Scheichs… Lakaien…
Was
auch sonst geschehen mag, die arabischen Gipfeltreffen
werden nicht mehr sein wie bisher. Die Bevölkerung
ist dem Dichter gefolgt.
* Der Schriftsteller
Tariq Ali ist pakistanischer Herkunft und lebt
in London. Dieser Artikel erschien am 22.2.2011
in der Zeitung The Guardian. Weitere Infos und
Texte auf http://tariqali.org/ 1 Als (vorläufig)
Letzter hat der aus Tunesien vertriebene Diktator
Ben Ali in Saudi-Arabien Zuflucht gefunden.
2 Die Jahreszahl
1848 steht für eine Welle liberal und/ oder
sozialistisch inspirierter Bewegungen und Aufstände
in verschiedenen Ländern Europas, an denen
sich (klein-) bürgerliche Kräfte ebenso
beteiligten wie Handwerker und Teile des Industrieproletariats.
Marx und Engels verfassten das Manifest der Kommunistischen
Partei im Hinblick auf diese kommende –
und in den meisten Ländern dann scheiternde
– Revolution.
3 Die chartistische
Bewegung kämpfte in England (ca. 1838-1850)
für soziale und politische Reformen. Sie
ist nach dem Manifest The People’s Charter
(1838) benannt und kann als erste Massenbewegung
der Arbeiterklasse auf der Welt betrachtet werden.
4 Gamal Abdel
Nasser Hussein (1918-1970), ägyptischer Präsident
von 1956 bis zu seinem Tod, Anführer der
Revolution von 1952 und Fürsprecher einer
geeinten arabischen Nation (Panarabismus).
5 Idi Amin
Dada (1925-2003) kam 1971 durch einen Staatsstreich
des Militärs an die Macht und war daraufhin
bis 1979 Ugandas Präsident. Nach dem Krieg
mit Tansania floh er nach Libyen, später
nach Saudi- Arabien.
6 Gaafar Muhammad
An-Nimeiry (1930-2009), sudanesischer Präsident
von 1969 bis 1985, durch Staatsstreich an die
Macht gekommen und gestürzt. Nach seinem
Sturz lebte er in Mubaraks Ägypten (1985-1999).
7 Der Baathismus
ist eine nicht religiöse panarabische Bewegung,
die in verschiedenen Ländern der arabischen
Welt verankert ist. Im Irak (bis zum Sturz Saddam
Husseins) und in Syrien sind Parteien aus dieser
Strömung zu eigentlichen Staatsparteien geworden.
8 Die Wahhabiten
sind Anhänger einer konservativen und dogmatischen
Richtung des sunnitischen Islams, die in Saudi-Arabien
Staatsreligion ist und zu der sich die Königsfamilie
bekennt. Das Land weist eine schiitische Minderheit
auf, die mit den Protesten der schiitischen Mehrheit
im kleinen Bahrain sympathisieren dürfte.
9 Bei der
ersten Zeile des Gedichts handelt es sich wohl
um ein Wortspiel: Mubarik kann aus dem Arabischen
mit «Wohltäter» übersetzt
werden und erinnert zugleich an den Namen des
ägyptischen Präsidenten Mubarak, der
an solchen Gipfeltreffen eine Schlüsselrolle
spielte. Die vierte Zeile bezieht sich auf Camp
David, die Ferienresidenz der US-Präsidenten,
wo 1979 der ägyptische Präsident Sadat
und der israelische Premier Begin den ersten israelisch-arabischen
Friedensvertrag aushandelten (Camp David I) und
2000 Gespräche zwischen Präsident Clinton,
Palästinenserführer Arafat und Ministerpräsident
Barak scheiterten (Camp David II).
|