| 1987
sprach das oberste Gericht der USA Klartext. „Creation
Since“, also die Idee, dass alles irdische
Dasein auf die Schöpfung eines Gottes zurückgeht,
wurde, mit Berufung auf die laizistische Verfassung
der USA, aus den Klassenzimmern verbannt. Mit
diesem Gerichtsentscheid wurden die bibeltreuen
Gotteskämpfer der USA einmal mehr in die
Schranken verwiesen. Und das, obwohl sich ihre
Idee auf eine jahrhunderte alte Tradition bezieht
und in den USA stark verankert ist. Die Idee des
Kreationismus, also der theologischen Schöpfungslehre,
ist so alt wie die abrahamitischen Religionen
selbst. Jahrhunderte lang wurde auf ihrer Grundlage
die Wissenschaft – vor allem in Europa –
als Ketzerei gebrandmarkt und unterdrückt.
Erst durch den gesellschaftlichen Emanzipationsprozess
der Aufklärung, der Industrialisierung und
den politischen Umwälzungen, welche durch
die französische Revolution eingeleitet wurden,
konnte diese Weltsicht allmählich überwunden
werden. Damals waren es die USA, welche als erstes
in ihrer Verfassung von 1787 die Trennung zwischen
Kirche und Staat festschrieben. Bibeltreue Christen
in den USA versuchten jedoch von Anfang an, diesen
Grundsatz zu unterwandern – teilweise mit
Erfolg. Einer der Höhepunkte ihres reaktionären
Kampfes war der so genannte „Affenprozess“
im Jahre 1925, in dem der Biologielehrer John
Scopes aus Tennesse zu einer Geldstrafe von 100
Dollar verurteilt wurde, weil er an einer öffentlichen
Schule die Evolutionslehre unterrichtet hatte.
Bis in die 80er Jahre war es in einigen Bundesstaaten
der USA sogar verboten, an Schulen die Evolutionstheorie
zu lehren, ohne gleichzeitig die biblische Schöpfungsgeschichte
zu unterrichten.
Nach
dem besagten Gerichtsurteil in den USA von 1987,
waren die Kreationisten jedoch gezwungen, neue
Wege zu gehen. Dies war die Geburtsstunde des
„Intelligent Design“.
Kreationismus
mit wissenschaftlichem Antlitz
Auf
der Suche der christlichkonservativen Anhängerschaft
nach einer Möglichkeit, ihre Weltanschauung
weiter zu verbreiten, bedienen sich die Anhänger
von Intelligent Design besonders perfider Methoden.
Dazu gehört die systematische Einbettung
christlichen Gedankengutes in pseudowissenschaftliche
Phrasen. So bestreiten sie zum Beispiel keineswegs,
dass gewisse evolutionäre Prozesse in der
Natur vorkommen. Mikroevolutionäre Prozesse
wie beispielsweise die Anpassungen einer Spezies
an seine Umwelt sind demnach möglich. Bestritten
werden jedoch makroevolutionäre Prozesse,
wie etwa die Entstehung einer neuen Spezies durch
zufällige Mutation. Gleichzeitig verzichten
die „Neokreationisten“ – wie
die Anhänger von ID auch genannt werden –
auf eine allzu strenge Bibelauslegung. Auch das
Wort Gott wird meist vermieden, vielmehr ist von
einem „intelligenten Designer“ (daher
der Name) die Rede, welcher mit seinem überirdischen
Bauplan der Natur die Beschaffenheit der Welt
und des Universums zu verantworten hat.
Dank
diesem ausgeklügelten Vorgehen hat die Propaganda
der ID-Bewegung längst eine manipulative
und damit sehr gefährliche Dimension angenommen.
Tatsächlich haben es die ID-Anhänger
geschafft, sich als glaubhafte und ebenbürtige
Alternative zur Evolutionstheorie und des wissenschaftlich
materialistischen Weltverständnisses zu etablieren.
Laut einer Studie von BSC News lehnen 51 Prozent
der US-Amerikaner schon jetzt die Evolutionslehre
ab.
„Evolution,
was für eine dumme Idee!“
Mit
solchen und ähnlichen Parolen betreiben die
ID-Verfechter schon seit einiger Zeit eine aggressive
Öffentlichkeitsarbeit. Mittlerweile haben
sie es geschafft, die Evolutionstheorie aus den
Lehrplänen vierer Bundesstaaten zu streichen,
darunter das bevölkerungsreiche Florida.
Glücklicherweise
stösst dieses Vorgehen auch in den USA auf
Widerstand. Vergangenen Januar fand in Harrisburg
(Pennsylvania) eine Gerichtsverhandlung über
Intelligent Design statt. Zur Debatte stand, ob
diese nun als religiöse Strömung oder
als wissenschaftliche Theorie einzustufen sei.
Während der Verhandlungen mussten prominente
Vertreter der ID-Bewegung selbst zugeben, dass
kein wissenschaftlicher Artikel, der zuvor von
unabhängigen Gutachtern überprüft
worden ist, Intelligent Design je unterstützt
hat. Am Ende befand der zuständige Richter
John Jones, das Verhalten der IDMissionare sei
eine „atemberaubende Hirnverbranntheit“.
