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Paulette
Brupbacher-Raygrodsky ca. 1920 (Schweizerisches
Sozialarchiv). |
«Sehr geehrte Frau Dokt. möchte mir
erlauben zu fragen wo das von Ihnen beste Mittel
zur Verhütung zu erhalten sind?»1
Diese und sehr viele weitere Fragen wurde Paulette
Brupbacher an ihren Vorträgen gefragt. Doch
wer war die Frau Doktor, die diese Fragen beantwortete?
Pelta Rajgrodski wurde am 16. Januar 1880 in Pinsk,
in der Gegend von Minsk, im damaligen russischen
Zarenreich als Tochter eines jüdischen Privatgelehrten
geboren.2 Wann Pelta begann, sich Paulette
zu nennen, ist nicht bekannt. Bekannt ist aber,
dass Pelta Rajgrodski bei ihrer Ankunft 1902 in
Bern Pelta Goutzait hiess. Sie war zu dieser Zeit
bis ungefähr 1923 mit Abraham Goutzait verheiratet,
welcher ebenfalls aus dem russisch-jüdischen
Milieu stammte. Das Ehepaar hatte eine Tochter
und einen Sohn. Von 1902 bis 1907 studierte Pelta
Goutzait an der Universität Bern. Wie viele
andere Russinnen war sie in die Schweioz gekommen,
weil hier Frauen zum Studium zugelassen waren.
Sie schloss ihr Studium mit einer Dissertation
an der Philosophischen Fakultät zum Thema
der Bodenreform im Zarenreich ab. Bis 1914 studierte
sie dann in Berlin Medizin, um mit dem Ausbruch
des Ersten Weltkrieges wieder in die Schweiz,
diesmal nach Genf, zurückzukehren. Während
des Studiums arbeitete sie dort in einer Klinik
für Drogenabhängige. Paulette Goutzait
schloss das Medizinstudium in Genf ab und besass
damit zwei Doktortitel.
Nach
der Scheidung von Abraham Goutzait heiratete Paulette
1923 Fritz Brupbacher, mit welchem sie fortan
in Zürich lebte und arbeitete. Zusammen führten
sie eine gemeinsame Arztpraxis an der Kasernenstrasse
17 in Zürich-Aussersihl, dem traditionellen
Einwanderer- und Arbeiterinnenviertel von Zürich.
Dort fanden nicht nur finanziell schwache und
notleidende Patient_innen Unterstützung,
sondern auch politische Flüchtlinge und Oppositionelle.
Ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit den Patientinnen
der Arztpraxis veröffentlichte Paulette Brupbacher
1953 im Buch «Meine Patientinnen».
Paulette Brupbacher war auch in verschiedensten
Gruppierungen tätig. Sie war Mitglied der
Weltliga für Sexualreform und der kommunistischen
Partei der Schweiz. Sie war im Zentralkomitee
der Internationalen Arbeiterhilfe und Mitarbeiterin
der Berliner Zeitschrift «Der Weg der Frau»
und Gründerin des Zürcher «Eisenbahner-Samaritervereins».
Die Ideen und öffentlich geäusserten
Ansichten des Ehepaars Brupbacher stiessen selbst
in den Organisationen und Parteien, in welchen
sie sich engagierten, nicht immer auf Zustimmung.
So wurde Fritz Brupbacher 1933 aufgrund seiner
Kritik an der zunehmenden Stalinisierung aus der
Kommunistischen Partei ausgeschlossen. 3
Sexualaufklärung für die Arbeitenden
Bei
seiner Arbeit in der gemeinsamen Arztpraxis sah
das Ehepaar Brupbacher die Not und den schlechten
gesundheitlichen Zustand der Arbeiterinnen. Viele
von ihnen wollten aus finanziellen Gründen
verhindern, zusätzliche Kinder zu kriegen.4
Die Aufklärung darüber, wie eine Schwangerschaft
verhindert werden konnte, war oft nicht vorhanden,
Verhütungsmittel waren zu dieser Zeit nur
schwer erhältlich und oft auch teuer.5
So versuchten die Frauen, Schwangerschaften mit
sogenannten Hausmittelchen zu verhüten, mit
der Folge, dass als letztes Mittel zur Geburtenregelung
oft nur der illegale Schwangerschaftsabbruch blieb.
Die
Not liess Frauen oft zu gefährlichen, aber
unnützen Mitteln greifen, um eine ungewollte
Schwangerschaft abzubrechen. Da die Abtreibung
verboten war und die betroffenen Frauen, wie auch
die ausführenden Ärzte, dafür bestraft
wurden, war es verbreitet, den Schwangerschaftsabbruch
von einem «Pfuscher» vornehmen zu
lassen. Oft endete dies für die Frauen mit
schweren gesundheitlichen Problemen oder gar mit
dem Tod.
Bereits
in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts begann
Fritz Brupbacher mit Veranstaltungen und Broschüren,
insbesondere die Arbeiter_innen über das
Thema Verhütung und die Tauglichkeit der
Verhütungsmittel zu informieren. Sein eigenes
und später auch das Ziel von Paulette Brupbacher
war es vor allem, die Lebensbedingungen der Arbeiter_
innenfamilien zu verbessern.
