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Grippeepidemien, das heisst das massenhafte Auftreten
von grippeartigen Erkrankungen, gibt es seit mindestens
hundert Jahren – wahrscheinlich aber seit
es den Menschen gibt. Dabei handelt es sich um
Erkrankungszustände mit plötzlich einsetzendem
hohen Fieber, Husten, Schnupfen und Gliederschmerzen.
Genau genommen ist die „Grippe“ keine
exakt definierte Krankheit, sondern eine Sammelbezeichnung.
Nur etwa sieben Prozent der Influenzafälle
werden tatsächlich von Influenza- Viren wie
den bisher gängigen Varianten oder der die
derzeitige Hysterie produzierenden Variante ausgelöst.
Die restlichen 93 Prozent stammen von mehr als
200 verschiedenen anderen Erregern, z.B. den sogenannten
Rhinoviren, von denen einige den „echten“
Grippeviren in der Gefährlichkeit um nichts
nachstehen. Folglich kann man auch gar nicht exakt
sagen, wie viele der geschätzten 10 000 bis
30 000 Todesfälle, die die jährlich
wiederkehrenden Grippewellen z.B. in Deutschland
fordern, auf welche Virenstämme zurückzuführen
sind.
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| Plakat
einer Protestwoche gegen die AIDS-Politik
von Roche. |
Dabei
ist die Sterblichkeit, gemessen an der Zahl der
Erkrankten, eher niedrig. Hinzukommt, dass die
Grippe eine wirkliche Bedrohung eigentlich nur
für abwehrgeschwächte Menschen darstellt,
z.B. chronisch Kranke, die mit Immunsuppressiva
behandelt werden, sehr Alte oder an Mangelerkrankungen
Leidende. Ausserdem ist seit dem Zweiten Weltkrieg
die sogenannte Grippesterblichkeit stupend zurückgegangen
und beträgt heute nur noch einen Bruchteil
derer beispielsweise der Grippepandemie von 1918/1919.
Der
jetzt neu entdeckte Virustyp, der unter dem bedrohlich
klingenden Namen „Schweinegrippe“
die derzeitige Hysterie ausgelöst hat, unterscheidet
sich in seinem Verhalten – Infektiosität,
Kontagiosität, Erkrankungsverlauf und Sterblichkeit
– nach allen bisher vorliegenden epidemiologischen
Daten nicht wesentlich von den bisher bekannten
Varianten. Er ist mitnichten gefährlicher.
Trotzdem
hat die Weltgesundheitsorganisation vor kurzem
Pandemiealarm ausgelöst. Warum?
Eine
wirkliche Pandemie?
Tom
Jefferson, ein renommierter britischer Grippeexperte
der industrieunabhängigen Cochrane Collaboration,
aus dessen 15-jähriger Forschungsarbeit auch
ein Teil der eben zitierten Erkenntnisse stammt,
hat vor kurzem in einem Interview für die
deutsche Wochengazette Der Spiegel darauf hingewiesen,
dass dieser Alarm der WHO eine Merkwürdigkeit
aufweist: Nach der bisherigen Definition des Begriffes
Pandemie, von der WHO selbst seinerzeit aufgestellt,
wäre für die Ausrufung einer Pandemie
erforderlich, dass es sich dabei um eine weltweit
in bestimmtem Ausmass auftretende Erkrankung mit
hoher Sterblichkeit handeln muss. Das ist allerdings
bei der Schweinegrippe zweifelsfrei nicht so.
Um trotzdem die Pandemie ausrufen zu können,
hat die WHO Anfang Mai schlicht und ergreifend
ihre Definition geändert – das Kriterium
der hohen Sterblichkeit wurde kommentarlos gestrichen.
Jefferson
äusserte sich dazu sehr eindeutig: „Manchmal
kommt es mir vor, als hätten die WHO, Virologen
und Pharmaindustrie geradezu Sehnsucht nach einer
Pandemie gehabt.“
Warum
also die Aufregung?
In
einer kapitalistischen Gesellschaft ist es am
einfachsten, zunächst einmal die Frage zu
stellen, wem ein solcher Hype, wie er derzeit
entstanden ist, eigentlich nutzt.
Die
Argumentation der WHO besagt, dass im „Worst
case“ das neue Virus die hohe Ansteckbarkeit
der „herkömmlichen“ Influenza
mit der Aggressivität der Vogelgrippe kombinieren
und somit eine weit höhere Sterblichkeit
aufweisen könne als die bisherigen Formen.
