| Peter
Niggli, Geschäftsleiter von Alliance Sud1,
hat die aktuellen Diskussionen in der Schweiz
rund um die Entwicklungszusammenarbeit in seinem
Buch „Der Streit um die Entwicklungshilfe“
verarbeitet – der Untertitel lautet: „Mehr
tun, aber das Richtige!“
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Niggli:
„Mehr tun – aber das Richtige
tun!“ |
Die
kleine Insel der Reichen
„Mehr tun“ – dies spielt auf
die Forderung der Schweizer Hilfswerke an, die
staatliche Entwicklungs-hilfe auf 0,7% des Bruttosozialeinkommens
zu erhöhen, um einen Beitrag zur Erreichung
der UNO-Milleniumsziele zu leisten. „Entwicklungshilfe
leisten wir, weil wir in einer Welt leben, wo
es eine kleine Insel von Reichen in einem grossen
Meer von Armen gibt.“ Niggli sieht dies
als einen „selbstverständlichen Akt
einer kleinen Umverteilung“. Eine substanzielle
Erhöhung der Entwicklungsgelder könnte
laut Niggli eine Stärkung öffentlicher
Institutionen mit sich bringen, insbesondere im
Bereich Bildung und Gesundheit. Diese Fokussierung
auf das „Humankapital“ unterscheide
das UNO-Milleniumsprogramm von den modernisierungs-theoretischen
Programmen der 60er Jahre, wo Investitionsprogramme
in Kapitalgüter wie Fabriken oder Maschinen
propagiert wurden.
„Das
Richtige tun“: Hier geht es Niggli um die
Frage nach der Ausgestaltung und Wirksamkeit der
staatlichen Entwicklungszusammenarbeit. Er kritisiert,
dass viele Hilfsgelder für aussenpolitische
und wirtschaftliche Interessen instrumentalisiert
werden. Ein beträchlicher Teil der offiziell
ausgewiesenen Hilfsgelder diene damit nicht der
Entwicklung, sondern bewirke vielmehr eine Machterhaltung
von verbündeten (häufig korrupten) Regimen
und eine Unterstützung der eigenen Wirtschaft,
indem beispielsweise die Gewährung von Entwicklungsgeldern
an den Bezug von Waren und Dienstleistungen aus
dem „Geber“land gebunden wird („gebundene
Hilfe“) – alles andere als grosszügige,
uneigennützige „Hilfe“ also.
Zudem werden auch in der Schweiz mit Tricks die
Statistiken aufgepeppt, indem z.B. die Kosten
für Asyl-bewerberInnen, für StudentInnen
aus Nicht-EU-Ländern und für Entschuldungsmassnahmen
zum Entwicklungs-budget hinzugezählt werden.
Unter dem Strich fällt der Chef der grössten
Schweizer Hilfswerke jedoch eine positive Bilanz
der Entwicklungshilfe – niemand könne
beweisen, dass es Afrika ohne Hilfe nicht noch
schlimmer ginge.
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Yash
Tandon: „Die Zukunft von Afrika
liegt in unseren, nicht in euren Händen!“ |
Abhängigkeit
vom Westen
Diese
Ansicht teilt Yash Tandon nicht. Der Ökonom
aus Uganda, Direktor des South Centre2,
hält die „Grosszügigkeit“
der Industrieländer bezüglich der UN-Milleniumsziele
und die Rede von der „Effektivitätssteigerung“
der Entwicklungshilfe für trügerisch.
Überzeugend argumentiert er, dass die Entwicklungsländer
ihre Abhängigkeit von der westlichen Entwicklungshilfe
reduzieren müssten. „Ending Aid Dependence“
– so lautet sein neustes Buch, in dem er
für die Länder des Südens eine
siebenschrittige Exit-Strategie aus der Entwicklungs-hilfe
formuliert. Ist eine hilfsgelder-abhängige
afrikanische Regierung gegenüber ihrem Volk
oder gegenüber den Geberländern rechenschaftsschuldig?
Diese zentrale Demokratiefrage ist entscheidend
für Tandons Skepsis gegenüber Entwicklungshilfe.
Ein Ausstieg aus dieser Abhängigkeit hiesse
für die Länder des Südens, den
BürgerInnen zu vertrauen, dass ein Prozess
selbstbestimmter Entwicklung in Gang gesetzt werden
kann durch eine nachhaltige Nutzung der eigenen
Ressourcen und durch die Arbeit und die Intelligenz
der einheimischen Bevölkerung. Für die
Industrieländer würde das bedeuten,
nicht mehr zu geben oder mehr zu tun, wie dies
Peter Niggli fordert, sondern „nur“,
weniger zu nehmen oder zu stehlen – durch
asymmetrische Handelsbeziehungen, einen desaströsen
Schuldendienst oder die Ausbeutung von Ressourcen
durch multinationale Konzerne.
1
Zusammenschluss von sechs grossen
Schweizer Hilfswerken (Swissaid, Fastenopfer,
Brot für alle, Helvetas, Caritas, Heks).
2 Das „South Centre“ (Sitz in Genf)
versteht
sich als kritische Plattform und Think Tank
des Südens für den Süden. So betreibt
es angewandte
Forschung, um Länder, regionale
Organisationen und ichtregierungsorganisationen
aus dem Süden bei der Erarbeitung
gemeinsamer Positionen zu unterstützen.
www.southcentre.org |