|
Die
Nationalen Forschungsschwerpunkte behandeln „Themen
von strategischer Bedeutung für die Zukunft
der schweizerischen Wissenschaft, Wirtschaft und
Gesellschaft“, wie es auf der Internetseite
des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung
der wissenschaftliche Forschung (SNF) heisst.
Wer
hat, dem wird gegeben
Die
Auswahl der NFS folgt einem ungeschriebenen Gesetz:
Berücksichtigt werden nur die Projekte, hinter
denen mächtige gesellschaftliche, politische
oder wirtschaftliche Interessen stehen. Die Einhaltung
dieser Regel wird durch die Vorgabe gewährleistet,
dass der Bund nur Projekte bewilligt, für
die sich ansehnliche „Drittmittel“
– d.h. weitere Finanzierungsquellen –
auftreiben lassen. Ein Blick auf die Liste der
20 laufenden NFS (Kasten) lässt erahnen,
wessen Interessen bedient werden. Es handelt sich
um verschiedene Industriezweige, am Rande aber
auch um Gruppen wie die NGOs (NFS Nord- Süd)
oder das Hochkulturmilieu (NFS Bildkritik). Auf
dieser Liste befindet sich auch ein Forschungsvorhaben,
das mit viel Gespür für Marketing unter
der Abkürzung Sesam präsentiert wird.
  |
| Den
Verantwortlichen von Sesam fehlt es weder
an Marketingkompetenz noch an billigen Arbeitskräften. |
Erforschung
des Seelenheils
Die
Swiss Etiological Study of Adjustment and Mental
Health (Sesam) verfolgt kein bescheidenes Ziel:
Sie will die „menschliche Entwicklung und
die seelische Gesundheit“ verstehen. Die
Projektleitung beruft sich auf zunehmende Depressionen,
Angststörungen, Jugendgewalt und beeinträchtigte
Leistungsfähigkeit, deren Ursachen erforscht
werden sollen. Es geht darum herauszufinden, warum
Menschen nicht „normal“ angepasst
und leistungsfähig sind, und was dagegen
unternommen werden kann. Ein solches Forschungsvorhaben
lässt sich politisch rechtfertigen: für
die „Wettbewerbsfähigkeit“ oder
für eine Senkung der Sozial- und Gesundheitsausgaben,
wie die Diskussion über die Zunahme der psychischen
Krankheiten bei der IV zeigt. Natürlich gibt
es auch Wirtschaftsinteressen: So ist die Versicherungsbranche
an „Risikoprofilen“ interessiert,
um ihre KundInnen in verschiedene Kategorien einzuteilen
und zu unterschiedlichen Bedingungen zu versichern.
Die Pharmaindustrie sucht Erkenntnisse für
die Entwicklung von Medikamenten gegen Depressionen
und weitere psychische Störungen. Der Roche-
Konzern hat im Februar 2006 bekannt gegeben, Sesam
mit 6 Millionen Franken zu unterstützen;
das ist mehr als ein Viertel der für 2005-08
budgetierten knapp 23 Millionen Franken.
Von
der Schwangerschaft bis zum Erwachsenenalter
Sesam
ist eine Langzeitstudie: 3'000 heranwachsende
Kinder sollen ab der 20. Woche der Schwangerschaft
bis zum Eintritt ins Erwachsenenalter untersucht
werden. Mit einbezogen werden die Eltern und Grosseltern;
insgesamt soll die Studie 15'000 Personen umfassen.
Sie umfasst medizinische Abklärungen, genetische
Analysen, Beobachtungen des Verhaltens von Kindern
und Eltern und Umfragen mit Fragebogen. Mit der
Suche nach TeilnehmerInnen wurde im Oktober 2007
am Basler Universitätsspital begonnen. Interessentinnen
werden in der Schwangerschaftsberatung mit einer
bunten Broschüre angelockt, auf deren Frontseite
eine schwangere Frau im Jahr der Euro 08 im roten
TShirt mit Schweizerkreuz posiert. „Was
macht uns gesund, was macht uns krank?“
– so lautet die Überschrift. Es fehlt
bei Sesam nicht an der Marketingkompetenz. Auch
billige Arbeitskräfte sind vorhanden: Studierende
werden als PraktikantInnen angeworben und verrichten
– für ein Arbeitszeugnis – einige
Monate Gratisarbeit (Fragebogen tippen, Datenfiles
vorbereiten, Papiere ordnen). Andere Studierende
dürfen nach Hunderten Arbeitsstunden für
Sesam eine kürzere Abschlussarbeit abliefern.
Ein
Wissenschaftsmanager
Das
NFS Sesam ist an der Psychologischen Fakultät
der Universität Basel angesiedelt. Die Leitung
liegt bei Professor Jürgen Margraf –
einem jungen und dynamisch auftretenden Psychologen,
der sich am Verhandlungstisch oder im Scheinwerferlicht
der Medien genau sowohl fühlt wie im wissenschaftlichen
Labor. Er war an vorderster Front dabei, als die
Psychologie kürzlich aus der Philosophisch-
Historischen Fakultät austrat und eine eigene
Fakultät bildete. Zu Beginn der 90er Jahre
verselbständigte sich in Basel das Wirtschaftswissenschaftliche
Zentrum (WWZ) und wurde rasch zu einer Bastion
der „Experten“ im Dienste von Privatisierung
und Sozialabbau - Silvio Borner lässt grüssen.
