| Eine
vom Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierat
(SWT) publizierte Broschüre mit dem vielversprechenden
Titel „Empfehlungen für die schweizerische
Bildungs-, Forschungs- und Inno-vationspolitik
2008 - 2011“1
bringt die derzeitigen Absichten der Hochschulreformen
auf den Punkt. Es geht um die „wissenschaftspolitische
(eupositionierung der Schweiz im internationalen
Kontext“. Dabei soll „die Berufsbefähigung
(employability) ein massgebendes Kriterium bei
der Gestaltung der Studiengänge (…)
des Bolognamodells sein“.2
Die Qualität der Hochschulbildung soll also
wesentlich an der Verwertbarkeit der aus ihr hervor-gegangenen
akademischen Lohnabhängigen auf dem Arbeitsmarkt
gemessen werden. Darum sollen sich die Hochschulen
auch vornehmen, „die Einordnung ihrer
Studiengänge und die Festlegung derer Werte
in der Wirtschaftswelt aktiv zu begleiten“.
Auch ein gesamtschweizerisches Förderungsprogramm
für „vielversprechende Studierende“
im Rahmen eines Eliteprogramms wird vorgeschlagen.

Noch
deutlicher wird der Wirtschaftsverband economiesuisse
in seiner Medienmitteilung „für
Höchst-leistung in Bildung und Forschung“2.
Demnach soll sich die Öffentlichkeit künftig
auf ihre Eigentümerrolle der Hochschulen
beschränken, ohne aber auf deren Inhalt oder
Organisation Einfluss zunehmen. Von einer gänzlichen
Privatisierung des Hochschulwesens gemäss
englischem Vorbild ist noch nicht explizit die
Rede, dennoch wird klar, dass sich die Hochschulbildung
mehr und mehr den direkten Interessen der Wirtschaft
unterordnen soll, und zwar in zweierlei Hinsicht:
Erstens (und in erster Linie) sollen Bildungsinhalte,
vor allem aber die wissenschaftliche Forschung,
direkt durch privatwirtschaftliche Interessen
mitbestimmt und gesteuert werden. Zweitens haben
die Restrukturierungen der Hochschullandschaft
auch unmittelbare Vorteile für das Kapital:
Studierende ohne Anspruch auf (ausreichende) Stipendien
stellen billige und flexible Arbeitskräfte
für die Unternehmen dar, gleichzeitig können
öffentliche Gelder gekürzt werden. Die
durch Aufnahme von Krediten oder Darlehen zwecks
Finanzierung des Studiums entstehenden Schulden
der Studierenden sollen die Studiendauer verkürzen
und dem Finanzkapital neue Investitionsfelder
eröffnen.
Diese
beiden eng miteinander verknüpften Tendenzen
der Hochschulpolitik lassen sich an Hand zahlreicher
Aspekte ausmachen, von denen zumindest einige
erwähnt werden sollen.
Die
Bolognareform
Die
1999 durch die europäischen BildungsministerInnen
verabschiedete Bologna- Erklärung (für
die Schweiz war Staatssekretär Charles Kleiber
des damals sozial-demokratisch geführten
Innendepartements anwesend) leitete die Einteilung
des Studiums in einen Bachelor- (dafür sind
3 Jahre vorgesehen, oft wird aber mehr Zeit benötigt)
und einen Masterstudiengang (weitere 2 Jahre)
ein. Damit verbunden ist auch ein neues Leistungsbescheinigungs-system
in Form von ECTS-Punkten (European Credit Transfer
and Accumulation System), auch Kreditpunkte genannt.
Diese wiederum werden für einzelne Module
(also absolvierte Seminare, Übungen oder
Vorlesungen) vergeben.
Das
Kreditpunktesystem und die Modularisierung in
Bildungseinheiten dienen als Grundlage einer universellen
und international vergleichbaren Methode der Zertifizierung
von Kenntnissen und Fertigkeiten. Sie bereiten
somit einen Bildungsmarkt
vor, in dem private und öffentliche Bildungsinstitutionen
„optimal“ zueinander in Konkurrenz
treten können (und müssen).
Aktuell
sind die Unterschiede der Höhe der Studiengebühren
zwischen den verschiedenen Hochschulen noch relativ
gering, geht es aber nach dem Willen der Wirtschaftsverbände
oder etwa des Rektors der Universität Zürich
Hans Weder3, sollen
Studiengebühren in Zukunft massiv erhöht
werden (von derzeit rund 750.- auf 5000.- Franken
pro Jahr). Vor allem finanzstarke Studierende
sollen sich in Zukunft aussuchen können,
wo sie ihre Kreditpunkte zu welchem Preis und
unter welchen Bedingungen erwerben möchten.