Das allerdings hat sich nicht bestätigt,
wie wir soeben gezeigt haben. Hinzu kommt, dass
bisher nicht bewiesen ist, dass der jetzt in Produktion
befindliche Impfstoff überhaupt wirkt. Von
den bisher verwendeten Impfstoffen gegen die herkömmliche
Influenza weiss man, dass sie ausgerechnet bei
den sogenannten Risikogruppen, nämlich Kindern
und Alten, schlecht bis gar nicht schützen.
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| Novartis
Campus in Basel. |
Aber
es gibt ja ausser den PatientInnen auch noch andere
Nutzniesser: Für die Impfstoffindustrie,
die in solchen Fällen direkt mit den staatlichen
Gesundheitsdiensten zusammenarbeitet, ist eine
Pandemie ein gigantisches Geschäft, schon
die Drohung genügt, um den Absatz von Grippemitteln
wie den von Impfstoffen (die derzeit mit Hochdruck
entwickelt werden) explodieren zu lassen. Die
Industrie hat jedes Interesse daran, die Hysterie
zu schüren. Das ist ihr bereits einmal gelungen:
1976 kam es zu einem lokalen Ausbruch einer neuen
Virusvariante bei US-Soldaten in Fort Dix, New
Jersey. Die Gesundheitsbehörden der Vereinigten
Staaten starteten ein Impfstoffproduktionsprogramm
und eine öffentliche Kampagne, bis Mitte
Dezember 1976 waren 40 Millionen US-Amerikaner
geimpft – damals die grösste Impfkampagne
der Geschichte. Anschliessend wurde bekannt, dass
einige Geimpfte ein so genanntes Guillain-Barré-Syndrom
entwickelt hatten. Für diese Erkrankung,
bei der es sich um ein Autoimmunphänomen
handelt, bei dem der Körper Antikörper
gegen die eigenen Nervenzellen entwickelt, werden
auch Impfstoffe verantwortlich gemacht, in den
fünfziger Jahren wurde in den USA ein Impfstoff
deswegen vom Markt genommen.
Jetzt ist geplant, dass schon nur in den USA 160
Millionen und in Deutschland 50 Millionen Menschen
geimpft werden sollen – ein Milliardengeschäft,
die Impfstoffe sind schon bestellt.
Auch
für die Produzenten von antiviralen Medikamenten
wie Oseltamivir ist eine Pandemie, ob sie nun
eintritt oder nicht, ein gigantisches Geschäft.
Dabei sollten die Mittel eigentlich sehr differenziert
eingesetzt werden: Zum einen ist die Gefahr der
Resistenzentwicklung hoch. Aus den vorläufigen
Daten zur Grippesaison 2008/2009 zogen Forscher
in den USA den Schluss, dass etwa 98% der von
ihnen isolierten A/H1N1-Virusproben gegen Oseltamivir
(Handelsname: Tamiflu) resistent waren. Auch Daten
der WHO von März 2009 bestätigen bei
1291 von 1362 Proben aus 30 Ländern die hohe
Resistenzbildung gegen Grippemittel in der Grippesaison
2008/2009. Hinzukommt, dass es sich bei den so
genannten Virustatika um keine harmlosen Mittel
handelt. Oseltamivir (Tamiflu) hat bei Kindern
möglicherweise Bewusstseinsstörungen
und Wahnvorstellungen zur Folge. Nach der Prüfung
von mehr als 100 Fällen von abnormem Verhalten,
darunter drei mit tödlichen Folgen, sprachen
sich Gesundheitsexperten in den USA dafür
aus, auf der Verpackung die Überwachung von
Tamiflu-Patienten zu empfehlen. Ausserdem geht
aus den Untersuchungen des oben zitierten Epidemiologen
Jefferson hervor, dass Tamiflu allenfalls in der
Lage ist – wenn es denn wirkt – die
Erkrankungsdauer um einen Tag (!) zu verkürzen....
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| Die
Botschaft der Pharmaindustrie kommt an. |
Bei
einer Grippe-Pandemie handelt es sich um ein Geschehen,
das auch die Länder des Nordens unmittelbar
betrifft und nicht nur gesundheitliche, sondern
durch den entsprechenden temporären massenhaften
Ausfall von Arbeitskräften auch erhebliche
ökonomische Folgen haben kann. Es handelt
sich um eine Krankheit, die nicht daran denkt,
sich auf die Länder des Südens zu beschränken...