Jürgen Margraf und seine Entourage –
darunter seine Frau, die Professorin Silvia Schneider,
selbst Mitglied der strategischen Leitung von
Sesam – wollen die Psychologie von der Psychoanalyse
und der Sozialpsychologie trennen und „naturwissenschaftlich“
ausrichten. Zudem profilierte sich Margraf als
Berater des Bundesamts für Sozialversicherungen
bei der 5. IV-Revision und als feuriger Anhänger
der Bologna - Studienreform, bei deren Einführung
seine Fakultät einer Pionierrolle beanspruchte.
|
Auch das Genmaterial
von noch Nichtgeborenen
im embryonalen Stadium soll für die Sesamstudie
erfasst werden. |
Ein
soziologisches Feigenblatt?
Der
Schweizerische Nationalfonds führt Sesam
unter Sozial- und Geisteswissenschaften und beteiligt
sich dadurch an einem Etikettenschwindel, der
die Legitimierung des umstrittenen Vorhabens begünstigen
soll. In Wirklichkeit ist Sesam von Fachleuten
aus der Medizin, den Naturwissenschaften und einer
naturwissenschaftlich orientierten Psychologie
dominiert. Unter den 33 Mitgliedern der Projektleitung
figuriert nur eine Person, die nicht einem solchen
Profil entspricht: Es handelt sich um Professor
Johannes Siegrist, den Leiter des Instituts für
Medizinsoziologie an der Heinrich- Heine-Universität
Düsseldorf. Siegrist ist mit der Theorie
der „Gratifikationskrisen“ bekannt
geworden: Die Wahrscheinlichkeit, krank zu werden,
steigt demnach, wenn Menschen sich stark verausgaben
und nicht angemessen entschädigt werden.
In den 80er Jahren führte er Studien über
die gesundheitsschädigenden Auswirkungen
des Rauchens durch, die von der Tabakindustrie
mit finanziert wurden, wie der Spiegel am 6.6.2005
berichtete. In einer Stellungnahme räumte
Siegrist ein, im Nachhinein hätten sich die
Kontakte zur Tabakindustrie als Fehler erwiesen
und die Public Health Forschung sollte „vollkommen
unabhängig von Industrieinteressen“
erfolgen. Weiss er nicht, dass Sesam durch den
Roche-Konzern gesponsert wird? Ist Big Pharma
harmloser als die Tabakindustrie?
„Ganzheitlich“
oder „sozialistisch“?
In einem Interview mit der NZZ am Sonntag (11.6.2006)
trug Jürgen Margraf ein Loblied auf die Interdisziplinarität
vor und versteifte sich zur Behauptung, Sesam
könne als „ganzheitlich“ bezeichnet
werden, da zahlreiche wissenschaftliche Disziplinen
beteiligt seien. Angesprochen auf den von KritikerInnen
formulierten Vorwurf eines „reduktionistischen
Menschenbildes“ reagierte er ungehalten
und meinte, das Projekt sei nicht „biologistisch“,
nur weil BiologInnen dabei seien. Daraufhin fragte
er rhetorisch zurück: „Wir haben Soziologie
dabei – sind wir deswegen sozialistisch?“
Dass der „Sozialismus“ in Margrafs
Konzept von Interdisziplinarität keinen Platz
hat, überrascht nicht. Man fragt sich aber,
was er unter Soziologie versteht.
Ethik
und Genetik
In
einer breiten politischen und wissenschaftlichen
Öffentlichkeit ist Sesam auf Kritik gestossen.
Neben dem Vorwurf wissenschaftlicher Einseitigkeit
werden ethische Bedenken vorgetragen. Der Basler
Appell gegen Gentechnologie lancierte eine Petition,
die im März 2006 mit 12‘000 Unterschriften
eingereicht wurde. Sie fordert den Abbruch des
Forschungsvorhabens, da es sich um „fremdnützige
Forschung an Kindern“ handle, wofür
in der Schweiz keine rechtliche Grundlage existiere;
als problematisch werden insbesondere die Erbgutanalysen
betrachtet. In der Tat sind das eidgenössische
Humanforschungsgesetz und ein Verfassungsartikel
dazu zurzeit in der Vernehmlassung und werden
nicht vor 2010 in Kraft treten. Ausserdem fordert
der Basler Appell eine Akteneinsicht – insbesondere
sollen der Inhalt der Projektskizze, das Sesam-
Hauptgesuch sowie die Verträge von Sesam
mit dem Schweizerischen Nationalfonds und mit
Roche öffentlich zugänglich gemacht
werden, damit eine ernsthafte Diskussion über
das Projekt ermöglicht wird. Sogar die SP
Basel- Stadt fühlte sich veranlasst, ein
„kritisches“ Positionspapier zu verfassen:
Darin wird zwar grundsätzlich begrüsst,
dass Sesam als NFS bei der Universität Basel
angesiedelt worden sei, doch bemängelt die
SP die Informationspolitik der Projektleitung,
mahnt die Rücksichtnahme auf ethische Bedenken
an und wünscht sich eine engmaschige Kontrolle
durch die zuständige Ethikkommission.