Damit droht die Herausbildung von Eliteuniversitäten,
wie sie in den USA und Grossbritannien schon längst
existieren. Mittelmass und überfüllte
Hörsäle für die sozial weniger
Privilegierten, Eliteuniversitäten mit besseren
Betreuungsverhältnissen und grösserem
Inventar für reiche und „hochbegabte“
Studierende. Andere Pläne sehen die Einführung
leistungsabhängiger Studiengebühren
vor, womit die (soziale) Selektion in der Hochschulbildung
weiter verstärkt werden soll.
Mit
der Bolognareform ist auch die Einführung
zahlloser Formen der Leistungsüberprüfungen
(Klausuren, Vorträge, Essays) und Disziplinierungsmassnahmen
(Präsenz-kontrollen) verbunden, die vor allem
an den Universitäten zu einer massiven Verschulung,
dass heisst zu mehr Vorgaben und Fremdbestimmung
während des Studiums geführt haben.

Sparpolitik
Aller
Rhetorik über den Wert des „Rohstoffes
Bildung“ und der neuen Wissensgesellschaft
zum Trotz, liegen die Ausgaben der Schweiz für
Tertiärbildung und Forschung bei nur 1.4
Prozent des Brutto-inlandproduktes.4
Zum Vergleich: Die Investitionen in Forschung
und Entwicklung privater Unternehmen belaufen
sich auf 2.2 Prozent desselben.5
Auch wenn der Anteil privater Investitionen im
Bereich Forschung und Entwicklung in der Schweiz
schon seit langem relativ hoch ist, so sind diese
Werte mit denjenigen der OECD vergleichbar. Dass
die Universitäten und Hochschulen in der
Schweiz und anderswo damit den Herausforderungen
steigender Studierendenzahlen nicht gewachsen
sind, liegt auf der Hand. Zwischen 1995 und 2007
ist die Anzahl der Studierenden an Universitäten
in
der Schweiz von rund 88 auf 116 Tausend gestiegen.
Vergleicht man diese Steigerung von über
30 Prozent mit der Höhe der dafür aufgewendeten
Mittel, so wird klar, dass die Politik offensichtlich
nicht dazu bereit ist, die steigenden Kosten des
Bildungswesens zu tragen.6
Drittmittelfinanzierung
Die
für künftige Forschungsprojekte notwendigen
finanziellen Mittel sollen vermehrt durch die
Privatwirtschaft aufgebracht werden. Im Rahmen
sogenannter Drittmittelbeschaffungen müssen
sich WissenschaftlerInnen für ihre Forschungsanliegen
direkt an die Privatwirtschaft wenden und um finanzielle
Unterstützung werben. Drittmittel-beschaffungen
sind schon seit Jahren gängige Praxis und
werden in Zukunft wohl zunehmen. Das der Universität
Basel zugeflossene Drittmittelvolumen im Jahr
2007 betrug rund 103 Millionen CHF7,
Drittmittel aus dem EURaum haben sich innerhalb
der letzten 5 Jahre gar verdreifacht8.
Unternehmen wie die eurelations AG oder die R&D
Management GmbH Zürich bieten an Schweizer
Universitäten Drittmittelbeschaffungskurse
für Studierende höherer Semester an,
natürlich nicht ganz unentgeltlich. Ziele
derartiger Kurse sind nicht nur eine Einführung
in das bürokratische Prozedere der Antragsstellung,
sondern vor allem die Erlangung der Fähigkeit,
eigene Forschungsvorhaben an den Vorgaben der
potentiellen Geldgeber auszurichten.
Drittmittelbeschaffungen erhöhen die Abhängigkeit
der Hochschulen von Privatinteressen in hohem
Masse. Die Ergebnisse künftiger Forschungsprojekte
müssen für die Unternehmen rentabel
sein, Investitionen müssen sich auszahlen.
Angewandte Forschung für Technologie-, Pharmaoder
Rüstungskonzerne ist angesagt, Grundlagenforschung
sowie die Geistesund Sozial-wissenschaften im
Allgemeinen geraten in Bedrängnis.
Kritische
Wissenschaft
Die
Ausrichtung des Hochschulwesens an privatwirtschaftlichen
Interessen hat weitreichende Folgen auf die Art
und Weise, wie Wissenschaft und Bildung praktiziert
werden. Wissenschaft als ein „prinzipielles
Gegen-den-Strom-Schwimmen“ (Klaus Holzkamp),
oder höhere Bildung als Fähigkeit zu
„aktivem und kritischem Denken“
(Erich Fromm); beide Bereiche werden heute, insofern
sie überhaupt noch existieren, in Frage gestellt.
Wissenschaft als subversive und gesellschaftskritische
Tätigkeit (und Pflicht) zu verstehen, welche
sich den grundlegenden Problemen unserer Gesellschaft
annimmt, dieses Bewusstsein gilt es erst wieder
zu etablieren.
*
David Soofali ist Mitglied der AkuS (siehe Kasten)
1 Der Schweizerische Wissenschafts- und
Technologierat dient als Konsultativorgan des
Bundesrates in allen Fragen der Wissen-
schaftspolitik. Publikation einsehbar unter:
http://www.swtr.ch/d/dokum_publ.html.