Einflussreiche
Hintermänner
Hinter
dem Erfolg von Intelligen Design steht ein ganzes
Netzwerk von Grossunternehmern, Intellektuellen
und Politikern, die sich dem Kampf gegen die Wissenschaft
angeschlossen haben. Der wohl einflussreichste
Protagonist ist das Discovery- Institute in Seattle
(Washington), eine konservative Denkfabrik, welche
die Verbreitung von Intelligent Design mit millionenschwerem
Budget vorantreibt. (Die „New York Times“
spricht von insgesamt 4,1 Millionen Dollar an
Zuschüssen und Spenden von Stiftungen an
das Institut, alleine im Jahr 2003.)
Bruce
Chapman, Präsident des Discovery Institute
und ehemaliger Mitarbeiter von Ronald Reagan,
lässt erkennen, welchem politischen Establishment
die IDBewegung zuzuordnen ist. Die Gönner
des Discovery-Institutes stammen fast ausschliesslich
aus rechtskonservativen Kreisen, welche auch regelmässig
der republikanischen Partei zu Wahlerfolgen verhelfen.
So ist es auch nicht verwunderlich, dass George
W. Bush selbst grosse Sympathie gegenüber
Intelligent Design bekundet hat.
Howard
Ahmanson, von lokalen Zeitungen auch als „Zahlmeister
der politischen Rechten“ bezeichnet, ist
einer der zahlungsfreudigsten Financiers, sowohl
des Discovery-Instituts als auch der republikanischen
Partei. Der Multimillionär ist zudem Gründer
der Ahmanson Foundation, welche wiederum enge
Beziehung zum Unternehmen ES&S, dem weltweit
grössten Hersteller für Abstimmungsmaschinen,
hat. Die gefährliche Allianz zwischen der
republikanischen Partei (bis hin zu Kongressabgeordneten
und ranghohen Mitgliedern der Bush-Administration),
Grossunternehmern und den IDMissionaren macht
deutlich, dass der aktuelle Kulturkampf in den
USA auch ein politischer Kampf der amerikanischen
Rechten gegen die zumindest teilweise vorhandene
Aufgeklärtheit der amerikanischen Arbeiterklasse
ist.
Gegen
Darwin, Marx und Freud
Welche
Ziele verfolgt die konservative Rechte mit der
Verbreitung von Intelligent Design? Ein Strategiepapier
des Discovery- Institutes, das so genannte „Wedge-Dokument“
(Keil-Dokument), welches vor einigen Jahren an
die Öffentlichkeit gelangte, bringt die Absichten
der ID-Bewegung auf den Punkt: Wie „ein
Keil“ soll Intelligent Design in die amerikanische
Gesellschaft gebohrt werden. Durch die aktive
Rekrutierung einflussreicher Politiker, Journalisten
und vermeintlicher Wissenschaftler soll Intelligent
Design schon in 20 Jahren die beherrschende Perspektive
der Wissenschaft sein. Dabei geht es aber nicht
nur um die Marginalisierung der Wissenschaft.
Das Wedge-Dokument geht gar noch weiter, und stellt
neben Darwin auch gleich noch Marx und Freud auf
die Anklagebank. Diese hätten Menschen nicht
als spirituelle Wesen, sondern als Tiere oder
Maschinen angesehen. Diese materialistische Konzeption
habe jeden Bereich der Kultur, Politik, Wirtschaft,
Literatur und der Kunst infiziert, so das Dokument
weiter. Damit wird klar, dass die Hintermänner
der ID-Bewegung nicht weniger als die weltlich-rationale
Denkweise selbst angreifen wollen. Eine Gesellschaft,
die sich der materialistischen Denkweise, der
Aufklärung, der Wissenschaft und dem Primat
der Vernunft vollkommen entledigt, lässt
sich leichter kontrollieren und unterdrücken.
Die politische Transformation der USA, hin zu
einem christlichen Gottesstaat, wäre ein
kaum fassbarer Rückschlag für die amerikanische
Gesellschaft und hätte weltweite Auswirkungen.
Der heuchlerische und verlogene Vorwurf der ID-Bewegung,
Marx hätte die Menschen als Maschinen oder
Tiere betrachtet, ist lächerlich. Nicht zuletzt
deswegen, weil die ID-Bewegung von genau den Kreisen
unterstützt wird, die massgeblich für
die Unterdrückung und Ausbeutung der amerikanischen
Arbeiterklasse – und dem Proletariat weltweit
– verantwortlich sind.
Intelligent-Design
in der Schweiz
In der Schweiz ist es vor allem der Verein
„Pro Genesis“ – ein Zusammenschluss
von Christen verschiedener Kirchen und Freikirchen
– der sich darum bemüht, die
Evolutionslehre aus den Klassenzimmern zu
verbannen. Zu diesem Zweck haben sie ihr
eigenes Lehrmittel („Das Schöpfungsmodell“)
herausgebracht und sogleich an alle Schweizer
Mittelschulen versandt. Pro Genesis will
im deutschsprachigen Raum darüber „aufklären“,
dass die Evolutionslehre von Charles Darwin
„nach wie vor eine unbewiesene Theorie
mit fatalen moralischen Folgen“ ist.
Laut einer Studie des Wissenschaftsmagazins
„Science“ lehnen vier von zehn
SchweizerInnen die Evolutionslehre ab. |
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