In
den 1920er und 30er Jahren leisteten Paulette
und Fritz Brupbacher Pionierarbeit in der Sexualaufklärung
der Arbeiterschaft. Neben den öffentlichen
Auftritten und schriftlichen Veröffentlichungen
nutze das Ehepaar auch die eigene Praxis um die
Arbeiterinnen zu informieren. Die Vorträge
von Paulette Brupbacher behandelten Themen wie:
die Befreiung der Frau, die Stellung der Frau
in der Gesellschaft oder das Sexualstrafrecht.
Aber die Frauenrechtlerin äusserte sich auch
gegen die «unmenschlichen Arbeitsbedingungen
im Kapitalismus ».
Inhaltlich
waren die Forderungen der Sexualreformerin für
die 20er und 30er Jahre revolutionär: Sie
sprach sich unter anderem für das freie Ausleben
des Sexualtriebs, für mehr Hygiene beim Geschlechtsverkehr,
für den Gebrauch von Verhütungsmitteln
und für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs
aus.
Redeverbot
gegen Aufklärung
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Anonyme Zettel mit Fragen der Arbeiter_innen
an Paulette Brupbacher
«Was ist zu tun gegen
die Gefühlskälte infolge Angst
vor neuer Mutterschaft?»
«Wir bitten als junge Proleten noch
um die Angabe von einigen Verhütungsmitteln.»
«Ist eine Befruchtung möglich,
wenn der Orgasmus nur männlicherseits
stattfindet?»
«Warum ist es nicht gestattet über
unseren Leib selbst zu verfügen?»
«Warum beschneiden die Juden ihre
Söhne? Doch dass sie gegen Sexualität
abgestumpft werden, und sich so geistig
besser entwickeln. Warum sich also durch
Onanie geistig höher entwickeln?»
«Sind Sie nicht der Ansicht, dass
die Lösung der sexuellen Frage nur
dadurch gefunden wird, dass man statt nur
aufklärt systematisch zur Sexualität
erzieht. Aufklärung gehört ja
sicher dazu, aber mit dem verstandesmässigen
Klarwerden allein ist es doch nicht getan?» |
Die
Forderungen von Paulette Brupbacher gingen den
konservativen Schweizer_innen zu weit. Nach einem
Vortrag, in welchem sie unter anderem die Finanzierung
von Verhütungsmitteln durch die Krankenkassen
forderte, erliess der Kanton Solothurn ein Redeverbot
gegen sie. Dieser Entscheid wurde später
sogar durch das Bundesgericht bestätigt.
Dieser Gerichtsentscheid veranlasste auch den
Kanton Glarus, Paulette Brupbacher das öffentliche
Referieren über sexuelle Themen zu verbieten.
Dieses
Redeverbot stand im krassen Widerspruch zu den
Bedürfnissen der Arbeiterschaft nach Aufklärung.
Ein eindrücklicher Nachweis dieser Bedürfnisse
findet sich im Nachlass von Fritz Brupbacher,
welcher sich im Schweizerischen Sozialarchiv befindet.
Dort sind auf kleinen Zetteln anonyme Fragen aus
dem Publikum der Vorträge von Paulette Brupbacher
notiert. Diese Fragen geben Einblick in die Lebensverhältnisse
der Arbeitenden, für welche ein weiteres
Kind eine enorme zusätzliche finanzielle
Belastung darstellte. Der grösste Teil der
Fragen betrifft dann auch die Schwangerschaftsverhütung.
Die Fragen zeigen aber auch eine erstaunliche
Offenheit und Neugierde, mehr zu erfahren über
die Sexualität. Das Redeverbot gegen Paulette
Brupbacher und die vielen Stimmen, welche die
öffentliche Aufklärungsarbeit als «Schädigung
der öffentlichen Moral» oder einfach
als kommunistische Propaganda verurteilten, richteten
sich gegen den Versuch der Arbeitenden, ihre Sexualität
mehr selbst zu bestimmen und ihre Lebensverhältnisse
zu verbessern.
*Annette Erzinger
studiert an der Universität Basel Soziologie
und Geschichte.
1 Diese und
alle folgenden zitierten Fragen stammen aus dem
Bestand des Schweizerischen Sozialarchivs: Ar.101.70.3
Nachlass Fritz Brupbacher. Abort und Sexualität:
Fragen aus dem Publikum.
2 Alle biographischen
Daten aus: Huser, Karin: Paulette Brupbacher-Rajgrodski.
Sexualreformerin. In: Maeder, Eva, Peter Niederhäuser
(Hrsg.): Käser, Künstler, Kommunisten.
Vierzig russischschweizerische Lebensgeschichten
aus vier Jahrhunderten. Zürich 2009. S. 191-194.
3 Bürgi,
Markus: Brupbacher, Fritz. In: Historisches Lexikon
der Schweiz. hrsg. von der Stiftung Historisches
Lexikon der Schweiz (HLS) ; Chefred.: Marco Jorio.
Basel 2002. 4 Brupbacher, Fritz: Kindersegen –
und kein Ende. Zürich 1903. S 4.
5 Joris, Elisabeth,
Heidi Witzig (Hrsg.): Frauengeschichte( n). Dokumente
aus zwei Jahrhunderten zur Situation der Frauen
in der Schweiz. 4., erg. Aufl. Zürich 2001.
S. 324.
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