2 Siehe http://www.economiesuisse.ch/web/de/
publikationen/Seiten/result.aspx?thema=bildung.
3 Siehe Artikel „Economiesuisse: Schlechte
Studenten sollen höhere Gebühren zahlen“,
erschienen im Tagesanzeiger am 23. April 2008.
4 Siehe Fussnote 1
5 Siehe Angaben des Bundesamtes für Statistik:
http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/
themen/00/02/sektoriel/03_01/03_01_07.html
6 Statt die finanziellen Aufwendungen zu erhö-
hen, werden die Anzahl der verfügbaren Stu-
dienplätze durch sogenannte Numerus-
Clausus-Systeme beschränkt. Dadurch werden
nicht nur die Kosten tief gehalten, sondern
auch eine weitere Möglichkeit der Selektionie-
rung eingeführt.
7 Siehe Abteilung (ationalfond / Drittmittel /
Fonds der Universität Basel:
http://www.unibas.ch/index.cfm?
4676C9153005C8DEA37FB9C39497C3FF
8 Siehe EUresearch Basel: http://
www.euresearch.unibas.ch/aktuelles/
| Französische
Unis im Streik
Seit
Anfang Februar sind in vielen französischen
Universitäten Studierende und Dozierende
in den Streik getreten. Sie protestieren
gegen eine ganze Reihe von Massnahmen, mit
denen die Studien- und Arbeitsbedingungen
verschlechtert werden. Das Gesetz über
die Autonomie der Universitäten stärkt
die Präsidenten zu Lasten der Selbstverwaltung.
Die Mittelkürzungen und die Verbreitung
prekärer Stellen verschlechtern die
Betreuung der Studierenden. Die Reform der
Gymnasiallehrerausbildung bürdet den
Universitäten zusätzliche Arbeit
auf – ohne zusätzliche Mittel.
Die Einführung von Rankings nach Publikationen
in renommierten Zeitschriften droht eine
blinde Konkurrenz unter den Wissenschaftler-
Innen anzuheizen. Der Angriff auf das CNRS
(Centre National de la Recherche Scientifique)
nimmt eine Forschung ins Visier, die der
Regierung nicht genehm ist; sie soll durch
Auftragsforschung verdrängt werden.
Die chercheursenseignants werden gegeneinander
ausgespielt – zum Beispiel mit der
Vorgabe, bei schlechten Forschungsresultaten
mehr unterrichten zu müssen.
Ob
die Rechnung von Präsident Sarkozy
aufgehen wird, mehrere Fronten gleichzeitig
zu eröffnen und die Dozierenden und
Studierenden zu überrumpeln, ist zurzeit
völlig offen. Informationen unter:
www.sauvonsluniversite.com |
| Aktion
kritisch unabhängiger Studierender
(AkuS)
Im
Frühling letzten Jahres wurde an der
Universität Basel die „Aktion
kritischunabhängiger Studierender“
(AkuS) ins Leben gerufen. Die AkuS trifft
sich zweiwöchentlich, um einen Freiraum
für Diskussionen über Unipolitik
und andere gesellschaftlich relevante Themen
zu ermöglichen. Die AkuS sieht die
Universität in einem gesamtgesellschaftlichen
Kontext und will deshalb nicht nur Studierende
aller Fachrichtungen ansprechen, sondern
auch Nicht-Studierende, Noch-nicht-Studierende
und Nicht-mehr- Studierende, denen Bildung
mehr bedeutet als Gewinnmaximierung. Daneben
sollen Aktionen im Vordergrund stehen, um
auf bedenkliche Entwicklungen im Hochschulbereich
aufmerksam zu machen und die Bevölkerung
für die Bedeutung der Bildung zu sensibilisieren.
Mit einer Flyeraktion und einer gut besuchten
Diskussionsrunde unter dem Motto „Leistung!
Konkurrenz! Bildung?“ haben wir bereits
von uns reden gemacht. Auch in zukünftigen
Aktionen und Veranstaltungen werden wir
klar gegen die Unterordnung kritischer Bildung
unter marktwirtschaftliche Sachzwänge,
gegen Fächer-abbau, gegen neoliberale
Umstrukturierungen und Aushöhlungen
des Bildungswesens, gegen kurzsichtiges
Wettbewerbsdenken, gegen den Abbau studentischer
Selbständigkeit, gegen Elitedenken
an den Unis und damit gegen die Erhöhung
von Semestergebühren Stellung beziehen.
Wir wollen eine Universität, in der
Bildung in ihrer ganzen Vielfalt vermittelt
und nicht auf gewinnorientiertes Nützlichkeitsstreben
reduziert wird. Und wir wollen eine Universität,
die als starke, kritische Stimme ihren angemessenen
Platz in der Gesellschaft vertritt und entsprechend
demokratisch bestimmt wird. Weitere Informationen
unter www.akus.ch. |
|