Ein
helvetischer Kompromiss
Im
März 2007 erteilte die Ethikkommission Beider
Basel (EKBB) grünes Licht für den Start
von Sesam, allerdings unter Auflagen; insbesondere
sollte auf die genetischen Analysen bei Kindern
verzichtet werden. Damit war ein zentraler Bestandteil
des Forschungsvorhabens in Frage gestellt und
es wurde gemunkelt, Roche könnte die Unterstützung
zurückziehen. Der Projektleitung gelang es,
den Entscheid abzuschwächen: Die Ethikkommission
erlaubt nun die Entnahme von Speichelproben nach
der Geburt, um die DNA zu bestimmen. Diese Proben
dürfen aber erst untersucht werden, wenn
die volljährig gewordenen Kinder zustimmen.
Bis dann werden sie eingefroren und in einer Biodatenbank
aufbewahrt, deren Inhalt Sesam nicht ohne Rücksprache
mit der EKBB verwenden soll. In einem Interview
mit der Aargauer Zeitung (28. März 2007)
betonte Jürgen Margraf, er könne mit
diesem Kompromiss gut leben, weil sich Korrelationen
zwischen Erbgut und Krankheiten erst im Erwachsenenalter
zeigten. Und „bei den 12‘000 Erwachsenen
können wir die DNA-Analysen sofort durchführen“.
|
| „Liebe
Kinder. Eure Seite wird noch vorbereitet.
Sobald es losgeht, werden wir Euch hier berichten,
was bei sesam läuft.“ Die Internet-seite
von Sesam (siehe Kasten) soll künftig
schon Propaganda für die Kleinsten bieten. |
Das
Gen und die Umwelt
Die
Projektverantwortlichen betonen, das Ziel bestehe
nicht darin, ein Gen zu finden, das Depressionen
oder Gewaltneigung verursacht; vielmehr gehe es
darum, wie die psychischen Störungen sich
im Zusammenspiel von Erbgut und Umwelteinflüssen
entwickelten. Soziale Umstände, Familienstrukturen,
Lebensstile und Verhaltensweisen der El tern –
zum Beispiel die (mangelnde) „Feinfühligkeit
der Mutter“ – könnten sich als
ebenso wichtig erweisen wie genetische Faktoren.
Doch wenn es Menschen in einer Gesellschaft schlecht
geht, kann auf zwei Weisen darauf reagiert werden:
durch Anpassung und Therapierung der einzelnen
Menschen (eventuell der Familie, des unmittelbaren
Umfeldes) oder durch Veränderungen der Gesellschaftsstrukturen.
Es ist jetzt schon klar, in welche Richtung die
Empfehlungen des Sesam- Projekts weisen werden,
wenn die Ergebnisse vorliegen. Sie werden sich
pseudowissenschaftlich auf eine Datenbank mit
vielfältigen Angaben über 15‘000
Menschen beziehen, die im Verlauf von 20 Jahren
gesammelt wurden. Die ideologische Wirkungsmacht
des „akademischindustriellen Komplexes“,
von dem Sesam nur einen Ausschnitt darstellt,
sollte nicht länger unterschätzt werden.
Die
20 Nationalen Forschungsschwerpunkte
1.
Emotionen im individuellen Verhalten und
in sozialen Prozessen
2. Bildkritik – Macht und Bedeutung
der Bilder
3. Computerunterstützte und bildgeführte
medizinische Eingriffe
4. Herausforderungen an die Demokratie im
21. Jahrhundert
5. Bewertung und Risikomanagement im Finanzbereich
6. Grenzen in der Genetik
7. Interaktives Multimodales Informationsmanagement
8. Variabilität, Vorhersehbarkeit und
Risiken des Klimas
9. Materialien mit neuartigen elektronischen
Eigenschaften
10. Medienwandel – Medienwechsel –
Medienwissen: Historische
Perspektiven
11. Mobile Informations- und Kommunikationssysteme
12. Molekulare Onkologie
13. Nanowissenschaften
14. Plastizität und Reparatur des Nervensystems
15. Nord-Süd – Forschungspartnerschaften
zur Linderung von Syndromen des globalen
Wandels
16. Überlebenserfolg von Pflanzen in
naturnahen und landwirtschaftlichen Ökosystemen
17. Quantenphotonik
18. Schweizerische ätiologische Studie
zur psychischen Gesundheit
(Sesam)
19. Strukturbiologie
20. Rahmenbedingungen des internationalen
Handels |
|
Informationen
über Sesam
Offizielle Seite von Sesam:
www.sesamswiss.ch.
Sesam Watch (kritischer Blog):
http://sesam.twoday.net.
Basler Appell gegen Gentechnologie:
www.baslerappell.ch.
|
|