Daneben
kommt natürlich in der derzeitigen politischen
und ökonomischen Situation den Politikern
ein Thema sehr gelegen, das von der desolaten
Gesamtsituation ablenkt und bei dem man sich als
handlungsfähig präsentieren kann; und
die einschlägigen Professionellen in den
Forschungseinrichtungen sind ebenfalls dankbar
für die plötzlich reichlich sprudelnden
Mittel. Nun muss man daran erinnern, dass jedes
Jahr Millionen von Menschen nicht nur an Hunger,
sondern auch an banalen, gut behandelbaren Erkrankungen
sterben – allerdings nicht in den imperialistischen
Metropolen, sondern in der Peripherie. Dass für
die drohende Grippepandemie bereits nach wenigen
Erkrankungsfällen Millionensummen ausgegeben
und weltweite Programme angeschoben werden, zeigt
den dieser Art von Gesundheits- und Gesellschaftspolitik
innewohnenden Rassismus. Wenn jedes Jahr weltweit
mindestens 1,6 bis 3 Millionen Menschen an Tuberkulose,
und 1,5 bis 2,7 Millionen an Malaria sterben –
an Krankheiten also, die gut behandel- und verhinderbar
wären – von den 8,8 Millionen, die
jährlich Hungers sterben, ganz zu schweigen,
dann gibt es keine gigantischen Sofortprogramme,
keine Vorratshaltung an Medikamenten, keine kostenlosen
Massenimpfungen, keine Forschungsgelder in annähernd
vergleichbarer Höhe. Aber an den Leuten ist
ja auch nichts zu verdienen.
Roche
plant 2 Milliarden Umsatz mit Tamiflu
Das
antivirale Medikament Tamiflu wurde vom
Schweizer Pharma- und Diagnostikkonzern
Roche mit Sitz in Basel entwickelt. Roche
erzielte im ersten Quartal 2009 einen
Umsatz von 11,58 Milliarden Franken, was
einer Steigerung der Umsatzzahlen um 8%
gegenüber der Vorjahresperiode entspricht.
Der Konzern produziert derzeit monatlich
rund 33 Millionen Packungen des Grippemittels
Tamiflu. Der Umsatz für Tamiflu wird
in diesem Jahr gemäss Angaben von
Roche bei 2 Milliarden Franken liegen.
Pharmachef William M. Burns gibt zwar
zu, dass die Grippe „nicht so tödlich
sei wie ursprünglich angenommen“.
Bisher hätten dennoch 96 Regierungen
mehr als 270 Millionen Behandlungseinheiten
bezogen, wie der Tagesanzeiger vom 7.
September vermeldete. - Vor einigen Jahren
waren sowohl Roche als auch Novartis,
zwei Schweizer Pharmagiganten, an einer
Klage gegen die Regierung Südafrikas
beteiligt. Die Klage richtete sich gegen
die revidierte Gesetzgebung des Landes
, wel che in sbesondere AIDSMedikamente
günstiger und somit zugänglicher
machte. In einem offenen Brief unter Federführung
der Erklärung von Bern richteten
Nichtregierungsorganisationen an die beiden
Konzerne folgende Kritik: „Wir finden
es schockierend , dass Hoffmann-La Roche
und Novartis dem Schutz der Gewinnmargen
und Patente höhere Priorität
einräumen als der Gesundheit und
dem Überleben von Millionen von Menschen.“
(Red.)
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Grippeimpfstoff-Hersteller
Novartis
In der Schweiz haben die Behörden
bei Novartis und Glaxo-SmithKline 13 Millionen
Impfdosen gegen das Virus H1N1 gekauft.
Glaxo-SmithKline meldet für 2008
einen Umsatz von 38 Milliarden Franken,
während der Schweizer Konzern Novartis,
der seinen Hauptsitz in Basel hat, 2008
über 44 Milliarden Franken Umsatz
erzielte. Auf ihrer Webseite zu sozialer
Unternehmensverantwortung hält Novartis
fest: „Wir befürworten das
Recht auf Gesundheit und streben danach,
allen Patienten zu dienen“ (We endorse
the right to health and aspire to serve
alle patients). Ob dies nicht nur bei
guten Geschäften mit zahlungskräftigen
Regierungen wie im Fall von H1N1, sondern
auch bei Patienten gilt, die nicht wirklich
solvent sind? Eben hat der Basler Pharmakonzern
den vierten Anlauf zur Bekämpfung
einer Bestimmung der indischen Gesetzgebung
genommen. Novartis beansprucht für
ihr Krebsmedikament Glivec ® Patentschutz.
Gemäss indischem Gesetz muss eine
verbesserte Wirkung nachgewiesen werden,
bevor ein neues Patent erteilt wird. Etwa
20‘000 indische PatientInnen, die
von einer Form von Blutkrebs betroffen
sind, greifen auf ein Generika zurück,
das bis zu 15 mal billiger ist als die
Behandlung mit Glivec®, die rund 30‘000
Franken pro Jahr kostet. Novartis will
die Gesetzes-bestimmung , die solches
erlaubt, aushebeln. Wohl im Sinne des
„Rechts auf Gesundheit“ und
um „allen Patienten zu dienen“?
(Red.)
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